Die Letzten ihrer Art

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Drei Familien, drei Jahrhunderte und der alles entscheidende Kampf gegen das Aussterben der Arten.

Über Mensch und Tier und das Tier im Menschen: Vom St. Petersburg der Zarenzeit über das Deutschland des Zweiten Weltkriegs bis in ein Norwegen der nahen Zukunft erzählt Maja Lunde von drei Familien, dem Schicksal einer seltenen Pferderasse und vom Kampf gegen das Aussterben der Arten. Ein bewegender Roman über Freiheit und Verantwortung, die große Gemeinschaft der Lebewesen und die alles entscheidende Frage: Reicht ein Menschenleben, um die Welt für alle zu verändern?

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FALTER-Rezension

Ich glaub, mich tritt ein Przewalski-Pferd

Gebt den Klimawandelskeptikern Maja Lunde zu lesen! Vielleicht bewirkt Literatur ja mehr als Wissenschaft

Man kann sich Greta Thunberg gut in eines von Maja Lundes Büchern vertieft vorstellen. Zum Beispiel an Bord jener Jacht, mit der die junge Klimaaktivistin vergangenen August von Plymouth zum UN-Klimagipfel nach New York gesegelt ist. So weit bekannt, zieht Thunberg jedoch das Sachbuch der Belletristik vor. Auf ihrer Fahrt über den Atlantik hatte sie ein Buch der US-amerikanischen Autorin Susan Cain dabei: „Still. Die Kraft der Introvertierten“. Wer die drohenden Auswirkungen des Klimawandels als bereits nahezu unausweichlich betrachtet, braucht keine Fiktion.

Die Norwegerin Maja Lunde hat 2015 den ersten ihrer auf vier Bände ­angelegten Romanserie zum Thema Klimawandel ­vorgelegt: „Die Geschichte der Bienen“ war nach zehn Kinder- und Jugendbüchern ihr erstes für Erwachsene. Es avancierte auf Anhieb zum internationalen Bestseller und wurde in mehr als dreißig Sprachen übersetzt.

Mit dem Nachfolger, „Die Geschichte des Wassers“, konnte Lunde an den großen Erfolg ihres Erstlings anknüpfen. Nun kommt mit „Die Letzten ihrer Art“ der dritte Teil der Tetralogie auf den deutschsprachigen Markt, in einem Segment, das als literarisches Genre bereits einen eigenen Namen hat: Climate-Fiction, kurz Cli-fi. Wenn die 44-jährige Autorin ihren Rhythmus beibehält, wird 2021 der vierte und abschließende Band erscheinen, in dem sie alle Fäden verknüpfen will. Trotzdem muss man sich beim Lesen nicht unbedingt an die Chronologie des Erscheinens halten, bislang jedenfalls funktioniert jeder Band als eigenständiges Werk.

Wie bereits davor bedient sich Lunde auch in ihrem jüngsten Werk der bewährten Methode, mehrere Geschichten auf verschiedenen Zeitebenen miteinander zu verflechten – eine in der Vergangenheit, eine halbwegs in der Gegenwart, eine in der Zukunft. In „Die Geschichte der Bienen“, die 1852 in England, 2007 in Ohio und 2098 in China spielte, ist ihr das sehr gut gelungen. „Die Geschichte des Wassers“ kam mit zwei Zeit­ebenen (2017 in Norwegen und 2041 in Südfrankreich) aus, „Die letzten ihrer Art“ hält sich wieder an die Zahl drei.

Im September 1883 setzt sich der stellvertretende Direktor des Zoos von St. Petersburg an seinen Schreibtisch und verfasst einen sehr persönlichen Bericht in 16 Kapiteln über seine höchst beschwerliche Reise in die Mongolei an der Seite des deutschen Abenteurers und Tierfängers Wilhelm Wolff. Ein Postskriptum sieben Jahre später gibt’s auch noch.

Was Michail Alexandrowitsch Kowrow da niederschreibt, ist nur für ihn und keinesfalls für fremde Augen bestimmt, schon gar nicht jene seiner Frau, warum, wird spätestens in Kapitel acht klar. Kalt sind die mongolischen Nächte, warm ist es zu zweit unter den Fellen am Kanonenofen. Ziel der Expedition war es gewesen, Wildpferde zu fangen, von denen man bis vor kurzem gedacht hatte, sie seien längst ausgestorben – bevor der russische Oberst Przewalski in der mongolischen Steppe diese wiederentdeckt und umgehend nach sich selbst benannt hatte. Michail und Wilhelm werden mithilfe einheimischer Nomaden 30 der damals bereits seltenen Przewalski-Pferde habhaft, 16 davon überleben die Tortur der neunmonatigen Heimreise. Mit ihnen wird in mehreren Tiergärten in Russland und ganz Europa ein erfolgreiches Zuchtprogramm gestartet – derweil der restliche Bestand in der Mongolei ausgerottet wird.

Im Jahr 1992 landet die deutsche Tierärztin Karin gemeinsam mit ihrem Sohn, einem Ex-Junkie, und 13 Przewalski-Pferden im Laderaum der Frachtmaschine am Flughafen von Ulan-Bator. Die Tiere sollen im Naturschutzgebiet Hustai im Rahmen eines Wiederansiedelungsprogramms ausgewildert werden. Dabei geht anfangs nicht alles glatt, doch 27 Jahre später, wir sind inzwischen in der Jetztzeit angelangt, wird ihre Zahl auf über 300 angestiegen sein. Weltweit existieren wieder 1500 Exemplare der seltenen Wildpferde. Die Rettung der Art wird als großer Erfolg betrachtet.

Nicht einmal 50 Jahre später, im Jahr 2064, wird der ganze Aufwand, werden all die Mühen und persönlichen Opfer umsonst gewesen sein. Die Klimakatastrophe ist eingetreten, Kommunikationssysteme und Stromversorgung sind zusammengebrochen, zahlreiche Tierarten ausgestorben oder bis auf versprengte Reste dezimiert.

Was genau passiert ist, wird recht lapidar in einem kurzen Absatz skizziert: „Schon seit vielen Jahren wanderten die Menschen, die Dürre hatte sie zur Flucht gezwungen. Dann folgte der Kollaps, und der Krieg. Sieben Jahre hielt er an. Die Menschen kämpften um Nahrung und Wasser. Anstatt ihre Kräfte zu sparen und sich auf das vorzubereiten, was unweigerlich bevorstand, setzten sie alles daran, zu siegen. Doch niemand siegte. Alle verloren. Anschließend kämpfte auch niemand mehr, denn das, wofür man gekämpft hatte, war weg. Selbst die Grenzen waren verschwunden.“

In einem kleinen Dorf in Norwegen hält Eva mit ihrer Tochter Isa und ein paar Tieren die Stellung auf ihrem Hof. In einem eigenen Gehege leben die beiden möglicherweise letzten Przewalski-Pferde der Welt. Um ihre Zukunftsaussichten ist es, wie man sich vorstellen kann, düster bestellt.

Im Prinzip hat Maja Lunde drei Storys fabriziert, diese in handliche Portionen gehackt und abwechselnd hintereinander sortiert. Es wird diese Vorgangsweise in wohlwollenden Rezensionen gern als kunstvoll bezeichnet, aber im Grunde ist es ein simpler Trick, das funktioniert gut für den Spannungsaufbau und macht jedes Kapitelende automatisch zum Cliffhanger.

Ein bisschen mehr braucht es für einen Bestseller aber natürlich schon. Im vorliegenden Fall ist es weniger überragende stilistische Brillanz, sondern mehr die gekonnte Vermischung von Fakten und Fiktion, die besticht: Schicksale lesen sich immer besser als Studien.

Das Arbeitspensum ist beeindruckend, wenn man bedenkt, dass sie in jeden Roman eine mindestens sechsmonatige Recherchephase mit ausgedehnter Reisetätigkeit investiert, mit steigendem Ruhm ein erhöhtes Pensum an Öffentlichkeitsarbeit absolvieren muss – und drei Söhne im Alter von neun, elf und 15 Jahren hat: Jesper, Jens und Linus. Ihnen ist auch Mamas jüngstes Buch gewidmet. Es muss ein eigentümliches Gefühl sein, Bücher über eine drohende dystopische Zukunft, geprägt von menschengemachter, scheinbar unaufhaltsamer Verwüstung, seinen Kindern zu widmen. Aber wem sollte man sie sonst zueignen?

Christina Dany in Falter 41/2019 vom 11.10.2019 (S. 23)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783442757909
Erscheinungsdatum 21.10.2019
Umfang 640 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Hardcover
Verlag btb
Übersetzung Ursel Allenstein
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