Das Haus der Regierung

Eine Saga der Russischen Revolution
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Ende der Zwanzigerjahre entstanden in Moskau 500 komfortable Wohnungen für die Elite der Sowjetunion, das Imperium wohnte unter einem Dach, dem „Haus der Regierung“. Nirgendwo sonst verdichtet sich die Geschichte der UdSSR so intensiv: von den ersten Bolschewiki und ihrem geradezu religiösen Eifer über den Terror Stalins bis zum heutigen Russland. Juri Slezkine, großer Erzähler und Historiker, verknüpft die Geschichte des Hauses mit den Biografien seiner Bewohner zu einem Epos des 20. Jahrhunderts. Denn die Wucht der russischen Revolution lässt sich erst begreifen, wenn man den Bogen von den politischen Kämpfen bis zu den privaten Schicksalen schlägt. Dieses Opus Magnum wird international als Meisterwerk gefeiert.

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FALTER-Rezension

Ein Gemeindebau für die höheren Chargen

Geschichte: Yuri Slezkine erzählt die Sowjetgeschichte der Privilegierten und Machthaber anhand eines Gebäudes

Ein riesiger grauer Kasten schräg gegenüber dem Kreml am rechten Ufer der Moskwa mit vielen Gedenktafeln an der Fassade. Der spätkonstruktivistische Wohnblock, der im Volksmund „Haus an der Uferstraße“ heißt, gehört neben den Stalintürmen zu den wichtigsten Landmarks der einstigen Welthauptstadt des Kommunismus. Heute würde man ihn als Erinnerungsort bezeichnen. Das für führende Parteimitglieder und hohe Regierungsbeamte zwischen 1928 und 1932 errichtete Gebäude hieß offiziell „Haus der Regierung“ und galt als Symbol des ersten Fünfjahresplanes: Die Sowjets nahmen damit den Sozialismus in Angriff, allerdings wurde auf sumpfigem Boden gebaut.

Der in Berkley, Kalifornien, lehrende Russlandhistoriker Yuri Slezkine beschreibt es in seiner monumentalen Studie als eine „Saga der russischen Revolution“ in drei Strängen. Im ersten Teil wird die Vorgeschichte der künftigen „revolutionären“ Hausbewohner mehr als ausführlich in die Tradition messianischen Denkens vom Exodus der Juden über Jesus bis zu Karl Marx gestellt. Slezkine versteht die russischen Altbolschewiken vom Ende des 19. Jahrhunderts, soeben noch Gymnasiasten und Seminaristen, als Mitglieder eine Art Sekte, die – kaum an der Macht – zur Priesterkaste namens KP mutiert.

Vorerst läuft Nikolai Bucharin – Lenin wird ihn als „Liebling der Partei“ bezeichnen – noch durch Moskaus Straßen zur Schule und protestiert als illegaler Sozialdemokrat gegen die Ungerechtigkeiten des russischen Kapitalismus. Die Sektierer des Kommunismus werden in Gefängnis, Verbannung oder Exil die Zeit ihrer Prüfung absolvieren – auf dass der Tag der Revolution komme. Michail Kolzow, Sohn eines jüdischen Flickschusters aus Kiew, besingt etwa voller Ekstase den Niedergang des Hauses Romanow und den Anbruch der neuen Zeit. Der junge Dichter Wladimir Majakowski umwirbt eine spätere Bewohnerin des Regierungs-Hauses mit Versen wie: „Kommt! / wir übermalen den Montag, den Dienstag / mit Blut zu Feiertagen!“ Die politische Religion verspricht, blutig zu werden.

„Dies ist ein historisches Werk. Jede Ähnlichkeit mit Charakteren aus Romanen und Erzählungen, seien sie nun tot oder lebendig, wäre rein zufällig.“ Anders als das ironisch abgründige Motto des Buches, das die frühe Sowjetgeschichte in unzähligen biografischen Details neu aufrollt, behauptet, spielen Literatur, Autoren wie literarische Figuren, eine wichtige Rolle in Yuri Slezkines Gesellschaftspanorama der oberen 1000 des Sowjetkommunismus. Majakowski diente der Revolution und besang Lenin, Isaak Babel mythologisierte den Bürgerkrieg, gab en passant auch Unsägliches von sich: „Schlimmer als schlechter Geschmack ist Konterrevolution.“ Eine Ästhetik mit bisweilen tödlichen Folgen.

Der verquere Stalinist Andrej Platonow ließ den Protagonisten einer Erzählung am Regierungshaus selbst mitarbeiten: „,Was wird hier gebaut?‘, fragte er einen Passanten. ,Ein ewiges Haus aus Eisen, Beton, Stahl und hellem Glas!‘, antwortete der. Makar beschloss, auf der Baustelle vorzusprechen, er wollte dort arbeiten und essen.“ Yuri Slezkine sieht auch die Schriftsteller, wiewohl künftige Opfer des Stalinismus, in der Verantwortung.

Im Jahr 1927 und auf Seite 400 fängt mit dem Baubeginn des Regierungshauses der spannendste Teil des Buches an. Regierungschef Rykow ernennt den aus Odessa stammenden und damals in Italien lebenden Boris Iofan zum Chefplaner. Der sumpfige Untergrund birgt schier unüberwindliche Schwierigkeiten bei der Errichtung des Fundaments, das Budget muss mehrfach erhöht werden. 1931 ist es dennoch so weit – hunderte Offizielle, von Lenins Sekretärin, Stalins Verwandten und diversen Volkskommissaren bis zu hochrangigen Militärs, Künstlern und ausländischen Kommunisten, beziehen das Haus. Zu den Privilegierten gehören der Stoßarbeiter Aleksej Stachanow, Parteigrößen wie Jakow Swerd-low oder Karl Radek und Larissa Reisner, die „schönste Frau der russischen Revolution“. Der genannte Michail Kolzow ist mittlerweile zum sowjetischen Multifunktionär in Sachen Kulturarbeit avanciert und bezieht Wohnung 143 des Regierungshauses. Dessen 350 Wohnungen sind verhältnismäßig groß bis luxuriös; überdies verfügt der Moskauer Gemeindebau für höhere Chargen über ein eigenes Postamt, Wäscherei, Theater und Kino. Auch für Dienstpersonal ist ausreichend Platz vorhanden.

„Die Linke erwartete das unmittelbar bevorstehende Ende des häuslichen Lebens; die Rechte freute sich darauf, die Häuser der Sowjets in ein richtiges Zuhause umzuwandeln.“

Eigentlich war das Haus eine Übergangslösung: von überkommenen bürgerlichen zu proletarischen Lebensformen; aber auch in geschichtsphilosophisch höchst düsterem Sinn. Während Stalins „Großem Terror“ werden 800 Bewohner „gesäubert“, sie landen im Gefängnis oder im Gulag; 344 werden erschossen. Am 2. Februar 1940 wird auch Michail Kolzow, soeben noch Starberichterstatter aus dem Spanischen Bürgerkrieg und „Journalist Nr. 1“ der Praw-da, hingerichtet. Die einstige Residenz der Nomenklatura hat sich in eine Totenburg verwandelt. Im Volksmund wir sie als „Haus der zweimal Aufgehängten“ bezeichnet – zuerst wurden die Helden der Revolution hingerichtet, dann bekamen sie Gedenktafeln.

Am Ende von Yuri Slezkines imposantem Essay steht eine ausführliche Interpretation der Bücher von Juri Trifonow. Trifonow, einst selbst Bewohner des Hauses an der Uferstraße, beschrieb dessen Katastrophengeschichte am Beispiel seines Bolschewiken-Vaters in mehreren Romanen sehr viel kürzer und – horribile dictu – eleganter.

Erich Klein in Falter 41/2018 vom 12.10.2018 (S. 53)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783446260313
Erscheinungsdatum 24.09.2018
Umfang 1344 Seiten
Genre Sachbücher/Geschichte/20. Jahrhundert (bis 1945)
Format Hardcover
Verlag Hanser, Carl
Übersetzung Helmut Dierlamm, Norbert Juraschitz, Karin Schuler
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