SACHBUCH-BESTENLISTE April 2020

Die Wildnis, die Seele, das Nichts
Über das wirkliche Leben

von Michael Hampe

€ 26,80
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Philosophie, Religion
Erscheinungsdatum: 09.03.2020


Rezension aus FALTER 11/2020

Was bedeutet Menschsein?

Philosophie: Michael Hampe gelingt der Spagat zwischen Theorie und Erzählung



Michael Hampe durchlief eine klassische akademische Laufbahn. Er studierte an der durch Hans-Georg Gadamer geprägten Philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg sowie in Cambridge. Zu seinen frühen Schwerpunkten zählt der Philosoph und Mathematiker Alfred North Whitehead (1861–1947), der 1910–13 mit Bertrand Russell das Standardwerk über Logik, „Principia Mathematica“, vorlegte. Nach Zwischenstationen in Dublin, Berlin, Kassel und Bamberg lehrt Hampe seit 2003 an der ETH Zürich. Mit der Streitschrift „Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik“ legte er 2014 eine Abrechnung mit der akademischen Philosophie vor, die mit ihrem gesellschaftlichen Abstieg seiner Meinung nach zu einem Karriereprogramm verkam. Die Ursache dafür sieht er nicht nur im Aufstieg der Naturwissenschaften, sondern auch in der monologischen Ausrichtung einer Philosophie, die mit Behauptungen und Großbegriffen operiert und zwischen praktischer und theoretischer Philosophie unterscheidet.



In seinen eigenen Büchern versucht er diese Fehler seit gut einem Jahrzehnt zu vermeiden, indem er einen erzählerischen Zugang zu theoretischen Fragen sucht. Philosophie nimmt für ihn dabei eine Zwischenposition zwischen Wissenschaft und Kunst ein und ist kein Wissen, sondern eine Tätigkeit, wobei ihre Lehre eine Weitergabe von Fertigkeiten bedeutet: namentlich jener, mit Begriffen experimentierend auf die eigenen Erfahrungen zu reagieren.



Damit erreichte er ein breiteres Publikum. In „Das vollkommene Leben“ von 2009 ließ er einen Naturwissenschaftler, eine Philosophin, einen Psychoanalytiker und einen Soziologen über das Glück meditieren. In „Tunguska oder Das Ende der Natur“ von 2011 verwickelte er vier untote Vertreter philosophischer Schulen auf einem Containerschiff in eine leichtfüßige Diskussion über das Wesen der Natur und das singuläre Ereignis der Explosion im sibirischen Tunguska aus dem Jahr 1908. Im Zentrum steht dabei die Frage, die Hampe immer wieder bewegt hat: Beruhen die Natur und die Geschichte auf Gesetzen, oder sind sie eher als Abfolge von Einzeldingen und -ereignissen zu begreifen?



„Die Wildnis. Die Seele. Das Nichts. Über das wirkliche Leben“ lautet der Titel seines neuen Buchs, das mit dem mittlerweile bewährten Konzept einer erzählenden Philosophie arbeitet. Wir befinden uns im Jahr 2039, mitten in den Auswüchsen eines Cyberkriegs zwischen den USA und einem Bündnis aus Russland, Indien und China, der das öffentliche Leben zusammenbrechen ließ. Während unten in der Stadt der Mob plündernd durch die Straßen zieht, sitzt der ehemalige Verleger Aaron in seinem noblen Eigenheim mit automatischen Rollos und arbeitet an einer Biografie über seinen verstorbenen Freund, den Lyriker Moritz Brandt. Glücklicherweise hat er früh genug angefangen zu hamstern, sodass er zwischen den Arbeitssessions kulinarische Pausen einlegen kann. Denn Aaron ist im Gegensatz zu Moritz Brandt, dem asketischen Denker und Dichter, Genießer. Er kocht leidenschaftlich gerne und trinkt dazu ein Gläschen Wein. Zwar muss er die Mahlzeiten alleine einnehmen, aber er ist nicht einsam, denn sein Computer Kagami ist jederzeit zu einem Dialog bereit – nicht nur über Moritz Brandt, sondern auch über philosophische Fragen.



Gekonnt montiert Hampe verschiedene Textsorten. Im Zentrum des Buchs stehen drei große Essays von Moritz Brandt über die titelgebenden Themen Wildnis, Seele und das Nichts. Dazu kommen Tagebuchaufzeichnungen und Briefe von Brandt und seiner Schwester Mariam sowie Kommentare von Brandts philosophischer Mentorin Dorothy Cavendish aus seiner Studienzeit in den 1980er-Jahren in Cambridge. Anhand dieser „Inputs“ versuchen Aaron und Kagami in ihren Gesprächen, Brandts geistige Entwicklung von der Kindheit im spießigen Elternhaus bis zu seiner letzter Lebensphase vor seinem frühen Krebstod in der ehemaligen Raketenstation Hombroich nachzuzeichnen, die heute eine Künstlerresidenz beherbergt. Für die weibliche Stimme des Computers hat Hampe offenbar Anleihen bei Spike Jonzes Film „Her“ von 2013 genommen. Allerdings entsteht zwischen den beiden Gesprächspartnern keine Liebesbeziehung – zu theoretisch sind ihre Fragen. Die konkrete, aber fiktive Person Moritz Brandt dient ihnen dabei als Exempel für die Suche nach den Wurzeln des Menschseins.



Das Natürlich und das Künstliche und die Illusion von Autarkie und Idylle stellen die Kristallisationspunkte des ersten Teils des Buches dar, abgehandelt mithilfe der US-amerikanischen Naturromantiker und Aussteiger-Pioniere Emerson und Thoreau, von Hermann Melvilles „Moby Dick“ (1851) und Jon Kracauers „Into the Wild“ (1996) sowie der Geschichte der Philosophin Val Plummer, die im Jahr 1985 bei einem Ausflug in einem australischen Nationalpark beinahe von einem Krokodil gefressen wurde. Brandts Essays und Kagamis Ergänzungen aus ihrem unerschöpflichen Archiv liefern aber nicht nur Argumentationsmaterial aus der europäischen Philosophie und Literatur, sondern auch aus der buddhistischen Tradition, dem ägyptischen Totenbuch oder dem Leben der Boxlegende Muhammad Ali.Im letzten Teil geht es um den Tod und das Recht auf Fortpflanzung sowie den Unterschied von Politik, Eskapismus und Weisheit. Dabei wird auch die Frage diskutiert, ob es in „Zeiten wie diesen“ vertretbar sei, Kinder in die Welt zu setzen, und anhand welcher Kriterien es sinnvoll sein könnte, solche Entscheidungen zu treffen.



Hampe serviert seine anspruchsvolle Kost anhand von anschaulichen Beispielen und bereitet sie mit den Dialogen von Aaron und Kagami häppchenweise auf. Sie sind so spannend und lebendig geraten, dass man – ähnlich wie in Jonzes Film – den Computer bald ebenso sehr ins Herz schließt wie Aaron. Zudem bietet die Interaktion von Mensch und Maschine Stoff für Reflexionen über das Natürliche und das Künstliche, sprich die Technik. Kagami kann nichts wollen und kennt keine Todesfurcht. Aber sie kann auf der Grundlage ihres riesigen Archivs, sprich Gedächtnisses, sehr wohl simulieren. „Mir scheint, dichten oder einen Film machen ist bei euch das, was bei mir simulieren ist. In eurem Kopf ist auch eine Simulationsmaschine, nur mit einem kleineren Archiv.“ Kann man mit einem Computer über das Leben diskutieren? Hampe macht es zumindest glaubwürdig – und legt damit klassische Philosophie in Reinkultur vor: geschult an Plato und der von diesem entwickelten Dialogform als Medium des Denkens. In seinem vorläufigen Opus magnum „Die Wildnis. Die Seele. Das Nichts“ geht es schlicht und ergreifend um alles. Es fordert Geist und Sinne heraus. Mit antiker Wucht und gleichzeitig zeitgemäßer Frische.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 11/2020 vom 13.03.2020 (S. 38)


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