Nach Hause kommen

Roman
208 Seiten, Hardcover
€ 24,70
-
+
Lieferung in 2-5 Werktagen

Bitte haben Sie einen Moment Geduld, wir legen Ihr Produkt in den Warenkorb.

Mehr Informationen
Themen Belletristik Allgemein, nicht nach Genre Allgemein und literarisch
ISBN 9783446288386
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 15.09.2026
Größe 21 x 13.2 cm
Verlag Hanser, Carl
Übersetzung Ina Kronenberger
LieferzeitLieferung in 2-5 Werktagen
HerstellerangabenAnzeigen
Carl Hanser Verlag GmbH & Co.KG
Vilshofener Straße 10 | DE-81679 München
info@hanser.de
Unsere Prinzipien
  • ✔ kostenlose Lieferung innerhalb Österreichs ab € 35,–
  • ✔ über 1,5 Mio. Bücher, DVDs & CDs im Angebot
  • ✔ alle FALTER-Produkte und Abos, nur hier!
  • ✔ keine Weitergabe personenbezogener Daten an Dritte
  • ✔ als 100% österreichisches Unternehmen liefern wir innerhalb Österreichs mit der Österreichischen Post
Kurzbeschreibung des Verlags

»Niemand schreibt besser über die Liebe als Per Petterson.« Norwegischer Rundfunk Jeden Abend nach der Spätschicht in der Fabrik fährt Kasper mit dem Nachtbus bis zur Endhaltestelle. Zu Hause warten seine Frau Inger und ihre beiden Kinder. Alles hat seine Richtigkeit, es könnte für immer so weitergehen – bis Kasper von der Wucht seiner Gefühle für die gemeinsame Freundin Signe überrascht wird. Dreißig Jahre später blickt Kasper auf diese Zeit zurück. Sicher hätte er anders handeln können, aber warum sollte es nicht möglich sein, zwei Menschen gleichzeitig zu lieben? Per Petterson, der Meister der psychologischen Präzision, macht das Existenzielle im Alltäglichen sichtbar – ein zutiefst menschlicher, zärtlicher Roman über die große Frage, wann man im Leben wirklich angekommen ist.

Mehr Informationen
Themen Belletristik Allgemein, nicht nach Genre Allgemein und literarisch
ISBN 9783446288386
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 15.09.2026
Größe 21 x 13.2 cm
Verlag Hanser, Carl
Übersetzung Ina Kronenberger
LieferzeitLieferung in 2-5 Werktagen
HerstellerangabenAnzeigen
Carl Hanser Verlag GmbH & Co.KG
Vilshofener Straße 10 | DE-81679 München
info@hanser.de
Unsere Prinzipien
  • ✔ kostenlose Lieferung innerhalb Österreichs ab € 35,–
  • ✔ über 1,5 Mio. Bücher, DVDs & CDs im Angebot
  • ✔ alle FALTER-Produkte und Abos, nur hier!
  • ✔ keine Weitergabe personenbezogener Daten an Dritte
  • ✔ als 100% österreichisches Unternehmen liefern wir innerhalb Österreichs mit der Österreichischen Post
FALTER-Rezension

Die Beredtheit der Stille

Sigrid Löffler in FALTER 41/2026 vom 07.10.2026 (S. 16)

Haben Sie schon einmal mit dem Auto ein Reh angefahren? Das danach noch lebte? Haben Sie versucht, es zu streicheln? Kasper, der Ich-Erzähler des Romans von Per Petterson, hat das erlebt – und es liest sich so, als beschreibe der norwegische Autor eine ganz persönliche Erfahrung.

„Ich hob vorsichtig die Hand und strich der Ricke sanft über den Kopf. Das Fell war anders als jedes Fell, das ich bisher mit der Hand berührt hatte. Es war rauer und zugleich weich, und ich merkte, dass es mir gefiel, dass ich mich freute, das hier zu erleben, ein lebendes Reh zu streicheln, war schließlich nicht vielen vergönnt, ein wildes Reh, denn eigentlich war das gar nicht möglich, und dass es möglich war, lag daran, dass ich die Ricke angefahren hatte. Dass ich ihr Leben zerstört hatte.“

Das verwundete Tier rappelt sich mühsam auf und stakst Richtung Wald. Dort wird der amtliche Jagdaufseher es dann erschießen. Mit Bedacht setzt Per Petterson diesen Unfall mit Todesfolge an den Beginn seines neuen – elften – Romans „Nach Hause kommen“.

Die Szene ist derart aufgeladen mit den widersprüchlichen Gefühlen des Romanhelden – Schock über den plötzlichen Einbruch von Gewalt, Empathie mit dem schönen, unschuldigen Tier, Schmerz, Reue, Trauer, Ehrfurcht vor der elementaren Würde der tödlich verwundeten Kreatur –, dass der Vorfall den Roman gleich auf mehrfache Weise in Gang setzt. Im aufgewühlten Ich-Erzähler weckt die Szene verdrängte Schuldgefühle.

Er wird gepeinigt von der Erinnerung an ein Unrecht, „begangen vor fünfundzwanzig oder auch vor dreißig Jahren, insbesondere gegenüber Frauen“. Kasper hat seinerzeit das Lebensunglück zweier geliebter Frauen verursacht, so wie er jetzt das Leben eines Rehs zerstört hat. Er muss sich eingestehen, dass er damals auf Kosten seiner nächsten Menschen seinen egoistischen Interessen gefrönt hat. Das lässt in ihm nun den Wunsch nach Wiedergutmachung, nach Versöhnung entstehen.

Damit ist der Rehunfall als Metapher für das eigentliche Thema des Romans gesetzt – als Auslöser für die kritische Revision der bedenkenlos ich-zentrierten Gefühlswelt eines alten Mannes. Wobei Per Petterson wie in all seinen Romanen auch hier den Erzählstoff dem eigenen Leben entnimmt. Sie sind als Spin-offs, als imaginäre, alternative Fortschreibungen aus der eigenen Biografie entwickelt.

Mit seinen Ich-Helden teilt der Autor alle biografischen Eckdaten: das Geburtsjahr, 1952, die Herkunft aus der Arbeiterklasse, das Leben in den Wohnsilos rund um Oslo, die linken politischen Überzeugungen, den Job als Druckereiarbeiter, den autodidaktischen Bildungsgang, den Berufswechsel mit Mitte dreißig vom Bibliothekar und Buchhändler zum Schriftsteller, die gescheiterte Ehe, die er bereits im Vorgängerbuch, dem schwermütigen Scheidungsroman „Männer in meiner Lage“ (2018), durchgearbeitet hat.

Petterson greift zu Erfindungen nur, wenn es ihm unumgänglich erscheint. „Ich verwende, was vorhanden ist. Warum hätte ich für meinen Helden eine Wohnung in Oslo eigens neu erfinden sollen? Ich habe für den Roman meine damalige Wohnung verwendet, schließlich kenne ich sie am besten“, sagte er einmal in einem Interview.

Anders als sein norwegischer Landsmann, der Weltbestseller-Autor Karl Ove Knausgård, gehört Per Petterson eher zu den leisen Autoren des Landes. Narzisstische Selbstdarstellung ist nicht seine Sache. Seine Romane setzen nicht auf flamboyanten Wortschwall, das Markenzeichen der Knausgård’schen Selbstinszenierungen, sondern auf die Beredtheit der Stille. Sein lakonischer Erzählton in seiner gewichtigen Schlichtheit entwickelt allerdings einen mächtigen Sog.

In Pettersons Romanen scheint alles vorhanden, was man über Norwegen zu wissen glaubt: naturtrübe Schwermut wie bei Edvard Munch und waldschrathafte Eigenbrötelei wie bei Knut Hamsun, schroffe Seelendüsternis wie bei Ibsen und wortkarge Verschlossenheit wie beim Nobelpreisträger Jon Fosse. Die nordische Landschaft mit ihren schwarzen Wäldern und kalten Städten an grauen Meeresufern ist eine Dominante in allen Romanen dieses Autors.

Seine Romanfiguren sind schweigsame Menschen, gehüllt in eine Aura von Einsamkeit und Melancholie. Sie grämen sich um das Vergangene und hadern mit dem Versäumten. Sie hängen Träumen nach, deren Erfüllung das Leben ihnen verweigert. Hinter ihren einsilbigen Wortwechseln tun sich riesige Hallräume des Ungesagten auf.

Sie scheinen besessen von einem Rätsel, dem sie in immer neuen Varianten nachgrübeln: dem verpassten und verfehlten, dem falschen Leben. In welchem unscheinbaren, aber alles entscheidenden Moment ist man falsch abgebogen? Warum bleibt man danach im falschen Leben gefangen? Wieso gelingt der glückhafte Augenblick so selten?

Als alleinlebender Siebzigjähriger sucht Kasper jene lange verdrängte Lebensphase zu rekonstruieren, als er mit Mitte dreißig als Druckereiarbeiter mit seiner Frau und zwei Kindern ruhig in einem Vorstadtwohnblock lebte, bis er „eines Morgens plötzlich die Augen aufschlug“ und feststellte, dass er in die Ehefrau eines Freundes verliebt war, ohne seine eigene Frau deshalb weniger zu lieben.

Darauf lässt sich Kasper auf ein waghalsiges Gefühlsexperiment ein. Er versucht, in allseitiger Offenheit und Ehrlichkeit zwei Frauen gleichzeitig und parallel nebeneinander zu lieben. Diese Unternehmung erweist sich auf die Dauer als nicht lebbar; sie wird katastrophal, mit einem doppelten Verrat, enden und drei Leben zerstören.

Pettersons Kunst, jene unvorhersehbaren, unscheinbaren Momente zu fixieren, in denen falsch abgebogen wurde und das Leben aus der Bahn geriet, zeigt sich hier in großer Meisterschaft. Eine Aura von Stille umgibt die drei Verstrickten, deren karge Wortwechsel ihre wahren Motive nur verrätselt preisgeben.

Doch hinter dem Ungesagten vibrieren die Gefühle nur umso heftiger. In seiner Verschwiegenheit, Gefühlsintensität und genauen Milieukenntnis hat Per Petterson in der norwegischen Gegenwartsliteratur nicht seinesgleichen. Erst recht nicht in seiner scheuen Menschenfreundlichkeit.

weiterlesen