Es muss schreien, es muss brennen

Essays
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Kurzbeschreibung des Verlags:

„So klug und radikal ehrlich: Seit Susan Sontag und Joan Didion hat niemand aufregendere Essays geschrieben als Leslie Jamison.“ Daniel Schreiber
Leslie Jamison ist eine der originellsten und couragiertesten Denkerinnen ihrer Generation. In ihrem neuen Buch erkundet sie die Tiefen von Verlangen, Intimität und Obsession und testet dabei auch die Grenzen ihrer eigenen Offenheit und ihres Mitgefühls für andere aus. Wie kann sie empathisch über menschliche Erfahrung schreiben, ohne ihre kritische Distanz zu verlieren? Wie ihr Beteiligtsein verarbeiten, ohne der Selbstbezogenheit zu erliegen? In Essays über so unterschiedliche Themen wie den „einsamsten Wal der Welt“, kindliche Erinnerungen an frühere Leben oder die Erfahrung, eine Stiefmutter zu sein, sucht sie nach neuen, ehrlichen Möglichkeiten erzählerischer Zeugenschaft.

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FALTER-Rezension

„Scheiß auf die Geschmackspolizei“

Ein Wal, der einsam durch den Pazifik zieht und ungewöhnliche Laute von sich gibt; ein Bub aus Louisiana, der von Flugzeugabstürzen träumt und davon überzeugt ist, in seinem früheren Leben Bomberpilot gewesen zu sein; ein Fotograf, der die Leichen der im amerikanischen Bürgerkrieg gefallenen Soldaten sorgsam für seine Aufnahmen arrangiert; die Spielermetropole Las Vegas, in der man rund um die Uhr nicht nur sein Geld verlieren, sondern auch heiraten kann.

Das sind nur einige der Protagonisten und Schauplätze jener 13 Essays, die in Leslie Jamisons jüngstem Buch versammelt sind. Bekannt wurde die Tochter eines Ökonomen, die in Harvard und Yale studiert hat, durch ihren 2014 erschienenen Essayband „The Empathy Exams“. Für die deutsche Ausgabe von „Die Empathie-Tests“ (2017) fügte der Verlag den Untertiel „Über Einfühlung und das Leiden anderer“ hinzu. Er umreißt nicht nur so etwas wie das Lebensthema der Autorin, sondern spielt auch auf einen Titel der New Yorker Parade-Intellektuellen Susan Sontag (1933–2004) an, mit der Jamison immer wieder verglichen wurde. In „Das Leiden anderer betrachten“ (2003) hatte sich Sontag mit dem Genre der Kriegsfotografie auseinandergesetzt und darin auch einige der Thesen aus ihrem berühmten Essay „On Photography“ (1977) revidiert.

Fotografie und das Leiden anderer sind Themen, mit denen sich auch Jamison immer wieder auseinandergesetzt hat. Darüber hinaus leben ihre Texte davon, dass sie radikal persönlich sind. Offen schreibt die Autorin über ihre Anorexie oder ihre Alkoholabhängigkeit, ohne dabei je larmoyant oder exhibitionistisch zu wirken.

Wer Jamison liest, betritt ein Spiegelkabinett: Wie nehme ich die Welt wahr, und wie blickt diese auf mich zurück? Wie möchte ich von meinen Mitmenschen wahrgenommen werden? Wie sehen diese mich tatsächlich? Wo klaffen die beiden Perspektiven auseinander? Und wie unterscheiden sich meine Hypothesen über diese Wahrnehmungsunterschiede von jenen der anderen?

Klingt anstrengend, ist es aber gar nicht. Jamisons Essays, die sich in der Sprache des Deutschunterrichts auch als eine Mischung aus Erörterung und Erlebnisaufsatz beschreiben lassen, sind allein schon deswegen alles andere als „verkopft“, weil dem Rest des Körpers auffallend große Aufmerksamkeit gewidmet wird. Im Titelessay aus den „Empathie-Tests“ berichtet die Autorin von ihrer Erfahrung als „Patienten-Darstellerin“. Als solche ist es ihre Aufgabe, möglichst glaubhaft die Symptome einer Krankheit zu performen, damit angehende Mediziner und Medizinerinnen üben können, korrekte Diagnosen zu stellen.

Parallel zu den Instruktionen, die sie in dieser Rolle bekommt – „Es ist von zentraler Bedeutung, dass Sie jeglichen Blickkontakt vermeiden“ –, beschreibt Jamison ihre eigene Befindlichkeit vor, während und nach einer Operation, die durchgeführt wird, um ihr Herzrasen in den Griff zu bekommen. Sie berichtet dem medizinischen Personal von ihrem erst kürzlich erfolgten Schwangerschaftsabbruch, bei dem sie sich von ihrem Freund unzureichend unterstützt fühlte, und ärgert sich über die brüske Art, mit der eine Ärztin mit ihr umspringt.

Als ihr der operierende Arzt, ein Dr. G., ganz sachlich mitteilt, dass sie nach einer offensiveren Form des zunächst erfolglos verlaufenen Eingriffs eventuell einen Herzschrittmacher benötigen würde, empfindet sie Dankbarkeit: „Seine Ruhe gab mir nicht das Gefühl der Verlassenheit, sondern das der Sicherheit. Sie vermittelte mir zwar kein Mitgefühl, dafür aber Zuversicht. […] Empathie ist eine Art von Zuwendung, aber nicht die einzige – und sie ist auch nicht immer ausreichend. Ich kann mir vorstellen, dass Dr. G.s Überlegungen genau in diese Richtung zielten. Es war wichtig für mich, beim Blick auf ihn meine Ängste nicht gespiegelt zu sehen, sondern aufgehoben.“

Komplexe, widersprüchliche, gemischte und seltsame Gefühle sind das bevorzugte Terrain von Leslie Jamison. „Purzelbäume“, der abschließende Essay in „Es muss schreien, es muss brennen“, richtet sich in der zweiten Person Einzahl an die eigene Tochter und erzählt von den Momenten, in denen diese so groß war „wie ein Mohnsamen … eine Linse … Blaubeere … Steckrübe … Kokosnuss … Ananas … Honigmelone“. Heute reicht die dreieinhalbjährige Ione der – ziemlich großen – Mutter bis zur Hüfte und tapst während des Zoom-Interviews durch das mit Umzugskartons vollgeräumte Arbeitszimmer in Brooklyn.

In „Purzelbäume“ bringt Jamison zwei scheinbar disparate Erfahrungen zusammen – in einem Genre, das sie selbst „braided essay“, also „verflochtenen Essay“, nennt und das sie ihren Studierenden an der Columbia University im vergangenen Semester im Rahmen ihres Kurses „Writing the Body“ als Hausaufgabe abverlangt hat: „Ich habe jahrelang versucht, über meine Essstörung zu schreiben, und es nie überzeugend gefunden. In meiner Schwangerschaft wurde mir klar, dass beides zusammenhing: Es ging einerseits um eine Erfahrung pathologischer Einschränkung und andererseits um eine Erfahrung von Erweiterung. Aber natürlich stellte sich heraus, dass dieser Gegensatz als solcher nicht aufrechtzuerhalten war. Und das ist genau das, was ich am Schreiben liebe: Wenn ich einen Essay beginne, dann weiß ich nicht, welche Richtung er nimmt und was am Ende dabei herauskommt. Es kann nie darum gehen, etwas zu beweisen, was ich im Vorhinein schon gewusst habe.“

Entsprechend zählen die Revision und die Revision der Revision zu Jamisons bevorzugten Schreibstrategien. Sie habe „eine tiefe Skepsis gegen die Skepsis entwickelt“, heißt es zu Beginn von „Wir erzählen uns Geschichten, um wieder zu leben“. Es ist eine Recherche über Menschen, die nicht nur – so wie ein Drittel aller US-Amerikaner – prinzipiell an Reinkarnation, sondern auch zu wissen glauben, wer sie in einem früheren Leben gewesen sind.

Ihrem jeweiligen Gegenüber nähert sich Jamison mit vorsätzlicher Unvoreingenommenheit. Bis ihr schließlich auch der eigene, vermeintlich empathische Zugang als suspekt erscheint, weil diesem „ein leichter Geruch von Selbstgefälligkeit“ anhaftet: „Vielleicht gefiel ich mir, wenn ich mir einredete, dass ich Underdogs verteidigte. Vielleicht war es Feigheit. Vielleicht traute ich mich nicht, Geschichten zu hinterfragen, die Menschen sich selbst erzählten, um zu überleben.“

„Homo sum, humani nihil a me alienum puto“: „Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd“ steht als Tattoo über ihren ganzen linken Unterarm geschrieben. Vielleicht buchstäblich ein bisschen dick aufgetragen? Das hat sich Jamison selbst auch schon gedacht und in ihren Essays kommt sie wiederholt darauf zu sprechen. Im Interview meint sie: „Wenn ich mir jene Reaktionen auf die Corona-Krise ansehe, die Maskenpflicht oder die Schutzimpfung nur als staatliche Tyrannei und Angriff auf unsere fundamentalen Freiheiten auffassen, bin ich verstört: Kann ich diese Person wirklich verstehen? Vielleicht ist mir dieser Vater des angeblich wiedergeborenen Sohnes, der mir seine Waffensammlung zeigt, doch ziemlich fremd? Wie also kann man zugleich an der Auffassung festhalten, dass es einerseits etwas Verbindendes gibt, das alle Menschen teilen, und andererseits das fundamental Trennende respektieren, das zu ignorieren unverantwortlich wäre?“

Eine endgültige Antwort darauf kann es naturgemäß nicht geben, lediglich eine Praxis, mit solchen Widersprüchen umzugehen. Eine Praxis, die nicht einfach in einem wolkigen Modus des Sich-Einfühlens, sondern in einer echten, auch kognitiven Anstrengung besteht. Ein sehr schönes Beispiel dafür liefert der Text „Zwischenstopp“, der von einer Begegnung mit einer ­„schwierigen Frau“ handelt, die Jamison nach einem verpassten Anschlussflug zufällig im Hotel kennenlernt. Beim Googeln des Namens stellt sie fest, dass es sich offenbar um das Opfer einer Scherenattacke handelt.

Im Laufe der kurzen Geschichte erweist sich „die Frau mit der Stimme“ freilich als schwer zu fassende Person, die in den Augen der Erzählerin von der Nervensäge zur Heiligen und schließlich zu einer Touristin mutiert, die halt zu viel Party gemacht hat. Welches Bild nun der Wahrheit am nächsten kommt, ist aber gar nicht die entscheidende Frage, denn: „Sie war die ganze Zeit eine Frau mit Schmerzen, die vor dir saß. Manchmal braucht ein Mensch Hilfe, weil er sie braucht, nicht weil seine Geschichte überzeugend oder edel oder originell genug ist, um sie zu verdienen, und manchmal tust du nur, was du kannst. Es macht dich nicht zu einem besseren oder schlechteren Menschen. Es verändert dich gar nicht, bis auf die Millisekunde, in der du dir vorstellst, dass du eines Tages der Mensch bist, der Hilfe braucht.“

„Empathie ist zu einem hippen Gut geworden“, erklärt Jamison und erzählt davon, wie sie vor Jahren zu einer Diskussion mit einem Psychologen geladen wurde, dem Autor eines Buches mit dem Titel „Against Empathy“. „Es war sehr lustig, sich mit ihm darüber zu unterhalten. Ein Buch gegen Empathie zu schreiben, ist in etwa so prestigeträchtig, als würde man zugeben, Kätzchen oder Welpen zu hassen. Ich möchte aber nicht die Empathie-Tante sein, die ein Loblied auf diese wunderbare Fähigkeit singt. Es geht mir vielmehr darum zu hinterfragen, was das überhaupt ist. Wir müssen unsere Annahmen darüber, was andere Menschen fühlen oder denken, ständig infrage stellen, anstatt auf unsere Intuitionen zu vertrauen.“

Im Titelessay von „Make It Scream, Make It Burn“ befasst sich Jamison mit ihrem Landsmann James Agee (1909–1955) und dem Buch „Let Us Now ­Praise ­Famous Men“, in dem Agee gemeinsam mit dem Fotografen Walker Evans das Leben verarmter Südstaatenfarmer zur Zeit der großen Depression und von Franklin Roosevelts „New Deal“ dokumentierte. Von dem 1941 veröffentlichten Buch wurden ursprünglich lediglich 600 Exemplare verkauft, erst bei seiner Wiederveröffentlichung 19 Jahre später avancierte es schlagartig zum ­modernen Klassiker. In den 1960er-Jahren, in denen der mit Namen wie Tom ­Wolfe, Hunter S. Thompson oder Joan ­Didion ­verbundene New Journalism reüssierte, hatte man für Agees radikal subjektives und die ­Genregrenzen sprengendes Werk sehr viel mehr übrig als zur Zeit von dessen Entstehung.

Von dem 1936 begonnenen Projekt existiert allerdings auch noch das ursprünglich verschollen geglaubte Originalmanuskript mit dem schlichten Titel „Cotton Tenants“. Jamison zieht es heran, um zu beschreiben, wie widerstrebende Impulse – Agees abgrundtiefes Bedürfnis nach Nähe, dessen Ekel vor ärmlichen Verhältnissen sowie dem Ekel vor dem eigenen Ekel – zum Motor für eine neue Schreibweise werden: „Sein vorsätzlich getrübtes Gewissen ist es, das Agee vom journalistischen Establishment abhebt. Es ist, als würde er moralische Schulden machen, wenn er über eine wehrlose Bevölkerungsgruppe schreibt, die er dann begleichen will, indem er den eigenen Übergriff anprangert.“

Ein anderer ihrer jüngsten Essays handelt davon, wie Jamison das „Museum der zerbrochenen Beziehungen“ in Zagreb besucht. Bei der Betrachtung der dort ausgestellten Reliquien amourösen Scheiterns habe sie sich eher als „Kollaborateurin“ denn als „Voyeurin“ gefühlt, schreibt sie –und gibt damit auch einen deutlichen Hinweis darauf, welche Haltung sie bevorzugt. Ein Vorbild in dieser Hinsicht findet sie in der Fotografin Annie Appel, mit deren Mexiko-Projekt sich der Essay „Maximale Belichtung“ befasst. Innerhalb von 25 Jahren hat Appel ebenso viele Reisen unternommen. Die 23.000 Fotos, die dabei entstanden sind, dokumentieren das Leben einer Frau aus einer Hüttensiedlung im mexikanischen Bundesstaat Baja California.

Im Unterschied zu Walker Evans, der in den 1930er-Jahren die Wohnstätten der Farmpächter umarrangierte, „um ihrer Armut eine karge Genügsamkeit zu verleihen“, verzichtet Appel nicht nur auf solche Eingriffe, sondern auch auf jegliche nachträgliche Änderung des Bildausschnitts. Den ­Balanceakt der Fotografin, die eben Künstlerin und keine Sozialarbeiterin ist und weder zur zynischen Ausbeuterin werden noch ihrem Helfersyndrom erliegen will, bezeichnet Jamison als „liebevolle Verstrickung“ – eine Charakterisierung, die auch auf ihr eigenes Werk zutrifft.

Je persönlicher die Essays sind, umso komplizierter gestaltet sich der Schreibprozess. Für die Reportage über einen Blauwal, der seinen Gesang auf der ungewöhnlichen Frequenz von 52 Hertz erklingen ließ und zur Projektionsfläche für tausende einsame und verlassene Menschen wurde, recherchierte sie eineinhalb Jahre lang; die Arbeit an „Die große Fahrt“ aber, einem Essay über die Männer in ihrer Familie, nahm fünf Jahre in Anspruch und wurde eher zehn- bis fünfzehnmal anstatt der üblichen fünf- bis sechsmal überarbeitet.

Weil sie niemanden exponieren oder verletzen möchte, hat Jamison es sich zur Gewohnheit gemacht, den Betroffenen die Texte, in denen diese eine mehr oder weniger bedeutende Rolle spielen, vor der Veröffentlichung zum Lesen zu geben: „Ich gewähre ihnen nicht volle Zensurrechte, in dem Sinne, dass ich alles streiche, was ihnen nicht passt. Es geht mir aber darum, sie an diesem Prozess teilhaben zu lassen. Manchmal wird das auch richtig intensiv und es kommt zu verrückten Gesprächen, die wir ansonsten nie geführt hätten. Zum Beispiel habe ich mit einem Ex darüber gesprochen, dass ich mich von ihm nie hinreichend unterstützt gefühlt habe. Er hingegen hatte den Eindruck, er täte es die ganze Zeit, bloß dass all seine Bemühungen vollkommen für die Katz waren. Das war nicht gerade das, was ich unbedingt hören wollte, aber sehr nützlich in Hinblick auf den Text, der dadurch an Komplexität gewonnen hat. Es überrascht mich immer wieder, was die Menschen, über die ich schreibe, tatsächlich verstört. Bei meinem Vater hatte ich angenommen, dass ihn die Passagen über seine Untreue und seine Trunksucht aufregen würden. Tatsächlich aber war das Einzige, was ihn gestört hat, der Umstand, dass ich ihm einmal das Adjektiv ,powerful‘ umgehängt hatte. Darauf wäre ich nie gekommen!“

„Lass es schreien, lass es brennen“ kann auch als eine Art Selbstermunterung aufgefasst werden, beim Schreiben nicht zu gefällig und dezent zu verfahren, es bloß nicht allen recht machen zu wollen. „Scheiß auf die Geschmackspolizei“, heißt es in dem Essay „Echter Rauch“, in dem Jamison Las Vegas zugleich als realen Schauplatz und als Metapher einsetzt, um über Authentizität, Vulgarität, Sein und Schein, zugleich aber auch über die Zyklen des eigenen Begehrens nachzudenken.

Sie ist gerade wieder einmal frisch getrennt, und weil sie zwei Jahre zuvor mit dem Saufen aufgehört hat – worüber sie in „Klarheit“ („The Recovering“, 2018) auf über 600 Seiten Auskunft gibt –, bestellt sie im Herzen des Strip unter einem dreistöckigen Kronleuchter einen alkoholfreien Mocktail. Vertraut mit Robert Venturis berühmtem Pamphlet der Postmoderne, „Learning from Las Vegas“, verweigert sie sich dem bildungsbürgerlichen Bashing der vulgären Spielermetropole: „Die ganze Welt will dich über den Tisch ziehen. Vegas macht bloß keinen Hehl daraus. Vegas macht Festbeleuchtung daraus. Für mich ist Vegas das stadtplanerische Pendant zu dem Obdachlosen, an dem wir vorbeikamen, auf dessen Schild stand: WOZU LÜGEN? ICH WILL BIER.“

Vegas ist aber auch wie Flirten, „ein Blinken der Möglichkeiten, ein Knistern von Motten an Neonröhren“. Und so beginnt es auch zwischen Leslie Jamison und ihrem Gastgeber, einem attraktiven, blondgelockten Typen in Hipster-Jeans, zu knistern. Geknutscht wird vorerst nicht, aber in weiterer Folge entspinnt sich nach bekanntem Muster eine Affäre, bis sich die Sache mit „Vegas Joe“ als Simulation erweist, als eine „Intimität zweier kuratierter Identitäten“, die an einer Realität, in der es lange Autofahrten und Bettwanzen gibt, zunichte werden muss.

15 Monate später ist Jamison wieder zurück in Vegas. Diesmal, um in der Little White Chapel den richtigen Mann fürs echte Leben zu heiraten. Er ist Witwer und hat eine kleine Tochter. Jamison, die „Expertin in Sehnsucht“ und „im Verliebtsein ohne Erfüllung“ ist wieder einmal genesen und bereit für die wirkliche Wirklichkeit. Viel mehr Klischee geht nicht.

Die Apotheose matrimonialer Gemeinsamkeit, in die „Echter Rauch“ mündet, produziert einige „Ehe ist …“-Sätze, die man sich getrost aufs Kopfkissen sticken kann. Aber Leslie Jamison hat sich den kühlen Imperativen der Anti-Kitsch-Liga von Anfang an entzogen und bereits in den „Empathie-Tests“ für eine „Verteidigung des Süßlichen“ stark gemacht. Und in „Maximale Belichtung“ schreibt sie darüber, dass die Fotografin Annie Apple ihre Arbeit als „eine Form von Liebe“ versteht, in der es „keinen Platz für ängstliche Gänsefüßchen“ gibt. Liebe ist: die ironischen „ “ einfach wegzulassen.

Klaus Nüchtern in Falter 28/2021 vom 16.07.2021 (S. 26)

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ISBN 9783446267909
Erscheinungsdatum 19.04.2021
Umfang 320 Seiten
Genre Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Format Hardcover
Verlag Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Übersetzung Sophie Zeitz
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