Komm! ins Offene, Freund! Biographie
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Zum 250. Geburtstag Friedrich Hölderlins: Rüdiger Safranskis Biographie über den großen unbekannten Dichter
Dies ist die Geschichte eines Einzelgängers, der keinen Halt im Leben fand, obwohl er hingebungsvoll liebte und geliebt wurde: Friedrich Hölderlin. Als Dichter, Übersetzer, Philosoph, Hauslehrer und Revolutionär lebte er in zerreißenden Spannungen, unter denen er schließlich zusammenbrach. Erst das 20. Jahrhundert entdeckte seine tatsächliche Bedeutung, manche verklärten ihn sogar zu einem Mythos. Doch immer noch ist Friedrich Hölderlin der große Unbekannte unter den Klassikern der deutschen Literatur. Der 250. Geburtstag im März 2020 ist eine gute Gelegenheit, sich ihm und seinem Geheimnis zu nähern. Rüdiger Safranskis Biografie gelingt das auf bewundernswerte Weise.

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FALTER-Rezension

Der Musensohn als ewiger Hauslehrer

Rüdiger Safranski hat sich des Star-Tragöden unter den deutschen Dichtern angenommen: Friedrich Hölderlins

Ende 1793 tritt der 23-jährige Friedrich Hölderlin im unterfränkischen Waltershausen eine Stelle als Hofmeister bei Charlotte von Kalb an. Eigentlich hätte der Absolvent zweier Klosterschulen und des elitären Tübinger Stiftes Pfarrer werden sollen. Als er stattdessen im „Schwäbischen Musenalmanach“ erste Gedichte publiziert, erregt das den Unmut der Mutter. Die beträchtliche Erbschaft des früh verstorbenen Vaters bleibt dem Dichter ein Leben lang verwehrt.

Der junge Hölderlin, der sich gleichermaßen für den Hexameter der Griechen und die Französische Revolution begeistert, gilt in seiner Umgebung als weltfremder Träumer und als besonders schüchtern. Dass dem tatsächlich so war, darf zumindest bezweifelt werden, schrieb er doch an einen Freund über seine Arbeitgeberin, dass diese nicht nur „eine Dame von seltenem Geist und Herzen“ sei, sondern auch über „eine sehr interessante Figur“ verfüge. Was im Detail weiter geschah, wissen wir – wie auch von vielen anderen Episoden aus dem Leben des Dichters – nicht.

Rüdiger Safranski wendet auch in seiner siebenten Biografie eines deutschen Klassikers das bewährte Rezept an: Er verwebt minutiöse Recherche, politische und literarische Kontexte zu einem gut lesbaren Ganzen. Hölderlins Gedichte werden bisweilen explizit biografisch gelesen, was Philologen ein Gräuel sein mag, die Sache aber umso spannender macht. Denn: „Poesie war für Hölderlin Lebensmittel.“

Gerüchtweise soll der Dichter mit besagter Gesellschafterin sogar ein Kind gezeugt, aber wenig später überstürzt die Flucht ergriffen haben. Er war schließlich zu Höherem bestimmt: Er kiefelte zur selben Zeit mit seinen ehemaligen Tübinger Studienkollegen Schelling und Hegel am „Ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus“. Wichtiger als alle Philosophie aber sei Dichtung: „Die Poesie bekommt dadurch eine höhere Würde, sie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war – Lehrerin der Menschheit.“

Hölderlin wird in den folgenden Jahren zwischen Jena und Frankfurt und Stuttgart als Hauslehrer herumgeistern, sich zu Freunden oder zur Mutter nach Nürtingen zurückziehen, seine poetischen Ambitionen dabei aber nie aus den Augen verlieren. Literatur ist zu dieser Zeit gerade in. Zwischen 1750 und 1800 hat sich die Zahl der Lesenden verdoppelt, neuerdings liest man kein Buch mehrmals, sondern stattdessen viele Bücher einmal, mit Vorliebe Romane.

Hölderlins erstes größeres Projekt ist der durch den griechischen Freiheitskampf inspirierte Briefroman „Hyperion“. Darin enthalten ist die wohl berühmteste aller Deutschlandschelten: „Ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herren und Knechte, Junge und gesetzte Leute, aber keine Menschen.“

Erfolg beschieden ist der „Geschichte eines exzentrischen Lebensversuches“ ebenso wenig wie einige Jahre später dem „Tod des Empedokles“, Hölderlins Versuch, in Dramenform den republikanischen Geist seiner württembergischen Mitbürger anzustacheln: „Diß ist die Zeit der Könige nicht mehr … Schämt euch, daß ihr noch einen König wollt.“ In sogenannten „vaterländischen Gesängen“ beschwört er den Geist von Landschaften und Flüssen, durch poetische Mythologie soll die Gottlosigkeit der Gegenwart überwunden werden. Dionysos heißt der etwas obskure kommende Gott einer zur Liebe befreiten Menschheit. Bisweilen legte dabei der Dichter seinem hymnischen Überschwang selbst die Zügel an: „Nur zu Zeiten verträgt göttliche Fülle der Mensch.“

Für sich selbst wähnt der ewige Hauslehrer die göttliche Fülle in Suzette, der Ehefrau des Frankfurter Bankiers Gontard, seines neuen Arbeitgebers, gefunden zu haben. „Diotima, edles Leben, Schwester heilig mir verwandt!“, bedichtet er die Angebetete. Vermutlich beendet eine Eifersuchtsszene des Ehemannes das mehrjährige Idyll, Hölderlin flieht, unterhält noch einige Jahre lang einen geheimen Briefwechsel und beendet schließlich das Verhältnis.

Die tragische Wende zum Ende stellt eine zweimonatige Fußwanderung ins südfranzösische Bordeaux dar, wo der Verfasser großer Oden und Hymnen abermals eine Stelle als Hofmeister antritt, nach kurzem Aufenthalt aber völlig verwahrlost und geistig zerrüttet in die Heimat zurückkehrt. Auch Rüdiger Safranski hat wenig Neues über die geheimnisumwobene Episode zu berichten – allerdings entstehen in dieser Zeit zwei der schönsten Hölderlin-Gedichte: „Hälfte des Lebens“ und „Andenken“ mit der gnomischen Schlusswendung: „Was bleibet aber, stiften die Dichter.“

1804 erfolgt der endgültige Zusammenbruch des mittlerweile als Bibliothekar arbeitenden Dichters, der zuletzt noch in eine obskure Betrugsaffäre samt angeblicher Umsturzpläne hineingezogen wird. Hölderlin lebt schließlich bis zu seinem Tod im Jahre 1843 im Turm des Hauses eines Tübinger Schreinermeisters. Er spielt Klavier, gelegentliche Gedichte signiert er mit „Scardanelli“, auf die einstige Geliebte angesprochen, soll der Schwabe geantwortet haben: „Ach, reden sie mir nicht von meiner Diotima. Dreizehn Söhne hat sie mir geboren: der eine ist Papst, der andere Sultan, der dritte Kaiser von Russland. Närret isch se worde, närret, närret, närret.“

Friedrich Hölderlins Dichtung wurde erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt, wobei sich die politisch Rechte sogleich mit der Linken um den „wahren“ Hölderlin zu streiten begann.

Erich Klein in Falter 41/2019 vom 11.10.2019 (S. 17)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783446264083
Erscheinungsdatum 21.10.2019
Umfang 336 Seiten
Genre Sachbücher/Kunst, Literatur/Biographien, Autobiographien
Format Hardcover
Verlag Hanser, Carl
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