Das Buch der Hoffnung

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Kurzbeschreibung des Verlags:


Wie können wir in schweren Zeiten Hoffnung schöpfen?

Jane Goodall ist die Pionierin der Natur- und Verhaltensforschung und seit Jahrzehnten leidenschaftliche Botschafterin des Artenschutzes. In ihren Zwanzigern ging sie in die Gombe-Wälder Tansanias, um die dort lebenden Schimpansen zu studieren; heute ist sie zur Ikone einer neuen, jungen Generation von Klimaaktivist:innen geworden. In »Das Buch der Hoffnung« schöpft sie aus der Weisheit ihres ganzen, unermüdlich der Natur gewidmeten Lebens, um uns zu lehren, wie wir auch im Angesicht von Pandemien, Kriegen und drohenden Umweltkatastrophen Zuversicht finden. Mit ihrem Co-Autor Douglas Abrams spricht Jane über ihre Reisen, ihre Forschungen und ihren Aktivismus und ermöglicht uns so ein neues Verständnis der Krisen, mit denen wir aktuell konfrontiert sind. Gemeinsam skizzieren Jane und Doug den einzig möglichen Weg in die Zukunft – indem wir die Hoffnung wieder in unsere Leben einziehen lassen.Denn es gibt sie, die Hoffnung, auch wenn sie uns manchmal unerreichbar scheint. Finden können wir sie in der Natur – und in unserer eigenen Widerstandskraft.
Ausstattung: durchgehend bebildert

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FALTER-Rezension

"Ich werde bis zum Tod dafür kämpfen, den Menschen Hoffnung zu geben"

Jane Goodall steht auf und holt ein Kunstwerk vom Regal: ein elegant geformter Wildhund, gemacht aus einem Draht, der einst im Dschungel als Schlinge ausgelegt worden war, um wilde Tiere zu fangen. Eine Gefahr für die Natur hat sich in ein Kunstwerk verwandelt. "Wunderschön", sagt Goodall. Welch passendes Symbol! Am 31. Mai kommt die 88-jährige Ikone der Umweltbewegung nach Wien, sie wird auf Einladung des Jane Goodall Institute Austria einen Vortrag über Hoffnung halten.
Davor nimmt sich Goodall mehr als eine Stunde Zeit für den Falter. Sie spricht über ihre bahnbrechende Forschung im Dschungel, ihre Botschaft an Politiker anlässlich des weltweiten Biodiversitätstages und darüber, wieso sie die Hoffnung auch in Zeiten des Artensterbens nicht verloren hat.

Falter: Frau Goodall, 1960 begannen Sie, Schimpansen in Tansania zu erforschen. Sie konnten damals nicht wissen, was Sie im Dschungel erwartet. In einem National-Geographic-Artikel haben Sie 1963 unter anderem beschrieben, wie Sie auf einen Baum kletterten, als Ihnen auf einem schmalen Pfad zwei schrullige Büffelbullen entgegenkamen. Oder auch, wie ein Schimpanse Sie geschlagen hat. Hatten Sie jemals Angst im Dschungel?

Jane Goodall: Zunächst einmal war dieses Leben mein Traum, seit ich zehn Jahre alt war. Ich habe darauf vertraut, dass die Tiere mir nichts tun würden. Warum sollten sie auch? Wissen Sie, die Büffel haben mich nicht angegriffen - und als der Schimpanse mir auf den Kopf schlug, war das im Vorbeigehen. Auch wenn die Leute sagen, es wäre naiv von mir gewesen, zu glauben, die Tiere würden mich nicht verletzen: Mir haben sie tatsächlich nichts getan. Also war es vielleicht doch nicht so naiv. Aber natürlich gab es Momente, in denen ich Angst hatte. Das ist auch wichtig, denn das gibt einem Adrenalin und mit Adrenalin kann man schnell auf einen Baum klettern. Ich hatte Angst vor Leoparden. Einmal bin ich einem begegnet, er war ganz, ganz nah. Aber auch der Leopard hat mich verschont.

Noch bevor Ihre Forschung im Nationalpark Gombe begann, hatten Sie als junge Frau die erste Hürde zu überwinden. Die Behörden legten sich quer.

Goodall: Damals wurde Tansania noch von den Briten verwaltet. Sie sagten, das alles sei lächerlich, denn für ein junges Mädchen, das ganz auf sich alleine gestellt ist, könnte es im Dschungel gefährlich werden. Aber Louis Leakey (ein berühmter Anthropologe, der Goodall für die Forschungsarbeit engagiert hatte, Anm.) gab nicht auf. Schließlich erklärten die Briten: Na gut, sie kann kommen, aber nicht allein. Also meldete sich meine Mutter freiwillig. Sie hat nicht nur meine Moral gestärkt, sondern baute auch eine wunderbare Beziehung zu den Menschen vor Ort auf, indem sie eine kleine Klinik einrichtete und dort einfache Dinge wie Aspirin, Pflaster und Kochsalzlösungen verteilte.

Sie beschrieben Ihre Feldforschung in den ersten Monaten als frustrierend. Immer wenn Sie den Schimpansen nahe kamen, zogen diese ab.

Goodall: Es hat lange gedauert. Am Anfang habe ich mich nicht versteckt, die Schimpansen wussten immer, wo ich war. Später habe ich mir ein kleines Versteck aus Palmwedeln gebaut. Sie wussten zwar, dass ich da war, aber sie begriffen, dass ich hinter meinen Palmwedeln nicht herauskommen und sie erschrecken würde. Das war meine Methode. Nach vier Monaten hat der erste Schimpanse begonnen, meine Anwesenheit zu akzeptieren. Das war David Greybeard.

Wie haben Sie sein Vertrauen gewonnen?

Goodall: Er hat sich einfach an mich gewöhnt. Jeder Schimpanse ist anders. David war viel entspannter als die anderen. Das Tolle war, dass David nach vier Monaten anfing, mich näher heranzulassen, und mir half, das Vertrauen der anderen Schimpansen zu gewinnen. Wenn ich mich einer Gruppe näherte, war diese immer bereit zu fliehen. Aber wenn David dabei war, schauten sie von ihm zu mir und wieder zurück. Ich nehme an, sie dachten: Na, so furchterregend kann sie doch gar nicht sein. So machte mich David gewissermaßen mit allen anderen Schimpansen der Gemeinschaft bekannt.

David Greybeard, Mrs. Maggs, Spray - Sie haben den Tieren Namen gegeben, das war damals in der Wissenschaft völlig ungewöhnlich. Warum haben Sie diesen persönlichen Ansatz gewählt?

Goodall: Warum sollte ich ihnen keine Namen geben? Ich hatte damals noch keine Hochschule besucht und wusste nichts von der arroganten Wissenschaft. Später hat man mir gesagt, ich hätte sie wissenschaftlich nummerieren sollen. Zum Teufel damit! Wenn du 45 nummerieren musst, wie willst du dir je merken, wer Nummer 37 und Nummer 29 ist? Ich hasse Zahlen. Man hat mir auch gesagt, ich könne nicht über die Persönlichkeiten, den Verstand oder die Gefühle von Schimpansen sprechen, weil es das alles nur bei uns Menschen gäbe. Aber schon als Kind hat mich mein Lehrer Rusty gelehrt, dass Tiere Persönlichkeiten, Verstand und Gefühle haben. Dort oben ist Rusty (sie zeigt auf ein altes Foto ihres Hundes). Natürlich wissen wir jetzt, dass nicht nur Menschen, Schimpansen und Hunde intelligent sind und Emotionen haben, sondern das geht bis zum Oktopus.

Es war für Sie damals bei Ihrer Forschungsarbeit also ein großer Vorteil, dass Sie noch keine Akademikerin waren?

Goodall: Absolut. Als ich dann 1961 in Cambridge war, hat man mir tatsächlich gesagt - und es stand auch so in den Lehrbüchern -, es gebe einen Unterschied zwischen uns Menschen und allen anderen Tieren. Es gab also eine scharfe Linie, wir Menschen standen auf einem Podest, waren anders, besonders, gottgegeben. Und da unten, da waren alle anderen Tiere. Die Schimpansen haben geholfen, diese Barriere zu überwinden.

In der Erforschung der Menschenaffen stechen drei Namen hervor: Jane Goodall, Dian Fossey und Birutė Galdikas. Sie wurden als die "Trimaten" bekannt. War es Zufall, dass alle drei Frauen waren?

Goodall: Louis Leakey hatte die Idee, dass Frauen geduldiger und daher bessere Beobachter sind. Er wählte also absichtlich Frauen aus, so wie er auch mich absichtlich auswählte, weil ich - so wie Dian Fossey - noch auf keiner Universität gewesen war.

Wie haben Sie sich damals als junge Frau gegen die dominanten Männer im Wissenschaftsbetrieb durchgesetzt?

Goodall: Auch wenn sie anfangs die Erkenntnisse abgelehnt haben, habe ich nicht mit ihnen gestritten. Ich habe einfach ruhig weiter über die Schimpansen gesprochen und erzählt, wie sie sind. Dann hat der Filmemacher Hugo van Lawick im Auftrag von National Geographic einen Film über meine Arbeit gemacht. Darin sah man, wie Schimpansen Werkzeuge verwenden, und dass die Gesten und Posen von Schimpansen den unseren so ähnlich sind. So hat sich die wissenschaftliche Gemeinschaft allmählich verändert. Aber wir hatten nie eine direkte Konfrontation, denn das ist nicht meine Art.

Ihre Erkenntnisse waren bahnbrechend. Mit Ihrem Nachweis, dass nicht nur Menschen, sondern auch Schimpansen Werkzeuge benutzen, beendeten Sie das Dogma vom "Werkzeugmacher Mensch". Haben Sie in Ihrer Forschung eigentlich auch etwas über uns Menschen gelernt?

Goodall: Schimpansen sind uns ähnlicher als alle anderen Lebewesen, wir teilen 98,7 Prozent unserer DNA mit ihnen. Sie küssen, umarmen sich, halten Händchen -sie sind uns so ähnlich. Aber dennoch sind wir Menschen anders. Schimpansen sprechen nicht in einer Videokonferenz wie wir gerade. Was macht uns also einzigartig? Diese explosionsartige Entwicklung des Intellekts. Ich denke, das wurde irgendwann in unserer Evolution ausgelöst, als wir gelernt haben, Worte, Gesten und Zeichen zu benutzen, die etwas bedeuten. Dadurch konnten wir Kindern zum ersten Mal etwas über Dinge beibringen, die nicht da waren. Wir konnten Lektionen aus der Vergangenheit lernen, obwohl wir darin nicht sehr gut sind - auch jetzt nicht. Wir konnten Pläne für die Zukunft schmieden. Und, was vielleicht am wichtigsten ist: Wir können Menschen mit unterschiedlichen Ideen zusammenbringen, um ein Problem zu diskutieren und eine Lösung zu finden.

Was sind heute die größten Probleme für Schimpansen?

Goodall: Es ist immer noch die Abholzung der Wälder. Dazu kommt das kommerzielle Jagen von Wildtieren -in manchen Ländern werden Schimpansen noch gegessen. Noch immer werden Mütter getötet, um Affenbabys zu stehlen und international zu verkaufen. Außerdem drohen ihnen Krankheiten, weil Menschen weiter in ihren Lebensraum vordringen. Und oft verfangen sich Schimpansen mit einer Hand oder einem Fuß in einer Drahtschlinge. Früher waren die Schlingen feiner, die Schimpansen konnten sie einfach zerreißen. Aber aus dem Draht kommen sie nicht mehr heraus. Und so verlieren viele von ihnen eine Hand oder einen Fuß.

Am Sonntag haben wir den Internationalen Tag der Artenvielfalt gefeiert. Der Zustand der Natur ist schockierend. Die Erde erwärmt sich mit einer noch nie da gewesenen Geschwindigkeit, laut dem Weltbiodiversitätsrat IPBES sind eine Million Arten vom Aussterben bedroht. Was ist Ihre Botschaft an Politiker, Konzernchefs und andere Entscheidungsträger?

Goodall: Meine Botschaft lautet: Wir müssen erkennen, dass wir ein Teil der natürlichen Welt sind -und in jeder Hinsicht von ihr abhängig. Selbst mitten in der Stadt sind wir auf die Natur angewiesen, sie gibt uns Nahrung, Wasser und vieles andere. Wir hängen also von gesunden Ökosystemen ab und ein Ökosystem besteht aus komplexen, miteinander verwobenen, voneinander abhängigen Pflanzen und Tieren. Wir können es uns wie einen großen, lebenden, wunderschönen Wandteppich vorstellen: Jedes Mal, wenn eine kleine Pflanze oder ein kleines Tier ausstirbt, ziehen wir einen Faden aus diesem Wandteppich. Und wenn wir zu viele Fäden entfernen, wird aus dem Wandteppich ein Fetzen. Politiker müssen also verstehen: Wenn wir weiterhin die Natur, die Tiere missachten, wird das unser Ende sein. Diese Missachtung hat uns bereits den Klimawandel und die Pandemie eingebrockt.

Angesichts des Zustands der Natur leiden Menschen bereits unter sogenannter ökologischer Trauer. Kennen Sie dieses Gefühl auch?

Goodall: Man kann sich nicht ansehen, was auf der Welt passiert, ohne sich deprimiert zu fühlen. Wir zerstören den Planeten, obwohl wir die intellektuellsten Lebewesen sind, die jemals auf diesem Planeten gelebt haben.

Warum ist das so?

Goodall: Ich glaube, weil wir die Verbindung verloren haben zwischen dem klugen Gehirn und dem menschlichen Herzen. Nur wenn wir sie beide verbinden, also zugleich mit unserem Kopf und unserem Herzen arbeiten, können wir unser wahres menschliches Potenzial erreichen.

In Ihrem "Buch der Hoffnung" schreiben Sie, wir müssen unter anderem auch die Armut lindern, um die existenzielle Bedrohung wie das Artensterben abzuwenden. Was hat Armutsbekämpfung mit Artenschutz zu tun?

Goodall: Ich habe begonnen, mich mit Armut zu beschäftigen, als ich bemerkte, wie schnell die Wälder und die Schimpansen verschwinden. Als ich 1960 in Gombe ankam, war die Region noch Teil des großen äquatorialen Waldgürtels, der sich bis zur Westküste erstreckte. Aber als ich in den späten 1980er-Jahren dorthin flog, war aus dem Nationalpark eine kleine Waldinsel geworden, rundherum waren die Hügel kahl. So viele Menschen leben dort in bitterer Armut, es mangelt an Gesundheitsversorgung und Bildung. Die Böden verschlechtern sich, zugleich wächst die Bevölkerung. So dringen die Menschen immer weiter in die Wildnis vor. Mir wurde klar, dass die Menschen Bäume abholzen, um zu überleben. Sie brauchen Land, um etwas anbauen zu können und wollen Geld mit Holz oder Holzkohle verdienen. Wenn wir diesen Menschen nicht helfen, Wege zu finden, zu überleben, ohne die Umwelt zu zerstören, können wir weder die Schimpansen noch die Wälder oder irgendetwas anderes retten.

Sie haben 1994 das Projekt Tacare gestartet, um den Menschen vor Ort zu helfen. Wie sind Sie das angegangen?

Goodall: Tacare ist sehr ganzheitlich gedacht. Im Gegensatz zu anderen Naturschützern jener Zeit sind wir nicht in die Dörfer um Gombe marschiert und haben den Menschen gesagt, dass wir dies und jenes tun werden, um ihr Leben zu verbessern. Wir wählten stattdessen einheimische Tansanier in der Umgebung von Gombe aus. Sie gingen in die Dörfer und setzten sich mit den Menschen zusammen und fragten sie: Was kann ich tun, um euch zu helfen? Und die sagten: "Wir müssen als Erstes mehr Lebensmittel anbauen, denn unser Ackerland ist übernutzt und unfruchtbar." Die erste Aufgabe war also, die Fruchtbarkeit der Böden wiederherzustellen, ohne Chemikalien einzusetzen. Das ist uns gelungen. Als Zweites wollten sie eine bessere Gesundheitsversorgung und Bildung. Wir haben dabei mit den örtlichen Behörden zusammengearbeitet und brachten dann das Geld auf. In einigen Dörfern gab es überhaupt keine Klinik. Wir bauten kleine Kliniken und verbesserten die Situation allmählich, und dann konnten wir Programme zur Wasserbewirtschaftung einführen und Stipendien vergeben, um Mädchen in der Schule zu halten und ihnen eine Chance auf eine weiterführende Ausbildung zu geben. Weil wir mit den Menschen zusammengearbeitet haben, haben sie verstanden, dass die Rettung der Umwelt nicht nur den Wildtieren zugute kommt, sondern auch ihrer eigenen Zukunft. So sind sie alle zu unseren Partnern im Naturschutz geworden.

Wie sieht es heute in Gombe aus?

Goodall: Wenn man heute über Gombe fliegt, gibt es keine kahlen Hügel mehr. Der Wald ist zurückgekehrt, weil die Menschen andere Wege gefunden haben, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dass die Natur so widerstandsfähig ist, gibt mir Hoffnung.

Sie werden in Wien einen Vortrag über Hoffnung halten, Sie haben vor kurzem auch ein Buch darüber geschrieben. Warum ist Hoffnung für Sie so wichtig?

Goodall: Wenn man etwas macht, ohne zu hoffen, dass es einen Unterschied machen wird: Wozu macht man sich dann überhaupt die Mühe? Hoffnung ist für Menschen eine der wichtigsten treibenden Kräfte, um die Welt zu verbessern. Man muss deshalb fähig sein zu hoffen.

Sie haben also immer noch Hoffnung, obwohl sich der Zustand der Natur laufend verschlechtert?

Goodall: Er verschlechtert sich. Aber wir hören auch hauptsächlich schlechte Nachrichten, denn die Medien verbreiten eine Untergangsstimmung.

Aber auch in der Wissenschaft ist es Konsens, dass es schlimmer wird.

Goodall: Ja, aber ich habe auf der ganzen Welt auch unglaubliche Menschen getroffen, die großartige Projekte verwirklichen. Sie zeigen: Wenn einem etwas wirklich wichtig ist und man sich zusammenschließt, kann man das, was passiert ist, auch wieder umkehren. Man kann Tierarten retten, die kurz vor dem Aussterben stehen. Überall in Gombe kommen die Bäume wieder zurück -ebenso die Tiere. Also, ja, es ist düster. Aber es gibt Hoffnung. Weil wir etwas tun können. Und deshalb ist mein Leben der Aufgabe gewidmet, den Menschen dabei zu helfen, zu verstehen, was wir dem Planeten antun und wie wir die Umwelt zerstören, aber ihnen auch zu sagen: "Lasst uns etwas dagegen tun, anstatt nur darüber zu reden! Es ist noch nicht zu spät, wenn wir jetzt handeln." Deshalb ist es so wichtig, dass Journalisten wie Sie in den Medien auch über Erfolgsgeschichten berichten. "Oh, wenn die es schaffen, kann auch ich es schaffen" - das wird uns aus dieser Situation herausbringen. Ich werde bis zum Tod dafür kämpfen, den Menschen Hoffnung zu geben und ihnen zu vermitteln, dass jeder Einzelne von ihnen einen Unterschied machen kann.

Aber wo soll man da bloß anfangen?

Goodall: Es gibt diesen Spruch: Global denken, lokal handeln. Wenn man global denkt, wird man zwangsläufig deprimiert sein. Aber dann sage ich den Menschen: Gibt es ein Problem, wo du wohnst? Egal ob es der Müll auf der Straße ist, die Obdachlosigkeit oder die grausame Behandlung von streunenden Hunden - was auch immer ein Problem ist, versuche, etwas dagegen zu tun. Überzeuge andere, sich dir anzuschließen. Und wenn es anfängt zu funktionieren, dann fühlst du dich gut, weil du etwas bewirkt hast. Und wenn wir uns gut fühlen, wollen wir uns noch besser fühlen. Wir tun dann noch mehr und wir inspirieren mehr Menschen mitzumachen. Dann wird einem klar: Andere Menschen in anderen Teilen der Welt machen das Gleiche. Dann denkt man global. So machen wir es auch mit unserem Jugendprogramm "Roots & Shoots"(Wurzeln &Sprösslinge), das es jetzt in 65 Ländern gibt und Menschen miteinander verbindet. Der Weg, diesem ökologischen Leid entgegenzuwirken, ist also, aktiv zu werden. Krempelt die Ärmel hoch und tut etwas!

Würden Sie auch etwas Radikaleres tun, wenn die Dinge so bleiben, wie sie sind?

Goodall: Ich würde nie etwas wirklich Radikales machen. Wenn ich einen Politiker oder einen Geschäftsführer anspreche, greife ich ihn nicht an. Ich sage also nicht: "Das ist deine Schuld, du musst dich ändern!" Denn ehrlich gesagt denke ich, dass die meisten hochrangigen Männer nicht zuhören. Die denken sich einfach: "Warum sollte ich auf sie hören? Was weiß die schon von Wirtschaft?" Ich denke, am besten erreicht man diese Leute, wenn man zunächst einmal versucht, etwas Verbindendes zu finden: Vielleicht mögen Sie beide Hunde. Vielleicht haben Sie beide ein Enkelkind. Dann hören Sie den Leuten zuerst zu. Denn vielleicht haben auch sie Ideen, auf die Sie selbst nicht gekommen wären. Dann finden Sie eine Geschichte, denn Sie müssen das Herz erreichen. Das ist der Schlüssel. Die Menschen müssen sich von innen heraus verändern. Und das geschieht, aus verschiedenen Gründen. Ein Vorstandsvorsitzender eines großen internationalen Unternehmens hat mir einmal erzählt, warum er daran arbeitet, sein Unternehmen ökologisch, ethisch und sozial verträglich zu machen. Den Ausschlag gab seine kleine Tochter, die von der Schule heimkam und sagte: "Daddy, sie sagen mir, dass das, was du tust, dem Planeten schadet. Das ist nicht wahr, oder, Daddy? Denn es ist auch mein Planet." Das hat sein Herz erreicht. Viele Unternehmen ändern bereits ihre Arbeitsweise.

Haben Sie sich auch geändert?

Goodall: Aus ethischen Gründen bin ich schon seit langem Vegetarierin. Aber nun bin ich Veganerin geworden, weil mir die grausame Behandlung von Milchkühen und Hühnern bewusst wurde. Ich habe mich schon viel mit Veganismus beschäftigt, aber wenn man die ganze Zeit unterwegs ist, ist es nicht einfach, vegan zu sein. Als die Pandemie begann, dachte ich: Jetzt bin ich zuhause und kann total vegan leben.

Wirklich? Sie haben im Alter von 86 Jahren Ihre Ernährung umgestellt?

Goodall: Ja. Als ich Veganerin wurde, gab es am Anfang Sachen, die ich wirklich vermisst habe -so wie ich in den frühen 1970er-Jahren Speck vermisst habe, als ich Vegetarierin wurde. Aber die Tatsache, dass ich ihn bewusst aufgegeben hatte, gab mir ein gutes Gefühl, weil ich es für die Tiere tat.

Sie inspirieren viele Menschen. Welchen Rat würden Sie zum Abschluss jungen Menschen geben?

Goodall: Nun, ich würde ihnen den Rat meiner wunderbaren Mutter geben, die hier oben ist (zeigt auf ein Foto im Regal). Als ich zehn Jahre alt war, beschloss ich, nach Afrika zu gehen, mit wilden Tieren zu leben und Bücher über sie zu schreiben. Alle haben mich ausgelacht. Wie willst du das machen? Der Zweite Weltkrieg tobte. Wir hatten kein Geld. Und Afrika war weit weg. Ich sei nur ein Mädchen, hat man mir gesagt. Aber nicht meine Mutter. Sie sagte: Jane, wenn du so etwas machen willst, musst du sehr, sehr hart arbeiten. Du wirst jede Gelegenheit nutzen müssen. Und wenn du dann nicht aufgibst, wirst du hoffentlich einen Weg finden. Das sage ich jungen Menschen auf der ganzen Welt, vor allem Mädchen in benachteiligten Communitys. Und ich wünschte, meine Mutter wäre noch am Leben, damit ich ihr sagen könnte, wie viele Menschen mir schreiben und sich bedanken. "Ich bin meinen Träumen gefolgt. Ich war erfolgreich, und das hat den Unterschied ausgemacht." Der wichtigste Ratschlag lautet also: Wenn du etwas wirklich tun willst, musst du es auch wirklich wollen. Gib nicht auf! Verfolge deinen Traum. Denk daran, dass du jeden Tag, den du lebst, etwas bewirken kannst. Und du kannst dir aussuchen, was für einen Unterschied du machst.

Katharina Kropshofer in Falter 21/2022 vom 27.05.2022 (S. 42)


Warum Jane Goodall nicht die Hoffnung verliert

Als Jane Goodall im Jahr 1960 das Leben der Schimpansen im ostafrikanischen Gombe erforschte, war die Region noch Teil eines riesigen Äquatorialwaldes, der sich durch ganz Afrika zog. 30 Jahre später war Gombe auf eine kleine Oase inmitten einer kahlen Hügellandschaft in Tansania zusammengeschrumpft. Wenn also ausgerechnet eine der bekanntesten Forscherinnen der Welt, die die Natur in wenigen Jahrzehnten erodieren sah, in Zeiten des Artensterbens und der Klimakrise ein Buch über Hoffnung schreibt, mag das verwundern. Aber die 87-Jährige gibt sich keiner Träumerei hin, im Gegenteil. "Setzen wir unseren Kurs unverändert fort, bedeutet dies das sichere Ende des Lebens auf der Erde, wie wir es kennen", warnt Goodall. "Stirbt die Natur, können wir nicht überleben." Weniger mit Romantik denn mit Realismus begründet sie also ihren Glauben ans gute Ende, denn: "Ohne Hoffnung ist alles verloren."

Im Gespräch mit dem Autor Douglas Abrams erzählt Goodall Geschichten, die Mut machen. Etwa jene eines beherzten Vogelschützers, der den Chathamschnäpper vor dem Aussterben rettete. Oder jene über einen stillgelegten Steinbruch nahe der kenianischen Küste -ein toter Landstrich, der durch kluge Renaturierung wiederbelebt wurde.

Goodall baut ihre Hoffnung auf den menschlichen Intellekt und Kampfgeist, auf die Widerstandskraft der Natur sowie der Jugend, die die Zeichen der Zeit erkannt hat. Um die großen ökologischen Krisen zu bewältigen, brauche es aber mehr als Naturschutz. Die Wohlhabenden müssten nachhaltiger leben, Korruption müsse beseitigt werden, weil man nur mit ehrlichen Regierungen gut zusammenarbeiten könne. Das Problem der stetig wachsenden Erdbevölkerung müsse angegangen werden und die Gesellschaft müsse die Armut der Menschen lindern, rät Goodall aus eigener Erfahrung. Denn der schrumpfende Lebensraum der Schimpansen hing damals stark mit den Armen vor Ort zusammen, die den Wald ausbeuteten. Wer den Schimpansen retten will, muss also auch den Menschen retten.

Benedikt Narodoslawsky in Falter 5/2022 vom 04.02.2022 (S. 28)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783442316083
Ausgabe Deutsche Erstausgabe
Erscheinungsdatum 22.11.2021
Umfang 272 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Format Hardcover
Verlag Goldmann
Übersetzung Andrea O'Brien, Jan Schönherr
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