
Die Suche nach der Wahrheit: Gossip
Christina Vettorazzi in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 26)
Von mir hast du' s nicht!" Dieser Satz steht am Anfang vieler Erzählungen, die Menschen tagtäglich miteinander teilen. Im Büro, am Klo, am Telefon. Im Deutschen bezeichnen wir diese Geschichten als Tratsch, im Englischen als Gossip. Oft haftet ihnen ein negativer Ruf an. Zu Unrecht, findet Journalistin Kelsey McKinney. In ihrem Buch "Gossip" schreibt sie, welche positiven Effekte Tratsch mit sich bringt - für Einzelne wie für die Gesellschaft. Kelsey McKinney wurde 1991 in eine evangelikale Gemeinschaft geboren. Schon als Kind tratschte sie gerne und schon damals brachte ihr das gläubige Umfeld bei, dies sei eine Sünde. Mittlerweile schreibt McKinney unter anderem für GQ und das New York Magazine über Lifestyle und Kultur. Sie ist Mitbegründerin des Podcast "Normal Gossip", in dem anonymisiert über die Erlebnisse von Freunden und die Bekannten von Bekannten getratscht wird.
"Gossip", so McKinney, meine Situationen, in denen über eine nicht anwesende Person gesprochen wird. Von dieser Definition aus arbeitet sie sich durch das Thema. Anhand von Einzelfällen erklärt sie, wie Gossip funktioniert. Sie sieht darin eine Möglichkeit, Verbündete zu suchen, Gefahren auszuweichen und die Wahrheit zu finden. Es sei auch eine Strategie der weniger Privilegierten. Sprachlich setzt die Autorin ihre Positionen gekonnt in Szene: "Am Anfang war das Wort, und das Wort war Gossip."
McKinney entdeckte auch spannende Gerüchte aus alter und neuer Zeit: Perikles soll seinen Helm nie abgesetzt haben, weil er einen birnenförmigen Kopf hatte, und Marc Antonius soll das Gerücht verbreitet haben, dass Augustus mit Julius Caesar geschlafen habe. Um Sexuelles geht es auch oft in aktuellen Gerüchten, etwa über Taylor Swift.
Das Buch stellt eine Erzählform ins Zentrum, die nur selten beachtet wird und der daher etwas Unerhörtes anhaftet. So endet die Autorin mit den Worten: "Aber das hast du natürlich nicht von mir."


