Selbstporträt mit Bienenschwarm
Ausgewählte Gedichte 2001- 2015

von Jan Wagner

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Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Lyrik
Umfang: 256 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.02.2016

Rezension aus FALTER 41/2017

„Ich denke derzeit viel über Matratzen nach“

In den Gedichten des designierten Büchner-Preisträgers Jan Wagner wimmelt es von Viechern und Pflanzen. Ein Gespräch über Lieblingslandschaften und -vögel, über schmutzige Reime und das schmutzige Berlin

Jan Wagner ist einer der meistbeachteten und höchstdekorierten Dichter der deutschen Gegenwartsliteratur, sein Wikipedia-Eintrag listet 35 Preise und Stipendien auf. Für seine „Regentonnenvariationen“ (2014), die es in der Folge – für einen Gedichtband höchst ungewöhnlich – sogar auf die Spiegel-Bestsellerliste schafften, wurde ihm 2015 als erstem Lyriker überhaupt der Preis der Leipziger Buchmesse zuerkannt. Am 28. Oktober wird ihm nun der wichtigste Literaturpreis des deutschen Sprachraums, der mit 50.000 Euro dotierte und von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehene Georg-Büchner-Preis übergeben.
Wagners Schaffen ist von einer stupenden Kenntnis und einem virtuosen Gebrauch traditioneller, komplizierter und entlegener Formen gekennzeichnet, die indes immer wieder auch spielerisch und selbstironisch unterlaufen werden. Und wer sich in der Form so souverän bewegt wie Jan Wagner, der kann es sich auch leisten, dem Fehlerhaften, Schiefen und Ungenügenden einen fixen Platz in seinem Werk einzuräumen. So perfekt Wagner die Form des Sonetts zu bedienen weiß – etwa in seinem vielleicht berühmtesten Gedicht, in dem das Wuchern des „giersch“ nicht nur besprochen, sondern selbst Sprache wird –, so hat er zugleich ein ausgesprochenes Faible für den sogenannten „slant rhyme“, also unreine lautliche Koppelungen, in denen dann etwa „baum“ auf „boheme“ „reimt“ und haarsträubende, nein, nicht nur Zeilen-, sondern Wortbrüche eingeführt werden, damit der „damas– / tenen haut“ der „schlehen“ in der übernächsten Verszeile „der ungläubige thomes“ hinzugesellt werden kann.
Ein besonderes Husarenstück gelang Wagner mit dem Band „Die Eulenhasser in den Hallenhäusern“ (2012), in dem er sich gleich drei Dichter erfand, um diesen die eigene Produktion unterzujubeln. Wagner nutzte die Deckidentitäten von Anton Brant, Theodor Vischhaupt und Philip Miller nicht nur, um höchst unterschiedliche Formen und Idiome zu bedienen.
Falter: Darf ich zu Beginn die Sportreporterfrage stellen: Wann haben Sie’s realisiert, dass Sie den Büchner-Preis gewonnen haben?
Jan Wagner: Man braucht schon eine Zeit lang: Es ist ein schöner, wunderbarer Schock, aber das Glück strömt dann langsam ein.

In einem Artikel wurde darauf einmal hingewiesen, dass Sie „Nebentätigkeiten“ nachgehen müssen. Ist das jetzt vorbei, beziehungsweise stört Sie das überhaupt?
Wagner: Eigentlich nicht. Lyriker ist ja kein Brotberuf, und ich habe daneben immer Rezensionen geschrieben und übersetzt, und selbst damit wäre es ohne Stipendien schwierig gewesen. Jetzt kann ich mich etwas mehr darauf verlassen, dass das Brot durch die Gedichte selbst hereinkommt, aber die Wahrheit ist auch, dass ich die anderen Tätigkeiten ja mag.

Unterrichten tun Sie nicht?
Wagner: Doch. Ich bin kein geborener Pädagoge, aber mit Schülern und Studenten über Literatur zu reden ist sehr lehrreich, weil die Fragen, die sie stellen, oft die fundamentalen Fragen sind, die man längst für sich beantwortet zu haben glaubt.

Sind Sie eigentlich schon in den Schulkanon eingedrungen?
Wagner: Es gibt sehr engagierte Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer, die einen einladen, was ich großartig finde, weil es für viele Schülerinnen und Schüler überraschend kommt, dass es auch Dichter gibt, die noch am Leben sind.

Haben Sie sich schon überlegt, wo dereinst Ihre Asche verstreut werden soll?
Wagner: Über meine Asche mag ich eigentlich noch nicht nachdenken müssen, aber Ted Hughes hat die seine in Yorkshire verstreuen lassen.

Deswegen frage ich ja.
Wagner: Dann rede ich lieber darüber, welche Landschaften mir wichtig sind, und die Küste oder Küstennähe liebe ich schon sehr, auch wenn das für viele unspektakulär ist. Alleine die Rapsfelder sind herrlich!

Mit Hughes verbindet Sie, dass auch er zwar in der Großstadt gelebt hat, aber kein urbaner Dichter war. Da scheint es doch eine Affinität zu geben.
Wagner: Auf jeden Fall. Bei Hughes gibt’s einige wenige Stadtgedichte, und auch bei mir sind die selten. Wobei meine Berlin-Sonette, die ich aus Begeisterung über diejenigen von Georg Heym geschrieben habe, aus der Zeit stammen, bevor ich nach Berlin gezogen bin. Heym war übrigens auch kein Berliner, sondern stammte aus Hirschberg in Schlesien. Vielleicht schreibt man die besten Berlin-Gedichte, wenn man nicht aus Berlin kommt.

Aber insgesamt scheint die Großstadt für Sie unergiebiger zu sein als das Land?
Wagner: Berlin ist ein Fundus für alles Mögliche, aber nicht unbedingt für Großstadtbetrachtungen. Man findet unglaublich viel Material und braucht sich nur in den Bus zu setzen, um auf eine fantastische Geschichte oder ein großartiges Wort zu stoßen.

Können Sie das an einem konkreten Beispiel festmachen?
Wagner: Ein Gedicht über einen Fisch in der Normandie fußt auf einer Geschichte, die ich im Bus aufgeschnappt habe, und ein Gedicht über einen Pitbull, das ich geschrieben habe, ist eigentlich ein typisches Berliner Stadtgedicht, weil die Dichte von Pitbulls in Neukölln, wo ich wohne, doch auffällig hoch ist. Es gibt da illegale Pitbullzuchten. Im Moment faszinieren mich die Matratzen, die komischerweise in ganz Berlin herumliegen und offenbar über Nacht rausgeschleift werden. Ich denke derzeit sehr viel über Matratzen nach, über deren Geschichte und die Leute, die sie entsorgt haben.

Müssen Sie denn auch immer wieder raus aus der Stadt?
Wagner: Die Sehnsucht nach der Datscha ist in der Tat sehr verbreitet in Berlin. Viele haben ein Häuschen oder einen Kleingarten. Wir haben das nicht, aber es ist ja sehr einfach, sich in die Regionalbahn zu setzen und an den See zu fahren. Ein Sommer in Berlin kann herrlich sein.

Es gibt den Topos von Lyrik als ein Medium der Entschleunigung, das auch hilft, sich gegen die Hektik des Alltags und insbesondere der Großstadt zu wappnen. Ist das nicht ein bisschen ein Schmafu?
Wagner: Finde ich eigentlich nicht. Allein schon das Lesen von Lyrik braucht Zeit, Ruhe und Geduld, und beim Schreiben ist es genauso.

Wie langsam sind Sie?
Wagner: Beim Schreiben? Sehr langsam! Entgegen der weit verbreiteten Ansicht, dass man ein Gedicht im Rausch der Inspiration nur noch runterzuschreiben braucht, kommt das ja in Wirklichkeit kaum vor. Im Fitzwilliam-Museum im Cambridge liegt die Handschrift von Keats „Ode to a Nightin­gale“. Das ist tatsächlich das Blatt, das er auf dem Schoß hatte, als er unter dem Baum saß und die Nachtigall hörte und auf dem nur ein paar winzige Korrekturen zu sehen sind. Es gibt schon Gedichte, die einem geschenkt werden, aber in der Regel trage jedenfalls ich Ideen, Wörter und Zeilen sehr lange mit mir herum, ehe ich mich hinsetze und daraus was mache.

Wie lange?
Wagner: Mindestens Tage, manchmal auch Wochen oder Monate.

Und wie hoch ist der Ausschuss?
Wagner: Sehr hoch. Wenn in meinen Notizbüchern, die 150 Seiten haben, am Schluss zwei Gedichte stehen, bin ich froh. Es ist allerdings so, dass Zeilen, die in ein Gedicht doch nicht hineingepasst haben, ihrerseits wieder zu einem Gedicht führen können. In dem Sinne ist das also nicht alles unbedingt Ausschuss.

Gibt es ein Pensum, das Sie sich auferlegen?
Wagner: Nein. Wenn ich im Monat ein Gedicht schreibe, mit dem ich zufrieden sein kann, bin ich froh. Nichts ist schlimmer, als ein Gedicht zu schnell in einen Zustand zu zwingen, den es nicht haben sollte. Wenn ein Gedicht eine strenge Struktur hat, die aber unbefriedigend und letztlich nicht die richtige ist, dann ist es schwer, die aufzubrechen und wieder neu anzufangen.

Wie erfüllt man eine Form, ohne dass daraus eine Art „Malen nach Zahlen“ wird?
Wagner: Wenn man Formen nur erfüllt, sich also hinsetzt und als Erstes entscheidet: „Ich schreibe ein Sonnet“, dann wird es höchstwahrscheinlich ein furchtbares Gedicht. Formen sind kein Selbstzweck, aber es ist wichtig, das ganze Repertoire im Kopf zu haben, weil die Form ab einem bestimmten Punkt ein kreativer Widerstand sein kann, der einen animiert, vollkommen neue Wege zu gehen. Ich glaube, dass es gut ist, so viele Formen zu kennen wie möglich, und zwar nicht nur europäische, sondern zum Beispiel auch etwas wie das Pantun, eine malaiische Tradition, die von dem gerade erst verstorbenen John Ashbury oder auch von Oskar Pastior genutzt wurde.

Und was macht ein Pantun aus?
Wagner: Dass die zweite und vierte Zeile der ersten Strophe zur ersten und dritten der zweiten werden, und die zweite und vierte der zweiten zur ersten und dritten … Das Gedicht beißt sich also in den Schwanz. Wenn man eine Zeile findet, die so stark ist, dass sie wiederholt werden kann oder muss, bieten sich gewisse Formen an. Ich habe zum Beispiel eine Sestine geschrieben, die „Der Veteranengarten“ heißt. Da wird ein Heim in London beschrieben, in dem die alten Herren in ihren Uniformen sitzen. Die Art und Weise, in der hier die Worte wiederholt werden, entspricht der Routine dieser Veteranen, die immer wieder raus- und reingeschoben werden und Schach spielen – und eine Sestine ist im Grunde genommen auch eine Form von Schachspiel, wo man die Worte auf eine kluge Weise hin und her schieben muss wie die Figuren auf dem Brett. Und da bietet sich wiederum das schöne „matt“ als Wort an, das immer wiederholt wird. Da steckt nicht nur der Begriff aus dem Schach dahinter, sondern auch der matte Glanz der Uniformknöpfe und die Ermattung ihrer Träger. Da wird die Form nicht einfach aufgefüllt, sondern zwingend.

So wie die „Melde“ eine dankbare Pflanze ist, weil es dann was zu „melden“ gibt und auch das „Milde“ nicht weit ist.
Wagner: Oder die „Müllde-ponie“ …

Das brutale Enjambement, das nicht nur durch Sätze, sondern sogar durch Worte geht, ist ein Lieblingsmanierismus von Ihnen?
Wagner: Ja, natürlich. Man hört es ja nicht, wenn ich es vorlese, aber man sieht es im Schriftbild, und das ist auch ein Mittel, der strengen Struktur auch wieder zu entkommen und sich freizutanzen. Oder noch einmal anders gesagt: Man unterwandert die Form, derer man sich bedient.

Wie ist das dann mit Anagrammgedichten? Das ist ja schon mehr Mathematik als Dichtung.
Wagner: Stimmt. Da schreibt sich das Gedicht sozusagen von selbst und der Autor tritt vollkommen hinter die Buchstaben und Sprache zurück.

Es muss sich zum einen ausgehen, zum anderen aber doch auch Sinn ergeben.
Wagner: Naja, Sinn … Man ist beim Anagramm natürlich schnell im Bereich des Nonsens und zugleich auch in dem der Magie: Was steckt in dieser bestimmten Anzahl von Buchstaben alles drin? Das Erstaunliche ist, dass man als Autor zunächst verschwindet, im Verlauf des Schreibens aber genau das findet, was man sucht. Es gibt ein Gedicht von Theodor Vischhaupt, in dem lauter Esswaren auftauchen. Die findet man dann auf einmal in diesen Buchstaben.

Anagramme sind aber auch Erbsenzählerei, man muss die Buchstaben durchstreichen, damit man keine übersieht.
Wagner: So hat das Unica Zürn gemacht, von der es Strichlisten gibt. Man kann aber natürlich auch Scrabble-Buchstaben verwenden. So mache ich das.

Im Internet gibt’s mittlerweile auch Anagrammprogramme.
Wagner: Aber das ist erstens ein Betrug und zweitens tritt genau das nicht ein, was ich eben beschrieben habe. Dass Reizvolle ist ja, dass man trotz dieser geradezu verteufelt vertrackten Form als Autor dann doch wieder ins Spiel kommt. Das Schöne am Anagrammdichten ist, dass man’s immer machen kann – egal, wie unausgeschlafen man ist.

Welcher der drei Dichter, deren Deckidentität Sie benutzt haben, war eigentlich der ergiebigste?
Wagner: Ergiebig waren alle. Als Erstes habe ich ein, zwei Anagrammgedichte geschrieben, da gab’s aber die Figur noch nicht. Der Wunsch, ein Buch draus zu machen, entstand in Rom, insofern war Philip Miller der Wichtigste. Ich habe ein Jahr in Rom gelebt und sah mich mit der Schwierigkeit konfrontiert, in Rom Romgedichte schreiben zu wollen, damit aber auch in einer sehr belastenden Tradition zu stehen. Und Ele­gien gehen eigentlich überhaupt nicht!

Warum eigentlich?
Wagner: Ja, warum? Die Fallhöhe ist einfach enorm, und wenn man nicht nur Elegien schreibt wie Brodsky, sondern auch noch in klassischen Distichen wie Goethe, dann erleichtert es die Sache doch sehr, wenn ein anderer das übernimmt.

Sie haben aber nicht damit hinterm Berg gehalten, dass Sie hinter Philip Miller stehen. Es ist also so eine Art produktiver Selbstbetrug?
Wagner: Ja, es hat das Schreiben wirklich vereinfacht. Ich teile mit allen drei Dichtern das Interesse und auch biografische Details, aber mich trennt auch sehr viel von ihnen. Ich kann mit dem Wortmaterial, das ein Bauer verwenden würde, nicht ehrlicherweise Landwirtschaftsgedichte schreiben, weil ich eben keiner bin. In der Rolle eines Bauern kann ich das sehr wohl.

Ist das Idiom von Anton Brant authentisch oder erfunden?
Wagner: Es ist ein Mix. Die Wörter und Begriffe gibt es, sie sind im Duden, vor allem aber im Grimm’schen Wörterbuch zu finden, aber es sind nicht alle norddeutsch, sondern da kommt auch Hessisch, Sächsisch oder Bayerisch vor.

Aber die Wörter bedeuten das, was im Glossar behauptet wird?
Wagner: Ja, das ist authentisch. Es war eine bizarre Situation, denn ich war in Rom und habe versucht, Italienisch zu lernen, und zugleich hatte ich diese Blätter mit den deutschen Vokabeln an der Wand hängen, um mir das Brant’sche Idiom anzueignen.
In Ihren soeben erschienenen Essays tauchen zwei Gewährsleute auf, die für einen ganz unterschiedlichen Zugang zum Dichten stehen. Da ist einmal Edgar Allan Poe, der Dichten sehr formalistisch und technisch auffasst, was gerade bei ihm sehr verwundert.
Wagner: Das stimmt. Seine berühmten Essays sind aber auch als Provokation gegen jene gedacht, die vom Rausch des Dichtens reden. Wenn er also von „The Raven“ behauptet, „am Anfang war das o“, und daraus habe sich alles von selbst ergeben, dann sollte man ihm das vielleicht auch nicht ganz blauäugig glauben. Andererseits ist sein Zugang schon richtig: Er setzt sich hin und überlegt: Was ist der melancholischste Laut? Das „o“. Und was ist das stärkste Wort? „Nevermore“!

Die Kontrastfigur wäre Eduard Mörike, an dem Sie gerade das Kindsköpfige herausstreichen.
Wagner: Das nimmt mich sehr für ihn ein. Wenn man Gedichte schreibt, ist das wichtig. Es hat schon seine Berechtigung, dass Ossip Mandelstam das Staunen als die Grundtugend des Dichters bestimmt hat. Jedes Kind staunt die simpelsten Dinge an, und das hat Mörike vermutlich auch getan. Und wenn man’s richtig betrachtet, ist ja alles um uns herum höchst sonderbar. Hinzu kommt die Spielfreude, die Freude, die ein Kind beim Brabbeln empfindet oder bei der Entdeckung, dass Dinge auf einmal ein Beziehung eingehen, bloß, weil sie sich reimen. Wie kommt das denn?

Poe plus Mörike ergibt dann den kompletten Dichter?
Wagner: Ja, man braucht beides: das Kindliche und das ganz exakte und unkindliche Erforschen der Klänge, der Etymologie und Doppeldeutigkeiten.

Wenn man sich mit der Onomatopoesie auseinandersetzt, landet man auch relativ schnell bei der Ornithologie.
Wagner: Genau. Man begreift, warum ein Stieglitz Stieglitz heißt, weil er nämlich „stiegelitt“ singt. Großartig!

Haben Sie denn einen Lieblingsvogel?
Wagner: Als Berliner ist mir der Spatz ausgesprochen sympathisch. Er ist kein großer Sänger, aber zutraulich, frech und sehr sozial. In Hamburg und in München sieht man den kaum noch, die sind einfach zu sauber. In Berlin gibt’s noch genug dreckige Parks, bröckelnde Fassaden und genug Essensreste, die überall auf dem Boden rumliegen.

Klaus Nüchtern in FALTER 41/2017 vom 13.10.2017 (S. 4)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Der verschlossene Raum (Jan Wagner)
Unmögliche Liebe (Jan Wagner, Tristan Marquardt)

Rezension aus FALTER 11/2016

Grasende Wolken und Bienen im Kopf

Der lyrische Regentonnentrommler Jan Wagner legt ein summendes und brummendes Best-of-Album vor

Wenn einer alles kann, ist das gefährlich. Die Gefahr lauert auf einer höheren, gleichsam luxuriösen Ebene (im Vergleich zu jener des Nichtskönnens) und besteht darin, dass die Wendigkeit des Stilkünstlers das Notwendige der Kunst aussticht.
Als Jan Wagner im Vorjahr mit dem Band „Regentonnenvariationen“ als erster Lyriker überhaupt den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt, wurde ihm auch das vorgeworfen: Einfach zu gut sei er, zu versiert und virtuos, um seriös und – wie Deutsche es gern von Deutschen erwarten – tiefgründig zu sein.
Überhaupt war der Gegenwind lebhaft, den einen war Wagner zu prächtig, den anderen zu populär-verständlich, zu wenig modern und radikal, und wieder anderen zu läppisch und gegenwartsscheu, zu wenig politisch, während die Kollegen von der Prosa betonten, dass es doch ohnehin eine Menge für Lyrik reservierte Preise gebe, die Jan Wagner denn auch praktisch alle bereits abgeräumt habe. Dem Interesse der Leser freilich tat das Gemäkel keinen Abbruch: Das Buch landete, unerhört für einen Gedichtband, auf Platz 5 der Spiegel-Bestsellerliste.

Nun bringt der Hanser-Verlag dem Poeta laureatus zu Ehren ein Best-of der letzten eineinhalb Jahrzehnte heraus, eine Blütenlese aus sieben Bänden, die der Autor selbst vorgenommen hat; eine Augenweide schon von außen, kein Schutzumschlag, wiesenhoniggelbes Leinen, bedruckt mit schwarzen Bienen. Darin alles, nur keine Bekenntnislyrik, das lyrische Ich kommt vor, als erlebendes, staunendes, rätselndes, aber eher als eine Art Brennglas, durch das die Welt wahrgenommen wird. Das war schon das Rezept der Großmutter, die für ihre gefüllten Champignons berühmt war: „alles was gut ist, sagte sie, / füllt man mit wenig mehr als mit sich selbst.“
Die Welt des 1971 in Hamburg geborenen Autors, mit der als Zugabe er das anscheinend immer hungrige Gefäß des Selbst auffüllt, ist eher Naturraum denn urbane Zone. Wagner lebt in Berlin, doch den Dichter lässt alles Coole kalt. Seine Verse sind bevölkert von vielerlei Flora und Fauna, von Fröschen, Fischen, Bären, Schnecken, Geckos, Koalas, Pitbulls und Dachshunden, von Pinien, Sanddorn, Holunder und Giersch, dem unscheinbaren Schrecken des Gärtners, dem ein spektakuläres Sonett gewidmet ist: Form und Thema verwachsen miteinander, bis der Giersch, „mit dem Begehren schon im Namen“, in lautmalerischem Triumph die Strophenenden überwuchert.

Mit sichtlichem Vergnügen spielt Wagner den Eigensinn der Natur gegen menschliche Wichtigtuerei aus. Seine Gedichte umkreisen Historisches, von den Jakobinern bis zu Ernest Shackleton, sie machen „die stumme sprache der dinge“ beredt und Totes lebendig: Am Londoner „smithfield market“ ist es „der abgetrennte schweinskopf hinter glas. / in seinen zügen auf den zweiten blick / zufriedenheit und so etwas wie glück.“ Menschliche Züge erhält nicht nur die Kreatur, sondern auch der Schöpfer, angeblickt von weißen Kirchen, „wartend darauf, daß gott als erster blinzelt“. Ähnlich charmant ist die Naivität in „shepherd’s pie“: „schafe sind wolken, die den boden lieben. / der schäfer liebt marie. streut nüsse auf /den hang, souffliert die drei berühmten worte.“
Nimmt das Raffinement zu mit den Jahren? Jedenfalls nimmt die Frequenz des erwartbar „Lyrischen“ ab, so etwas wie „der rostende colt des mondes in seinem halfter“. Mit komplexen Strophenformen wie der Sestine und der Villanelle, mit dem Reim geht Jan Wagner souverän um, also spielerisch. Seine Hand lockert förmlich das Korsett der Form, bis sich ein Weg ins Freie, Überraschende öffnet. Wagner liebt unreine, nein: richtig dreckige Reime, wie „gladiolen/höhlen“ oder „radius/radies-chen“. Zugegeben auch einigermaßen Überspanntes, mit der Brechstange Gereimtes wie „matt/matt-erhorn“.
Es sind Gedichte eines literarischen Vielfraßes, anspielungsdicht und echoreich, doch ohne Bildungsprotzerei. Hier wirkt nicht nur der Hallraum der angelsächsischen Poesie, in Wagners Reisegedichten klingt betörend schön auch die Antike nach, in sehr heutigen römischen Elegien (unter fiktivem Dichternamen) oder ganz explizit in der Haikuserie „von den ölbäumen“: „welches gedächtnis / ist da? woran erinnern / sie all die knoten?“ Und: „neben der wurzel / die staubige bierflasche / der marke mythos.“
Den Mythos zu vergegenwärtigen, im Sinne des großen Jannis Ritsos, ist Jan Wagners Lust und Kunst, wenn er zum Beispiel Herodots Geschichte des Tyrannen Onesilos aufgreift, in dessen Schädel, von seinen Feinden ans Stadttor genagelt, sich ein Bienenschwarm eingenistet hat: „er hatte fast ein land, als er noch lebte. / nun lebt in seinem kopf ein ganzer staat.“

Und wo bleibt hier „die Gegenwart“, einmal abgesehen von griechischem Bier? Wagner bemerkt sie sehr wohl, als eisiges Stilleben in Neukölln, als politischen Bankrott im kriegsversehrten, geteilten Nikosia. Freilich, „deutsche Themen“ und Aktualitäten sind seine Sache nicht, aber dass ein Dichter nur über das schreibt, was ihn unmittelbar angeht, muss auch erlaubt sein.
Dabei biedert Jan Wagner sich nirgends an, das Populäre seiner Poesie ist vertrackt genug und gleicht der Hittauglichkeit eines Erich Fried ebenso wenig wie Ernst Jandls grimmigen Pointen. Mit Humor und Selbstironie hat es aber schon zu tun, so wie das Titelgedicht das Ich porträtiert, von Bienen ganz bedeckt, „das regungslose zentrum vom gesang“, das wie ein Ritter in seiner Rüstung „nur schimmernd dasteht, nur mit ein paar winden / hinter dem glanz, ein bißchen alter luft, / und wirklich sichtbar erst mit dem verschwinden“.

Daniela Strigl in FALTER 11/2016 vom 18.03.2016 (S. 11)


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