
Europa, das makabre Sanatorium
Solmaz Kohrsand in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 19)
Eigentlich will man Safae el Khannoussis „Oroppa“ nach einigen Kapiteln wieder weglegen. Zu diffus, zu wirr, zu unzusammenhängend scheint ihre Erzählung von der jüdisch-marokkanischen Künstlerin Salomé Abergel, die plötzlich verschwindet und eine Schnitzeljagd ihrer Entourage quer durch Europa und Nordafrika auslöst. Zumal diese Suche mit der wohl langweiligsten Figur des gesamten Romans beginnt, einer jungen Frau, die auf Salomés verwaiste Wohnung in Amsterdam aufpassen soll, die so viele wertvolle Kunstwerke der Verschwundenen beheimatet.
Auch verübelt man es der Autorin zunächst, dass sie ihren Charakteren so wenig Tiefe verleiht. Bis auf Salomés ehemaligen Folterer, dem sie als junge Dissidentin in Marokko ausgeliefert war und den es im Alter offenbar in dasselbe niederländische Exil verschlagen hat, bleiben alle Figuren Phantome: von Salomés Sohn Irad mit seiner Paria-Bar in Paris bis hin zu ihrer Freundin Hannah, Galeristin und Tochter von KZ-Überlebenden, die nicht begreift, wie Salomé am Höhepunkt des Ruhmes einfach von der Bildfläche verschwindet – und damit auch sie um ihre Verdienstmöglichkeiten bringt.
Bringt man etwas Geduld auf, erweisen sich diese Einwände allerdings als irrelevant. Denn in „Oroppa“ geht es nicht um Dramaturgie, Struktur oder eingehende Charakterstudien, sondern um den Ton – einen Ton, den nur jene anzuschlagen wissen, die für das Leben der Entwurzelten genug unsentimentale Empathie empfinden können, ohne schwülstig oder herablassend zu klingen; die begreifen, was es mit einem Leben macht, wenn es zum Spielball politischer Umstände wird.
Man versteht, warum El Khannoussis Figuren wie Phantome wirken. Weil sie sich selbst zu Phantomen geworden sind. Entkoppelt von einer Vergangenheit, aber dadurch auch auf seltsame Weise frei in ihrer Gegenwart – weil es absolut nichts mehr in ihrem Leben gibt, das sie verankern kann: kein Land, keine Sprache, keine Herkunft, keine Blutsverwandten.
Dieses Europa, „Oroppa“ also, in dem sie sich alle plötzlich wiederfinden, ist weder Sehnsuchtsort noch Heimsuchung, sondern lediglich eine Kulisse mit Bewohnern, die sich in ihrer „angeborenen Herablassung“ für den Mittelpunkt der Welt halten und Sprachen sprechen, denen sich El Khannoussis Protagonisten zuweilen verweigern, „weil das Leben zu kurz sei, um sich auf etwas derart Unästhetisches und Menschenunwürdiges einzulassen“ – in Städten im Norden Europas, die sie kalt lassen und sich dennoch wie „Fegefeuer“ anfühlen: „Etwas zwischen Himmel und Erde, zwischen Hölle und Paradies. Ein makabres Sanatorium.“ Hier fristen sie ihr Dasein, mit all den Dämonen, die sich still in ihren Körpern eingenistet haben und nun zum ersten Mal wieder zum Vorschein kommen.
Europa wird zum Trigger alter Traumata. Weil es aber aber selbst ein Kontinent ist, der „die Angst zur Kultur erhoben hat“, übernehmen die hier Gestrandeten auch noch jene Ängste, die zum europäischen Alltag gehören: „Ohne mir dessen bewusst zu sein“, bekennt eine Figur, „wurde ich vom selben kollektiven Wahn erfasst, der die Menschen hier in seinem Bann hält. Auch ich verachtete alles, was nieder, arm und nicht-europäisch war, gelangte immer mehr zu der Überzeugung, dass diese demografischen Abweichungen nicht zum intrinsischen Charakter Europas und erst recht nicht zu einer herrlichen Stadt wie Paris gehörten.“
Geboren 1994 in Tanger, Marokko, kam die Autorin mit vier Jahren nach Amsterdam, wo sie heute lebt und als Dozentin für politische Philosophie arbeitet. In „Oroppa“, das in den Niederlanden mit zahlreichen Preisen bedacht und als bester Roman des Jahres 2025 ausgezeichnet wurde, schenkt sie ihrem Publikum ein wahrhaftigeres Europa als jenes, das allzu gern von Politik und Medien in Schwarz-Weiß gedacht und ausgemalt wird, wenn von Leitkultur und Parallelgesellschaften die Rede ist.
Es mag eine Herausforderung für die Leser darstellen, sich durch die unterschiedlichen Geschichten zu kämpfen, Erzählstränge zu verfolgen, die niemals befriedigend beendet werden, und Charakteren zu begegnen, die kurzzeitig viel Raum bekommen, um später nie wieder aufzutauchen. Aber es ist eine Begegnung mit einem Europa, dem im deutschsprachigen Literaturbetrieb zu selten ohne demütigen Kniefall Rechnung getragen wird.
Es ist ein selbstbewusstes Zeugnis eines Europas, das nicht mehr verklärt wird und in eine Vielzahl von Parallelgesellschaften zerfällt und in Amsterdam oder Paris genauso präsent ist wie in Casablanca oder in Gabès; eines Mosaiks von Realitäten, die für einige eine Zumutung sind und von anderen mit „offenen Armen“ empfangen werden: „In Europa, dachte ich, kam man sich vor wie auf dem Rücken einer uralten, monströsen, von einer mysteriösen Krankheit befallenen Kreatur, die ihre Bewohner jederzeit in die Katastrophe stürzen konnte, einfach, in dem sie sich schüttelte.“
Für die sich selbst Entfremdeten und ewig „ängstlich Melancholischen“ mag El Khannoussis Roman keine Offenbarung darstellen, er könnte es aber definitiv für all jene sein, denen das intellektuelle und emotionale Rüstzeug fehlt, sich in Welten zurechtzufinden, die nicht die ihren sind. Es bleibt zu hoffen, dass sie sich nach der Lektüre dieses Romans nicht nur beglückwünschen, sich an ein derart verwirrendes, aber immerhin preisgekröntes Werk herangewagt zu haben; sondern dass ihr behütetes Leben in diesem Europa ein paar Kratzer bekommt und sie aufhören, sich nach so vielen Jahren immer noch über die falsche Grammatik und den Akzent der Nachbarin zu wundern und in ihrer erstickenden Ruhe gestört zu fühlen


