Kompass
Roman

von Mathias Enard

€ 25,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Holger Fock
Übersetzung: Sabine Müller
Verlag: Hanser Berlin
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 432 Seiten Seiten
Erscheinungsdatum: 22.08.2016

"Kompass" ist das Buch der Stunde: eine leidenschaftliche Beschwörung der jahrhundertelangen Passion des Westens für die orientalische Kultur. Unter dem Schock einer alarmierenden medizinischen Diagnose verbringt Franz Ritter, Musikwissenschaftler in Wien, eine schlaflose Nacht. Er begibt sich im Geiste noch einmal an die Orte seiner Forschungsreisen: Istanbul, Damaskus, Aleppo, Palmyra – alles Städte, die für ihn untrennbar mit Sarah verbunden sind, der berühmten Orientalistin, seiner großen Liebe. Seine Erinnerung zaubert immer mehr Fakten, Romanzen und Geschichten hervor, die alle von dem entscheidenden Beitrag des Orients zur westlichen Kultur und Identität zeugen. Für diesen Roman erhielt Mathias Enard in Frankreich 2015 den Prix Goncourt.

Rezension aus FALTER 41/2016

Mit zitternder Nadel nach Osten gerichtet

Mathias Enards enzyklopädischer Roman „Kompass“ macht auch vor der Wiener Geistesgeschichte nicht halt

Über vierhundert dicht beschriebene Seiten für die sieben Stunden der durchwachten Nacht eines wohl nur eingebildeten Kranken: Nichts geschieht, am Ende will die Sonne wieder „so hell aufgehen“, wie es bei Rückert/Mahler heißt. Eine erste Assoziationskette ist mit dem Zitat aus den „Kindertotenliedern“ da schon geknüpft und eine Beziehung zur Geschichte der Wiener orientalistischen Schule ebenfalls hergestellt. Deren Gründer, Joseph von Hammer-Purgstall, war nämlich Lehrer von Friedrich Rückert und führte diesen in die persische Sprache und Dichtung ein. Auf diese Weise wird der Leser auf einen Teppich der kulturellen Beziehungen geführt, den der Autor den Protagonisten weben lässt. Der hat sein (fast ausschließlich universitäres) Leben in einer kleinen, feinen Nische eingerichtet: der Erforschung orientalischer Einflüsse auf die klassische europäische Musik, die er allerdings nicht in den engen Grenzen seines Fachbereiches, sondern im Sinne der modernen Kulturwissenschaft betreibt.

Mathias Enard, Jahrgang 1972, ist durch seine umfassende Ausbildung als Orientalist und seine vielfältigen Lebenserfahrungen im Mittleren Osten prädestiniert, ein solches Panorama auszubreiten. Schon in seinen vorangegangenen Werken wies er sich zudem als virtuoser Erzähler aus, der etwa in „Zone“ (deutsch, 2010) den Bewusstseinsstrom eines Geheimdienstlers und Schwadroneurs zu einem interpunktionslosen Schlachtengemälde ausgestaltete. Allerdings ist er, wie sein historischer Roman „Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten“ (2011) belegt, nicht immer der Versuchung einer allzu geschliffenen, gelehrten Betulichkeit entkommen.
Davon spürt man trotz allen enzyklopädischen Interesses, das „Kompass“, Enards jüngsten Roman auszeichnet, auch in dessen essayistischen Passagen nichts mehr: Zu gut funktioniert die Konstruktion der Erzählung, zu lebendig erscheinen die beiden Hauptfiguren, als dass man sich bloß belehrt vorkäme. Die Gedanken des schlaflosen Träumers haben nämlich eine ferne, eigentlich immer schon fern gewesene, jetzt noch fernere Geliebte zur Adressatin. Mit sparsam aufgetragenen Ironietupfern entwirft Enard zwei Wissenschaftler, die, als Personen nicht sehr sympathisch, sehr plastisch die konträren Intentionen ihres Erkenntnisdranges verkörpern. Ein zwänglerischer Sammler mit wahrhaft archivarischem Interesse begegnet einer schwärmerischen Zicke, die in ihrer literarisch-philosophischen Forschung zu ertrinken strebt; längst ist sie übrigens aus dem gemeinsamen geografischen Raum noch weiter abgedriftet und versenkt sich in Buddhistisches.

Der Kompass von beiden ist also streng nach Osten gerichtet, und dennoch trennt die beiden in ihrer Orient-ation viel mehr, als sie verbindet. Franz Ritter, der brave Wiener Wissenschaftler, ist strebsam bemüht, eine Summe zu ziehen und das Fremde einzugemeinden. Sarah hingegen, seine französische Kollegin, hat ihr Interesse der Differenz zugewandt, dem Anderen (sehr groß geschrieben!) im Eigenen. Großartig, wie Enard die beiden entgegengesetzten Haltungen als Hintergrund zu einer von allem Anfang an zum Scheitern verurteilten Liebesbemühung einsetzt. Gleichzeitig stehen diese auch für konträre Paradigmen in der Herangehensweisen des Westens an alles, was außerhalb Europas liegt. Auf diese Weise gelingt es dem Autor, eine Enzyklopädie west-östlicher Kontaktaufnahmen zu entwerfen, die von Dichtung über Reise, Musik und Malerei bis zu Archäologie und vor allem Politik reicht, ohne in die Falle einer abermals einseitigen Aneignung zu tappen.
Nicht zufällig tauchen an prominenter Stelle gegen Ende Verweise auf Edward Said und andere Vertreter des Postkolonialismus auf, die stets darauf hingewiesen haben, dass die Sehnsucht nach der Ferne und die Befruchtung durch den Orient zutiefst europäische Konstrukte seien. Einen solch tiefgründigen Ansatz mit einer banalen und unglückseligen Liebesgeschichte zur Deckung zu bringen, zeugt von unaufgeregter literarischer Meisterschaft. Verdienterweise wurde „Kompass“ im Vorjahr mit dem Prix Goncourt, Frankreichs bedeutendstem Literaturpreis, ausgezeichnet.

Den österreichischen Leser werden Passagen, die der Wiener Geistesgeschichte gewidmet sind, besonders beeindrucken: Nicht nur bekannte Figuren wie Hammer-Purgstall und Alois von Musil kommen vor, sondern auch eine so faszinierende wie vergessene Persönlichkeit wie Leopold Weiss, der als Zionist nach Palästina ging und später zu einem der (muslimischen) Väter der pakistanischen Verfassung wurde. Dass auf Purgstalls Schloss Hainfeld in der Steiermark eine Vampirin gehaust haben soll, die einen irischen Roman anregte, der wiederum Bram Stoker als Vorbild für seinen „Dracula“ diente, ist wohl auch nicht jedermann bekannt.
Die Übersetzer Holger Fock und Sabine Müller, denen in „Zone“ eine großartige Übertragung der atemlosen Suada gelungen ist, können hier nicht ganz an diese Leistung anschließen. Der Sog, der sich in den verbalen Irrungen der Nacht Franz Ritters im Französischen sogleich einstellt, ist auf Deutsch nicht ganz nachfühlbar. Auch haben sich einige fehlerhafte Details eingeschlichen. Einige Redensarten werden wörtlich übersetzt, und der eine oder andere Lapsus hätte auch dem Lektorat auffallen müssen: Winifred mag wohl recht männlich klingen, der Drache von Bayreuth war aber Mutter zweier Söhne, die nicht als „seine“ bezeichnet werden sollten.

Thomas Leitner in FALTER 41/2016 vom 14.10.2016 (S. 20)


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