Gelassenheit
Über eine andere Haltung zur Welt

von Thomas Strässle

€ 18,40
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Verlag: Hanser, Carl
Format: Taschenbuch
Genre: Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft/Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Umfang: 144 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.01.2013


Rezension aus FALTER 11/2013

Alles da, doch etwas fehlt: Freiheit, Zeit, Gelassenheit

Lebenskunst: drei neue Bücher über Zustände, an denen zumindest ein gefühlter Mangel herrscht. Das Gute daran: Die schmalen Bände kann man lesen, ohne zu viel von ebendiesen einzubüßen

Konsum bedeutet, im Heute zu leben und Arbeitsplätze zu schaffen, aber auch Spaß, Lebensfreude und Selbstinszenierung. Und Sparsamkeit gehört nicht zu den Tugenden, sondern es gibt genauso viele Argumente für die Verschwendung, meint Philipp Tingler, geboren 1970 in Berlin.
"Aufgeklärtes Konsumieren ist keine Ressourcenverschwendung, sondern ein schöpferischer Akt der Selbstfindung, wo jeder friedlich und authentisch nach seinen Präferenzen selig werden kann." Denn was anderes ist Geschmack, fragt der Deutsch-Schweizer Ökonom, Schriftsteller und Journalist, als die Fähigkeit zur Wahl?
Tingler lebt offenbar in jenem geschlossenen Milieu, das sich gerne selbstgeißlerisch als Bobos beschimpft – und das dem Konsum aus moralischen und politischen Gründen (zumindest theoretisch) oft skeptisch gegenübersteht. An dieses richten sich die Thesen seines Pamphlets, und wohl nur hier werden sie auch wirklich als provokant wahrgenommen werden. Denn die Mehrheit der Bevölkerung, vom Manager bis zum Couch-Potato, hat mit dem Konsumieren bekanntlich kein Problem.

Konsum und Freiheit
Philipp Tingler jedenfalls sieht darin mehr Gutes als Schlechtes. Denn auch wenn sie alleine nicht glücklich machen können: Geld und Konsum machen gleich. Und der Boden für diese Gleichheit ist der freie Markt, dem Tingler folgerichtig ein Loblied singt.
Die "freie Entfaltung des Individuums im Wechselspiel von Individualität und Zugehörigkeit" sei "eines der großartigen Angebote der Konsumgesellschaft, ein Glücks­angebot ohne Fundamentalismus und Aggression".
Alles ist gut? Nicht ganz. Denn etwas fehlt Tingler doch: Freiheit. Aber das liegt nicht am Markt, sondern am politischen System in Deutschland, das sich von dem hierzulande ja nicht prinzipiell unterscheidet, sprich, am verbreiteten Hang, der Gleichheit den Vorrang vor der Freiheit zu geben.
Im angloamerikanischen Raum hingegen wird der Freiheit der Primat eingeräumt, zumindest von Konservativen. Da dieses Wort dort anders konnotiert ist als bei uns, gibt Tingler mit dem amerikanischen Publizisten Andrew Sullivan ("The Conservative Soul", 2007) einen kleinen Nachhilfekurs in Sachen Konservativismus bzw. Liberalismus, der hierzulande gerne mit Neoliberalismus in einen Topf geworfen wird, ohne die Unterschiede erklären zu können.
Ronald Reagan und Margaret Thatcher etwa waren Konservative, aber nicht im kontinentaleuropäischen Sinne. Deswegen hasst Tingler die Ex-Regierungschefs der USA und Großbritanniens auch nicht so sehr wie seine Freunde und Bekannten. "Beide sahen die Aufgabe des Staates vor allem darin, seine Bürger so weit wie möglich in Ruhe zu lassen."
Die Autonomie des Individuums sei aber im deutschsprachigen Raum vielen Intellektuellen suspekt, die eher zu paternalistischen Staatsideen neigen. Und das artet dann schnell in Tugendterror aus.
Der liberale Staat dagegen basiere nicht auf Bevormundung, sondern auf "Toleranz und Neutralität gegenüber allen Weisen der rechtskonformen Lebensgestaltung", in seinem Mittelpunkt stehe der Einzelne und nicht der Schwarm, der nach Tingler nicht intelligent, sondern "ziemlich blöd" sei und beim Menschen "nicht selten die unschönsten Eigenschaften" zum Vorschein bringe. Etwa in der Piratenpartei, die weniger mit Bürgerrechten als mit der "Vergesellschaftung geistigen Eigentums aus reinen Konsuminteressen" zu tun habe.
Als primären Feind der Freiheit sieht Tingler den Fundamentalismus an, der für ihn die "größte Gefahr des 21. Jahrhunderts" darstellt und sich durch Geschlossenheit, absoluten Wahrheitsanspruch, Schwarzweißmalerei und Aggression auszeichnet, aber vor allem durch die Abwesenheit von Humor und Spaß.
Seinem gipfelstürmenden Utopismus und Hang zu Letztbegründungen stellt er den Pragmatismus und die Erfahrungsbezogenheit des liberalen Konservativismus angelsächsischer Prägung entgegen, und das bedeutet für ihn nicht nur Bewahrung des Bewährten, sondern auch Anerkennung der Fehlbarkeit des Menschen, der Unzulänglichkeit der menschlichen Vernunft sowie eine Kultur der Debatte – die Mühen der Ebene sozusagen.
Auszuhalten sei das mit zwei Kulturtechniken: Humor und Ironie als skeptischer Reserve und Distanz zu sich selbst. Ironie versteht er als die "natürliche Feindin des Fundamentalismus und Retterin des höchsten Guts: der Autonomie des Einzelnen in der emanzipierten Konsumgesellschaft". Damit bietet er zwar keine Lösung – aber Freiheit kann naturgemäß auch gar keine Lösung darstellen, sondern immer nur eine Aufgabe.
Man muss Tingler nicht in allem Recht geben, aber fest steht, dass in der österreichischen Politik sowie bei den Medienmachern, ob rechts oder links, ein Hang zu Vorschriften überwiegt gegenüber der Einstellung, die Bürger selbst entscheiden zu lassen, was für sie richtig ist und wie sie leben wollen – vom Rauchverbot bis zur Forderung, alle Kinder ab einem Jahr zwingend in die Krippe geben zu müssen.
Insofern könnte Tinglers Buch gerade hierzulande einen Beitrag zu einer Debatte liefern, die gelinde gesagt als ausbaufähig zu bezeichnen ist.
Widerstand statt Mitmachen
Mit Freiheit muss man umgehen können. Das ist nicht immer leicht, zum Beispiel in puncto Zeit. Zeitdruck, Stress, Burnout deuten darauf hin, dass hier etwas gründlich misslingt: das Management von Zeit und Kraft. Diesem Thema widmet sich Julian Pörksen. "Verschwende deine Zeit" lautet der Titel seines "Plädoyers" für den zweckfreien Umgang mit diesem immateriellen Lebensgut, das nichts anderes ist als das Leben selbst und von dem ein sterbliches Wesen nie genug haben kann. Wo Zeit Geld bedeutet, gibt es davon anscheinend immer weniger. Und das macht unfrei.
Pörksen, studierter Philosoph, der am Theater arbeitete und bei der Berlinale 2012 seinen ersten Film vorstellte, beklagt diese Hetze, die "Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche", der Philipp Tingler so viel Positives abgewinnen kann. Denn in seiner Wahrnehmung dient Freizeit nicht wie bei Tingler dem Genuss, sondern der Steigerung der Leistungs- und Produktionsfähigkeit. Dem hat er einen Vorschlag entgegenzusetzen: nicht das Mitmachen, sondern den Widerstand.
Pörksen wirft dafür einen bisweilen recht brav akademisch anmutenden Blick in die Geschichte der Philosophie, ihren Begriff von Disziplin, innerer Uhr, geweihter Zeit und Zeitmanagement, an dessen Ende er Walter Benjamin zu seinem Gewährsmann für seinen "ketzerischen Akt" aufruft: "die Weigerung, die Lebenszeit zum Gegenstand des Konsums und der Optimierung zu machen".
Dazu scheint ihm die Zeitverschwendung ein probates Mittel. Eine neue Idee ist das nicht, aber sie hat etwas für sich und steht auch nicht unbedingt in Widerspruch zu jenem Konsum, den Philipp Tingler meint. Denn ist nicht Konsum, der nicht der Lebenserhaltung dient, pure Zeitverschwendung? Eis essen, Kino, Klamotten kaufen? Natürlich kann man sich ohne Konsum auch die Zeit vertreiben. Das ist bestimmt nobler. Schon deswegen lohnt es sich, diese Option ins Auge zu fassen.
Trödeln, schlummern, flanieren, schwänzen, prokrastinieren, also so lange aufschieben, bis etwas noch Unangenehmeres die Pflicht erträglicher zu werden lassen scheint, lauten Pörksens Vorschläge. Verschwendung bedeutet Überfluss, und Pörksen, Jahrgang 1985, preist sie mit durchaus noch jugendlich anmutendem, blauäugigem Überschwang als subversiv, gar als glorios an und verspricht dafür die Lust eines Tabubruchs.
So hoch muss man ja nicht greifen. Denn nichts zu tun zu haben stellt für die meisten Menschen – Stichwort: Arbeitslosigkeit – keinen Spaß, sondern vielmehr eine Herausforderung dar, die sie auf nicht sehr angenehme Weise auf sich selbst zurückverweist. An einer Stelle im Buch ist ein weißes Quadrat abgebildet, und Pörksen fordert den Leser auf, es für eine Minute zu betrachten – eine Übung für die von ihm propagierte "erwartungslose Auslieferung an den Augenblick".
Damit sich bei solch einer Übung eine "lustvolle Bejahung der Unsicherheit des eigenen Lebens" einstellt und keine Panik, braucht es Gelassenheit.

Sehnsuchtsbegriff der Gegenwart
Dieser Gelassenheit hat Thomas Strässle, Jahrgang 1972, eine Studie gewidmet. Im Gegensatz zu Tingler und Pörksen verfolgt er keine Mission, ist sich aber sehr wohl bewusst, dass es unserer Zeit besonders an Gelassenheit mangelt. Von der "Ratgeberindustrie", die sich um diesen Begriff herausgebildet hat, hebt sich Strässle bewusst und wohltuend ab.
Mit Thomas Mann definiert er den "Sehnsuchtsbegriff der Gegenwart"– für den es in anderen Sprachen übrigens keine direkte Übersetzung gibt – als eine "ästhetische und existenzielle Offenheit für das, was einem begegnen kann" und einen Gegensatz zu Anspannung und Überanstrengung – und liegt damit gar nicht so fern von dem, was Tingler und Pörksen anvisieren.
Er untersucht den Wortstamm und die Philosophiegeschichte, die im Fall der Gelassenheit nicht streng von der Theologie zu trennen ist. Denn der Begriff, geprägt vom Mystiker Meister Eckhart und erweitert von seinen Schülern Heinrich Seuse und Johannes Tauler, stammt aus dem religiösen Kontext. Erst im Zuge der Aufklärung ging seine spirituelle Dimension weitgehend verloren.
"Dem Menschen wäre leichter, zehn Arbeiten zu verrichten, als sich einmal gründlich zu lassen", schrieb Tauler schon vor rund 800 Jahren.
Der Zustand der Gelassenheit ist ereignisarm und unbildlich, deswegen bekommt man sie so schwer zu fassen. Sie hat zu tun mit Ablassen, Zulassen und Überlassen und beinhaltet immer eine Art Verzicht. Ihr Nichthandeln bedeutet Freiheit, aber nicht die Freiheit, zu tun, was man will, sondern zu lassen, was man nicht will.
Strässles gelehrte, aber nicht belehrende Abhandlung zitiert Goethe, Mörike, Büchner und Robert Walser, Kant, Schopenhauer, Nietzsche und Heidegger. Der Stürmer und Dränger war das Gegenteil des gelassenen Menschen – und sogar stolz darauf. Im Fin de Siècle firmierten Nervosität und Erschöpfung als Modekrankheiten.
Gelassenheit setzt voraus, sich von der Unmittelbarkeit des Lebens zu distanzieren, es vernünftig zu betrachten, referiert Strässle Arthur Schopenhauer, der im echten Leben ein Choleriker gewesen sein soll. Durch sein Vermögen, immer gleichzeitig konkret und abstrakt zu leben, wie ein Schauspieler, der gleichzeitig Zuschauer ist, unterscheidet sich der Mensch für den Philosophen von Wille und Vorstellung vom Tier.
Gerade über die Betrachtung von Kunst kann der Mensch zu einem willensfreien Subjekt der Erkenntnis werden, und dazu passt auch, dass Julian Pörksen in seinem kurzen "Ausblick" über das Theater nachdenkt als "Anstalt zur gemeinsamen, gloriosen Zeitverschwendung" und "Verausgabung", deren Nutzen in ihrer vollständigen, befreienden Nutzlosigkeit liegen könnte.
Nach Peter Sloterdijk ("Du musst dein Leben ändern", 2009) leben wir übrigens schon in einer Gelassenheitskultur, denn wir lassen ständig etwas mit uns machen: Wir lassen uns informieren, unterhalten, beliefern, erregen, heilen, erbauen, versichern, transportieren, beraten, korrigieren. Das höchstmögliche Ziel, meint Strässle, könne nach diesem Modell der Gelassenheit allerdings nur "die maximale Kompetenz zur Teilhabe an Fremdkompetenz" sein.
Echte Gelassenheit ist aber mehr als Willfährigkeit und Gedankenlosigkeit, sie hat immer einen aktiven Aspekt. Schon für Johannes Tauler reichte Gelassenheit – "die Dinge hinzunehmen, die sich nicht ändern lassen" – nicht aus. Für ihn brauchte es genauso den "Mut, Dinge zu ändern, die geändert werden sollten, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden".

Kirstin Breitenfellner in FALTER 11/2013 vom 15.03.2013 (S. 28)


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