Wie später ihre Kinder

von Nicolas Mathieu

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Übersetzung: Lena Müller
Übersetzung: André Hansen
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 448 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.07.2019


Rezension aus FALTER 51-52/2019

„Es gibt keine Arbeiterklasse mehr“

Nicolas Mathieu hat mit „Wie später ihre Kinder“ den Roman des Jahres geschrieben. Der Falter sprach mit

ihm über die Angst vorm Schreiben, das ewige Drama Pubertät und den Triumph des Neoliberalismus



Sex, Drugs und Plattenbau sind die Ingredienzien von Nicolas Mathieus Roman „Wie später ihre Kinder“, der 2018 mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet wurde. Die im heurigen Herbst erschienene deutsche Übersetzung ist von der Kritik weitgehend einhellig als großes und überzeugendes Gesellschaftsporträt von brennender politischer Relevanz – Stichwort „Gelbwesten“ – abgefeiert worden, und auch

für den Falter ist „Wie später ihre Kinder“ der Roman des Jahres (siehe Seite 41).



Über einen Zeitraum von sieben Jahren schildert der Roman die Pubertät und das Erwachsenwerden von Anthony, Hacine, Steph und deren Freunden, erzählt von ihrem Begehren, ihren Sehnsüchten, Verletzungen und Enttäuschungen. Und er schildert den Niedergang der fiktiven, aber nach realem Vorbild modellierten lothringischen Stahlstadt Heillange, die sich als Wellness- und Wohlfühlstadt neu erfindet, was manchen ihrer Einwohner neue Perspektiven eröffnet und andere endgültig auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt.



Im November las Nicolas Mathieu im Rahmen der Buch Wien und stand dem Falter für das folgende Gespräch zur Verfügung. Der Autor weiß, wovon er schreibt. Wie sein Protagonist Anthony war er 14 Jahre alt, als ein Song das Lebensgefühl einer Generation auf den Punkt brachte: „Und dieser Song breitete sich wie ein Virus überall da aus, wo es schlaksige Jungprolls gab, verkorkste Kids, Krisenverlierer, Teeniemütter, kleine Gangster auf Mopeds, Kiffer und Sonderschüler.“



Falter: Herr Mathieu, Ihr Roman setzt zu dem Zeitpunkt ein, als Nirvana mit „Smells Like Teen Spirit“ die Jugendlichen auf dem ganzen Globus elektrisieren. Können Sie sich noch an den Moment erinnern, in dem Sie den Song zum ersten Mal gehört haben?



Nicolas Mathieu: Ganz genau! Es war an einem Samstagnachmittag, zu Hause, bei meinen Eltern. Der Song lief auf dem Privatradiokanal M6. Ich kann mich auch noch daran erinnern, dass wir Schüler nach Italien gefahren sind. Ich habe heimlich Wodka getrunken, und während der ganzen zwölfstündigen Busfahrt haben wir dieses Lied gehört.



Es war ein Einschnitt?



Mathieu: Ja, es war einer jener seltenen Momente der Popkultur, bei dem man wusste: Es gibt ein Vorher und es gibt ein Nachher. Damit haben für mich die 90er-Jahre begonnen. Die großen weltpolitischen Ereignisse waren der Mauerfall 1989 und der Anschlag auf die Türme vom 11. September 2001. Aber die entscheidenden affektiven Meilensteine für mich sind Nirvana und die Fußball-WM von 1998 gewesen.



Es sind dies zwei Momente der kollektiven Euphorie?



Mathieu: Der Roman handelt von den Grenzen und der Kluft zwischen verschiedenen Milieus. Und auf einmal entsteht aus einem Ereignis auf dem Gebiet des Sports oder der Kultur ein Moment der kollektiven Begeisterung, in dem so etwas wie Gemeinsamkeit möglich scheint. Das ist aber zum einen immer zeitlich begrenzt und zum anderen eine Illusion.



Beruhen nicht alle politisch relevanten Emanzipationsbewegungen darauf, dass es ihnen über längere Zeit gelingt, ein Kollektiv herzustellen?



Mathieu: Es gibt natürlich Ereignisse wie etwa die Französische Revolution oder den Mai 68, wo es möglich scheint, einen Systemwandel zu bewerkstelligen. Aber leider bricht das auch bald wieder zusammen. Was bleibt, sind einige kleinere Elemente, aber die große Freiheit, die man erhofft hat, ist nicht eingetreten. Die großen Emanzipationsbewegungen lassen sich nicht dauerhaft etablieren, die muss man immer wieder noch einmal vollziehen, weil es immer zu einer Regression kommt.



Trifft das Ihrer Meinung nach auch auf unsere Gegenwart zu?



Mathieu: Ja, wir sind global von einer Regression bedroht, sowohl auf demokratischer als auch auf kognitiver und wissenschaftlicher Ebene. Zum Beispiel ist der Intelligenzquotient im Sinken begriffen.



Würden Sie sagen, dass Sie einen pessimistischen Roman geschrieben haben?



Mathieu: Nein, das würde ich überhaupt nicht sagen!



Warum nicht?



Mathieu: Weil ich versucht habe, einen „wahren“ Roman zu schreiben, der zeigt, wie die Gesellschaft funktioniert. Es geht mir um Klarheit. Auf der einen Seite gibt es die Vitalität der Jugend und auf der anderen die verschiedenen Determinanten – etwa den Umstand, dass man an ein bestimmtes Milieu gebunden ist. Ich würde sagen, dass der Roman sowohl die Potenziale als auch die Schicksalhaftigkeit erfasst.



Wie manifestiert sich das in den Figuren?



Mathieu: Der Roman endet, wie er begonnen hat – mit Anthony neben dem See. Einerseits spürt man, dass er dem Determinismus nicht entkommen ist, andererseits hat er eine große Freude daran, in seinem Körper und auf der Welt zu sein.



„Wie später ihre Kinder“ handelt

vom Erwachsenwerden, wobei

auch angemerkt wird, dass jede Generation in der Pubertät durch

die gleiche Schüchternheit hindurch muss: Es ist fast wie ein ewiger Kreislauf des Leidens: Das Beste,

was man erreichen kann, ist das Nirwana.



Mathieu: Das ist das erste Mal, dass ich einer buddhistischen Interpretation meines Romans begegne! Es geht in diesem aber um drei Krisen: um jene der Adoleszenz, die ökonomische Krise, in der die industrielle Welt stirbt, und die Krise der Eltern. Die Eltern haben das Problem, dass sie mit dem Erbe der Industrialisierung alleine dastehen und dass es niemand haben will. Eine Krise bedeutet aber nie das Ende der ganzen Welt, sondern führt auch zum Aufblühen einer neuen.



Aber Ihr Roman macht doch sehr deutlich, dass dieses Aufblühen nicht allen beschieden ist?



Mathieu: Für wen denn nicht?



Für die Väter geht es doch viel schlechter aus als für die Mütter.



Mathieu: Das Aufblühen habe ich jetzt auch auf die Jüngeren bezogen. Aber natürlich gibt es auch Opfer und eine ganze Generation, die durch den Tod der Industrie weggewischt wurde. Und da sieht es für die Männer tatsächlich viel schlechter aus als für die Frauen, die einfach stärker sind, sich besser halten und auch länger leben.



Die Zukunft gehört den Frauen?



Mathieu: Das möchte ich so nicht behaupten. Das war kein ideologisches Statement, aber ich habe es so erlebt: Frauen können Männer auch dirigieren.



Wie war das in Ihrer Familie?



Mathieu: Mein Vater und meine Onkel waren stark und – nicht physisch, aber in ihrer Präsenz – gewalttätig. Aber letztendlich waren es die Frauen, die die Bude zusammengehalten haben.



Ihre Eltern leben noch und sind noch zusammen?



Mathieu: Nein, die haben sich scheiden lassen. Mein Roman handelt auch von dieser späten Emanzipation. Es ist die Rede von Amazonen in Caprihosen …



Eine meiner Lieblingsstellen!



Mathieu: Die Männer sind weg, und die Frauen machen, was sie wollen.



Und trotzdem ist Ihr Roman doch auch ein Abgesang auf die zum Verschwinden verdammte Vätergeneration. Die Papas von Anthony und Hazin können ihre Söhne zwar noch verdreschen, aber sie werden – buchstäblich! – untergehen.



Mathieu: Man muss verstehen, dass ich das beim Schreiben nicht theoretisiere. Ich sage nicht, dass die Frauen stärker sind als die Männer. Aber in der Tat handelt es sich um eine geopferte Generation. Diese Männer waren Helden der Arbeit, und die Hochöfen waren ein Ort der maskulinen Solidarität. In dem Moment, wo diese verschwinden, geht diese Generation unter wie mit der Titanic.



Und das konkrete und realistische Sinnbild für den Niedergang ist

diese blöde Firmenkappe, die der

Vater von Hazin als Zeitarbeiter aufsetzen muss und die er hasst

wie die Pest.



Mathieu: Diese Mütze ist tatsächlich ein Symbol des Übergangs. Früher hat man die Männer, die in der Schwerindustrie gearbeitet haben, „Männer des Eisens“ genannt. Und in dem Moment, in dem die Hochöfen erlöschen, verlieren sie auf einmal ihre kollektive Arbeitsorganisation, müssen irgendwelche dummen Kappen aufsetzen und subalterne Jobs erledigen.



Die Arbeit am Hochofen war auch nicht gerade selbstbestimmt, hat aber die Identität als hart arbeitender Stahlarbeiter ermöglicht, auf die man stolz sein konnte.



Mathieu: Das ist eine sehr ambivalente Angelegenheit: Wir hatten im 19. Jahrhundert eine ungeheure Ausbeutung des Proletariats, zugleich aber entsteht in dieser Zeit auch eine stolze Solidargemeinschaft der Arbeiterklasse. Heute gibt es vielleicht noch ein paar Arbeiter, aber es gibt keine Arbeiterklasse mehr. Der Neoliberalismus hat daraus Konfetti gemacht.



Was war eigentlich das auslösende Moment dafür, dass Sie Ihren Roman ausgerechnet in die 1990er-Jahre verlegt haben?



Mathieu: Ich habe mich relativ früh dazu entschlossen, einen Bildungsroman (im Interview deutsch, Anm.) zu schreiben und wollte den einfachheitshalber in einer Periode ansiedeln, die ich selber erlebt habe. Es sind schon im vorangegangenen Roman zwei Jugendliche aufgetaucht, und ich wusste, dass ich von denen erzählen wollte. Beim Schreiben selbst bin ich dann draufgekommen, dass mir die Geschichte auch die Möglichkeit verschafft, das Porträt einer Epoche zu liefern.



Wie lange haben Sie denn an dem Roman gearbeitet?



Mathieu: Ich habe 2016 begonnen und insgesamt etwa zweieinhalb Jahre daran gearbeitet. Aus beruflichen und privaten Gründen hatte ich nach meinem ersten Roman ein Burn-out. Wir hatten ein Baby bekommen, ich habe mich von meiner Lebensgefährtin getrennt, konnte ein Jahr lang nichts schreiben und war auch überzeugt davon, dass ich nie wieder was schreiben würde. Das Jahr darauf habe ich etwa 150 Seiten geschrieben, musste aber unterbrechen, weil der erste Roman fürs Fernsehen adaptiert wurde und ich das Drehbuch dafür zu ­schreiben hatte.



Wie war die Wiederaufnahme der Arbeit am Roman?



Mathieu: Es hat sich herausgestellt, dass die 150 Seiten einfach scheiße waren. Also habe ich alles noch einmal geschrieben und das danach 18 Monate sehr intensiv durchgehalten.



Was für ein Tagespensum erledigen Sie?



Mathieu: Ich habe wirklich Angst vor dem Schreiben und mir daher das Ziel gesteckt, dass ich täglich 1000 Wörter schreiben muss. Dafür brauche ich zu Beginn vielleicht sechs, sieben ­Stunden. Mit der Zeit geht es dann immer weniger schlecht, und wenn es richtig gut läuft, schaffe ich es bis 13 Uhr.



Sie haben vorhin gemeint, dass

Sie nicht theoretisieren wollten.

Aber so etwas wie eine Konstruktion, die den Roman trägt, braucht es ja doch, oder?



Mathieu: Die Geschichte und die soziale Kluft zwischen Anthony und Steph gab es von Anfang an. Darüber hinaus war klar, dass sich die Story über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren erstrecken und im Sommer spielen würde, dass es dazwischen aber immer wieder Perioden geben sollte, die zwar nicht bedeutungslos sind, über die ich aber nichts schreiben würde. Solche Leerräume sind wichtig. Ich aber bin niemand, der ein Buch im Vorhinein bis ins letzte Detail plant, sondern schreibe einfach vor mich hin, wie jemand, der losmarschiert, um eine gewisse Distanz hinter sich zu bringen. Und danach beginne ich, das alles wieder umzustellen und zu komprimieren.



Wie viele Durchgänge haben Sie benötigt und was ist Ihnen am schwersten gefallen?



Mathieu: Das kann ich nicht sagen, aber es ist jedenfalls sicher, dass es keinen einzigen Satz gibt, den ich nicht zumindest zweimal geschrieben habe. Und die komplizierten Kapitel waren alle jene, die aus weiblicher Perspektive geschrieben sind. Und die Sexszenen!



Man merkt es ihnen nicht an.



Mathieu: Ich wollte die realistisch darstellen und keinen schamhaften Schleier darüberbreiten. Auf der anderen Seite sind solche Szenen mit so vielen Klischees verbunden, dass das schwer zu erreichen ist.



Apropos Frauen und Sex: Gab es in Ihrer Jugend eine Steph?



Mathieu: Ja, die gab es. Sie hat mich übrigens noch immer nicht kontaktiert.



Wissen Sie denn, ob sie Ihren Roman gelesen hat?



Mathieu: Keine Ahnung. Tatsächlich setzt sich die Steph in meinem Buch aus mehreren Personen zusammen. Wichtig war mir das Motiv: Es geht um eine ziemlich einseitige Liebe eines Burschen, die aber einen Prozess der Bewusstwerdung auslöst.



Wie sehr konnten oder wollten Sie überhaupt an die eigene Biografie andocken?



Mathieu: Wenn man einen Roman schreibt, verheizt man das ganze Holz, wie man im Französischen sagt, und sieht sich also auch gezwungen, auf die eigenen Verletzungen und Gefühle zurückzugreifen. Aber eigentlich wollte ich das immer vermeiden.



Es gibt zwei auch bei uns sehr bekannte französische Autoren, die genau das gemacht haben: Annie Ernaux und Didier Eribon. Fühlen Sie da eine Verwandtschaft?



Mathieu: In bestimmter Hinsicht schon, weil auch sie von den unteren Schichten sprechen und weil ihre Literatur von den Sozialwissenschaften gespeist wird. Und bei beiden geht es auch darum, wie man aus der eigenen Klasse herauskommt.



Wobei das Bestreben, die Klasse der eigenen Herkunft hinter sich zu lassen, oft eine zerrissene Identität zur Folge hat und mit einem Gefühl der Scham angesichts dieses eigenen Klassenverrats verbunden ist.



Mathieu: Sie stellen eines Tages fest, dass sie ganz woanders stehen als ihre Eltern und dass sie sich für diese schämen. Zugleich fühlen sie sich deswegen schuldig. „Die Jahre“ von Ernaux beginnen mit einem Zitat von Jean Genet, in dem es heißt: „Schreiben ist die letzte Lösung, wenn man einen Verrat begangen hat.“



So hatte ich das auch gemeint: Sie versuchen gleichsam, Abbitte zu leisten.



Mathieu: Ernaux sagt das auch ganz klar: „Ich schäme mich dafür, mich geschämt zu haben.“



Bleiben wir bei der Generationenfrage. Der Titel Ihres Romans, „Wie später ihre Kinder“, ist ein apokryphes Bibelzitat aus dem Buch Jesus Sirach, in dem es heißt: „Sie sind gestorben und vergessen, genauso wie später ihre Kinder.“ Das ist doch schon recht pessimistisch?



Mathieu: Für mich nicht. Die Tatsache, dass diese Leben keine Spuren hinterlassen, wovon nicht nur in der Bibel, sondern auch bei John Steinbeck oder Bruce Springsteen die Rede ist, bedeutet ja nicht, dass sie keine Würde besitzen oder nicht wert wären, gelebt zu werden. Wer das anders sieht, ist offenbar schon von der Ideologie des Erfolgs vergiftet.



An welchen Springsteen-Song hätten Sie denn gedacht?



Mathieu: „The River“, in dem es heißt: „They bring you up to do like your daddy done.“



Genau das will jeder Pubertierende vermeiden.



Mathieu: Ja, und zwar unabhängig vom Milieu. Auch Steph will da raus.



Die dann aber erkennen muss, dass doch die Klassenbesten die Welt beherrschen.



Mathieu: Der ganze Roman ist auch eine Kritik am französischen Schulsystem, und Steph versteht eben, dass die Schule die bestehenden sozialen Unterschiede bloß verstärkt.



Für Louis Althusser war die Schule auch der „ideologische Staatsapparat“ par excellence.



Mathieu: Pierre Bourdieu sieht das genauso, bloß die Schule behauptet, das Gegenteil zu tun. Tatsächlich aber ist sie ein Instrument, um die Menschen zu sortieren und auf ihren angestammten Platz zurückzuverweisen. Wobei das nicht die Schuld der Lehrer, sondern auf Struktureffekte zurückzuführen ist.



Sie sind Marxist?!



Mathieu: Ich denke, dass diese Behauptung von den Sozialwissenschaften der letzten 40 Jahre einfach belegt wurde, ganz unabhängig, ob die links oder rechts stehen. Als Marxisten würde ich mich deswegen nicht bezeichnen, weil ich nicht an einen Sinn der Geschichte glaube.



Zum Titel Ihres Romans ließe sich auch noch feststellen, dass das ja eigentlich das große Versprechen der Nachkriegszeit, der sogenannten „Trente Glorieuses“, war, dass es den Kindern einmal besser gehen wird als den Eltern.



Mathieu: Daran habe ich auch meine Kindheit und Jugend über ganz fest geglaubt. Das war das Versprechen der Sozialdemokratie nach dem Krieg, aber es wurde nicht gehalten.



Eine Zeitlang schon. In den 1970er-Jahren hatte die Sozialdemokratie hierzulande die absolute Mehrheit. Heute dümpelt sie bei 20 Prozent herum, und das ist immer noch besser als in Frankreich.



Mathieu: Das Problem besteht doch darin, dass die sozialdemokratischen Parteien dem Liberalismus anhängen und dass sich die Idee der maximalen wirtschaftlichen Effizienz überall durchgesetzt hat. Dabei war die Sozialdemokratie angetreten, um zu beweisen, dass eine gleichmäßigere Verteilung des Reichtums für eine stabilere Gesellschaft sorgt.



Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs konnte der Wohlstand ja nur zunehmen. Heute wirft man der Sozialdemokratie gerne vor, dass sie kein Narrativ anzubieten hätte, aber wenn ich jemandem erzähle, dass es ihm einmal besser gehen wird, muss das irgendwann einmal eintreffen.



Mathieu: Man sagt einerseits, dass der steigende Wohlstand eine Illusion sei, zugleich entsteht beständig ein unglaublicher Reichtum, der sich aber nur auf ganz wenige konzentriert. Wir haben also nach wie vor ein Verteilungsproblem.



Peter Sloterdijk hat vom Kommunismus und vom Katholizismus als „Zornbanken“ gesprochen, Institutionen also, die diesen Zorn in politische Energien transformieren. Heute gibt es den „Wutbürger“, und es ist nicht ausgemacht, wer ihm diese Wut abnimmt und was damit geschieht.



Mathieu: Alain Supiot, ein Rechtswissenschaftler, der am Collège de France lehrt, spricht davon, dass die Wut verstoffwechselt werden und irgendwann in Institutionen und Gesetze verwandelt werden muss. Der Zorn, den die Arbeiter ab dem Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt haben, hat zu einer umfassenden Sozialgesetzgebung geführt, die Urlaub, Arbeitslosengeld et cetera garantierte. Das müsste heute auch mit dem Zorn der Gelbwesten geschehen.



Aber so etwas wie Stolz oder Selbstwertgefühl lässt sich nur schwer institutionalisieren, oder?



Mathieu: Überhaupt nicht! Die Art und Weise, wie man Geschichte schreibt, ist die Institutionalisierung von Identität. Das, was man früher „Staatsbürgerkunde“ nannte, hat das geleistet.



Was soll ein junger Mann, der einen ähnlichen Hintergrund hat wie Hacine in Ihrem Roman, mit Jeanne d’Arc oder Napoleon anfangen?



Mathieu: Er nicht, aber seine Kinder. Anthony heißt Casati, ist also wahrscheinlich der Enkel eines italienischen Einwanderers.



Der Vater von Hacine hat doch am eigenen Leib erlebt, dass die ethnische Hierarchie innerhalb der Arbeiterschaft nicht zu ändern war: Die Menschen aus Nordafrika sind immer ganz unten geblieben. Er hat nie das Gefühl, in Frankreich angekommen zu sein und aus sich was machen zu können.



Mathieu: Das stimmt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam es zu Gewalt gegenüber italienischen Einwanderern, und deren Enkel sind diejenigen, die heute auf die Maghrebiner losgehen.



Keine sehr rosigen Aussichten!



Mathieu: Ja, es braucht Zeit, um Menschen zu integrieren.



Und es gibt verlorene Generationen.



Mathieu: Wenn man sich die asiatische Einwanderung ansieht, kann man sehen, dass die erste Generation arbeitet wie die Tiere. Die hat ein sehr schwieriges Leben und investiert ganz viel in die Schulausbildung ihrer Kinder, die dann hoffentlich ein besseres Schicksal haben, und die Enkelkinder sind dann vollständig integriert. Als Schriftsteller bin ich aber auch nicht zuständig für die Lösung dieser Probleme, ich beschreibe nur, wie die Dinge funktionieren.

Klaus Nüchtern in FALTER 51-52/2019 vom 20.12.2019 (S. 32)



Rezension aus FALTER 30/2019

Sex, Drugs und Plattenbau

Anthony ist gerade 14 geworden, und ein Stück Rockmusik, das im Radio rauf und runter gespielt wird, stellt die musikalische Matrix für alles bereit, was die emotionale Achterbahnfahrt der Pubertät zu bieten hat: „Er war noch neu, ein Song aus einer amerikanischen Stadt, genauso rostig wie Heillange, einer Drecksstadt am Ende der Welt (…). Und dieser Song breitete sich wie ein Virus überall da aus, wo es schlaksige Jungprolls gab, verkorkste Kids, Krisenverlierer, Teeniemütter, kleine Gangster auf Mopeds, Kiffer und Sonderschüler.“



„Smells Like Teen Spirit“ liefert den Soundtrack zum Summer of ’92, dem der erste und längste Teil des Romans „Wie später ihre Kinder“ (franz. Original: „Leurs enfants après eux“) gewidmet ist, für den Nicolas Mathieu im Vorjahr der wichtigste Literaturpreis Frankreichs, der Prix Goncourt, zugesprochen wurde. Der Autor selbst sollte wissen, wovon er schreibt: Er war damals, 1992, selber 14 Jahre alt. Mit autobiografischer Nabelschau hat sein Roman freilich gar nichts zu tun, er gehört vielmehr einem bedeutenden und vitalen Strang der französischen Literaturgeschichte an. Mathieus um rund zehn Jahre ältere Kollegin Virginie Despentes, die aufgrund ihrer hochgelobten Trilogie „Das Leben des Vernon Subutex“ selbst als ein „weiblicher Balzac des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet wurde, hat „Wie später ihre Kinder“ als „eine große Gesellschaftschronik in der Tradition von Émile Zola“ bezeichnet.



Mathieu ist in der Tat ein realistischer Autor, dem es um die Darstellung von Gesellschaft geht, ohne in naiver Weise darauf zu setzen, diese ließe sich anhand von Idealtypen modellhaft rekonstruieren. Der Roman erfasst einen historischen Moment, der von zwei Momenten kollektiver Emphase gerahmt wird: Nirvanas Grunge-Rock-Hymne auf der einen, der Triumph der französischen Fußballnationalmannschaft bei der WM 1998 auf der anderen Seite; hier das Produkt der Popindustrie, dessen trotziges Loser-Pathos in den Kellern, Klubs und Kaschemmen des ganzen Globus konsumiert und performt wird; dort die Illusion nationaler Gemeinschaft, die für einen rauschhaften Moment Klassengegensätze aufzulösen und ethnische Schranken zu überwinden scheint.



Zugleich versucht sich in dieser Zeitspanne die Stadt Heillange, die der lothringischen Stahlstadt Hayange nachgebildet wurde, neu zu erfinden. Das Schicksal der Bewohner zwischen dem Niedergang als Industrie- und dem Re-Shaping als touristifizierte Wellness- und Wohlfühlstadt, zwischen Aufstiegshoffnung und Abstiegsgewissheit, ist das eigentliche Thema des Romans.



Am schärfsten herausgearbeitet wird dieses anhand der Person von Stéphanie. Anthony ist dem Mädchen von Anfang an verfallen, „Steph“ reagiert darauf mit einer Mischung aus Ekel, Verachtung und Koketterie, kultiviert dafür ihre Passion zum „bad boy“ Simon, der auch mit ihrer besten Freundin vögelt, aber trotzdem irgendwie „süß“ ist. Kurz vor ihrem Schulabschluss wird Steph von ihrem Vater, einem Mercedes-Händler, der mit seinen Bürgermeisterambitionen auch „ein völlig unkontrollierbares Verlangen nach Anpassung“ entwickelt hat, plötzlich unter Druck gesetzt, die Matura mit Auszeichnung zu bestehen. Da sieht sie sich genötigt, diesem nachzugeben, und wird von der schlagartigen Erkenntnis ereilt, dass die bislang als uncool geltenden Streber und Arschkriecher immer schon recht hatten: „Die Welt gehörte den Klassenbesten.“



Gesättigt vom Teen Spirit, der nach Schweiß, Sex, Benzin und Haschisch riecht, handelt Mathieus Roman von der ewigen Geißel Pubertät – „In jeder Generation musste das Verlangen die immergleiche Schüchternheit überwinden“ – und von dem, was danach kommt: ein Erwachsensein, das alles, was einmal Hoffnung, Euphorie und Begierde war, in jene Mischung aus Routine, Desperatheit und Spießigkeit verwandelt, die man schon an den eigenen Eltern verachtet hat. Einer wie Hacine hätte eigentlich von einem glamourösen Gangsterleben geträumt, das nach einem Zwischenstopp in Marokko an der Seite seines von dort stammenden Vaters in greifbare Nähe gerückt schien, ehe er sich als „Lebensgefährte“ an der Seite einer Frau findet, die sich auf einmal für Thalassotherapie interessiert – zu 5000 Francs für das Wochenende zu zweit.



Eine gewisse paternalistische Herablassung gegenüber dem eigenen Personal ist Mathieu nicht ganz fremd. Unmerklich geht die Figurenperspektive zuweilen in die Exkurse des auktorialen Erzählers über, der sich zu erklären genötigt fühlt, was die Protagonisten selbst nicht durchschauen können. Zugleich stellt die unsentimentale Distanz, die er zu diesen wahrt, eine ganz entschiedene Qualität des Romans dar.



Keiner der wichtigsten Charaktere ist sonderlich gewinnend gezeichnet, aber paradoxerweise gelingt es gerade dem kühlen, analytischen Blick, uns diese näher zu bringen. Nicolas Mathieu verweigert sich den Sinnangeboten des Entwicklungsromans ebenso wie dem Drama des letzten Gefechts. Rassistische Ressentiments, kriminelle Energien und Gewalt zwischen den Milieus und innerhalb der Familie ergeben ein prekäres Gemisch, aber der große Showdown und der finale kathartische Knall bleiben aus. Nichts wird gelöst, alles geht weiter – wenn auch nicht für alle.



Das Feuer der Hochöfen in Heillange ist erloschen, Fußgängerzonen und Radwege werden errichtet, Campingplatz und Schwimmbad ausgebaut, für das Jahr 2000 ist „ein brandneues Museum für Eisen und Stahl angekündigt“. Zugleich ist damit aber auch entschieden, wer endgültig zum alten Eisen wandert. Dass die Scheidelinie entlang der Geschlechtergrenzen verläuft, ist vielleicht die einzige Pointe, die Mathieu mit seinem mieselsüchtigen Landsmann Michel Houellebecq verbindet. Kurz flackert hier der Terror, den die alten weißen und nicht so weißen Männer, die Väter von Anthony und Hacine, hauptsächlich gegenüber Hacine entfachen, noch einmal auf. Aber danach ist es vorbei.



Während die Väter erlöschen oder sich selbst auslöschen, ist anderen – Mathieu verfügt über ein grandioses Gespür für Asymmetrien! – ein unerwarteter Spätsommer des Wohlstands beschieden: „Es gab erstaunlich viele alleinstehende Frauen, die das Leben genießen wollten. (…) In ihrem Leben waren die Kinder und Ehemänner nur eine Phase gewesen. Sie waren die Ersten ihrer Art und gönnten sich einen Ausbruch aus der jahrtausendealten Knechtschaft. Diese Amazonen in Caprihosen, bescheiden, fröhlich, ein bisschen eitel, (…) diese Arbeitertöchter, die mit Beatmusik aufgewachsen und massenweise auf den Arbeitsmarkt gedrängt waren, schnitten sich eine große Scheibe ab vom guten Leben, nach den mageren, sorgenvollen Jahren.“



Heillange mag als Phönix aus der Asche hervorgehen, aber auch eines macht Mathieus hellsichtiger Roman klar: Auferstehung ist nicht für alle.

Klaus Nüchtern in FALTER 30/2019 vom 26.07.2019 (S. 29)


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