Männer in meiner Lage

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Keiner schreibt über private Katastrophen so diskret und behutsam wie Per Petterson - sein bestes Buch nach "Pferde stehlen"
Arvid Jansens Ehe ist gescheitert, seine Frau mit den drei Töchtern auf und davon. Sie findet neue Freunde, er nennt sie nur „die Farbenfrohen“, und er bleibt allein. Auch seine Kinder entgleiten ihm immer mehr. Arvids Weg führt steil nach unten, er scheitert als Mann, als Vater, bis er wieder zu sich kommt und seine Verantwortung für die große Tochter erkennt, die am meisten unter der Scheidung leidet. Wenn Per Petterson die Konflikte und den existentiellen Schmerz dieses Mannes beschreibt, entsteht große Literatur voll Melancholie und Zärtlichkeit.

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FALTER-Rezension

Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs

Per Petterson und Stig Sæterbakken kratzen am Wikinger-Mythos: So hilflos wie heute waren die Nordmänner noch nie

Arvid Jansen hat es nicht leicht. Seine Frau Turvid, mit der er seit Teenagertagen zusammen war, ist mit den drei gemeinsamen Töchtern ausgezogen, und der Schriftsteller kriegt bald nicht mehr viel auf die Reihe. Abends durch die Bars von Oslo tingeln, trinken und Frauen aufreißen, das geht eine Zeitlang noch ganz gut. Als Wochenendvater stellt sich der 38-Jährige jedoch zunehmend ungeschickter an, auf einem der planlosen Ausflüge setzt er den alten Mazda mitsamt seinen Töchtern in den Straßengraben. Da wundert es vielleicht ihn, nicht aber den Leser, dass die Besuche der Töchter seltener werden und schließlich ganz aufhören. Aber es bleiben ja immer noch der Alkohol und Selbstmitleid.

Karl Christian Andreas Mayer hat es auch nicht leicht. Für eine Affäre mit einer deutlich jüngeren Frau hat der Zahnarzt seine Familie verlassen. Doch dann klappt das Zusammenleben mit Mona nicht, eine einzige Bemerkung ihrerseits veranlasst ihn, die Beziehung abzubrechen. Ehefrau Eva und die beiden Kinder Stine und Ole-Jakob empfangen den Rückkehrer überwiegend kühl. Aus bewölktem Himmel schlägt das Schicksal mit dem Vorschlaghammer zu: Ole-Jakob klaut eine Schnapsflasche, setzt sich in das Auto seiner Eltern und stirbt bei einem Frontalunfall.

Karl fährt daraufhin alleine nach Deutschland und dann weiter in die Slowakei. In der Nähe von Bratislava soll es ein mystisches Haus geben, in dem man mit seinen schlimmsten Ängsten konfrontiert wird. Wird der Traumatisierte dort seinen Seelenfrieden finden?

Es ist etwas faul im Staate Norwegen. Was ist dort nur los mit den Schriftstellern und deren Helden? Es herrscht Luschenalarm! Akuter Luschenalarm! Wobei Arvid Jansen, der Protagonist aus Per Pettersons Roman „Männer in meiner Lage“, in Sachen Larmoyanz und Lebensunfähigkeit einsame Spitze ist. Offenbar hat in der Vergangenheit dessen arme Frau alles für ihn gecheckt: „Nichts war einfach, man musste einen Entschluss treffen.“

Tut er aber eeecht ungern. Gegenrede? Kann er nicht. Nicht einmal nachfragen bei seiner Tochter, denn da bekommt Jansen „Angst vor dem, was sie mir eventuell sagen könnte“. Immerhin versteht er es, in einer Lotsenjacke mit Messingknöpfen und einer „ästhetisch perfekten Zigarette zwischen den Lippen“ durch die Straßen Oslos zu flanieren, ein Buch von Hamsun, Hemingway oder Melville immer dabei.

Ein Virtuose der Selbstvorwürfe ist auch Zahnarzt Karl Meyer in Stig Sæterbakkens Roman „Durch die Nacht“. „Scham“ empfindet er, als er nach einem der ungelenksten Seitensprünge der Weltliteratur wieder bei seiner Familie auftaucht. Sein Leben erscheint ihm bald als „eine endlose Kette von Fehltritten“. Seine effiziente Frau beschreibt er als „in jeder Hinsicht überlegen. Ich war ein Fiasko.“

Dem kann man nur zustimmen. Reichlich skurril ist die Hauptfigur zudem noch. An der „schönen Mona“ hatte ihn speziell deren „Schockatmung“ fasziniert: Sie stößt den Atem manchmal „in einem einzigen langen Stoß durch die Nase aus“. Diese Angewohnheit rührt den Protagonisten, „weil es sie hoch und höher hinaushob, heraus aus dem Alltäglichen um sie herum, und sie zeigte, wie sie wirklich war, aller Äußerlichkeiten entkleidet, ein reiner Moment absolut weiblicher Gegenwart.“ Aha.

Was die Protagonisten beider Romane verbindet, ist ihre Selbstbezogenheit. Sowohl der Routinier Petterson als auch der 2012 verstorbene Sæterbakken sind ganz auf ihre hilflosen Hauptfiguren fokussiert – die anderen Figuren bleiben Schemen. Von Jansens Langzeitehefrau Turid und den drei Töchtern Vigdis, Tine und Tone erfährt man nur Marginalien, auch die Schilderung der Zahnarztfamilie gerät löchrig.

Umso mehr widmen sich die Autoren den labilen Innenleben ihrer Protagonisten, welche durch Lappalien, Fragen oder Bemerkungen von außen schlagartig aus dem Gleichgewicht gebracht werden können. Ein klein wenig entschädigt der flüssige, fallweise poetische Schreibstil der beiden norwegischen Erfolgsautoren für die Qual, die dieses Luschenduo während der Lektüre bereitet.

Stefan Ender in Falter 41/2019 vom 11.10.2019 (S. 20)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783446263772
Erscheinungsdatum 19.08.2019
Umfang 288 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Hanser, Carl
Übersetzung Ina Kronenberger
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