
Die Reise der „guten“ Freundin
Christina Vettorazzi in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 37)
Welche Frau hat sie nicht: die Jugendfreundin, mit der sie alt werden wollte? Manche erinnern sich an sie wie an eine Schwester, andere an den Girl Crush, also die (nicht ganz) platonische Verliebtheit.
Für Tiffany Watt Smith war ihre einst beste Freundin Sofia jener Crush. In ihrem Buch „Gute Freundin, schlechte Freundin“ beschreibt sie Sofia als die Frau, die alle haben oder sein wollten. Zusammen bildeten sie eine „High Society aus zwei Personen“. Diese Glorifizierung war wohl der Grund, warum ihre Freundschaft endete, denn: Auch Sofia war nur ein Mensch, der Bestätigung suchte und im Leben gewissermaßen schneller vorankam als Watt Smith, die sich damals mit kleinen Kunstjobs durchkämpfte.
Der Karrieresprung sollte bei Watt Smith folgen: Sie arbeitete als Dozentin für Kulturgeschichte an der Queen Mary University of London und wurde 2024 zum Fellow der Royal Historical Society gewählt – einer Gelehrtengesellschaft, der unter anderen die Historiker Ian Kershaw und Peter Burke angehören. Watt Smiths TED-Talk „The History of Human Emotions“ („Die Geschichte der menschlichen Emotionen“) zählt rund 4,7 Millionen Aufrufe.
Die Stärke ihres neuen Buchs liegt in der Kombination der Genres Sachbuch und Autobiografie. Der englische Untertitel „How Women Revolutionized Modern Friendship“ („Wie Frauen moderne Freundschaften revolutionierten“) ergibt mehr Sinn als die deutsche Version „Ein Jahrhundert weiblicher Freundschaft“, denn die Autorin blickt bis ins 4. Jahrhundert v. Chr. zurück, als Aristoteles über Freundschaft schrieb. Frauen seien demnach nur zu angenehmen und nützlichen Freundschaften befähigt. Auf 360 Seiten widerlegt Watt Smith diese Einschätzung: „Zwischen Aristoteles und den Spice Girls hat nämlich eine Revolution stattgefunden.“
Watt Smith könnte nun selbstbewusst ihre Expertise vortragen, doch das tut sie nicht. „Gute Freundin, schlechte Freundin“ wirkt wie ein Tagebuch, wenn die Autorin reflektiert, dass sie in einem „entscheidenden Aspekt des weiblichen und feministischen Lebens versagt hatte“, weil sie Sofia und einige andere Freundinnen verloren habe. Sie glaubt, sie sei eine „schlechte Freundin“.
Frauenfreundschaft ist für Watt Smith ein wesentlicher Teil ihrer persönlichen und politischen Identität. Und so erlebten wohl viele Frauen ihre Freundschaften: In der Antike etwa Claudia Severa und Sulpicia Lepidina, deren innige Beziehung eine einzige Nachricht belegt, in der Severa ihre Freundin als „Schwester“ bezeichnet. Im 13. Jahrhundert Nicole, die erkrankte und von ihrer Freundin Contesse gepflegt wurde. Im 16. Jahrhundert bezeugten die Freundinnen einer Hebamme deren guten Charakter, nachdem sie von ihrem Mann der Untreue beschuldigt wurde. Und im 20. Jahrhundert schwärmten junge Frauen so sehr füreinander, dass Autoritätspersonen vor Freundschaften mit negativem Einfluss warnten: Damit war die „schlechte Freundin“ geboren.
Womit Aristoteles recht behalten dürfte: Viele Freundschaften waren und sind an einen Nutzen gebunden. Und oft sind es eben Frauen, die anderen Frauen in einer Welt voller Bedrohungen Schutz gewähren. Doch steht in der Komplizinnenschaft deshalb der Warencharakter im Vordergrund?
Nein, dennoch kommt die Autorin zu dem Schluss, dass Freundschaften nicht mit Erwartungen überfrachtet werden dürfen.
Diese Erkenntnis musste sie wohl erlangen, bevor sie die Nachricht von Sofia erhielt. Nach Jahren der Funkstille fanden die beiden wieder zusammen und Watt Smith erkannte, dass nicht allein Sofia Bestätigung gesucht hatte. Auch sie selbst hatte damals ihre eigenen Bedürfnisse ins Zentrum gestellt, statt sich zu fragen, wie sie für ihre Freundin da sein könne. Und mit dieser Erkenntnis beendet die Autorin ihr Buch und ihre ganz persönliche Heldinnenreise.


