Fiasko

Fiktionen | Rejection. Die literarische Sensation aus Amerika: »›Fiasko‹ ist nicht das Buch der Stunde, sondern das Buch des Jahrtausends.« Xaver von Cranach, Der Spiegel
384 Seiten, Hardcover
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Themen Belletristik Allgemein, nicht nach Genre Allgemein und literarisch
ISBN 9783423285773
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 13.08.2026
Größe 19.5 x 11.8 cm
Verlag dtv Verlagsgesellschaft
Übersetzung Stefanie Jacobs, Stefanie Ochel, Jan Schönherr
LieferzeitDerzeit nicht lieferbar
HerstellerangabenAnzeigen
dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Tumblingerstraße 21 | DE-80337 München
produktsicherheit@dtv.de
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Kurzbeschreibung des Verlags

»Seine Prosa sprüht förmlich vor manischer Intelligenz.« Emma Cline

Ein erklärter Feminist fällt ins Wurmloch der Incel-Szene. Eine Frau versinkt in einer selbstzerstörerischen Spirale, als ein One-Night-Stand nicht zur erhofften Beziehung führt. Ein schwuler Thai-Amerikaner bringt es nicht über sich, seinem Freund seinen ultranischigen Fetisch zu gestehen.

Wie die Facetten eines Kaleidoskops zeigt dieses Buch die monströs schillernden Formen, die die Sehnsucht nach echter Nähe in einer Welt zwischen Dating-Apps und Doomscrolling annimmt. Von der Kritik gefeiert, von Lesern ebenso geliebt wie gehasst, erzählt Tony Tulathimutte schmerzhaft wahr und abartig witzig von Millennials, Misfits und Masturbauteurs, und ihre ineinandergreifenden Geschichten eskalieren in atemberaubenden Fiaskos.

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ISBN 9783423285773
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Erscheinungsdatum 13.08.2026
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FALTER-Rezension

Schmalschultrige Männer

Sebastian Fasthuber in FALTER 34/2026 vom 19.08.2026 (S. 27)

In seinem Erzählband „Fiasko“ schreibt US-Autor Tony Tulathimutte köstlich böse und traurig über die Welt der Millennials. Ist er Visionär oder bloß Zyniker?

Was macht einen guten Feministen aus? Die Hauptfigur von Tony Tulathimuttes viral gegangener Erzählung möchte sich selbst als Best-Practice-Beispiel verkaufen. Er ist keiner dieser Männer, die sich nur als Feministen tarnen, um an Sex zu kommen. Behauptet er zumindest. Immerhin hat er alle Klassiker der feministischen Literatur gelesen.

Natürlich hätte auch er gern Sex, als er als junger Mann ans College kommt. Doch er bleibt erfolglos: „Die Frauen, die er gern daten würde, bieten ihm stattdessen Freundschaft an.“ Er ist der, mit dem sie über alles reden können. Auch über ihre Probleme mit jenen Typen, die sie statt seiner daten.

Er hasst diese Männer, weil sie selbstbewusster, breitschultriger als er sind – und erfolgreicher. Was ihn nervt: Nicht nur „die ganzen Cap-schräg-tragenden Verbindungsbros“ haben Freundinnen, sondern „die Furchtbaren und Hässlichen eben auch! […] allesamt promiske Lurche und cholerische, kontrollsüchtige Kotzbrocken.“

„Der Feminist“ beginnt als gut beobachtete, aber noch recht harmlose Geschichte über die sexuellen Misserfolge eines woken jungen Mannes mit schmalen Schultern. Je länger seine unfreiwillige Enthaltsamkeit andauert, desto mehr entwickelt er sich zum Incel – und seine Verachtung richtet sich zunehmend gegen Frauen.

Er geht kaum noch aus dem Haus, vollzieht schmerzhafte Masturbationsriten und versinkt langsam im Sumpf von Online-Foren, in denen er seinesgleichen trifft: andere schmalschultrige Männer, die ebenfalls ihr Leben lang Körbe bekommen haben.

Am Ende resümiert er bitter, „dass eine Mehrheit der Frauen genau jene Form von Doppelmoral pflegt, die auszurotten der Feminismus angetreten war, und in ihrem narzisstischen Opferkomplex bei den Männern, die sie daten, toxische Misogynie nicht nur tolerieren, sondern aktiv suchen, während sie sich gleichzeitig darauf verlassen, dass ihre loyalen männlichen Verbündeten die emotionale Drecksarbeit verrichten“.

Das Ende der Erzählung deutet darauf hin, dass er einen Amoklauf begeht. Er betritt sein ehemaliges Lieblingsrestaurant – hält sogar noch einer jungen Frau die Tür auf! – und stülpt sich eine Sturmhaube über.

Der Text ist erstmals 2019 in der Zeitschrift n+1 erschienen. Selten hat eine Erzählung in einem literarischen Periodikum für derartige Aufregung gesorgt. Im Netz wurde diskutiert, ob Tulathimutte eine brillante Satire über einen Heuchler geschrieben hat – oder ob er mit der Figur sympathisiert.

Die Wogen gingen so hoch, dass der Autor schließlich twitterte: „Feminismus ist gut, diese Figur ist nicht gut.“ Freilich konnte er nicht verhindern, dass gewisse Incel-Kreise seinen Text so lasen, wie sie ihn verstehen wollten, nämlich als eine literarische Rechtfertigung für ihre Frauenfeindlichkeit.

Visionär war der Text insofern, als er den antifeministischen Backlash vorhergesehen hat. „Der Feminist“ eröffnet nun auch Tulathimuttes neuen Erzählband, der in der deutschen Übersetzung etwas unglücklich mit „Fiasko“ betitelt ist.

Das englischsprachige Original heißt „Rejection“, und davon handelt das Buch: von der Erfahrung, zurückgewiesen zu werden. In allen Erzählungen machen die Figuren diese Erfahrung. Eine zentrale Rolle spielen digitale Räume und wie sie langfristig auf die Psyche wirken.

Die Hauptfigur von „Pics“, die auch einen Auftritt in „Der Feminist“ hat, ist eine sexuell ähnlich erfolglose Frau. Ein einziger Ausrutscher mit ihrem besten Freund führt dazu, dass sie eine ungesunde Obsession entwickelt und auch nach Abreißen des Kontakts zu ihm auf seinen Social-Media-Profilen immer wieder bis zum allerersten Posting alles durchscrollen muss.

Auf dem Schnappschuss, den er einst von ihr beim Blowjob gemacht hat, gefällt sie sich zwar nicht. Sie hütet ihn trotzdem wie einen Schatz. Ein wenig Trost findet sie in einer Whatsapp-Gruppe mit jüngeren Arbeitskolleginnen, in der gern über Männer hergezogen wird.

Die Frauensolidarität erweist sich jedoch als brüchig. Und die Hauptfigur zuckt aus: „Du hast den Chat in >alles nur heuchelnde drecksfotzen< umbenannt“. Tulathimutte trifft den digitalen Slang meisterhaft: „okay also jetzt kann ich’s ja sagen … ich fand den iwie gleich sus lmao.“

Als Sohn thailändischer Auswanderer in Massachusetts aufgewachsen, war er in seiner Jugend ein stiller Außenseiter. Auch seine ersten literarischen Versuche fielen niemandem auf, so brav waren sie. In den Nullerjahren arbeitete er in der Gaming-Branche. Danach studierte er am prestigeträchtigen Iowa Writers’ Workshop.

Sein erster Roman „Private Citizens“ (2016) erhielt zig Absagen, ehe sich ein Verlag fand. Dafür gab es danach viel Lob von berühmten Kollegen wie Jonathan Franzen.

Tulathimutte betreibt inzwischen in New York von seiner Wohnung aus eine eigene Schreibschule. Die Zeit hat ihn dort besucht und durfte bei einer Stunde Mäuschen spielen. Der Autor zeichne sich demnach durch ein Schurkenlachen wie ein Bond-Bösewicht aus und spreche derart ironisch, dass es schwer zu sagen sei, was er wirklich denke.

Diese Ambiguität verbindet ihn mit Vorgängern wie Bret Easton Ellis oder Michel Houellebecq. Auch diese wurden mit ihren Figuren gleichgesetzt oder als Zyniker und Nihilisten gebrandmarkt. Mittlerweile haben sie den Rang von Moralisten. Man darf gespannt sein, welche Entwicklung Tulathimutte nehmen wird.

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