Letzte Freunde
Roman

von Jane Gardam

€ 22,70
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Übersetzung: Isabel Bogdan
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 10.10.2016


Rezension aus FALTER 41/2016

Zwischen Schwerenötern und Stecktuch

Jane Gardams grandiose „Old Filth“-Trilogie liegt in deutscher Übersetzung vor. Weihnachten kann kommen!

Weshalb nur hat man uns diese Schriftstellerin so lange vorenthalten? Sie lebt weder an einem exotischen Ort, noch schreibt sie in einer exotischen Sprache. Jane Gardam ist Engländerin, geboren in Yorkshire, wohnhaft in Kent; sie ist mittlerweile 88 und hat, die Kinderbücher eingeschlossen, immerhin 31 Bände publiziert. Von ihrem Debüt an hat Gardam bedeutende Preise erhalten, ihr Roman „God on the Rocks“ war 1978 für den Booker Prize nominiert. Vielleicht hat deshalb all die Jahre kein deutscher ­Verlagsscout ihre Fährte aufgenommen, weil Jane Gardam auch in England allzu lange nicht gebührend gewürdigt, ja als literarisches Leichtgewicht gehandelt wurde: weil ihre Bücher einfach zu gut zu lesen sind.
Mit dem Roman „Ein untadeliger Mann“ hat im Vorjahr ihre Entdeckung im deutschen Sprachraum begonnen. Heuer sind in rasanter Folge Band zwei und drei der Trilogie um den Staranwalt Eddie Feathers erschienen, ebenfalls in Isabel Bogdans stilsicherer Übersetzung, und es dürften nun wohl auch Gardams frühere Bücher an die Reihe kommen. Die Trilogie ist ein Alterswerk: Der erste Teil, „Old Filth“, wurde 2004, der letzte, „Last Friends“, 2013 pub­liziert, da war die Autorin 85.

Die drei Bände folgen nicht chronologisch aufeinander, man kann ohne Weiteres auch jeden für sich lesen, aber das wird kaum wollen, wer einmal mit einem angefangen hat. Jedes Buch ist einem anderen Akteur eines lange nur angedeuteten Dreiecksverhältnisses gewidmet: „Ein untadeliger Mann“ erzählt die Geschichte aus der Sicht von Old Filth, wie seine Kollegen Feathers zu nennen pflegten. „Eine treue Frau“ konzentriert sich auf seine Gattin Betty, und „Letzte Freunde“ ist vor allem ein Porträt seines Feindes und Rivalen Terry Veneering.
Band eins und zwei setzen am selben Ausgangspunkt an: Eddie Feathers ist Witwer, nach Bettys plötzlichem Tod allein in Dorset zurückgelassen, im komfortablen Alterssitz in den Donheads. Am Beginn von Band drei sind alle Mitspieler tot: das Ehepaar Feathers und der ewige Dritte Veneering.
Von diesem scheinbar trostlosen dead end aller menschlichen Bemühung tastet sich die Erzählung jeweils zurück in die Wirbel der Existenz. Mit halsbrecherischer Nonchalance wechselt Jane Gardam die Register, Perspektiven, Zeiten, Gattungen. So beginnt etwa „Ein untadeliger Mann“ mit einer kleinen Theaterszene im Londoner Inner Temple, wo ehrenwerteste Richter und Anwälte sich beim Lunch über den vor einiger Zeit emeritierten Old Filth unterhalten wie über eine mythische Gestalt. Bei aller empathischen Versenkung in die Sicht der Hauptfiguren spricht mitunter ganz selbstverständlich die Stimme eines allwissenden Erzählers, der ziemlich ungerührt in deren Zukunft blickt.
Der einstige Kronanwalt und Richter Eddie Feathers präsentiert sich auch mit beinahe 80 als Beau und Gentleman von strahlender Sauberkeit und Perfektion, vom seidenen Stecktuch bis zu den gelben Socken. Dass just der große Saubermann der Anwaltschaft den Schmutz in seinem Spitznamen führt, hat er sich selbst zu verdanken, hat er doch „Filth“ als Akronym interpretiert: „Failed in London Try Hong Kong“. Er selbst hat es so gehalten: Geboren in Malaysia, als Sohn eines britischen Offiziers, war der stotternde Bub nach dem Kindbett-Tod seiner Mutter in englischen Internaten erzogen worden, eine „Raj-Waise“ wie viele, die von ihren Eltern aus den fernen Winkeln des Empire allein ins Mutterland geschickt wurden.
Nach dem Studium in Oxford macht der arbeitswütige Eddie Feathers in Hongkong eine glänzende Karriere und ein Vermögen. Und er heiratet Elizabeth „Betty“ Macintosh, eine in Peking geborene Schottin. Beide sprechen Mandarin, lieben Asien und genießen das anachronistische fernöstliche Leben mit Dienstbotenheer und gepflegter Geselligkeit. Noch ehe Hongkong 1997 an China zurückfällt, gehen die Feathers jedoch nach England zurück.
Mit dem Tod seiner Frau bekommt Edwards tadellose Fassade einen Riss. Eine diffuse Unruhe meldet sich, ja, ein verstörendes Begehren. Den Kassandrarufen des Hauspersonals zum Trotz steigt er in seinen Mercedes, wagt sich zum ersten Mal auf den Motorway und setzt sich auf die Spur seiner Vergangenheit. Wir lernen ein schmerzlich ungeliebtes Kind kennen, dessen seelisch verwundeten Vater, eine despotische Pflegemutter und erfahren gar von einem Mord.

Das England von heute erscheint bei Jane Gardam im Lichte grimmiger Nostalgie, als ein Land, das abgewirtschaftet hat: „Eine Umgehungsstraße um ein Dorf wie ein Bypass um ein Herz. Nicht mal ein Café. Kein Geschäft.“ Wer so lange an der kolonialen Peripherie gelebt hat, findet nicht mehr zurück ins Zentrum. Sie beide hielten, meint Betty einmal, „die Fahne eines Landes hoch, das ich nicht mehr wiedererkenne und nicht mehr liebe“.
In „Eine treue Frau“ und „Letzte Freunde“ beleuchtet die Erzählung die Schlüssel­ereignisse aus einer anderen Perspektive, wiederholt Basisdaten und fügt Neues hinzu, verzweigt und verästelt sich weiter, deckt manche Querverbindung, manches Geheimnis auf und lässt anderes im Dunkeln.
In Gardams Trilogie geht es nicht nur um einen Anschauungsunterricht im Altwerden und Altsein, sondern in erster Linie um Erscheinungsformen der Liebe, der Treue, der Freundschaft, um Katastrophen, verpasste Gelegenheiten und die Spielarten des Glücks: Es geschieht auf einer Anwaltsparty in Hongkong, Edward Feathers und Betty Macintosh haben sich gerade verlobt, sie musste ihm, dem nachhaltig Beschädigten, versprechen, ihn nie zu verlassen. Da taucht ein großer, lauter, weizenblonder Mann auf und stellt sich als Terry Veneering vor. „Seine Augen waren leuchtend hellblau. Elizabeth dachte: Und es ist genau eine Stunde zu spät.“
Jane Gardam lässt keinen Zweifel daran, dass sich hier, von beiden Seiten, die Liebe eines Lebens anbahnt, und sie gönnt ihrer Protagonistin eine einzige Nacht mit dem Schwerenöter – vor der Hochzeit. Danach besinnt sich die kluge, leidenschaftliche Betty, die im Krieg mit anderen kreuzworträtselerprobten Mädchen Dechiffrierarbeit für den Geheimdienst erledigte, auf ihre Bestimmung als Gattin, mit aller unerschütterlichen Ironie, deren eine Engländerin fähig ist: „Ich werde Tweed tragen und stämmig und behaart werden und Muttermale am Kinn haben, und ich werde Friedensrichterin werden und Bazare zugunsten der Barristers’ Benevolent Association eröffnen.“
Dem vulgären Gegenspieler ihres vornehmen Ehemannes wird die kinderlose Betty jedoch ihr Leben lang (wie sie meint) heimlich verbunden bleiben, sie wird mit ihm um seinen Sohn bangen, der zweimal knapp dem Tod entgeht, ehe er ein Opfer der IRA wird und Betty spät, sehr spät daran denkt, ihr Versprechen gegenüber Edward zu brechen.

Die Lebensgeschichte des Parvenus Veneering, der eigentlich „Venetski oder Venski oder so ähnlich“ hieß, gibt der Autorin Gelegenheit, in „Letzte Freunde“ dem Upperclass-Milieu der Privilegierten eine Welt von Dickens’scher Düsternis gegenüberzustellen. Hier setzt Jane Gardam die letzten Steine in ihr Puzzle und erzählt, wie der brillant begabte Bub aus dem Norden, Sohn einer beherzten Kohlenhändlerin und eines gestrandeten Kosaken ungeklärter Profession (ein Zirkusartist? ein Spion?), zu seinem – von Dickens entlehnten – Namen kommt, seinen Weg macht und am Ende als Pensionist ausgerechnet Eddie Feathers’ Nachbarhaus in den Donheads erwirbt.
Und zuletzt erscheint bei Old Filths Begräbnis Isobel, seine Jugendfreundin und Bettys Dechiffrier-Kollegin, die Edward geliebt hat, aber außer ihm nur Frauen; die gefährliche Isobel, vor der er einst Reißaus nahm, aber nicht weit genug: ein keineswegs untadeliger Mann, mit einer gar nicht blütenweißen Weste. Was ihm seine Autorin freilich nicht übel nimmt, die noch den schrulligsten Nebenfiguren Gerechtigkeit widerfahren lässt: dem herzlich unbeliebten Schnorrer Fiscal-Smith, dem Old Filth tief ergebenen, heimlich die Fäden ziehenden Zwerg Albert Ross oder der Richterwitwe Dulcie, von der nette Freundinnen sagen: „Dumm wie Brot. In so einem Hirn kann auch im Alter nicht viel kaputtgehen.“
Nur staunen kann man darüber, wie frisch und frech diese Hochbetagten-Literatur auf den Ruinen des Empire gedeiht, wie souverän Jane Gardam staubtrockenen Witz, Weisheit und Menschenliebe in der Schwebe hält. In ihrer Danksagung vermerkt sie mit rührender Genugtuung, dass ihr Alter Ego Old Filth es inzwischen als 25 waagrecht in das Kreuzworträtsel des Times Literary Supplement geschafft hat.

Daniela Strigl in FALTER 41/2016 vom 14.10.2016 (S. 18)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Ein untadeliger Mann (Jane Gardam, Isabel Bogdan)
Eine treue Frau (Jane Gardam, Isabel Bogdan)

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