
Das erste Mal ist keine Prüfung
Kirstin Breitenfellner in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 23)
Das Leben von Jugendlichen ist aufregend, auch wenn alles normal aussieht. Neon, genannt Nee, ist hochnervös. Gleich wird er ins Zimmer seiner Freundin Aria zurückgehen, um das zu tun, was sie ausgemacht haben: das erste Mal miteinander zu schlafen. „Ich hatte keine Ahnung, wie es sein würde, in jemandem drin zu sein. Wie sich so was anfühlte. Ob es Aria wehtun würde. Und wenn ich das Kondom falsch überzog? Wenn es riss und Aria schwanger wurde? Mein Vater ermahnte uns immer, keine Babys nach Hause zu bringen.“
Nee und Aria sind zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Jahre zusammen. Der Schulabschluss steht unmittelbar bevor. Was danach sein wird, ist ungewiss. Außer dass Aria auf ein College fern der Heimatstadt gehen wird. Jason Reynolds Roman „24 Sekunden ab jetzt“ ist als Rückblende angelegt, und zwar um genau 24 Sekunden, Minuten, Tage, Wochen und Monate. Trotzdem bleibt die Spannung auf das Kommende aufrecht.
Sein sympathischer Protagonist ist alles andere als cool. „Nervöser als jeder andere beim ersten Mal? Das bin ich.“ Natürlich stimmt das nicht, denn Nee ist ein durchschnittlicher Jugendlicher. Ebenso seine Freundin Aria. Sie lebt in einem besseren Viertel als Nee, ist dafür aber das weniger geliebte Kind ihrer Eltern, die die musikalisch begabte Schwester vorziehen, und liebt panierte, frittierte Hähnchenbruststücke. Natürlich ist sie für Nee wunderschön.
„Auch Schwarze Jungs haben Liebesgeschichten verdient“, schreibt der Autor, Star der US-Jugendliteratur, in einem PS im Nachwort. Dass deren Jugend nicht immer problematisch sein muss, darauf deutet der Untertitel des Buchs „Eine ganz normale Liebesgeschichte“ hin. Nees Vater betreibt ein Bingo-Business, seine Schwester hat mehrere Beziehungen gleichzeitig.
Der Großvater, der vor 24 Monaten gestorben ist und an dessen Begräbnis sich Nee und Aria per Zufall begegnet sind, hat eine Werkstatt für Türklopfer betrieben, um benachteiligten Menschen „die Möglichkeit zu geben, ihre Eingangstüren zu verschönern. Eine Krawatte fürs eigene Heim, wenn schon nicht fürs Eigenheim.“
Mit ihm hat Nee vor seinem Tod ein langes Gespräch über die Liebe geführt. Ja, in Nees Familie wird miteinander geredet. Reynolds gibt damit seinem Protagonisten die Gelegenheit, sich von allen „beraten“ zu lassen, ob direkt oder indirekt. „Das ist keine Prüfung“, versichert seine liebeserfahrene Schwester. „Hör zu, ihr werdet das alles zusammen rausfinden.“
Sein Freund Dodie komponiert einen peinlichen Song mit der Zeile „Willst du nicht ewig mit ihr im Kino sitzen, musst du dir selber einen wichsen“. Und mit seiner Mutter muss Nee sprechen, als sie ihren eigenen BH in seinem Zimmer findet. „Ziehst du ihn an?“, fragt sie unverblümt. „Denn wenn es so ist, kannst du es ruhig sagen.“ Nee wollte allerdings nur üben, um an Arias BH nicht peinlich herumnesteln zu müssen. Seine Mutter verschont ihn nicht mit Tipps wie: „Wenn es aussieht, als würde es wehtun, dann tut es das auch.“
Und Nees Vater, der sonst gerne schlechte Scherze darüber macht, was mit unerwünschten Babys passieren wird, erinnert ihn daran, dass Liebe nicht nur mit Sex, sondern mit Zärtlichkeit zu tun hat. Seiner Meinung nach ist „Sex ebenfalls eine schöne Sache, solange du dabei nicht vergisst, wie es sich anfühlt, wenn dein Finger ihren leicht berührt.“
Reynolds ist ein Vielschreiber, der zahlreiche Preise eingeheimst hat. Die Taschenbuchausgabe seiner „Asphalthelden“ (dt. 2021) erscheint gerade zeitgleich bei dtv. Mit „24 Sekunden ab jetzt“ ist ihm ein leichtfüßiger, welthaltiger und tiefsinniger Roman gelungen, der nicht nur unterhält, sondern auch auf kluge, unaufdringliche Weise Aufklärung betreibt.


