Und Nietzsche weinte

Roman - Geschenkausgabe
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Eine Ménage à trois zwischen Lou Andreas Salomé, Nietzsche und der Psychoanalyse

Die Geschenkausgabe mit der abgerundeten Ecke: anspruchsvolle Haptik, hochwertiges Papier, mit Lesebändchen, kleines Format.Das Wien des Fin de siècle: Die selbstbewusste junge Russin Lou Andreas Salomé drängt den angesehenen Arzt Josef Breuer, dem suizidgefährdeten Friedrich Nietzsche zu helfen und ihn von seiner zerstörerischen Obsession für sie zu kurieren. Breuer willigt ein und unterzieht Nietzsche einer neuartigen Heilungsmethode, deren Ausgang jedoch für beide unerwartet ist.
Ausstattung: sechs s/w-Fotos

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FALTER-Rezension

"Große Literatur ist niemals Flucht"

Der Bestsellerautor und Analytiker Irvin D. Yalom erklärt, was Literatur und Psychiatrie gemeinsam haben

Den Fotos von Irvin D. Yalom nach zu schließen, die einen gutaussehenden älteren Mann mit scharfen Gesichtszügen zeigen, rechnet man mit einem weitaus forscheren Gesprächspartner. Yalom persönlich hingegen ist sanft und zurückhaltend. Sein Weltruhm scheint ihn nicht besonders zu kratzen. Mehr interessieren ihn das Verhältnis Therapeut-Patient und die Frage, wie man aus der Unvermeidlichkeit des Todes Nutzen fürs Leben ziehen kann. Dass man der Stadt Wien, die nun seinen Roman "Und Nietzsche weinte" über die Anfänge der Psychoanalyse in großer Auflage gratis unters Volk bringt, ein besonderes Verhältnis zum Tod nachsagt, ist ihm neu und begeistert ihn ebenso wie die Zeile aus Georg Kreislers Lied "Der Tod, das muss ein Wiener sein." Noch während des ­Interviews nimmt sich Yalom einen Besuch im Wiener Bestattungsmuseum vor.
Falter: Herr Yalom, was ist ein guter Psychotherapeut?
Irvin D. Yalom: Ein guter Therapeut ist in mehr als einer therapeutischen Methode bewandert, damit er aus verschiedenen Quellen schöpfen kann. Manchen Menschen helfen verhaltenstherapeutische Ansätze gut, bei anderen funktionieren tiefenpsychologische besser. Ein guter Therapeut muss auch bereit sein, einiges von sich selbst preiszugeben, wenn das hilfreich zu sein scheint. All diese Dinge stellen sich allerdings erst mit sehr viel Erfahrung ein.
Und was macht einen guten Schriftsteller aus?
Yalom: Ich habe eine persönliche Regel, an die ich mich beim Schreiben halte: Ich schreibe nie über etwas, das ich selbst nicht ganz verstehe.
Halten sich Ihrer Meinung nach viele Autoren an diese Regel?
Yalom: Es gibt doch einige, die eine unnotwendig komplizierte und hermetische Prosa schreiben. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist Martin Heidegger. Von ihm stammen viele tiefe Einsichten, aber er schreibt in einem unzugänglichen Stil. Diesen Zugang zum Schreiben verstehe ich nicht. Ich denke darüber im Moment viel nach, weil ich gerade einen Roman über Spinoza schreibe, der sehr schwer zu fassen und unendlich komplex ist. Ich selbst möchte im Schreiben klar und konzise sein. Und ich bemühe mich da­rum, interessante Geschichten zu erzählen. Auch in meinen Lehr­büchern wie "Theorie und Praxis der Gruppen­psychotherapie" …
… das sich allein in den USA über 700.000 Mal verkauft hat.
Yalom: Ja, es ist einer meiner größten Erfolge. Der Grund ist, glaube ich, dass es für die Studenten eine wirklich anregende Lektüre ist. Das liegt an den vielen Geschichten, mit denen ich es vollgepackt habe. Ich habe immer wieder gehört, es lese sich wie ein Roman und nicht wie trockene Theorie. Danach habe ich beschlossen, das Geschichtenerzählen immer an die erste Stelle zu setzen.
Hier begegnen sich also Therapeut und Schriftsteller?
Yalom: Ganz genau. Mir geht es letztlich immer darum, angehende Therapeuten zu unterrichten.
Auch mit Ihren Romanen?
Yalom: Ja. Obwohl ich weiß, dass meine Bücher von einer sehr viel breiteren Öffentlichkeit gelesen werden, ist der Leser, den ich beim Schreiben im Kopf habe, immer ein junger Therapeut in Ausbildung.
Sie haben einmal geschrieben, dass es die Liebe zur Literatur war, die Sie die medizinisch-psychiatrische Karriere hat einschlagen lassen. Wie das?
Yalom: Ich bin im russischen Immigrantenmilieu meiner Eltern auf­gewachsen. Dort war von einem breiteren Spektrum an Berufsmöglichkeiten kaum was zu hören. Zwei Dinge kamen für mich infrage: Geschäftsmann oder Arzt. Auch weil die Gegend mit einer größtenteils farbigen Nachbarschaft für einen kleinen, ­jüdischen Buben wie mich ein gefährliches Pflaster war, hielt ich mich vor allem im Haus auf und wurde zu einem leidenschaftlichen Leser. Und die Medizin schien mir bedeutend näher bei Tolstoj und Dostojewskij als die Geschäftswelt. Ich wusste auch, dass ich mich in jenem Gebiet der ­Medizin spezialisieren wollte, das der Literatur am nächsten liegt – und das ist sicher die Psychiatrie.
Warum? Weil die großen Autoren auch als große Meister der Psychologie gelten?
Yalom: Das waren sie tatsächlich. Wir müssen von ihnen lernen. Freud zum Beispiel hat das getan.
"Als Nietzsche weinte" war Ihr erster Roman. Diese Woche wird er in einer Auflage von 100.000 Stück gratis in Wiener Kaffeehäusern, Bibliotheken und Buchhandlungen verteilt. Freut es Sie, dass Wien ausgerechnet dieses Buch ausgesucht hat?
Yalom: Ich bin ungeheuer angetan. Natürlich vor allem auch deswegen, weil das Buch in Wien spielt.
Sie erzählen darin die – fiktive – Geschichte des Zusammentreffens ­zweier historischer Figuren: des
renommierten Wiener Arztes und Freud-Mentors Josef Breuer und des Philosophen Friedrich Nietzsche.
Warum gerade diese beiden?
Yalom: Die Jahre zwischen 1881 und 1882, in denen Breuer Bertha Pappenheim behandelte, die als der berühmte Fall "Anna O." die Grundlage für seine und Freuds "Studien zur Hysterie" bildete, waren zufällig auch eine schreckliche Zeit für Friedrich Nietzsche. Er war nie näher am Selbstmord, den er damals in Briefen auch dezidiert als Möglichkeit erwähnt. Unter anderem ging es dabei um das Ende seiner Beziehung zu Lou Salomé …
… die in Ihrem Buch das erste Treffen zwischen Breuer und dem suizidgefährdeten und unter schwerster Migräne leidenden Nietzsche einfädelt. Die echte Lou Salomé wurde später eine Schülerin Freuds.
Yalom: Die Beziehung zu Lou Salomé war einer der Gründe für Nietzsches schlechten Zustand. Jedenfalls dachte ich mir: Es wäre doch toll gewesen, wenn Nietzsche damals zu einem Therapeuten hätte gehen können.
Nur dass es damals noch keine Therapeuten im heutigen Sinn gab?
Yalom: In Frankreich wurde ein bisschen mit Hypnose gearbeitet, aber der Einzige, der damals tatsächlich infrage gekommen wäre, war Josef Breuer in Wien. Freud war 1882 ja noch Student. Ich hatte die Idee, dass ich Studenten viel über Psychotherapie beibringen könnte, wenn ich sie zu lesenden Augenzeugen der Erfindung der Psychoanalyse mache.
Bald behandelt ja Nietzsche Breuer mindestens genauso wie Breuer Nietzsche. Ist in der Art von Psychotherapie, die Sie die beiden in Gesprächen miteinander entwickeln lassen, auch Ihre Kritik an der Freud'schen Psychoanalyse enthalten?
Yalom: Mein Hauptkritikpunkt an Freud war immer, dass das Psychosexuelle so sehr im Mittelpunkt seiner Theorien steht. Also habe ich mir eine Geschichte und eine Personenkonstellation für meinen Roman einfallen lassen, bei denen der Kern der Entwicklung der Psychotherapie eher in der Existenzphilosophie liegt.
Am Ende ist nicht mehr klar, wer der Patient ist und wer der Therapeut. Einen solchen Rollentausch gibt es auch in Ihrem Roman "Die rote Couch". Was interessiert Sie an diesem Motiv?
Yalom: Ich will damit zeigen, dass jede Psychotherapie ein Kooperationsprozess ist. Indem ich beschreibe, wie Breuer langsam auf den Gedanken kommt, dass er mit seinen Problemen auch ein bisschen Hilfe gebrauchen könnte, zeige ich außerdem, wie wichtig Therapie ist. Dazu kommt noch: Will man ein guter Therapeut sein, muss man selber eine Therapie gemacht haben, um die Rolle des Patienten aus dem eigenen Erleben zu kennen.
Sind Ihre Bücher, die sich ja fast ausschließlich mit Therapeuten, Patienten und den Ritualen der Psychotherapie beschäftigen, für eine Elite ­gedacht, die Erfahrung mit Therapie hat und sie sich auch leisten kann?
Yalom: Nach den Leserreaktionen, die ich kriege, zu schließen, funktio­nieren meine Bücher auch sehr gut für Menschen ohne eigene Therapieerfahrung. Ich habe natürlich keine empirischen Daten dazu. Mit einem Wort: Ich weiß es einfach nicht.
Todesangst und Todessehnsucht spielen eine beträchtliche Rolle in "Und Nietzsche weinte". Vor kurzem
erschien Ihr Buch "In die Sonne
schauen. Wie man die Angst vor dem Tod überwindet". Beschäftigt Sie der Tod sehr?
Yalom: Ich halte die Beschäftigung mit dem Tod für eine der Grundvoraussetzungen für ein gelungenes, erfülltes Leben. Durch den Tod wird einem bewusst, dass man nur eine bestimmte Zeit zur Verfügung hat. Außerdem kann man ihn ohnehin nicht ignorieren: Es gibt ihn, er klopft an die Tür, er taucht in Träumen auf. Jeder hat unerklärliche Gefühle angesichts eigener runder Geburtstage oder des Todes ­eines Freundes oder Verwandten.
Hat Ihnen die Auseinandersetzung geholfen, Ihre eigene Angst vorm Tod zu bewältigen?
Yalom: Zweifellos. Als ich als Therapeut begonnen habe, wollte ich unbedingt mehr Erfahrung auf diesem Gebiet haben. Ich habe also begonnen, unheilbar kranke Krebspatienten zu behandeln. Das war damals noch sehr ungewöhnlich, weil der Tod ein solches Tabu war. Ich habe dabei sehr viel gelernt – auch über meine eigene Angst.
Was bedeutet Ihnen in diesem Zusammenhang der Nietzsche-Satz "Stirb zur rechten Zeit", den Sie auch in ­Ihrem Roman zitieren?
Yalom: Er bedeutet, dass man sein Leben auch tatsächlich führen, dass man es buchstäblich konsumieren und voll leben muss. Nur dann stirbt man, ohne noch sehr viel ungelebtes Leben mit sich herumzutragen. Niemand möchte am Ende seines Lebens feststellen, dass er immer nur auf dem Wartegeleise gestanden ist.
Und das Lesen, mit dem Sie so viel Zeit Ihres Lebens zugebracht haben? Ist es nicht eine Flucht, ein Ersatz für richtiges Leben?
Yalom: Große Literatur ist niemals eine Flucht. Wenn man sein Leben ­allerdings damit verbringt, nichts ­außer Horrorgeschichten oder Mystery-Romane zu lesen, wäre das sicher reine Zeitverschwendung.

Julia Kospach in Falter 46/2009 vom 13.11.2009 (S. 32)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783442739660
Erscheinungsdatum 06.04.2009
Umfang 640 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Taschenbuch
Verlag btb
Übersetzung Uda Strätling

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