Abendflüge

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Das lang erwartete Buch der Bestsellerautorin von „H wie Habicht” über den Menschen, die Natur und unseren Platz in der Welt
Helen Macdonald sieht in der Natur, was anderen verborgen bleibt. In ihrem lange erwarteten neuen Buch nimmt sie uns mit zu den Abendflügen der Mauersegler, erzählt von wilden Tieren, Mythen und Märchen, und führt in versteckte Lebensräume, die heute im Verschwinden begriffen sind.
Über die Entfremdung von der Natur wird überall gesprochen. Doch was bedeutet das wirklich? Helen Macdonald zeigt, dass wir uns selbst nur im Wechselspiel mit unserer Umwelt wirklich verstehen können – und was wir verlieren, wenn wir unseren Platz auf dem Planeten nicht radikal überdenken. Ein persönliches und zugleich bewegend politisches Buch, das uns ermutigt, die Natur und das Leben mit neuen Augen zu sehen.

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FALTER-Rezension

"Manchmal sind wir nur Statisten"

Das Genre des „Nature Writing“ boomt seit Jahren wie blöd. In den Buchhandlungen stapeln sich Titel über alles, was da draußen kreucht, fleucht und blüht, über einzelne Tiergattungen und -arten, über das Verhältnis von Mensch und Natur (siehe dazu auch die Buchrezensionen auf Seite 36). Nicht unwesentlich zur Popularität des Genres beigetragen hat die Britin Helen Macdonald. Ihr mit zahlreichen Preisen ausgezeichnetes Buch „H Is for Hawk“ (2014) handelt von der Falknerei mit Habichten und wurde dennoch auch im deutschsprachigen Raum („H wie Habicht“, 2015) zu einem Beststeller.

Soeben ist die deutsche Übersetzung ihres im Vorjahr im englischen Original herausgekommenen Essaybandes „Vesper Flights“ (2020) erschienen. Wie schon im vorangegangenen Buch, das auch vom verstorbenen Vater der Autorin handelte, setzt sich Macdonald auch in „Abendflüge“ mit verschiedenen Phänomenen auf eine sehr persönliche Weise auseinander, ohne dass dies je eitel oder aufdringlich wirken würde, ganz im Gegenteil.

Es ist gerade ihr subjektiver, nie belehrender und sowohl von Empathie als auch einer guten Portion britischen Humors getragener Zugang, der die insgesamt 41, von Inhalt und Umfang höchst unterschiedlichen Beiträge zu einer ebenso informativen wie kurzweiligen und packenden Lektüre macht.

Viele der Texte sind Auftragsarbeiten für Medien wie das New York Times Magazine oder den New Statesman, keinem davon haftet der Hautgout des Routinierten oder der bloßen Lohnschreiberei an. Ob es sich nun um die geheimnisvollen Abendflüge der Mauersegler, die Fauna über dem Empire State Building, die Symp­tome der eigenen Migräne oder den Zusammenhang zwischen dem Brexit und der Schwanenzählung auf der Themse handelt, stets nimmt die auch stilistisch brillante Autorin das Gewebe aus Diskursen, Artefakten und Narrativen in den Blick, das unsere Perspektive auf die vermeintlich natürliche Natur bestimmt, und gewinnt ihrem jeweiligen Thema überraschende Wendungen und Pointen ab.

„Mind the gap“ könnte das geheime Motto dieses Buches lauten. Vor der Lücke, die bei aller Ähnlichkeit und bei allen Analogien, die unsere anthropozentrische Wahrnehmung erblicken mag, zwischen Mensch und Tier klafft, soll aber nicht gewarnt, sie soll bloß im Auge behalten werden, denn: „Die tiefste Erleichterung entsteht nicht daraus, mir vorzustellen, fühlen zu können, was die Krähe fühlt, zu wissen, was die Krähe weiß – stattdessen schöpfe ich leise Freude aus dem Wissen, genau das nicht zu können.“

Das folgende Gespräch fand am 13. Mai via Zoom statt – zwei Wochen nachdem die Mauersegler nach Wien zurückgekehrt waren.

Falter: Fangen wir beim Buchcover an, das einen Mauersegler zeigt. Wann haben Sie heuer Ihren ersten gesehen?

Helen Macdonald: Ich bin ziemlich wütend, weil ich noch immer keinen gesehen habe. Üblicherweise kommen sie in der zweiten Mai-Woche. Aber heuer gab es mächtige Schlechtwetterfronten, und es macht den Mauerseglern nichts aus, über halb Europa zu fliegen, um diesen auszuweichen und dann wieder zurückzukehren.

Sie schreiben in Ihrem Titelessay, dass Mauersegler „magisch“ seien. Ich muss gestehen, dass ich Menschen, die das nicht begreifen, bemitleide – oder sogar ein bisschen verachte.

Macdonald: Das ist ein recht meinungsstarkes Statement, aber da bin ich bei Ihnen. Mit meinem Buch versuche ich auch, einen Raum zu öffnen, in dem das Erstaunen über die Natur um uns Platz findet. Einer der wenigen Hoffnungsschimmer in dieser grauenhaften Covid-Krise bestand ja darin, dass die Leute im Lockdown wieder vor die Tür gegangen sind. Sie sehen einen Buchfink und sind ganz aufgeregt: „Mein Gott, der ist so bunt! Ist das ein Tropenvogel?!“ Nein, bloß ein Buchfink.

Was mich beeindruckt, ist, dass es Ihren Essays gelingt, auch Leserinnen und Leser zu fesseln, die sich überhaupt nicht für Vögel interessieren.

Macdonald: Eine Schwierigkeit beim Nature Writing besteht darin, dass vieles aus diesem Genre stark zu einer gewissen Überheblichkeit tendiert: „Was ist es doch für ein Glück, dass ihr mich habt, der euch das alles erklären kann!“ Wenn ich von einem Spaziergang mit einer Pflanze oder einem Pilz heimkomme, ertappe ich mich hin und wieder dabei, dass ich sie identifiziere, bevor ich darüber schreibe, weil ich die Leser mit meinem Auskennertum beeindrucken möchte. Deswegen mag ich Essays auch so gerne. Bei denen habe ich immer den Eindruck, dass es Gespräche sind. Selbst wenn es nur ein halbes Gespräch ist, fühlt es sich so an, als würde man gemeinsam mit den Lesern einen Ort aufsuchen.

Sie geben aber dennoch eine ganze Menge intimer Dinge von sich preis. Fällt Ihnen das leicht?

Macdonald: Als ich mit „H wie Habicht“ begann, habe ich versucht, sehr britisch zu sein. Ich dachte: Du kannst nicht über deine Gefühle sprechen, die Leute interessieren sich nur für den Habicht. Es hat so aber nicht funktioniert, und ich habe gemerkt, dass ich in Hinblick auf meine Emotionen absolut aufrichtig sein muss. Und, nein, es macht mir nichts aus.

Es kann aber auch schnell peinlich werden, wenn jemand mit seinen oder ihren tiefen Emotionen hausieren geht.

Macdonald: Ja, wir Menschen tendieren dazu, uns im Mittelpunkt von allem zu wähnen. Ich erzähle in diesem Zusammenhang gerne die Anekdote von einer Frau, die eines Tages aus einer Hütte in den Bergen von Colorado trat und einen Raben sah, der herumhüpfte und rief (imitiert einen Raben). Als sie sich umsah, erblickte sie einen Puma, der gerade im Begriff war, sie anzufallen. Sie hat sich also schnell wieder in ihre Hütte zurückgezogen und allen erzählt, wie dankbar sie dem Raben war, der sie vor dem Puma gewarnt hat. Tatsächlich hat der Rabe dem Puma aber natürlich zugerufen, dass er diese Frau töten soll, weil in diesem Fall auch Futter für die Raben abfallen würde. Das belegt, dass wir uns für die Helden aller Geschichten halten, was aber nicht stimmt. Manchmal sind wir auch nur Statisten.

Ich habe oft das Gefühl, dass sich die Krähen lustig über mich machen.

Macdonald: Nun, das könnte auch ein Indiz für Paranoia sein (lacht). Wir sind es gewohnt, Natur als etwas zu begreifen, das wir ansehen. Und wenn eine Dohle auf einmal zurückblickt, begreifen wird, dass wir dieselbe Welt bewohnen. Also, machen Sie sich keine Sorgen wegen der Krähen. Das sind bloß verrückte Mistkerle. Das habe ich natürlich nicht gesagt. Sie sind großartig!

Wie kommt es eigentlich, dass die Briten die größten Vogelnarren der Welt sind?

Macdonald: Das hat eine sehr lange Geschichte und wie alles in England auch sehr viel mit Klasse zu tun. Birdwatching war ursprünglich eine ziemlich elitäre Upper-Class-Angelegenheit – ein bisschen so wie die Jagd. In der Zeit um und nach dem Zweiten Weltkrieg gab es dann so etwas wie ein Takeover durch die Wissenschaft. Davor war Birding ein sentimentales Freizeitvergnügen, und auf einmal traten all diese Männer auf den Plan, die meinten: „Birdwatching ist harte Wissenschaft!“ In den USA ist es wieder eine andere Geschichte. Vor einigen Jahren habe ich im Central Park in New York ein paar Hipster getroffen. Sie hatten alle schmale Schnurrbärte und diesen Wettbewerb laufen, verschiedene Arten von Zweigsängern anhand geringfügigster Merkmale auseinanderzuhalten. Birdwatching ist also sogar in England noch mehr „working class“ als in den USA.

Apropos USA – was halten Sie eigentlich von Jonathan Franzen als Birdwatcher?

Macdonald: Ich weiß, dass wir uns eines Tages begegnen werden. Ich werde mich von einem Literaturfestival davonstehlen, eine Vogelwarte in einem Naturreservat aufsuchen und dort sitzen, wenn er zur Tür hereinkommt. Es gibt genug, worüber wir miteinander diskutieren können, auch wenn wir bei bestimmten Themen sicherlich unterschiedlicher Meinung sind …

Das würde ich auch vermuten. Franzen ist einer von den Typen, die um die Welt jetten und dann total sauer sind, wenn sie in drei Tagen auf Jamaica nicht alle 27 endemischen Arten twitchen können.

Macdonald: Aaah, Twitcher (Birdwatcher, die einen großen Aufwand betreiben, um möglichst viele Vogelarten zu sehen, Red.) sind wirklich die Schlimmsten! Aber unsere Bigotterie kennt ohnedies keine Grenzen. Ich hatte einen Papagei, der vor einigen Jahren gestorben ist, was mir wirklich das Herz gebrochen hat. Persönlich bin ich sehr darauf bedacht, das Auto möglichst wenig zu benutzen und Produkte aus lokalem Anbau zu kaufen. Sobald es allerdings um Papageienfutter ging, verflüchtigten sich alle Skrupel: Spielt keine Rolle, es ist für den Papagei!

Sie selbst arbeiten keine Liste mit raren Vögeln ab?

Macdonald: Diese Zwanghaftigkeit ist mir fremd. Ich habe in meinem Leben schon ein paar seltene Vögel am falschen Ort gesehen, was aber jedes Mal schrecklich war, weil diese Vögel wahrscheinlich nicht überleben werden. Sperbergrasmücken zum Beispiel sind genetisch darauf programmiert, Richtung Südwesten nach Afrika zu ziehen. Eine bestimme Anzahl junger Vögel hat aber die falsche Karte im Kopf und zieht stattdessen nach Nordwesten. Die Menschen hier sind begeistert, wenn sie die sehen, bloß dass die Vögel dazu verdammt sind, in den eisigen Gewässern des Atlantiks zugrunde zu gehen.

Sie sind verzweifelt, wenn Sie die Vögel sehen, über die Birdwatcher in Ekstase geraten?

Macdonald: Zum Glück nicht immer. Hier in Suffolk, wo ich lebe, ist die Vogelwelt recht gewöhnlich. Letztes Jahr habe ich aber eine Trauerseeschwalbe gesehen, die offenkundig auf dem Durchzug war. Diese Vögel haben hier einmal gebrütet, aber das ist lange her. Für dieses Erlebnis muss ich die Sprache religiöser Erfahrung verwenden: Ich empfand es als Geschenk, ja als „Gnade“, diese Trauerseeschwalbe zu sehen.

Apropos religiöse Erfahrung. In Ihrem Buch gibt es auch einen Essay über eine totale Sonnenfinsternis. Da schreiben Sie, dass die aus dem Schatten des Mondes tretende Sonne Ihnen „wie ein Wort“ erschienen sei. Das erinnert natürlich an das Johannes-Evangelium: „Am Anfang war das Wort.“

Macdonald: Ja, ich weiß. Es ist ein totales Klischee. Es war aber tatsächlich genau das, was ich in diesem Augenblick gedacht habe. Meine Erleichterung in diesem Moment war so groß! Als ich diesen Essay für das Audiobuch eingesprochen habe, musste ich noch einmal anfangen, weil ich beim ersten Mal in Tränen ausgebrochen bin.

Ich weiß nicht, ob es den Ausdruck auch im Englischen gibt, aber im Deutschen sagen wir, dass jemand „nahe am Wasser gebaut“ sei.

Macdonald: Ja! Das ist genau das, was ich bin – eine rührselige Person. Ich weine aber nicht, wenn ich traurig bin, sondern wenn ich von anderen Gefühlen überwältigt werde.

Ich fange in Pixar-Filmen zu heulen an.

Macdonald: Es ist schrecklich! Aber ich habe mich daran gewöhnt und mag es mittlerweile. Mein liebster Film zum Weinen ist „Feld der Träume“ mit Kevin Costner. Da brauche ich nur die Titelmelodie zu hören, und schon geht es los. Wenn in meinem Leben irgendwas nicht stimmt, gönne ich mir diesen Film und flenne eineinhalb Stunden durch. Danach geht es mir besser und ich muss meinen Flüssigkeitshaushalt wieder in Ordnung bringen.

In Ihrem Essay „Sex, Tod und Pilze“ beschreiben Sie „diesen entspannten und leicht räuberischen Blick“, den man beim Schwammerlsuchen braucht, um tatsächlich was zu finden.

Macdonald: Ich glaube, das ist einfach die Phänomenologie der Jagd. Es ist dieser entspannte Zustand, in dem man hochempfänglich ist für allerlei Reize. Wenn man sich in diesem Modus befindet, entdeckt man Pilze nicht nur leichter, man kann sie auch besser bestimmen: Die Unterscheidungsmerkmale von Pilzen, die sich normalerweise total ähnlich sehen, werden auf einmal total deutlich.

Wenn man auf der Pirsch oder Schwammerlsuche ist, bringt das wohl besondere Hirnareale zum Aufleuchten?

Macdonald: Ich kenne mich mit den neurologischen Aspekten nicht aus, aber es ist definitiv eine andere Erfahrung, als wenn man mit dem Hund oder einem Freund spazieren geht. Der Terminus, den die Schriftstellerin und Philosophin Iris Murdoch dafür geprägt hat, lautet „unselfing“: Man blickt aus dem Fenster und sieht einen rüttelnden Turmfalken. Auf einmal „wird die ganze Welt Turmfalke“, wie Murdoch schreibt. Und wenn man danach zu sich selbst zurückkehrt, hat die eigene Besorgtheit nachgelassen. Es ist ein Zustand radikaler Empathie, für den es reicht, Tauben auf einem Balkon oder eine Spinne an der Wand zu beobachten.

Ah, für einen Arachnophobiker wie mich ist das kein sehr brauchbarer Ratschlag.

Macdonald: Sie können sich gerne etwas weniger Forderndes aussuchen. Mir geht es um etwas anderes. Die Stadt oder die Natur hinter dem Gemüsegeschäft gelten als weniger wertvolle, ja verarmte Habitate. In Hinblick auf diese magische Entgrenzung unseres Lebens sind sie meines Erachtens aber genauso wichtig.

Die Auffassung, dass Natur nur dann ihr volles Potenzial entfaltet, wenn sie vom Menschen unberührt ist, ist doch ohnehin Unfug, oder?

Macdonald: Der „Hände weg!“-Zugang ist tatsächlich problematisch. Zugleich ist es ein Faktum, dass die demilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea in Hinblick auf Biodiversität eine der reichsten Gegenden der Welt ist. Wir leben im Anthropozän und müssen uns überlegen, wie wir die Natur managen, anstatt sie einfach in Ruhe zu lassen.

Es gibt in Ihrem Buch einige
ziemlich harte Themen – zum Beispiel über Autounfälle mit Rehen und Hirschen.

Macdonald: Ja. Es gibt ein Youtube-Video, das ein einziger Zusammenschnitt von Szenen ist, in denen Autos mit Tieren kollidieren oder beinahe kollidieren. Wenn man einen starken Magen hat, kann man sich das ansehen. Und die Kommentare dazu sind wirklich grauenvoll, weil es offenbar Menschen gibt, die das wahnsinnig komisch finden.

Die andere schockierende Geschichte ist die Episode, in der Sie einen schwer verletzten Vogel Strauß zuerst mit einem Stein betäuben und ihm dann mit einem Taschenmesser die Kehle durchschneiden.

Macdonald: Ich musste das Tier einfach von seinem Leiden erlösen. Und wenn so etwas nötig ist, sind wir offenbar auch zu einer solchen Tat in der Lage.

Sie haben das nicht geahnt?

Macdonald: Nun, ich habe jahrelang Falknerei mit Habichten betrieben, und die fangen manchmal an, die erbeuteten Tiere bei lebendigem Leib zu verzehren. Das war mir auch nicht recht und ich habe die Hasen getötet. Ich wusste also im Fall des Straußes, was zu tun war. Die Frau meines Arbeitgebers, die zugegen war, hat danach allerdings lange Zeit nicht mehr mit mir gesprochen.

Eine ihrer lustigsten Geschichten handelt von Vogelbeobachtungs­stationen. Ich mag es auch überhaupt nicht, wenn ich zu einem Ausguck komme und da schon jemand anderer drin ist.

Macdonald: Ich frage mich, ­woran das liegt. Es hat schon etwas Besitz-
ergreifendes.

Das sind meine Vögel, nicht deine!

Macdonald: Ja, genau! Das ist schon ein ziemlich zweifelhafter Zugang. Als Kind war ich diese furchtlose kleine Naturforscherin mit dem Feldstecher, die die ganze Zeit alleine mit ihren Vögeln bleiben wollte. Die Gegenwart von anderen Menschen hat mich richtig wütend gemacht, weil ich dachte, dass man nur alleine die Natur wirklich betrachten könne. Das hängt auch mit dieser geschichtsträchtigen britischen Vorstellung zusammen, der zufolge Menschen aus der Stadt und der Arbeiterklasse die Natur nicht wirklich verstehen und dort bloß ihren Müll zurücklassen. Heute empfinde ich ganz anders und bin davon überzeugt, dass das mit dem Coronavirus zu tun hat. Wenn ich früher eine Singdrossel beim Baden beobachtet habe, dachte ich: „Was für ein schönes Geheimnis, das mir geschenkt wurde!“ Heute frage ich mich: „Warum ist niemand da, der das gemeinsam mit mir beobachten kann?“ Allein herumzuschnüren und Vögel zu stalken ist für mich etwas fragwürdig geworden.

Ich mag es trotzdem nicht, wenn ich mit dem Fernglas durch die Gegend stapfe und beim Beobachten beobachtet werde.

Macdonald: Liegt es vielleicht daran, dass Sie die anderen in dem Moment nicht sehen können? Das ist schon auch eine Position, in der man verletzlich ist.

Es ist womöglich die Scham des Voyeurs, den man ertappt hat.

Macdonald: (Lacht.) Klaus, fuck ’em! Don’t worry about it!! Als ich in Berlin war, war ich vollkommen hin und weg, weil es dort überall Kernbeißer gab. In Großbritannien sind die nämlich sehr selten. Die Leute haben sich alle gefragt, was mit mir nicht stimmt.

Mir ist es auch peinlich, wenn ich Birder in Tarnkleidung und mit Mega-Teleskopen sehe, weil ich mir denke, dass ich der einzige Trottel bin, der einen Bruchwasserläufer mit einem Grünschenkel verwechselt.

Macdonald: Das ist ganz normal. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass die Teleskope und die Tarnkleidung nur ein Indiz für die Unsicherheit dieser Leute sind. Und, einmal ehrlich, ob man nun Birdwatcher oder Science-Fiction-Fan ist, Sammelalben anlegt oder sich fürs Häkeln begeistert – es gibt immer das seltsame Ehepaar mit den Camouflage-Westen.

Und dann kommt, wie sie erzählen, eine kinderwagenschiebende Mutter, die sich nur wundern kann, was die hier wollen, weil die Fischotter ohnedies jeder mit freiem Auge

sehen kann.

Macdonald: Ja, die war großartig. Sie hat sich sehr darüber amüsiert, dass die Otter alle Koi-Karpfen aus den Teichen gefressen haben. Die kosten echt viel Geld! Die Otter sind dann in einen kleinen Teich gegangen, an dem ein Fischer stand. Sobald er die Typen mit ihren 300-Millimeter-Teleskopen gesehen hat, warf er seine ganzen Köder in den Teich, packte zusammen und verschwand. Die Fischotter waren wunderbar! Es ist so wie mit den Wanderfalken auf dem Kraftwerk in Dublin: Wenn Tiere, die als besonders „wild“ kodiert sind, im städtischen Umfeld auftauchen, sind die Menschen hingerissen.

Apropos. Mir ist aufgefallen, dass – vom Sturzflug des Wanderfalken über die Abendflüge der Mauersegler bis zum Essay „Wolkenkratzer“ – Vertikalität eine große Rolle in Ihrem Buch spielt.

Macdonald: Absolut. Und wahrscheinlich hat das auch einen zart religiösen Aspekt. Die Begegnung auf dem ­Empire State Building mit einem Wissenschaftler, der sich mit der Ökologie der Luft befasst, hat mir die Augen geöffnet: Trotz des außergewöhnlich furchterregenden, durch Pestizide und den Klimawandel verursachten Rückgangs an Insekten ist die Luft bewohnt und voller Leben! Das hat die Art und Weise verändert, wie ich „Stadt“ wahrnehme.

Sie zitieren einen britischen Wissen­schaftler, der mittels Radar die Migration von Zuginsekten bestimmt und feststellt, dass der Unterschied zwischen Stadt und Land ab einer Höhe von 200 Metern keine Rolle mehr spielt.

Macdonald: Ich fand, dass diese riesigen Wolkenkratzer ein bisschen wie Tiefsee-U-Boote sind, die Menschen in eine Umgebung versetzen, in der sie selbst nicht leben könnten. Diese Lichtpunktmengen zu sehen und zu wissen, dass jeder von ihnen ein nach Norden ziehender kleiner Vogel ist, war sehr bewegend. Dass sich einige dieser Vögel durch Quantenverschränkungen in ihren Sehzellen am Magnetfeld der Erde orientieren – mein Gott, das ist schon verdammt erstaunlich!

Klaus Nüchtern in Falter 22/2021 vom 04.06.2021 (S. 56)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783446269309
Erscheinungsdatum 17.05.2021
Umfang 352 Seiten
Genre Sachbücher/Natur, Technik/Natur, Gesellschaft
Format Hardcover
Verlag Hanser, Carl
Übersetzung Ulrike Kretschmer
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