
Einmal in die Rolle einer Geostrategin schlüpfen
Barbaba Tóth in FALTER 4/2026 vom 21.01.2026 (S. 18)
Pädagoginnen, die Kinder zum Lesen bringen wollen, empfehlen gerne die Buchreihe "1000 Gefahren". Im Untertitel heißt es: "Du entscheidest selbst!", und tatsächlich findet der Leser oder die Leserin am Ende eines jeden Kapitels zwei oder mehr Varianten, wie es weitergehen könnte. Je nachdem, wofür man sich entscheidet, muss man an anderen Stellen des Buches weiterlesen. Das ist eine schlaue Verführung für Volksschulkinder, denen der Zugang zum analogen Spannungsaufbau fehlt.
Militärstrategin Florence Gaub macht in ihrem neuen Buch "Szenario. Die Zukunft steht auf dem Spiel" genau das Gleiche, nur für Ältere. Es geht aber nicht um kindliche Abenteuer, sondern um das Schicksal der Welt, die Zukunft des Planeten.
Wer den 508-Seiten-Wälzer zur Hand nimmt, findet sich - wie Gaub selbst, die für das Nato-Kolleg in Rom forscht -in der Rolle einer beratenden Strategin der zweiten Reihe wieder. Fact-Finding-Missions nach Grönland oder China? Meetings mit Thinktank-Kollegen in Washington oder Brüssel? Informelle Gespräche mit hochrangigen Militärs in Moskau? All das gehört für die nächsten 100 Seiten zu unserem aufregenden Alltag.
Wir schreiben das Jahr 2030. Der Ukraine-Krieg ist im Kalten Frieden vorerst eingefroren, die nächsten Konfliktherde sind Grönland und Taiwan. Zuerst geht es darum, eine internationale Eskalation zu verhindern. Ausgangspunkt ist die Havarie eines norwegischen Forschungsschiffes in der Arktis, nahe an russischen Hoheitsgewässern. Oder war es doch eine Störkation Moskaus? Die Arktis ist schließlich im Visier der Supermächte.
Die USA, Russland, China - sie alle wollen im hohen Norden ihren Einfluss sichern, Europa steht wie so oft ein wenig daneben. Gaub veröffentlichte "Szenario" vergangenen Herbst, zwei Jahre zuvor hatte sie einen klassischen Sachbuchbesteller namens "Zukunft" publiziert. Es gehört Mut dazu, ein so bedeutungsvolles Thema in so eine verspielte Form zu gießen, erst recht, wenn man als Militärstrategin die eigene Reputation nicht verspielen will. Aber Gaubs Ansatz geht auf.
Vor allem, weil es eben eine blendend informierte, historisch beschlagene und mit höchst spannenden Kontakten versorgte Strategin ist, in deren Rolle man in "Szenario" schlüpfen darf. Ein überraschender Nebenaspekt: In "Szenario" wimmelt es nur so von klugen Expertinnen, die an Schlüsselpositionen in ihren jeweiligen Ländern oder Organisationen sitzen. Die Protagonistin trifft vorwiegend Frauen. Krisen und Zukunftsforschung ist in Gaubs Fiktion sehr weiblich. Das fällt wohl unter Wunschdenken. Aber sonst ist sehr vieles, was der oder die Leserin im Laufe ihrer Recherchereise erfährt, wahr und mit Fußnoten belegt. Alles andere ist sehr plausibel als nahe Zukunft erfunden.
Besonders gelungen ist Gaubs Spiel mit ihrer eigenen Rolle als medial vermittelnde Expertin. Mehr als einmal muss man sich entscheiden: Behalte ich meine neu gewonnenen, aufwühlenden Erkenntnisse für mich und forsche weiter? Oder gehe ich in eine Talkshow oder treffe mich mit einem befreundeten Journalisten, um die Weltöffentlichkeit aufzurütteln? Ohne zu viel zu verraten: In einem Fall landet man im beruflichen Out, im anderen bei einer internationalen Friedenskonferenz, bei der sogar Wien einen Gastauftritt hat.
So spannend und unterhaltsam wie in "Szenario" war Geostrategie-Fachliteratur noch selten. Das Spiel mit dem Vor-und Zurückblättern funktioniert analog übrigens viel besser als auf einem E-Reader.


