Das Dritte Reich
Roman

von Roberto Bolaño

€ 22,60
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Übersetzung: Christian Hansen
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 320 Seiten
Erscheinungsdatum: 29.08.2011


Rezension aus FALTER 41/2011

Leise Nostalgie gegenüber den heroischen Zeiten

"Das Dritte Reich" heißt ein Frühwerk von Roberto Bolaño, das nun posthum auf Deutsch erscheint

Für den Normalverbraucher dient der Urlaub dazu, dem üblichen Trott zu entgehen und die Sau rauszulassen. Ist der Urlaub vorbei, kehrt er mit neuer Motivation zurück in das System von Arbeit und Familie. Im Prinzip läuft das auch in Roberto Bolaños Roman "Das Dritte Reich" so, nur dass es dabei zu einigen Überraschungen, Konflikten und letztlich zu einer Radikalisierung kommt, die die ganze Spannung des Romans bedingt.
Zwei junge deutsche Paare machen Urlaub an der Costa Brava. Beide Paare gehen auseinander, aus ganz unterschiedlichen Gründen, die man in diesem Fall besser nicht verrät, um der Spannung keinen Abbruch zu tun. Die Hauptfigur, Udo Berger, erzählt die Geschichte in Tagebuchform, die Bolaño mit großer Geschicklichkeit einsetzt. Udo ist ein Strategie-Spieler, sein Lieblingsspiel ist langwierig und nennt sich "Das Dritte Reich".
Udo verbringt die Tage lieber im Hotelzimmer als am Strand, wo Charly, der zweite Deutsche, in seinem Element ist. Beide sind keine Nazis, doch eine leise Nostalgie gegenüber den heroischen Zeiten klingt bei Udo immer wieder durch. Ohne sich zu einer Ideologie zu bekennen, verhält er sich wie ein Herrenmensch. Er ist ein unausstehlicher, dennoch anziehender Deutscher, einer von der Sorte, der Bolaño eine hartnäckige Neugier entgegenbrachte. Udos Gegenspieler, ein Lateinamerikaner unbestimmter Herkunft, könnte ihn am Ende fertigmachen, doch er verzichtet darauf.

Erstaunlich, wie Bolaño es in diesem
frühen, zu seinen Lebzeiten unveröffentlichten Roman versteht, sich in die deutsche Seele einzufühlen und diverse Ausprägungen davon zu zeichnen. Die eigentliche Kraftquelle des Buchs ist aber, wie in so vielen Romanen und Erzählungen Bolaños, eine ganz andere Figur: ein Außenseiter und Dichter, ohne dessen Ausstrahlung Udos Tagebuch wahrscheinlich nur literarische Stümperei bliebe.
Von "El Quemado", dem Verbrannten, erfahren wir nur den Spitznamen, der auf seine äußere Erscheinung anspielt. Wie und wo er sich die Verbrennungen zugezogen hat, bleibt im Dunkeln. Man denkt an einen Unfall, vielleicht an Krieg. Udo hingegen ist unversehrt, hellhäutig, oft weiß gekleidet und machtdurstig. Der Verbrannte hat die Gewalt am eigenen Leib erfahren, doch er versteht es auch, sich geschickt in der fiktionalen Welt der Kriegsspiele zu bewegen.

Den Roman kennzeichnet ein feines, schillerndes, oft uneindeutiges Gespinst, das sich zwischen den Ebenen Spiel und Wirklichkeit, zwischen Krieg und "normalen" Konkurrenzkämpfen entfaltet.
Eine weitere, kraftvoll gezeichnete, dennoch im Halbdunkel bleibende Figur nennt sich Frau Elsa. Zweifellos handelt es sich um eine Anspielung auf Schnitzlers Fräulein Else. Bolaño war ein höchst belesener Autor, und es macht wenig Sinn, ihn auf bestimmte literarische Strömungen festzulegen. Eine seiner Vorlieben galt der österreichischen Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts, neben Schnitzler auch Joseph Roth, Broch, Musil. Frau Elsa verbindet einiges mit jenem Fräulein, nicht zuletzt eine existenzielle Koketterie, ein Sichversprechen und Sichentziehen.
Bolaños Roman eignet aber auch etwas von Schnitzlers Verschiebungsprinzip des "Reigens". Jede der Figuren des literarischen Karussells begehrt eigentlich eine andere als die, mit der sie gerade zusammen ist. Auf diese Weise kommt eine Spannung zustande, die sich zu jener der urlaubsbedingten Entgrenzung gesellt und mit dieser eng zusammenhängt. Die Einzigen, die nicht "eine andere" begehren, sondern schwerenöterisch nach allen Frauen schielen, sodass sie am Ende zu kurz kommen, sind zwei arme spanische Narren – ein komisches Paar, das sich in der Hoffnung, zu ein bisschen Spaß und Abenteuer zu kommen, wie Kletten an die Touristen hängt.
Und der Verbrannte, wen begehrt der? Der Text gibt keine Antwort, obwohl er seine Vitalität zu spüren gibt, weil er von dieser lebt.

Leopold Federmair in FALTER 41/2011 vom 14.10.2011 (S. 26)


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