Zeit
Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen

von Rüdiger Safranski

€ 25,60
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Geschichte/Kulturgeschichte
Umfang: 272 Seiten
Erscheinungsdatum: 24.08.2015


Rezension aus FALTER 41/2015

Langeweile, Pünktlichkeit und Zeitdruck

Philosophie: Rüdiger Safranski erklärt – eurozentrisch und ein wenig langatmig – das Phänomen Zeit



Wir sind Sklaven der Zeit. Nicht wir teilen sie für uns ein, sondern sie treibt uns vor sich her. Es gibt wohl kaum eine Stadt, in der nicht irgendwo Touristen irgendeine Uhr als Sehenswürdigkeit anbeten, und kaum noch einen Tag, an dem wir nicht von Weck- und Erinnerungsrufen durch unsere notwendigen Erledigungen geschleust werden.



Umso wohltuender ist es, dass Rüdiger Safranski sein neues Buch „Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen“ mit einem Kapitel über die Langeweile beginnt. Die Fähigkeit, Langeweile zu empfinden, unterscheidet etwa den Menschen vom Tier. Da sie für ihn aber auch „stockende Zeit“ ist, muss man sich von ihr lösen, und wenn man es schafft, aus der „Wüste der Langweile“ zurückzukehren, eröffnet sich einem der „zweite Anfang“.

Der Literaturwissenschaftler und Autor, der heuer 70 wurde, nimmt in seinem Essay das nächste große Thema in Angriff. Nach „Wie viel Wahrheit braucht der Mensch?“ (1990) und „Wie viel Globalisierung verträgt der Mensch?“ (2003) sowie Biografien über Nietzsche, Goethe und Schiller widmet er sich nun der Zeit. Und wie der Titel schon andeutet, geht es mehr um Erklärungen und Feststellungen als um Denk­experimente und Denkanstöße.

Safranski, von der Süddeutschen Zeitung jüngst als „unser aller Lieblingslehrer“ bezeichnet, legt in zehn Kapiteln, die mit Ausflügen zu Platon, Heidegger, Goethe, Newton, Einstein und vielen anderen großen Denkern dick gepolstert sind, unterschiedliche Aspekte zum Thema dar: Nach „Zeit der Langeweile“ folgt „Zeit des Anfangens“, „Zeit der Sorge“, später „Weltraumzeit“, „Eigenzeit“ und am Schluss „Erfüllte Zeit und Ewigkeit“.



Zugegeben, es gehört zu den schwierigsten Unterfangen, sich einem Phänomen wie der Zeit zu nähern, von dem man sich als Person so gar nicht abgrenzen kann. Es bleibt allerdings nach der Lektüre die Frage, ob nicht gerade dieser universelle Anspruch dem Werk mehr geschadet als genutzt hat, denn es ziehen sich auffallend viele Allgemeinplätze und Plattitüden durch den Text. Zumindest der Titel hätte eine Einschränkung vertragen, nämlich dass es sich hier um eine Betrachtung der Zeit aus strikt eurozentrischer Sicht handelt und ausschließlich große Geister des sogenannten „Abendlandes“ zitiert werden.

Erst am Schluss, im Kapitel über die Ewigkeit, tauchen plötzlich „östliche Weisheiten“ auf, „in denen das Ich nicht so sehr im Mittelpunkt steht“. Safranski schreibt über die „zyklische Zeit“, also den Gedanken der Wiedergeburt: „Könnte der Einzelne sein individuelles Sterben wirklich in der Perspektive des umfassenden Lebensprozesses erfahren, so würde er noch im Sterben das Leben entdecken. Das könnte etwa Tröstliches haben.“ Mehr als ein zufälliges Anstreifen an diesem Gedanken wäre lesenswert gewesen.

Ein großer Teil der Kapitel, wie jenes über die „Eigenzeit“ (die Zeit, wie sie das Individuum in der Angst vor seinem eigenen Verschwinden erlebt) und die „Weltraumzeit“ (die Zeit, wie sie aus einer kon­struierten Vogelperspektive berechnet werden kann; Stichwort Relativitätstheorie), driften ins Dozierende ab und hinterlassen trotz einer beeindruckenden Liste an Zitaten eher Ratlosigkeit und Langeweile.



Spannend wird es in den Abschnitten „Vergesellschaftete Zeit“ und „Bewirtschaftete Zeit“. Safranski beginnt bei der Erfindung der Uhrzeit und erklärt, wie dadurch erst das „wunderliche Phänomen der Pünktlichkeit“ entstand. Er schreibt über die Aufstände gegen die disziplinierende Fabrikarbeit im 19. Jahrhundert, die nicht den Menschen ihr Tagewerk erleichterte, sondern sie an den Rhythmus einer Maschine verfütterte, dem sie standhalten mussten.

So zerstörten bei Revolten, erzählt Safranski, die Industriearbeiter nicht nur die Maschinen, sondern auch die Uhren. Dann schlägt er einen Bogen zum Selbstvermessungswahn der aktuellen Gesellschaft, die sich ohne physischen Druck ganz freiwillig durchleuchten und durchtakten lässt – und lässt das Thema nach wenigen Sätzen wieder beiseite.

Darauf geht er über zum Zeitdruck und fragt herrlich klug-naiv: „Was aber ist es genau, was da drückt, wenn der Zeitdruck zunimmt?“ Eine Antwort findet er im Zwang der Produktivitätssteigerung und bezieht sich dabei auf Karl Marx. Die Ökonomie werde zu einer Zeitökonomie und dadurch zu einem berechenbaren Wert. Und da Vorteile nur dann entstünden, wenn man schneller, innovativer und billiger produziere, entstehe der „ökonomische Zwang zur Beschleunigung“, und dazu gehöre die „Wegwerfökonomie“. „Die Produktion lässt das, was an ihr Vergangenheit ist – eben den Abfall –, nicht nur hinter sich, sondern schiebt es auch vor sich her. Unsere Vergangenheit – als Abfall – ist auch unsere Zukunft.“



Auch wenn sich Rüdiger Safranski dagegen wehrt, dem Aktuellen nachzujagen, und sich lieber anschickt, der Welt das große Ganze begreiflich zu machen, formuliert er genau dort besonders scharf und eindrucksvoll, wenn es um das Zeitgenössische an der Zeit geht, nämlich ihre Opferung an die Wirtschaft.

Wenn er allerdings die Zeit in ihrer ganzen Bedeutung fassen will, von der Relativi­tätstheorie bis zum Begriff der Ewigkeit, bleibt Safranski schwammig und in seiner Argumentation wenig greifbar. Trotz des ganzen Wissens, das er in dieses Buch verpackt hat, beantwortet er nur fragmentarisch­ die Fragen, die er selbst in den Raum gestellt hat: Was macht die Zeit mit uns und was machen wir aus ihr? Safranskis neues Werk ist eine Kulturgeschichte der Zeit und deshalb lesenswert. Neue, zukunftsweisende Überlegungen findet man darin allerdings nicht.

Stefanie Panzenböck in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 38)


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