
"Die Linke hat ihre Lässigkeit verloren"
Klaus Nüchtern in FALTER 7/2026 vom 11.02.2026 (S. 26)
Vor rund einem halben Jahrhundert schien das Vertrauen in die emanzipatorische Kraft der Kultur nahezu grenzenlos. "Kultur für alle!", das Motto des legendären Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann (SPD), verhalf dem Optimismus einer Ära zum Ausdruck. Neben Lessinggoetheschiller und Philharmonie-Konzert waren auf einmal auch Pop, Graffiti und Comics "Kultur". Mittlerweile ist die Gleichsetzung "Kultur = Fortschritt" freilich fadenscheinig geworden. Angesichts steigender Defizite und befeuert vom neonationalistischen Zeitgeist macht sich die Rechte in den USA und Europa offensiv daran, die Hegemonie der Linken auf dem kulturellen Feld zu brechen.
Der aus Bad Mergentheim gebürtige und heute in Hamburg lebende Christoph Bartmann hat in Wien bei Werner Welzig über Peter Handke promoviert und bis 2021 für das Goethe-Institut gearbeitet. In seinem soeben erschienenen Buch "Attacke von rechts" analysiert er den aktuellen Kulturkampf und empfiehlt, diesen offen auszutragen, anstatt sich ins Eck der beleidigten Besitzstandswahrer zurückzuziehen.
Falter: Herr Bartmann, Sie haben viele Jahre lang Goethe-Institute in Kopenhagen, New York und Warschau geleitet. Welche Position nimmt so eine ehrwürdige Institution im Kulturkampf ein?
Christoph Bartmann: Das Goethe-Institut hat sich seit den 1970er-Jahren eine gewisse Freiheit von der Politik erkämpft und diese auch behauptet. Bestimmten konservativen Kräften in Deutschland war es immer ein Dorn im Auge, mit heutigen Worten: eine linksversiffte Institution. Aber immer wenn es durch Franz Josef Strauß oder auch Helmut Kohl, der damals die "geistig-moralische Wende" vollziehen wollte, unter Beschuss geriet, konnte man Günter Grass oder andere Helden aufbieten, um dagegenzuhalten. Das war ein Spiel, in dem das Goethe-Institut lange Sieger blieb. Heute ist es schwieriger, wobei daran weniger die Attacke von rechts Schuld trägt, sondern die Verlagerung der Außenpolitik ins Militärische und Robuste.
Welche Akzente haben Sie selbst gesetzt?
Bartmann: Ich habe meine Vorlieben nicht unterdrückt und viel "Wortprogramm" gemacht: natürlich Literatur, aber auch Philosophie und Soziologie. Interessant fand ich immer, wie Deutschland und Österreich mit unterschiedlichen Akzenten auftraten.
Was ist der größte Unterschied zwischen den verfreundeten Nachbarn?
Bartmann: Die sogenannte Vergangenheitsbewältigung. Das Goethe-Institut war von Beginn an einer Art Versöhnungswerk verpflichtet, und die österreichische Außenpolitik schien immer ganz froh, das den Deutschen überlassen zu können. Österreich hat mit Erfolg die Karte der Hochkultur gespielt, aber auch die der verfemten Avantgarde. Wenn Deutschland und Österreich einander an einem dritten Ort begegnen, befinden sie sich automatisch in einem gewissen Antagonismus -gerade im Kulturellen. Und der Schmäh der Österreicher verfängt bekanntlich bei uns Deutschen!
Wobei hier ein zweifaches Missverständnis vorliegt: Die Deutschen halten dann alles, was aus Österreich kommt, für einen Schmäh, und die Österreicher bilden sich ein, den gepachtet zu haben.
Bartmann: Ja, die Wahrnehmung ist auf Wien fixiert -die Vorarlberger dürfen sich da schon nicht mehr mitgemeint fühlen. Und David Schalko, der 2025 eine Poetik-Dozentur in Münster hatte, lässt auch kein Klischee aus, wenn er uns in der FAZ erklärt, was den Wiener so umtreibt: von der Todessehnsucht bis zur Doppelbödigkeit von allem und jedem. Die Ahnungslosen fressen das, und das finde ich als jemand, der sich wirklich für Österreich interessiert, oft schwer zu ertragen. Deswegen haben es die Benkos dieser Welt auch so leicht, die Deutschen über den Tisch zu ziehen, wie etwa Hamburgs reichsten Mann, Klaus-Michael Kühne.
Auch Ihr Studienkollege, der Schriftsteller Matthias Politycki, der als deutscher Wokeness-Flüchtling vor fünf Jahren nach Wien übersiedelt ist, scheint ein bisschen dem Wiener Selbstmarketing aufgesessen zu sein, oder?
Bartmann: Kann sein, ich habe ihm jedenfalls geschrieben: Man geht von Hamburg nach Wien aus 100 guten Gründen, aber niemals der Freiheit wegen!
Beim Thema Kulturkampf fällt einem in diesem Zusammenhang natürlich Burgtheaterdirektor Claus Peymann ein, der hier für viele zum liebsten Hass-Piefke avancierte.
Bartmann: Und er hat diese Rolle ja auch zelebriert! Er war der Lieblingsfeind der FPÖ, die 1995 im Wiener Gemeinderatswahlkampf die berüchtigten Plakate mit dem süffisanten Slogan "Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk ... oder Kunst und Kultur?" affichieren ließ. Das war ein historisch frühes Beispiel für den Kulturkampf im engeren Sinne.
Davor gab's schon den vermeintlich liberalen Wiener ÖVP-Chef Erhard Busek, der den aus der DDR stammenden Burgtheaterdirektor Achim Benning 1978 als "Linksfaschisten" denunziert hat.
Bartmann: Ich denke, dass die FPÖ den Affekt gegen die Avantgarde, der bei den konservativen Bürgerlichen immer schon vorhanden war, noch einmal verstärkte, wobei weder Benning noch Peymann avantgardistisch waren. Die FPÖ aber hat aus diesem Ressentiment dann richtig Kapital geschlagen.
Wobei es bezeichnend ist, dass das erwähnte Plakat ja mehr Kulturpolitiker als eigentliche Künstler nennt.
Bartmann: Ja, da wird schon ein Stück "Deep State" und Expertokratie vermutet. Bei der "Attacke von rechts" muss man unterscheiden zwischen der libertären Stoßrichtung, die sich gegen Subventionen als solche richtet, und der national-konservativen à la Donald Trump, die nichts gegen Subventionen hat, solange diese den "Richtigen" zugutekommen.
Ein klassisches Avantgarde-Festival ist der Steirische Herbst, der allerdings vom ÖVP-Landesrat Hanns Koren initiiert wurde.
Bartmann: Überparteiliche, vernünftige kulturpolitische Initiativen kommen sehr oft von konservativer Seite - früher auch in den USA. Es wäre verfehlt, anzunehmen, dass die Progressiven per se ein Herz für die Kultur hätten. Dort herrscht die Auffassung vor, Kultur sei ein nützliches Vehikel für Gleichstellung, Diversität und Inklusion. Man fragt dann etwa besorgt, ob die Oper auch queer genug ist.
Wohingegen Old-School-Konservative der Kultur als solcher eine selbstverständliche Berechtigung attestieren würden?
Bartmann: Ja. Als Bewahrer des Status quo hüten gute Konservative auch die Kultur, weil die ja zu 90 Prozent aus der Vergangenheit stammt. Im Kulturkampf spielt bewährte "Old Culture" à la Neujahrskonzert allerdings ohnehin keine Rolle.
Aber auch gegen die sogenannte "New Culture", also etwa eine Performance von Florentina Holzinger, kommt aus dem konservativen oder rechten Eck keine Polemik. Warum?
Bartmann: New Culture ist - anders als in der Zeit der klassischen Avantgarde - nicht mehr der Hauptfeind. Die Kultur ist der extremen Rechten vor allem dann ein Dorn im Auge, wenn es um staatliche Subventionen geht. Einstweilen aber fehlen der Rechten für ein "Unfriendly Take-over" von New Culture einfach die Köpfe, man könnte sagen, die Fachkräfte. Dem Falter entnahm ich unlängst, dass die FPÖ jetzt einen eigenen Radiosender hat. Medien rangieren bei den Rechten noch vor Kultur: Da kann man mit relativ wenigen Köpfen viel Wirkung erzielen, in der Kultur braucht man viele Köpfe für wenig Wirkung.
Hat es also doch etwas auf sich mit der kulturellen Hegemonie der Linken?
Bartmann: Der Kulturbetrieb in unseren Breiten ist tatsächlich überwiegend linksliberal verfasst, insofern kann man diesen Verdacht von rechts nicht einfach von der Hand weisen.
In Ihrem Buch weisen Sie auf eine doppelte Asymmetrie hin: Auf der einen Seite gibt es die Rechte, die zwar Wahlen gewinnt, aber - seit Franz Josef Strauß - beleidigt ist, weil sich das nicht in kulturelle Hegemonie umsetzt; und auf der anderen Seite
Bartmann: gibt es eine kulturbetriebliche Hegemonie der Linken. Beide Seiten begegnen sich dann im Modus des Beleidigtseins. Kulturkampf ist meistens das, was man der anderen Seite vorwirft. Selten sagt jemand: "Ja, wir eröffnen jetzt einen Kulturkampf - und zwar gegen euch." Und wenn es jemand sagt, gibt er sich damit als Rechter zu erkennen.
Da könnte man, wie Sie schreiben, von Dänemark lernen.
Bartmann: Ja, der dänische "kulturkampen", der ursprünglich in den 1930ern unter dem Eindruck des Faschismus geführt wurde, hat gezeigt, dass man den Kulturkampf von links führen und auch gewinnen kann. Der Begriff hat sich erhalten und wurde 2006 von konservativer Seite aufgegriffen, die meinte, dass man den Migranten doch mal unsere Werte ausschildern und einen entsprechenden, für die Schulen verbindlichen Kulturkanon festlegen müsse. Der wurde von links stark angegriffen, hat sich aber durchgesetzt -mit positiven Effekten für die Schüler und Schülerinnen. In Deutschland gab es ein paar Jahre davor die Debatte um die "Leitkultur", die aber sofort in Polemik abgedriftet ist. Nicht einmal die Konservativen konnten sich dazu aufschwingen, ihre Vorstellungen zu verteidigen oder auch nur zu formulieren. Insofern finde ich, dass der Aufstieg der Rechtspopulisten und der extremen Rechten auch durch ein Versagen der Konservativen beschleunigt wurde.
Historisch betrachtet war man in Deutschland schon einmal konfrontationsfreudiger?
Bartmann: Wenn man sich die späten Jahre der Weimarer Republik ansieht, wurde der Kulturkampf so selbstverständlich wie erbittert und bis zur Saalschlacht ausgefochten. Das muss man nicht gut finden, aber wenn die Angst vor Polarisierung dazu führt, dass sich niemand mehr deklariert, dann hört sich Politik überhaupt auf.
Wobei es da schon auch eine Ungleichheit der Waffen gibt?
Bartmann: Ja, klar. Und ich fürchte, dass die Rechte mit ihren Blödmaschinen wie KI und Trollfabriken gegen eine Linke, die offene Briefe schreibt und spendenfinanzierte Kampagnenplattformen unterhält, die Nase vorne haben wird. Wenn man etwa den kleinen Chatbot der sozialdemokratischen Friedrich Ebert Stiftung etwas fragt, kriegt man selten brauchbare Antworten. Man muss ihn erst noch aufpäppeln, bis er einmal das Level von ChatGPT erreicht. Auf diesem Gebiet nachzurüsten, ist eine der großen Herausforderungen für die Gegner der Rechten.
Und Typen wie wir sind eigentlich Teil des Problems, weil wir -wie viele aus dem linksliberalen Milieu -in die Kulturwissenschaften gegangen sind, anstatt MINT-Fächer zu studieren.
Bartmann: Ja genau, ran an die Maschinen! Mehr kann ich dazu auch nicht sagen.
Abgesehen davon, gibt es auf der Rechten auch Einsichten, die man ernst nehmen sollte?
Bartmann: Die Kritik an der Selbstbedienungsmentalität und dem Anspruchsdenken eines stetig wachsenden Kulturbetriebs ist mitunter berechtigt. Kultur ist eine Branche, die auch dann über Kürzungen klagt, wenn sie Zuwächse verzeichnet.
Sie schreiben auch, dass es der Kultur nirgends so gut geht wie in Deutschland.
Bartmann: Außer vielleicht in Österreich. Wen habt ihr jetzt als Kulturminister? Ach ja, Andreas Babler. Kulturpolitiker verstehen oft nicht besonders viel von Kultur oder, wenn doch, dann zeigen sie es ungern. Weil auch die Bevölkerung überwiegend nichts von Kultur wissen will. Mir hat einmal ein Kulturpolitiker aus Nordrhein-Westfalen verraten, dass bei ihm im Land etwa sieben Prozent der Bevölkerung die Kulturangebote des Staates nutzen: Theater, Oper, Museen, Konzerte, Angesichts eines solchen Befundes darf und soll man schon darüber diskutieren, ob etwa die Sanierungskosten von 1,5 Milliarden Euro für die Kölner Oper gerechtfertigt sind. Und wenn das jemand verneint, ist er deswegen weder ein Banause noch unbedingt ein Rechter.
Und wie ist das mit der Hamburger Elbphilharmonie? Da haben sich die ursprünglich geplanten Baukosten annähernd verzehnfacht - auf rund 800 Millionen.
Bartmann: Wobei die Elphi, wie wir sie hier nennen, ein unglaublicher Attraktor ist und zehntausende Nächtigungen von Touristen garantiert.
Aber ist das das richtige Argument? Wollen wir die Kultur über den Tourismus legitimieren?
Bartmann: Nein, aber wenn man sieht, wie Kultur zum Stadtgespräch wird, und wenn man dann noch die touristische Wertschöpfung in Rechnung stellt, kann man das viele Geld nach zwei Seiten legitimieren.
Zeitgenössische linke Leitkultur wird dort aber eher auch nicht geboten?
Bartmann: Was könnte das sein? Gern würde ich ja die "Dreigroschenoper" der 2020er-Jahre sehen. Die war vor 100 Jahren eine starke Attacke von links, die es mit ihrem Drive und Sexappeal bis nach Hollywood geschafft hat. Demgegenüber sehe ich heute jemand wie Milo Rau am Werk, der wohl mehr Subventionen in der Tasche hat, als Bertolt Brecht und Kurt Weill in ihrem Leben je gekriegt haben. Und dennoch kommt dabei nur dieses allzu selbstgerechte Chefanklägertum raus. Wenn ich mein Buch in einen Satz fassen wollte, würde ich sagen: Rechts ist das Problem, aber links ist leider selten die Lösung.
Kann man sagen, dass die Linke überhaupt ein Problem mit dem Begriff der Freiheit hat und diese den libertären Rechten überlässt?
Bartmann: Ja. Es gibt einen nicht unbegründeten Generalverdacht gegen die Freiheit in einer "neoliberalen" Gesellschaft. Der Lieblingsgegner von Kunstlinken wie Milo Rau sind nicht Autokratien oder totalitäre Systeme, sondern es ist der liberale Staat. Man spielt Tribunal, wobei Spiel und Tribunal in einem fragwürdigen Verhältnis zueinander stehen: Sowohl das ästhetische Spiel als auch die staatliche Rechtsausübung werden in ein schiefes Licht gerückt und delegitimiert -und das wird auch noch staatlich subventioniert.
Wieso ist es so weit gekommen?
Bartmann: Kulturell hat die Linke in den letzten Jahrzehnten jedenfalls abgebaut. Nach den Gründen dafür müsste man noch mal genauer fahnden. Jemand wie Claus Peymann wurde von der nachfolgenden Generation für überholt befunden, auch weil man diesen patriarchalen Spielleiter-Gestus nicht mehr ertragen hat. Heute müsste man vielleicht Milo Rau überwinden. Ich habe mir die ersten sieben Stunden seiner Tribunale im Rahmen der Wiener Festwochen reingezogen. Das war alles ganz steif und regelgetrieben und hatte gar nichts von dem Witz, den das Gericht auf der Bühne, etwa in Kleists "Zerbrochenem Krug", zu entfalten vermag.
Sie scheinen doch auch Spaß daran zu haben, die Linke ein bisschen zu bashen?
Bartmann: Zugegeben, aber in der Hoffnung, sie zu ertüchtigen, sie wieder zu reanimieren. So kann's jedenfalls nicht weitergehen.
Es geht dabei auch um Stilfragen?
Bartmann: In meiner Jugend gab es schon auch unangenehm knorrige Jusos, aber die Lässigkeit war insgesamt auf Seiten der Linken. Dieser expressive Vorteil ist nach rechts gewandert. Die Linke hat ihre Lässigkeit verloren und hält sich lieber ans selbstverordnete Regelwerk. Dann wird rechts auf einmal cool, und in New York ist der Dimes Square in Lower Manhattan das angesagte Viertel, wo die rechte Jugend in ihren Kneipen zusammenkommt.
Und die Identitären bei uns sprengen Theateraufführungen im Audimax!
Bartmann: Die Rechten profitieren dabei auch davon, dass bestimmte Formen von Performance sehr simpel sind. Einen Hörsaal zu sprengen oder ein Fernsehinterview zu übertönen ist halt einfacher als die "Dreigroschenoper". Man muss seine Kulturpraktiken fälschungssicher machen. Schlechte Kopien guter Werke stellen die Schwäche der Nachahmer aus. Den Kulturkampf gewinnt, wer sich die bessere Kunst einfallen lässt.


