Die Nächte der Pest

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Kann eine alles erschütternde Katastrophe die Menschen einen? Der neue große Roman des Nobelpreisträgers Orhan Pamuk
Als im Jahre 1901 auf Minger die Pest ausbricht, beschuldigen sich Muslime und Christen gegenseitig. Ob nun die Pilger aus Mekka den Erreger eingeschleppt haben oder die Händler aus Alexandrien, auf der Insel herrschen chaotische Zustände. Als schließlich der Sultan Abdülhamit II. sowie England und Frankreich die Insel mit Kriegsschiffen blockieren lassen, um die weitere Ausbreitung der Pest zu verhindern, sind die Menschen auf Minger auf sich allein gestellt. Orhan Pamuks neues Buch ist einzigartiger Abgesang auf das von Nationalismus und Aberglaube gefährdete Osmanische Reich sowie ein großer historischer Roman, in dem sich Phantasie und Wirklichkeit, Vergangenheit und Gegenwart, Ost und West raffiniert verbinden.

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FALTER-Rezension

"Bestraft die Oligarchen, nicht die Künstler!"

Als das Virus auf Minger ausbricht, suchen die Bewohnerinnen und Bewohner der Insel nach einem Schuldigen. War es eine muslimische Pilgerin aus Mekka oder ein christlicher Händler aus Alexandrien? Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk schrieb den im Jahr 1901 spielenden Roman "Die Nächte der Pest", bevor Covid-19 die Welt auf den Kopf stellte. Wie in "Die weiße Festung"(1985) bearbeitet Pamuk historische Stoffe, die bis in die Gegenwart nachwirken. Bekannt wurde der Romancier auch als streitbarer Essayist und Kommentator, der sich für die Meinungsfreiheit einsetzt.

Seine Kritik an der Kurdenpolitik der Regierung in Ankara machte ihn zum Feindbild der Nationalisten. Nach dem gescheiterten Putsch gegen Recep Tayyip Erdoğan im Jahr 2016 protestierte er gegen willkürliche Verhaftungen. Nach Morddrohungen von Nationalisten bekam Pamuk Personenschutz.

Immer wieder kritisiert Pamuk auch die Rolle des Westens, dem er eine herablassende Haltung gegenüber dem Orient vorwirft. Mit seinem neuesten Roman "Die Nächte der Pest" sorgt der Autor wieder für Schlagzeilen. Erneut warfen ihm Nationalisten vor, die Ehre des Landes zu verletzen. Pamuk muss sich wegen Beleidigung des Staatsgründers Kemal Atatürk vor Gericht verantworten.

Falter: Herr Pamuk, das Thema Pandemie wird in der öffentlichen Wahrnehmung derzeit vom Krieg in der Ukraine abgelöst.

Wie nehmen Sie den Krieg in der Ukraine in der Türkei wahr?

Orhan Pamuk: Ich denke nicht, dass der Krieg das Thema der Pandemie ablösen wird. Vielleicht bestimmt die Ukraine einige Wochen oder Monate die Schlagzeilen, aber dann geht es wieder um Corona. Der Krieg wird weiterhin in den Nachrichten sein, aber die Menschen werden sich fragen: Schicke ich mein Kind in die Schule, wird mein Geschäft weiterlaufen? Werde ich sterben? Werde ich noch einmal krank werden? Wie viele Impfungen brauche ich? Dieser Egoismus wird wichtiger sein als die Frage, wie viele unschuldige Menschen in der Ukraine getötet werden. Vielleicht habe ich keine allzu hohe Meinung von der Menschheit. Ich bin ein Pessimist.

Wir in Österreich sind völlig überfordert von den schrecklichen Nachrichten. Ist der Krieg in den türkischen Medien auch so präsent?

Pamuk: Ja. Printmedien spielen keine so große Rolle. Ich schaue auf Twitter. Mein Gott! Was für Videos ich gesehen habe. Das kann man nicht schreiben. Ich habe auch spektakuläre Kriegsmaschinen gesehen, türkische Drohnen, die russische Panzer bombardieren. Und die Türken sind so stolz darauf, etwas erfunden zu haben, und sie werben überall: Kauft unsere Drohnen! Es ist eine schreckliche Welt. Ich habe auch Mitleid mit dem armen russischen Soldaten, dem befohlen wird, in diesen Panzer zu steigen und Wummm! Vorbei, er ist tot. Oder die ukrainische Frau, Wumm, tot. Wie entsetzlich!

Sie haben Erfahrung mit Autokraten. Wie sehen Sie Putin?

Pamuk: Er benimmt sich wie ein mittelalterlicher, grausamer König, der sagt: "Das ist mein Reich!" Putin schert sich nicht um die Menschen in der Ukraine, um deren freien Willen und Unabhängigkeit. Die Ukrainer haben sich für den Westen, für eine offene Gesellschaft, für Freiheit und Demokratie entschieden, aber er sagt: "Roosevelt, Stalin und Churchill haben die Welt aufgeteilt, und das ist mein Anteil." Das russische Imperium hat schon einige Länder verloren, jetzt sagt er, diesmal nicht. Ich habe mit beiden Mitleid, mit den Ukrainern und mit den russischen Soldaten, die in ihren Panzern getötet werden. Ich schreibe meine Romane, um über solche Themen auf vielschichtigere Weise sprechen zu können.

Ist das ein bisschen die Rolle, die Umberto Eco in Italien hatte? Er hat sich mit historischen Themen befasst und sie wie eine Folie über die Gegenwart gelegt.

Pamuk: Umberto Eco war für mich eine Vaterfigur. Er hat mich nach Bologna an seine Universität eingeladen und wir haben eine Woche zusammen vorgetragen. Er schrieb in seinen Essays über die Rückkehr des Mittelalters, über die Schlösser und Ritter in Videospielen und Hollywood.

Sie haben immer wieder den westlichen Blick auf den Orient als überheblich kritisiert.

Pamuk: Ja, das, was man als Orientalismus bezeichnet.

Jetzt gibt es die Diskussion darüber, wie der Westen Geflüchtete behandelt. Macht der Westen einen Unterschied zwischen Flüchtlingen aus Afghanistan und Syrien und jenen aus der Ukraine?

Pamuk: Ich weiß nicht viel darüber, daher will ich die Frage mit einer Anekdote über einen Berliner Taxifahrer beantworten. Ich war vor zwei Tagen in Berlin und habe im Taxi mit meiner Freundin auf Türkisch gescherzt. Der türkischsprachige Fahrer ist sofort in unsere Unterhaltung eingestiegen: "Oh, Sie sind Türken!" Wir haben uns mit ihm darüber unterhalten, wie herzlich die Deutschen die Ukrainer willkommen heißen und wie gut und ehrenvoll das wäre. Da ist der Taxifahrer fast gesprungen. Er sagte, so haben sie die Syrer nicht aufgenommen, und uns Türken auch nicht, weil wir Muslime sind. Wow, da war es still im Taxi.

Ihr neuer Roman spielt auf der fiktiven Insel Minger, die Sie "meine geliebte Heimat" nennen. Gibt es einen realen Ort, den Sie "meine geliebte Heimat" nennen würden?

Pamuk: Obwohl ich mich mit der Türkei identifiziere, ist meine Heimat Istanbul. Istanbul hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich bin. Ich lebe seit 70 Jahren da, die Stadt hat mich geprägt.

Was ist das Besondere an der Stadt?

Pamuk: Istanbul ist Ost und West in einem. Es besitzt die islamische Kultur, deren Mystizismus und Moscheen. Andererseits ist Istanbul die am meisten verwestlichte Stadt. Die ethnischen Minderheiten, wie die Griechen, das Erbe des Byzantinischen und des Osmanischen Reichs haben sich nicht harmonisch ineinandergefügt. Es war ein Kampf. Istanbul hat mich mit zwei Seelen, einem zweifachen Geist und Verstand ausgestattet. Und ich bin der Auffassung, dass ich mit diesen Widersprüchen besser denken kann -zumindest in der Literatur. Ja, meine Heimat ist Istanbul.

Ein bestimmter Stadtteil oder die ganze Stadt?

Pamuk: Als ich 1952 in Istanbul geboren wurde, hatte die Stadt 2,5 Millionen Einwohner. Jetzt sind es 16,17 Millionen. Das alte Istanbul kenne ich zwar besser, aber ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, auch über die weiter entfernt gelegenen, neuen Viertel zu schreiben, wo jetzt Zuwanderer aus der übrigen Türkei, aus Syrien und aus dem ganzen Nahen Osten leben. Ich habe mir diese Orte angeschaut und über sie in meinem Buch "Diese Fremdheit in mir" geschrieben. In dem Buch geht es um einen armen Straßenverkäufer.

Sie haben die Prinzen-Inseln als Vorlage für das fiktive Minger bezeichnet. Was verbindet Sie mit diesem Ort?

Pamuk: Es gibt neben den Prinzen-Inseln noch zwei weitere Inseln, die mich inspiriert haben. Kreta, eine der größten Inseln im Mittelmeer, mag ich sehr: die Berge, die Flora, die Geografie, das Klima. Ich habe auch an eine weitere griechische Insel gedacht. Nahe dem südlichsten Teil der Türkei gibt es die östlichste Insel des heutigen Griechenlands, Kastellorizo. Sie ist nur drei Kilometer von der Türkei entfernt. Die griechischen Einwohner fahren mit dem Boot in die Türkei, um Tomaten zu kaufen oder ein Lokal zu besuchen. Die Einreise und der Zoll sind unproblematisch, die Menschen kennen einander. Es ist eine so kleine Insel. In der Woche kommen nur drei Boote an.

Und die von Ihnen erwähnten Prinzen-Inseln?

Pamuk: Vor 100 Jahren waren die Prinzen-Inseln noch ein jüdisch-armenischer Sommerurlaubsort. Jetzt ist der Ort "ethnisch gesäubert" und überwiegend muslimisch. Aber ich mag die Inseln noch immer. Ihre alten Kirchen und ottomanischen Wohnhäuser, manche sind verfallen, manche wurden von neuen Reichen saniert. Und bis letztes Jahr gab es noch diese alten Pferdekutschen, die in meinem Roman eine wichtige Rolle spielen. In meiner Kindheit gab es manchmal Stürme, sodass keine Fähre ging, und ich hab's geliebt. Nicht nur, weil man nicht in die Schule musste, sondern weil es sofort nur noch ein Thema gab, den Sturm. Die Bedrohung hat ein Gemeinschaftsgefühl erzeugt. An diese Gefühle erinnerte ich mich, als ich den Roman geschrieben habe.

Der russische Revolutionär Leo Trotzki war auch hier.

Pamuk: Ja, als Carolyn Christov-Bakargiev die Kunstbiennale von Istanbul kuratiert hat, habe ich ihr gesagt, sie soll nach Büyükada fahren, die Insel, auf der Trotzki gelebt hat. Der türkische Geheimdienst hat ihn dorthin gebracht, aus offensichtlichen Gründen. Sie hatten Angst, dass Stalin ihn ermorden lässt und das zu großen internationalen Schwierigkeiten führen könnte. Sie wollten aber auch nicht, dass er kommunistische Propaganda betreibt. Also hat man ihn auf einer Insel isoliert. Daher musste Trotzki auf Büyükada oft umziehen.

Obwohl "Die Nächte der Pest" ein historischer Roman ist, wurden Sie dafür öffentlich angegriffen. Eine Zeitung schrieb, Sie würden Verrat am Erbe Kemal Atatürks begehen. War das Ihre Absicht?

Pamuk: Der Romanstoff stellt keine direkte Analogie zur heutigen Türkei her. Ich wollte ein Märchen schreiben, eine idealisierte, typische Geschichte einer kleinen Nation nach dem Zerfall eines Reiches. Serbien, Bulgarien, Griechenland, Syrien, Irak, Ägypten oder auch Tunesien sind alle aus dem Osmanischen Reich hervorgegangen. Oder nehmen wir Österreich-Ungarn, das in viele Nationen zerfallen ist. Ich mag die kleinen Geschichten kleiner Orte, vielleicht ist das psychologisch bedingt. Ein Märchen wie der Aufstieg in eine andere Klasse ist an kleinen Orten möglich, wo jeder jeden kennt und die Lebensgeschichten miteinander verflochten sind. Weil alles so geballt passiert, eignen sich Inseln gut für Dramatisierungen.

Warum also die Polemik gegen Ihr Buch?

Pamuk: Es gibt so viele eifersüchtige Leute in der Türkei, die unbedingt irgendetwas finden wollen, um mich anzuklagen. Daher haben sie an den Staatsanwalt geschrieben. Der hat das ernstgenommen und mich vorgeladen. Ich habe gefragt: "Um welche Seite in meinem Roman geht es?" Er konnte keine Stelle nennen. Es gibt keinen Atatürk in meinem Roman. Zu dem Zeitpunkt, an dem meine Geschichte spielt, war Atatürk gerade einmal 18 Jahre alt. Aber so läuft das in der Türkei.

Wie ging die Anklage weiter?

Pamuk: Ich habe einen sehr erfahrenen Anwalt. Er war Gründungsmitglied von allen türkischen kommunistischen und sozialistischen Parteien, die es alle nicht mehr gibt. Und er hat zu mir gesagt: Beruhigen Sie sich, Herr Pamuk, es wird nichts passieren. Ich vertraue ihm mehr als den Zeitungen.

Sie haben in Istanbul eine Wohnung. Fühlen Sie sich da sicher?

Pamuk: Welcher kritische Intellektuelle lebt sicher? Der italienische Autor Roberto Saviano braucht Bodyguards. Jean-Paul Sartre hat Frankreich während des Kriegs in Algerien für einige Zeit verlassen. Und nicht zu vergessen: Ich habe einen Leibwächter, den mir die Regierung zur Verfügung stellt. Ich mache immer den Witz: "Ich hatte früher drei Bodyguards, jetzt habe ich einen. Sie sehen, die Türkei macht Fortschritte." Also machen Sie sich um mich keine Sorgen.

Von Künstlern wird nun verlangt, dass sie gegen Putin Stellung beziehen. Was halten Sie von diesem moralischen Imperativ?

Pamuk: Nicht nur Künstler, sondern alle sollten gegen Grausamkeit sein. Wie Dostojewski sagt: Wir haben Verantwortung für alles. Wenn man ein Mensch ist, muss man Stellung beziehen. Aber nach einer gewissen Zeit werden all die Menschen, die wegen des Kriegs in der Ukraine weinen, sich wieder fragen, ob sie dieses oder jenes Corona-Medikament nehmen sollen.

Es gibt Künstler, die das System Putin unterstützt und davon profitiert haben, wie Waleri Gergiew oder Anna Netrebko. Was halten Sie von einem Boykott?

Pamuk: Ich halte nichts davon, Kulturschaffende zu bestrafen. Bestraft die Oligarchen! Aber nicht einen russischen Schriftsteller, eine Ballerina oder einen Sportler.

Weshalb nicht?

Pamuk: Ich finde es unfair. Ich lehre Studierende an der Columbia University die Werke von Tolstoi und Dostojewksi und ich werde das auch weiterhin tun.

Ja, klar. Aber Künstlerinnen wie Anna Netrebko haben symbolische Macht und die können sie auf die eine oder andere Art einsetzen.

Pamuk: Ich mag diese Diskussion nicht. Es geschieht so viel auf der Welt, was ist der symbolische Wert der Künstler? Der argentinische Diktator Jorge Rafael de Videla, der einen Militärputsch unternommen und die Demokratie abgeschafft hatte, ernannte den Schriftsteller Jorge Luis Borges zum Direktor der argentinischen Nationalbibliothek. Und Borges hat das Amt angenommen. Ich wünschte, er hätte das nicht gemacht. Deswegen hat er den Nobelpreis nicht bekommen. Soll man einen weniger begabten Autor lesen, weil Borges Videla die Hand gegeben hat?

Wie sehen Sie die Verleihung des Nobelpreises an Peter Handke?

Pamuk: Peter Handke ist in der Türkei leider nicht für seine Literatur bekannt, sondern dafür, dass er an der Seite von Slobodan Milošević war. Wenn man russische Autoren canceln möchte, müsste man auch Peter Handkes Bücher canceln. Das ist ungerecht. Oder man müsste Dostojewski verbieten, er war antisemitisch. Auch Shakespeare, Karl Marx hat darüber geschrieben. Mir geht es um gute Literatur. Ich mag Künstler und Schriftsteller. Die meisten, die Erfolg haben, sind kluge Leute. In jungen Jahren hätten sie Geld machen können und haben sich für den steinigen Weg entschieden. Bestraft die Oligarchen!

In der Türkei nimmt die Begeisterung für Erdoğan ab. Was passiert da gerade?

Putin: Wenn man den Umfragen glaubt, ja. Aber gerade deshalb sind manche Menschen besorgt. Wir haben keine Meinungsfreiheit, aber wir haben demokratische Wahlen. Und Erdoğan wurde gewählt, bis vor kurzem. Wenn es wieder Wahlen gibt, wird er Stimmen verlieren. Und wer weiß, was dann passiert. Ich werde oft nach der Zukunft gefragt und antworte scherzend: Schauen Sie, ich habe gerade einen historischen Roman geschrieben, warum fragen Sie nicht Autoren von Science-Fiction?

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Pamuk: Ich beginne gerade, an einem Roman zu schreiben über einen Mann in meinem Alter, der in derselben Nachbarschaft wie ich gelebt hat, der aber kein Schriftsteller ist, sondern Maler werden will. Er ist ein bisschen ein verrückter Kerl. Schauen wir, wohin das führt.

Matthias Dusini in Falter 14/2022 vom 08.04.2022 (S. 28)


Sherlock Holmes auf Rohypnol

Mit Adjektiven wie „brandaktuell“ oder „visionär“ ist die Kritik schnell bei der Hand, wenn sich in der Literatur dargestellte Ereignisse triftig mit realer Gegenwart in Beziehung setzen lassen. Nachdem Orhan Pamuk seinen jüngsten Roman bereits 2016 begonnen hatte, scheidet Corona als Anlass und Inspirationsquelle für „Die Nächte der Pest“ allerdings aus.

Die Pandemie, die der Literaturnobelpreisträger von 2006 darin beschreibt, ist historisch und geografisch präzise verortet: Sie bricht im April des Jahres 1901 auf der Mittelmeerinsel Minger aus, die zu diesem Zeitpunkt (noch) Teil des Osmanischen Reiches ist und gerade hohen Besuch hat. Prinzessin Pakize Sultan, Nichte des über 30 Jahre regierenden Abdülhamit II., ist mit ihrem frisch angetrauten Gatten, einem erfolgreichen Quarantänearzt, eigentlich unterwegs nach China; durch den zunächst vertuschten, bald aber nicht mehr zu leugnenden Ausbruch der Pest, der die Dienste ihres Ehemannes erforderlich macht, wird sie allerdings zu einem längeren Zwischenstopp auf Minger genötigt.

Für „Die Nächte der Pest“ ist Pakize vor allem als Quelle von Bedeutung, denn das meiste, was in diesem Hybrid aus historischem Roman und Geschichtsbuch von einer zunächst obskuren, im Laufe der Erzählung aber klare biografische Konturen gewinnenden Historikerin – spoiler alert: es handelt sich um die Urenkelin von Pakize – referiert wird, basiert auf den offenbar sehr detailfreudigen Briefen, die diese über viele Jahre an ihre ältere Schwester Hadice geschrieben hat.

Wer an dieser Stelle stutzig wird – als letzte Pestepidemie Europas galt bislang jene, die 1771 in Moskau ausbrach – liegt nicht falsch. Das historische Setting um das Dahinsiechen des „Kranken Mannes am Bosporus“, als welcher das Osmanische Reich von Zar Nikolaus I. apostrophiert wurde, bildet den authentischen historischen Rahmen.

In diesen hat der Autor freilich auch zahlreiche fiktive Figuren gesetzt. So ist etwa Pakize – im Unterschied zu Hadice – frei erfunden, und auch die Insel Minger mit ihrer Hafenstadt Arkaz, deren Topografie akribisch beschrieben und sogar mit einer liebevoll gezeichneten Karte belegt wird, existieren nur in Pamuks Roman. Sie liegt in etwa dort, wo sich in der wirklichen Welt die Insel Karpathos befindet.

Wiederum verbürgt ist, dass Sultan Abdülhamit, ein Vertreter dessen, „was wir heute den ,politischen Islam‘ nennen“, ein großer Krimi-Fan und Verehrer von Conan Doyle war.

Und dessen Sherlock Holmes steht im Roman, der dank der baldigen Ermordung des Generalinspektors für Gesundheitswesen auch über einen Crime-Plot verfügt, für eine moderne, deduktive und auf Indizien beruhende Beweisführung, die Abdülhamit im genannten Fall statt Prügel und Folter angewandt wissen möchte. Weit wird man ohne die berüchtigte Bastonade freilich nicht kommen, denn wie der Gouverneur von Minger anmerkt: „Europäische Methoden schlagen bei uns nicht immer an!“

In Daniel Defoes fingiertem Tagebuch eines Sattlers, „Die Pest in London“, das 1722 erscheint und als authentischer Bericht über „The Great Plague“ von 1665 ausgegeben wird, findet sich ein Seitenhieb auf den „türkischen Prädestinarismus“; Muslimen wurde nachsagt, die Pest als von Gott verhängtes Fatum hinzunehmen – eine Mentalität, die die Durchsetzung obrigkeitlich verfügter Quarantäne naturgemäß nicht eben erleichtert.

1901 ist man nach der bahnbrechenden Entdeckung des pestverursachenden Bakteriums und der Infektionskette Ratte-Floh-Mensch durch den Schweizer Arzt Alexandre Yersin im Jahr 1894 zwar einen bedeutenden Schritt weitergekommen, hat aber – vor der Entwicklung von Antibiotika – in der Bekämpfung der Krankheit kaum andere Mittel an der Hand als Separierung, Wegsperrung und Isolation.

Auf Minger, wo die Pest durch Mekka-Pilger eingeschleppt worden sein soll, finden sich Maßnahmengegner vor allem, aber nicht nur, auf muslimischer Seite; auch unter den griechischen Geschäftsleuten gibt es solche, die sich den Anordnungen zu entziehen trachten.

Gut die Hälfte der Bevölkerung und vor allem die ärmere und weniger gebildete Schicht ist muslimisch. Wie diese Gegensätze und die Machtansprüche diverser imperialer, religiöser, lokaler Instanzen und eines blühenden Bandenwesens die Pandemiepolitik beeinflussen, unterlaufen oder als Vorwand für ganz andere Ziele nutzen, ist ein ebenso komplexes wie aufregendes Thema. Leider wird es auf den knapp 700 Seiten einigermaßen grandios vergurkt. Das liegt nicht nur daran, dass der Roman „seine Längen“ hat, wie selbst wohlgesonnene Rezensenten einräumen mussten – tatsächlich entspricht das Tempo etwa jenem einer altersschwachen Schildkröte auf einer frischgeteerten Straße –, sondern dass an diesem eigentlich so gut wie gar nichts funktioniert.

Fraglich ist einmal schon, was genau die Delegation der Erzählung an die Historikerin/Urenkelin leistet, die sich auf den letzten 50 Seiten aus der Gegenwart des Jahres 2016 in eigener Sache zu Wort meldet, davor aber immer wieder mit betulichen, banalen oder unsinnigen Zwischenbemerkungen — „So lässt sich mit geradezu historischer Exaktheit behaupten, dass die beiden glückselig miteinander schliefen“ – nervt.

Ein klassischer auktorialer Erzähler hätte nicht nur den Widerspruch bereinigt, dass ständig von Dingen berichtet wird, die die Doktorandin aus Cambridge unmöglich wissen kann, er hätte auch verhindert, dass die nötige historische Basisinformationen in zugleich langatmige und hölzerne Dialoge gepackt werden, die nach schlechtem Kinderuni-Feature klingen: „,Hinter Krankheiten wie Cholera, Gelbfieber oder Lepra stecken natürlich Keime und Bakterien‘, sagte er. ,Zur Eindämmung einer Seuche genügt allerdings nicht die Bakteriologie allein, sondern die Briten haben eine eigene Seuchenkunde erfunden, die sogenannte Epidemiologie.‘“

Zwischen schwülstigem Orientalismuskitsch mit viel Mondenschein und Duft nach Orangen, Geißblatt, Rosenwasser und Lysoform und einer zum Teil haltlos überzogenen Politsatire mag sich der Roman nicht entscheiden. Dass Pamuk wegen der Passagen, in denen – einsamer Höhepunkt seines Romans – General Kâmil unter bizarr-blutigen Umständen die Unabhängigkeit der Insel deklariert („Minger den Mingerern!“) in Erdogan-Land wegen Verunglimpfung Atatürks angezeigt wurde, ist das eine; dass man in vielen Fällen nicht weiß, wo die Ironie aufhört und die unfreiwillige Selbstparodie anfängt, das andere.

Die in der SZ als „glänzend“ ausgewiesene Übersetzung trübt das ohnedies begrenzte Lektürevergnügen noch zusätzlich. Sie strotzt vor falschen Tempora, Modi, Präpositionen und Pronomen, erratischen Wortstellungen und schiefen Bildern.

Wenn Menschen von einem Gewitter „erfasst“ werden, jemand unter „enger Beobachtung“ steht oder sich „missliebig“ macht; wenn Läden „aufstanden“, „seltsame Stimmungen im Umlauf sind“, in den Gefängniszellen „lose Zustände“ herrschen, der Staat „die Lage in der Hand“ hat, „Zerrbilder an der Geschichte mitschmieden“ oder von der „aktuellen Verbreitung des Osmanischen Reiches“ (statt von dessen „Ausdehnung“) die Rede ist, fragt man sich schon, in welche Zielsprache hier aus dem Türkischen übersetzt wurde.

Nicht allen Unfug wird man indes der Übelsetzung allein anlasten können: „Er war ständig darauf gefasst, jemandem zu begegnen, doch die Nacht schien ein dunkler zweidimensionaler Raum zu sein.“ Ja, gute Nacht auch!

Klaus Nüchtern in Falter 11/2022 vom 18.03.2022 (S. 22)

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Produktdetails
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ISBN 9783446270848
Erscheinungsdatum 14.02.2022
Umfang 696 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Hanser, Carl
Übersetzung Gerhard Meier
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