Stoner

Roman
€ 20.5
Lieferung in 2-5 Werktagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:



»Ich habe mich in ihn verliebt.« Anna Gavalda 

›Stoner‹ ist einer der großen vergessenen Romane der amerikanischen Literatur. John Williams erzählt das Leben eines Mannes, der, als Sohn armer Farmer geboren, schließlich seine Leidenschaft für Literatur entdeckt und Professor wird – es ist die Geschichte eines genügsamen Lebens, das wenig Spuren hinterließ.
Ein Roman über die Freundschaft, die Ehe, ein Campus-Roman, ein Gesellschaftsroman, schließlich ein Roman über die Arbeit. Über die harte, erbarmungslose Arbeit auf den Farmen; über die Arbeit, die einem eine zerstörerische Ehe aufbürdet, über die Mühe, in einem vergifteten Haushalt mit geduldiger Einfühlung eine Tochter großzuziehen und an der Universität oft teilnahmslosen Studenten die Literatur nahebringen zu wollen.
›Stoner‹ ist kein Liebesroman, aber doch und vor allem ein Roman über die Liebe: über die Liebe zur Poesie, zur Literatur, und auch über die romantische Liebe. Es ist ein Roman darüber, was es heißt, ein Mensch zu sein.        

weiterlesen
FALTER-Rezension

Wir müssen wieder die Freiheit des Denkens unterrichten!

Bilden Universitäten noch, oder verunbilden sie schon? Der Philosoph Konrad Paul Liessmann über Kopftuch- und Denkscherenverbote und die Bornierten, die sich für fortschrittlich halten

Konrad Paul Liessmann ist ein Interviewprofi. Er spricht druckreif – mit genau dem richtigen Sinn für Pointen.

Falter: Sie haben zwei Bücher über das Thema Unbildung geschrieben. Wer ist heute ein guter Student? Oder was will das System, dass ein guter Student ist?
Konrad Paul Liessmann: Früher hat man gesagt, ein guter Student ist interessiert, engagiert, liest ein bisschen mehr, als verlangt wird, ist vielleicht auch politisch engagiert oder begreift das studentische Dasein als eine Lebensphase, in der Experimente und Neuorientierungen möglich sind. Heute ist der gute Student vor allem eines: prüfungsaktiv.

Und wer ist ein guter Professor?
Liessmann: Jemand mit einem hohen Impact-Faktor und noch höherem Drittmittelaufkommen. Das hat etwas Paradoxes, man hat ja eine Professur, damit man forscht und lehrt, aber wenn man nur im Rahmen der Professur forscht, ist das keine wertvolle Forschung, da nicht drittmittelfinanziert. Das System wünscht sich aber auch didaktisch effiziente Professoren, die sehr viele Studenten betreuen können, die das auch mithilfe des Einsatzes von modernen Technologien machen, also ihre Vorlesungen per Livestream anbieten oder digitalisierte Prüfungsmethoden einführen, denn je mehr automatisiert wird, desto mehr kann man durchschleusen. Dem gegenüber steht aber noch immer das eher konservative Modell eines Professors, der junge Menschen für eine Idee, für eine Sache, für ein Problem, für eine Frage, für eine Theorie begeistern kann. Wie dies technisch geschieht, sollte eigentlich sekundär sein.

Aber das Unisystem will alles transparent und dokumentiert haben?
Liessmann: Der ganze pädagogische Sektor­, vom Kindergarten angefangen bis zur Universität, ist mittlerweile von einer Misstrau­enskultur gekennzeichnet. Alles muss dokumentiert, quantifiziert und kontrolliert werden. Aktuell etablieren wir solch ein Kontrollsystem unter dem – wie üblich: euphemistischen – Stichwort Feedbackkultur­, weil wir uns offenbar selbst nicht mehr zutrauen zu wissen, wann wir mit welchen unserer Studierenden ein Gespräch führen­ sollten. Standardisierte und ritualisierte­ Formen, bei denen Feedbackbögen ausgefüllt und ausgewertet werden, verhindern­ allerdings eher offene und ehrliche Gespräche.

Hätte ein Denker wie der Philosoph Theodor W. Adorno heute noch Chancen auf eine Uni-Karriere?
Liessmann: Adorno würde paradoxerweise einigen dieser Kriterien, die heute so wichtig sind, entsprechen. Weil er in Amerika war, hätte er einen Bonus, er hat auch einiges auf Englisch publiziert, wenn auch sehr unwillig, aber immerhin. Er hat in Amerika auch Auftragsprojekte durchgeführt, seine Untersuchungen etwa über den Gebrauch der Musik im Radio. Auch das würde ihm hoch angerechnet werden. Er hätte vielleicht Schwierigkeiten mit seiner nicht klaren disziplinären Trennung. War er Soziologe? Philosoph? Musiktheoretiker? Dann hat er auch noch komponiert, ziemlich verdächtig. Er hätte wohl keine Chance mehr als Vortragender. Professoren, die sich hinstellen, nur einen kleinen Notizzettel haben und dann darüber eineinhalb Stunden druckreif eine Vorlesung halten, keine Diskussion zulassen und keine Bilder zeigen? Also ohne Powerpoint geht ja gar nichts mehr. Ich glaube, ich bin einer der Letzten, die sich dem verweigern. Aber Adorno und Powerpoint, das ist undenkbar.

Sie machen die Reformen der 68er für den Niedergang der Bildung verantwortlich. Sie studierten damals, fanden Sie mehr Mitbestimmung da auch schon daneben?
Liessmann: Pauschal mache ich die Reformen dieser Jahre nicht verantwortlich für die Misere im Bildungswesen, wenn, dann ihre pervertierten Formen. Die 68er träumten doch nicht von der unternehmerischen Universität und von Evaluationsexzessen! Und was die Mitbestimmung betrifft: Sie suggerierte zumindest, dass die Universität kein kundenorientiertes Unternehmen, sondern eine Sache aller Beteiligten sein sollte, was natürlich auch zu Konflikten führte. Als ich zu studieren begann, gab es noch die ganz klassische Nachkriegsordinarienuniversität, gegen die ich revoltierte. Aber es gab Professoren, die ich tief verehrte. Den Philosophen Johann Mader zum Beispiel, ein unglaublich integrer und gebildeter Mensch, wenn auch vielleicht kein besonders origineller Philosoph. Aber er hat noch die Geschichte der Philosophie von Parmenides bis zur Postmoderne beherrscht, was heute, im Zeitalter der frühen Spezialisierungen, kaum noch denkbar erscheint. Ich musste also gegen jemanden opponieren, von dem ich wirklich etwas gelernt habe, während die rebellischen Tutoren und Assistenten für mich politisch zwar auf der richtigen Seite standen, aber lernen konnte ich bei denen nicht so viel.

Mit dem Universitäts-Organisationsgesetz 1975 kam die Mitbestimmung von Mittelbau und Studenten, die sogenannte „Drittelparität“. Keine Erfolgsgeschichte?
Liessmann: Politisch hat mir das sehr gut gefallen, ich war ständig in irgendwelchen Institutsgruppen engagiert, wo man Wissenschaft von unten machen wollte, das war damals das Schlagwort. Mittlerweile sehe ich das alles mit mildem Lächeln. Das Problem bestand einfach darin, dass oft die vermeintlich richtige politische Haltung die wissenschaftliche Qualifikation ersetzte. Generell könnte man die Güte einer Bildungsreform einfach daran messen, ob sie mehr Freiheit im Denken ermöglicht, und zwar allen Beteiligten, sowohl den Lehrenden als auch den Lernenden, also ob sie in Richtung einer freien Denk- und Forschungsgemeinschaft steuert, wie sie sich Humboldt vorgestellt hat, oder ob sie diese restringiert. Die Bologna-Reform macht zweifellos Letzteres.

Kann’s noch schlimmer werden? Sie haben das Buch „Theorie der Unbildung“ geschrieben, dann kam „Die Praxis der Unbildung“, was kommt als Nächstes?
Liessmann: Die Folgen der Unbildung. Wir werden sie in zehn, 15 Jahren sehen. Formal werden wir dann eine ganze Reihe von Gebildeten haben. Aber von der Qualität her wird fast niemand mehr auch nur die Mindestanforderungen, die man an einen gebildeten Menschen stellt, erfüllen. Wir definieren ja Bildung nicht mehr inhaltlich, auch nicht mehr über einen Habitus, sondern nur mehr formal, über Zertifikate. Das könnte sich angesichts der sozialen, politischen und technologischen Fragen der nahen Zukunft schmerzhaft bemerkbar machen.

Das klingt so kulturpessimistisch!
Liessmann: Stimmt gar nicht. Man sollte nur ehrlich sein. Früher war es auch nicht besser, die Anzahl der Menschen, die sich mit einem anspruchsvollen Bildungskonzept identifizierten, war stets gering. Aber wir glauben, durch leicht zugängliche Zertifikate und die Umstellung von Wissen auf Kompetenzen auch schon das Bildungs­niveau insgesamt zu heben. Ein verhängnisvoller Irrtum, der dazu führt, dass in der Wissensgesellschaft die Menschen nicht auf Wissen, sondern auf Glauben angewiesen sind. Einerseits verbannen wir das „Faktenwissen“ aus den Lehrplänen, um den Kindern und Jugendlichen nicht „unnötige“ Gedächtnisleistungen abzuverlangen, andererseits beklagen wir uns wortreich über die „postfaktische“ Politik unserer Tage. Sieht hier niemand einen Zusammenhang?

Seit zwei Jahren gibt es einen postgradualen Lehrgang für philosophische Praxis. Ist das nicht paradox? Dafür zahlt man viel Geld und bekommt etwas, das einem eigentlich im Studium vermittelt werden sollte.
Liessmann: Nein, das ist nicht paradox. Das ist kein Studium, sondern eine praxis­orientierte postgraduale Ausbildung. Mir ist schon klar, dass das eine sensible Frage ist. Ein Studium der Philosophie bietet eine wissenschaftliche Ausbildung. Gleichzeitig hatte die Philosophie immer den Anspruch, dass sie im Hier und Jetzt Fragen stellt und auch Antworten sucht. Natürlich kann ich von der Theorie des Begehrens von Platon ausgehend bis zu den Dating-Apps unserer Tage subtile Abhandlungen schreiben. Ein philosophischer Praktiker kümmert sich aber um die unmittelbaren Probleme, die sich für manche Menschen aus einem Wandel in den Techniken und Technologien des Begehrens ergeben. Auf der einen Seite braucht er dafür natürlich eine fundierte philosophische, fachliche Ausbildung, auf der anderen Seite lernt er auch bestimmte Techniken der Gesprächsführung, der Beratung, der Begleitung und der Intervention. Nach dieser Ausbildung kann man ein philosophisches Café gründen, eine Praxis für individuelle Konsultationen eröffnen, Menschen in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder Schulen unterstützen oder Unternehmen in ethischen Fragen beraten.

Die Sehnsucht nach Orientierung gibt es ganz sicher, fehlen uns die großen philosophischen Praktiker? Deutschland verehrte Altkanzler Helmut Schmidt als Weisen der Nation, Altbundespräsident Heinz Fischer ist auf dem Weg dorthin.
Liessmann: Interessant, wie Politiker umso weiser und klüger werden, je weiter entfernt sie von dem Amt sind, das sie einmal innehatten. Ich bin immer ganz verblüfft über diese Erkenntnisschübe. Wieso waren sie eigentlich damals nicht schon so klug? Ein Hannes Androsch, heute der Bildungsexperte schlechthin, hätte ja als Politiker die Möglichkeiten gehabt, einiges in die Wege zu leiten. Ich verstehe natürlich, dass man, um weise zu sein, frei sein muss, und solange man aktiver Politiker ist, ist man einfach nicht frei, weil man viel zu viel Rücksicht nehmen muss. Es sollte uns aber zu denken geben, warum uns dieses Eingebundensein in Karriereerwartungen, in Klientel- und Lobbyrücksichten offensichtlich am Denken hindert. Man könnte daraus sogar eine Apologie des Alters und der Frühpensionierung ableiten. Nicht länger sollten die Menschen arbeiten, sondern kürzer, viel kürzer!

Ihr Philosophicum Lech widmete sich dem Thema „Gott und die Welt“. Intellektuelle diskutieren so viel über den Islam wie schon lange nicht. Wie deuten Sie das?
Liessmann: Nun, in Lech ging es nicht nur um den Islam, sondern um das neue philosophische Interesse an Gott überhaupt. Aber die Auseinandersetzung mit dem Islam ist ein spannendes Thema, bei dem auch viel tabuisiert wird. Ich frage mich manchmal, ob diese demonstrative Toleranz gegenüber dem Islam, diese progressive Islamo­philie bei ihren Vertretern nicht auch versteckte Sehnsüchte anspricht.

Inwiefern?
Liessmann: Es könnte doch – unbewusst – attraktiv für jemanden sein, der liberal, offen für jede sexuelle Orientierung und für die Gleichstellung der Frau sein will, eine Kultur, Religion und Sozialordnung zu verteidigen, in der das alles anders ist. Vielleicht geht es da auch um die eigenen, nie eingestandenen Sehnsüchte nach einer vormodernen Ordnung der Dinge.

Spüren Sie das im Uni-Alltag?
Liessmann: Auffällig ist für mich schon, dass Religion heute einen anderen Stellenwert hat als in meiner Studienzeit. Damals war klar: Religion ist das Opium des Volkes. Aus, fertig. Und man hat dafür zu sorgen, dass das Volk auf Entzug geht. Vergangenes Semester boten wir ein Seminar mit dem Titel „Was ist Religion?“ an, es war vier- oder fünffach überbucht. Vor 30 Jahren wäre ich wahrscheinlich allein dort gesessen. Ein anderes Thema ist, wie man mit offen demonstrierter Religiosität umgeht.

Also zum Beispiel Studentinnen, die ein Kopftuch tragen?
Liessmann: Ich frage mich: Muss ich einer Frau, nur weil sie ein Kopftuch trägt, bestimmte religiöse Gefühle unterstellen und das berücksichtigen? Und wenn ja, was bedeutet dies? Wenn ich zum Beispiel über Friedrich Nietzsche rede und seine Lust, Gott getötet zu haben – sollte ich das unterlassen, weil jemand vor mir sitzt, der mir zeigt, dass er an diesen Gott, den Nietzsche getötet hat, glaubt? Aber ich will so nicht denken. Ich will, egal in welcher Situation, über Nietzsches Diktum „Gott ist tot“ unbefangen reden und diskutieren können.

Kopftuchverbot im Philosophieunterricht?
Liessmann: Nein, bitte wirklich nicht, sondern umgekehrt. Wer immer will, soll ein Kopftuch tragen, aber ich will dadurch keine Schere in meinem Kopf haben. Nicht Kopftuchverbot für Muslimas, sondern Denkscherenverbot für europäische Intellektuelle wäre das Gebot der Stunde.

Müssen wir das wieder mehr lernen?
Liessmann: Ja, wir müssen wirklich wieder die Freiheit des Denkens unterrichten. Freiheit des Denkens heißt immer, dass ich andere, die anders denken, verletzen kann. Ich halte überhaupt nichts von diesem neuen Trend, nach dem man niemanden in seinen Gefühlen oder in seiner Befindlichkeit verletzen darf. Man darf niemanden beleidigen, beschimpfen oder tätlich angreifen, völlig richtig! Aber ein radikales Denken verletzt immer, ohne deshalb zu beleidigen – aber es stellt Gewissheiten infrage. Die gesamte Christenheit war im 18. Jahrhundert verletzt durch das Denken der Aufklärer. Wollen wir jetzt die Aufklärung durchstreichen? Wie viele Menschen haben sich durch die Psychoanalyse verletzt gefühlt in ihrer moralischen und persönlichen Integrität? Wollen wie sie deshalb abschaffen? Im Grunde denken wir heute so borniert wie die borniertesten Menschen des 19. Jahrhunderts und halten das für Fortschritt.

Themenwechsel: Warum sind Sie so ein Gegner der „Leichten Sprache“? Gerade in der Bürokratie könnte das doch Menschen helfen, Dinge besser zu verstehen.
Liessmann: Meine Kritik ist nicht, dass man versucht, geistig Behinderten oder Menschen, die die Landessprache noch nicht oder kaum sprechen können, mit sehr einfacher Sprache entgegenzukommen. Jedes Lehrbuch ist deshalb in einer leichten Sprache geschrieben. Der Liber Latinus war in leichtem Latein geschrieben. Also das ist nichts Neues. Problematisch wird es, wenn man beginnt, den Adressatenkreis auszudehnen, und immer mehr Menschen sprachliche Inkompetenzen unterstellt, nur um Schwierigkeiten zu entgehen. Denn das bedeutet: Weil es Menschen gibt, die aus nachvollziehbaren Gründen normale schriftliche Kommunikationen nicht oder noch nicht mitvollziehen können, müssen sich alle auf eine restringierte, eingeschränkte und einfache, zudem künstlich erzeugte Sprachform beschränken. Dadurch etabliert sich die Leichte Sprache schleichend als die neue Standardsprache. Wer ein wenig elaborierter liest und spricht, gilt dann rasch als verbildet, arrogant, elitär und menschenverachtend. Da kommen wir in Teufels Küche.

Die einfache Sprache für den Studierenden ist dann die Powerpoint-Präsentation?
Liessmann: Ja, ich halte den Einfluss von Pow­erpoint für fatal, denn es geht hier um illustrierte Schlagworte und poppige Überschriften, nicht um Gedanken, Sätze und Argumente. Sätze bilden zu können ist aber die Voraussetzung fürs Argumentieren. Stattdessen bringt man irgendein Schlagwort und sagt: „Das ist auch ein Thema.“ Ja, und was heißt das jetzt? Gerechtigkeit ist ein Thema! Populismus ist ein Thema! Ja klar, aber wo ist das Argument, wo ist die These? Interessanterweise reicht es inzwischen aus zu sagen: „Populismus ist ein Thema“, darauf folgt Entsetzen, Abscheu, Ekel. Das hält man dann für eine Debatte. Aber für mich ist dieses Spiel von Reizwort und emotionaler Reaktion das Gegenteil von Denken.

Können Studenten noch schreiben?
Liessmann: Ja. Deswegen bin ich am Ende doch kein Kulturpessimist, weil das Schöne an der Bildung des Menschen ist, dass sie letztlich nicht organisierbar ist. Das begreift fast niemand, vor allem nicht die Verantwortlichen, aber es macht nichts. Sie können durch noch so viele Bildungs- und Schulreformen und noch so viele Bildungsideologien und Smartphone-Klassen nicht verhindern, dass junge Menschen auf andere Menschen treffen, die sie für etwas enthusiasmieren können; dass junge Menschen auf Bücher stoßen, die sie lesen wollen; dass junge Menschen auf gleichaltrige Kommilitonen treffen, mit denen sie sich in Diskussionen verstricken. Es wird immer Menschen geben, die sich jenseits der offiziellen Bildungsprogramme für etwas inter­essieren, sich Kenntnisse, Wissen und Fähigkeiten aneignen, die lesen, schreiben und forschen. Aber man sollte es diesen jungen Menschen nicht unbedingt schwerer als nötig machen.

Barbaba Tóth in Falter 47/2016 vom 25.11.2016 (S. 44)


Die Mühsal der Eltern, das Glück der Söhne

John Williams' "Stoner" wurde erstmals ins Deutsche übersetzt. Der Roman ist die Entdeckung der Saison!

John Williams' "Stoner" erschien 1965 und galt selbst im anglo-amerikanischen Raum als "der großartigste Roman, den Sie noch nie gelesen haben" (Sunday Times). Nun aber wohnen wir der Kanonisierung dieses etwas anderen Campus-Romans sozusagen "live" bei. Begonnen hat sie 2006, als die New York Review of Books "Stoner" in ihre "Classics"-Reihe aufnahm.
Fünf Jahre später setzte die europäische Euphorie ein: Die Schriftstellerin Anna Gavalda war von der Lektüre dermaßen begeistert, dass sie den Roman selbst ins Französische übersetzte, der dann auch in Italien oder den Niederlanden für überraschend hohe Auflagen sorgte. Und zuletzt lobte auch das deutsche Feuilleton die erste, von Bernhard Robben besorgte und im vergangenen Herbst erschienene Übersetzung in seltener Einmütigkeit. "Stoner" sei "die beglückendste Wiederentdeckung" des vergangenen Jahres, schrieb Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung. Schmidt hat recht.
Ob Literatur der Unterhaltung diene, wurde John Williams, der 1994 im Alter von 71 Jahren verstorben ist, in einem raren Interview Mitte der 1980er-Jahre gefragt. "Absolut", lautete seine Antwort. "Mein Gott, zu lesen, ohne Vergnügen daran zu finden, ist einfach dämlich."
Und in der Tat: Der Umstand, dass es sich bei "Stoner" um eines der traurigsten Bücher diesseits von ­Gontscharows "Oblomow" handelt, tut dem Lektürevergnügen keinen Abbruch. So schlicht der Inhalt, so subtil ist der Roman – bei aller Lakonie auch der Sprache – erzählt: "Stoners Kollegen, die ihn zu seinen Lebzeiten nicht besonders schätzten, erwähnen ihn heutzutage nur noch selten: Den Älteren bedeutet sein Name eine Erinnerung an das Ende, das sie alle erwartet, für die Jüngeren ist er bloß ein Klang, der ihnen weder die Vergangenheit näherbringt noch eine Person, die sich mit ihnen oder ihrer Karriere verbinden ließe."

Diese Sätze stimmen den Leser schon auf der ersten Seite ein: Das wird das unbedeutende Leben des William Stoner gewesen sein; geboren 1910 als Sohn von Eltern, die sich auf ihrer ertragsarmen Farm im mittleren Westen zu Tode rackern; gestorben nach einer – allen äußeren Anzeichen nach recht bescheidenen – Karriere an der University of Missouri; die Ehe, in die er fast so ahnungslos stolpert wie seine Frau Edith: eine Katastrophe (inklusive: die Hochzeitsnacht aus der Hölle); die Liebe seines Lebens: eine Studentin, mit der er im Alter von 43 Jahren ein paar erfüllte Wochen verlebt, ehe ihn sein alter Widersacher am Institut, mit dem er über 20 Jahre kein Wort wechseln wird, auch dieser Freude beraubt; die innig geliebte Tochter: eine Alkoholikerin, die sehenden Auges den ungeliebten Mann heiratet, der sie geschwängert hat.
Und doch kann das Leben dieses Mannes als erfüllt gelten – was vor allem mit Stoners Job zu tun hat: "Lehren ist ein Beruf für ihn – ein Beruf im guten und ehrenhaften Sinne des Wortes", meinte Williams im eingangs zitierten Interview, in dem auch die großen Worte fallen: "Es ist der Mangel an Liebe, der einen schlechten Lehrer ausmacht."

Die Liebe zum Lehrberuf ist für Stoner nicht so sehr durch die persönliche Nähe zu seinen Schülern definiert – er selbst scheint nicht übermäßig beliebt zu sein und erwirbt sich am Ende seiner Karriere den höchst ambivalenten Ruf einer "Campus-Type" –, sondern durch die Hingabe an eine Sache.
Dieser verdankt er auch die (neben seiner tiefunglücklichen Ehe) größte Unbill seines Lebens: Weil er den Studenten Charles Walker als Blender durchschaut und sich weigert, dessen Leistungen positiv zu beurteilen, zieht er sich den tiefen Hass von dessen Mentor Hollis Lomax zu.
In der Folge wird Lomax nichts unversucht lassen, um gegen seinen unbestechlichen Kollegen zu intrigieren. Dekan Gordon Finch kann gerade das Notwendigste tun, um Stoner zu schützen. Finch ist ein alter Spezl aus Studienzeiten; der Dritte aus dem unzertrennlichen Trio, Dave Masters, hatte sich im Ersten Weltkrieg aus jugendlichem Überschwang freiwillig zur Armee meldet, weil es "doch ganz amüsant sein [könnte], noch einmal die Welt zu sehen". Er wird in Frankreich stationiert und fällt den ersten Kampfhandlungen zum Opfer.
Masters war es auch, der seinen beiden Freunden einst den Verbleib an der Universität prophezeit hat; jener Institution, die er als "eine Zuflucht für die Gebrechlichen, die Alten, die Unzufriedenen oder die auf andere Weise Unzulänglichen" definiert.
Das ist sarkastisch gemeint, aber nicht nur: "Du kannst einerseits arbeiten, bist aber faul genug, nicht so hart zu arbeiten, wie es draußen in der Welt von dir verlangt wird. Andererseits bist du auch nicht so faul, dass du der Welt ein Gefühl für deine Wichtigkeit vermitteln könntest." Man kann entschieden Schlimmeres über jemanden sagen, als es hier Dave über seinen Freund Gordon tut.
Kein Mensch würde es heute noch wagen, die Universität als einen Schutzraum weltfremder Geistesanstrengung zu begreifen. Und auch wenn sie für Stoner, der wohl zu den selig Sanftmütigen zu zählen ist, ein – vielfach gefährdetes – Refugium darstellt, ist sie zunächst einmal ein Arbeitsplatz.
Die mit Hingabe betriebene Arbeit an einer Sache ist immer auch Arbeit an sich selbst; weswegen "Stoner" nicht nur dem Genre des Campus-, sondern auch dem des Entwicklungsromans angehört. Vor die Alternative gestellt, ihre berufliche Existenz aufzugeben oder ihr Verhältnis zu beenden, entscheiden sich William und dessen Geliebte Katherine – was für eine Love Story auf so wenigen Seiten! – für Letzteres: ",Wir würden beide zu jemand anderem werden, zu jemand anderem als wir selbst. Wir würden zu – nichts.' ,Nichts', sagte sie. ,Wenigstens gehen wir aus diesem hier mit uns selbst intakt hervor. (Im Original: "… have come out of this, at least, with ourselves", Red.) Wir wissen, dass wir sind – wer wir sind.' ,Ja', sagte Katherine."

"Stoner" ist vor allem ein großer Roman über die Arbeit. Er erzählt von der verzehrenden Arbeit, an die sich Stoners die völlig unvorhergesehene Karriere des Sohnes duldsam hinnehmende Eltern verschwenden. Und er erzählt von jener Arbeit, der Stoner nachgehen darf, weil seine Eltern ihm dieses Privileg ermöglicht haben.
In einem der raren auktorialen Kommentare über seinen angeblich weltfremden Protagonisten meint der Erzähler: "William Stoner kannte die Welt jedoch, wie sie nur wenige seiner jüngeren Kollegen kannten. Tief drinnen, tiefer als sein Gedächtnis reichte, war das Wissen um Hunger und Not, Ausdauer und Schmerz verborgen."
Wir müssen uns Stoner als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Klaus Nüchtern in Falter 4/2014 vom 24.01.2014 (S. 31)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783423280150
Ausgabe 11. Auflage
Erscheinungsdatum 01.09.2013
Umfang 352 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag dtv Verlagsgesellschaft
Übersetzung Bernhard Robben
Diese Produkte könnten Sie auch interessieren:
W. Domontowytsch, Peter Marius Huemer, Ganna Gnedkova
€ 23,60
Peter Röthlisberger
€ 45,00
Ronald Daus, Ursula Daus
€ 60,70
Spaß am Lesen Verlag GmbH, Judith Kutzner, Timur Vermes
€ 14,40
Frédéric Valin
€ 24,70
Tobias Haarburger
€ 13,40
Alexander J. Rüdiger
€ 24,90
Annemarie Schwarzenbach, Walter Fähnders
€ 23,70