Über Leben und Tod

In der Gerichtsmedizin
192 Seiten, Taschenbuch
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Themen Biographie, Literatur und Literaturwissenschaft Biografien und Sachliteratur Tatsachenberichte, wahre Begebenheiten True Crime
ISBN 9783446289277
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 18.08.2026
Größe 18.8 x 11.6 cm
Verlag Hanser Taschenbuch
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Carl Hanser Verlag GmbH & Co.KG
Vilshofener Straße 10 | DE-81679 München
info@hanser.de
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Kurzbeschreibung des Verlags

Ist der Totenschädel Beethovens tatsächlich der seine? Wie identifiziert man die Toten des Lauda-Air-Absturzes in Thailand? Wie hat Elfriede Blauensteiner ihre Männer ins Jenseits befördert? Der Gerichtsmediziner Christian Reiter kennt die Geheimnisse des Todes. In seinem Studierzimmer sammelt er Schädel, Haare, Larven … Als »Falter«-Chefredakteur Florian Klenk diese Schätze sieht, entdeckt er die Abgründe des Menschen und die Überzeugungskraft der Wissenschaft. Der Arzt und der Journalist, gemeinsam obduzieren sie unsere Gesellschaft.

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ISBN 9783446289277
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FALTER-Rezension

So ertrinken Sie sicher

Florian Klenk in FALTER 33/2026 vom 12.08.2026 (S. 34)

Die Hitze der Stadt treibt die Menschen ans Wasser, aber kaum eine Woche vergeht, in der nicht jemand ertrinkt. 25 Menschen sind bis Ende Juni 2026 bei Badeunfällen ums Leben gekommen. Die Zahl der Nichtschwimmer ist in Österreich gestiegen -coronabedingte Schließungen und Migration sind dafür mitverantwortlich. Aber auch die guten alten Ratschläge der Großeltern werden immer weniger ernst genommen.
Doch warum ertrinken Menschen eigentlich? Und was muss man tun, wenn sie untergehen? In der neuen Staffel von "Klenk und Reiter", dem Podcast aus der Gerichtsmedizin, spricht der Wiener Gerichtsmediziner Christian Reiter ausführlich über die medizinischen Hintergründe des Ertrinkens. Ein Gespräch über Gefahren und Mythen.

Falter: Herr Professor Reiter, Sie haben mir eine erschreckende Zahl genannt: Rund sieben Prozent der Bevölkerung in Österreich, das sind etwa 630.000 Menschen, können nicht schwimmen. Wie viele dieser Menschen landen letztlich bei Ihnen auf dem Obduktionstisch?

Christian Reiter: Gott sei Dank nicht ganz so viele. In Österreich sterben pro Jahr etwa zwischen 35 und 45 Personen durch Ertrinken. Die Dunkelziffer könnte jedoch etwas höher liegen, da vielleicht nicht alle Fälle obduziert und genau untersucht wurden; wir schätzen die tatsächliche Größenordnung eher auf etwa 50 Fälle pro Jahr. Im Sommer haben wir solche Fälle eigentlich fast jede Woche bei uns in der Gerichtsmedizin.

Wir wollen heute über die Gefahren sprechen, aber auch über Mythen. Ein prominentes Beispiel aus der Medienwelt ist der Spruch, im Seichten könne man nicht ertrinken. Ein ehemaliger RTL-Chef sagte dies, um sein wenig intellektuelles Programm zu rechtfertigen. Aktuell wird dies jedoch auch im Zusammenhang mit dem Fall des Sektionschefs Christian Pilnacek diskutiert. Stimmt es, dass das Seichte sicher ist?

Reiter: Das stimmt grundsätzlich nicht. Es hängt immer von den Begleitumständen ab. Wenn jemand neurologisch beeinträchtigt ist oder unter dem Einfluss von Substanzen steht, kann er oft keine Abwehrreaktionen mehr setzen. Das Gleiche gilt für eine Kopfverletzung, die zur Bewusstlosigkeit führt, wie etwa eine Gehirnerschütterung. In einem solchen Zustand genügt es, wenn die Gesichtsöffnungen nur wenige Zentimeter unter Wasser geraten. Man atmet Wasser ein und kann so in kleinsten Flüssigkeitsmengen ertrinken.

Haben Sie solche Fälle in der Praxis?

Reiter: Ja, immer wieder. Ich erinnere mich an eine fast skurrile Geschichte aus der Wachau: Ein Weinbauer wollte einen Bottich reinigen. Er lehnte sich über den Rand, wobei dieser auf seinen Bauch drückte, während im Bottich nur etwa zehn Zentimeter weinhaltiges Wasser standen. Er fiel kopfüber hinein. Zuerst konnte er sich wohl noch mit den Händen abstützen, doch dann verließen ihn die Kräfte. Er sank mit dem Gesicht in die Flüssigkeit und ertrank in diesen zehn Zentimetern. Wir konnten später eine hohe Alkoholkonzentration in seinem Leichenblut nachweisen -nicht vom Trinken, sondern weil das Einatmen des weinhaltigen Wassers den Alkohol direkt ins Blut verschleppt hatte.

Im Fall des ertrunkenen Sektionschefs Pilnacek gab es Spekulationen, weil er alkoholisiert war. Macht Alkohol den Sturz ins Wasser gefährlicher?

Reiter: Absolut. Wir wissen aus Erfahrung, dass alkoholisierte Menschen bei einer Gehirnerschütterung eine deutlich längere Bewusstlosigkeit erfahren als Nüchterne. Wenn man dann bewusstlos mit dem Gesicht im Wasser liegt, kann man sich nicht mehr befreien. Für einen Gerichtsmediziner ist ein solches Szenario keineswegs überraschend.

Man stellt sich Ertrinken meist als einfaches Ersticken vor. Was passiert biologisch im Körper, wenn wir in Süßwasser geraten?

Reiter: Die Annahme des Erstickungstodes ist ein weit verbreiteter Irrtum. Sobald Süßwasser in die Atemwege gelangt, werden diese massiv gereizt. Die Schleimdrüsen in der Luftröhre produzieren sofort vermehrt Schleim, um sich zu schützen. Zudem löst das Wasser den sogenannten Surfactant aus den Lungenbläschen - eine seifige Substanz, die normalerweise die Oberflächenspannung reguliert. Durch die Atembewegungen vermischen sich Schleim, Wasser und diese Seifenlauge zu einem feinblasigen Schaum. Dieser Schaum erfüllt die Atemwege und tritt später als "Schaumpilz" aus Mund und Nase aus.

Das Wasser bleibt also in der Lunge?

Reiter: Eben nicht, und das ist das Paradoxe. Süßwasser ist hypoton, das heißt, es hat einen geringeren Salzgehalt als unser Blut. Da Wasser immer dem Salzgradienten folgt, wandert es sofort aus den Lungenbläschen ins Zwischengewebe und in die Blutgefäße ab. Wenn wir eine solche Lunge anschneiden, ist sie zwar schwer und voller Flüssigkeit, aber die Schnittfläche wirkt trocken, weil das Wasser im Gewebe und nicht in den Lungenhohlräumen vorliegt.

Und was passiert im Blut?

Reiter: Das Wasser bringt die roten Blutzellen zum Platzen. Dadurch wird massiv Kalium freigesetzt. Dieses kaliumreiche Blut fließt direkt zum Herzen und verursacht schwere Herzrhythmusstörungen. Im Endeffekt ist der Tod durch Ertrinken im Süßwasser ein Herztod, ausgelöst durch eine fatale Fehlzusammensetzung der Elektrolyte.

Wenn man jemanden rettet, was muss man als Ersthelfer wissen? Gibt es Unterschiede zwischen Süß-und Salzwasser?

Reiter: Einen gewaltigen Unterschied. Beim Süßwasser ist das Hauptproblem, wie erwähnt, das überschüssige Kalium im Blut, das die Herzelektrik bedroht. Wenn der Gerettete noch eine Herztätigkeit hat, müssen Profis so schnell wie möglich Insulin und Zuckerlösung infundieren. Denn das Insulin drückt das Kalium zurück in die Zellen, und die Glucose kompensiert die Insulinwirkung auf den Blutzuckerspiegel. Viele Rettungssanitäter wissen das leider nicht und verlieren wertvolle Zeit auf dem Weg ins Krankenhaus.

Und beim Salzwasser?

Reiter: Da ist es genau umgekehrt. Meerwasser ist salziger als Blut. Es zieht die Flüssigkeit aus dem Blut in die Lungenbläschen. Die Lunge saugt sich wie ein Schwamm voll mit Flüssigkeit. Diese Patienten haben massiv Wasser in der Lunge, das abgesaugt werden muss, während sie mit Sauerstoff beatmet werden. Das Kaliumproblem gibt es hier nicht.

Ein weiterer Mythos betrifft die Lage der Leiche. Man sagt, Wasserleichen schwimmen immer mit dem Rücken nach oben. Im Fall Pilnacek hieß es, er sei "wie hineingelegt" mit dem Gesicht nach oben getrieben. Ist das ein Zeichen für ein Verbrechen?

Reiter: Es ist zumindest unüblich. Von Natur aus sind wir Vierfüßler; unsere Extremitäten sind so gebaut, dass sie sich im entspannten Zustand vor dem Bauch einstellen, wodurch sich der Leichnam -wenn genug Wasser unter dem Körper vorliegt - normalerweise auf den Bauch dreht. Aber: Kleidung kann das ändern. Eine abgesteppte Jacke mit Luftpolstern bei modernen luftundurchlässigen Textilien kann den Auftrieb so verändern, dass eine Leiche mit dem Gesicht nach oben treibt. Ich hatte einmal den Fall einer Frau, deren gepolsterter BH wie ein Auftriebskörper wirkte und sie in Rückenlage drehte. Dies ist selten. Es ist daher keine gute Idee für einen Täter, jemanden so zu hinterlassen, aber es kommt vor und ist erklärbar.

Sie unterscheiden zwischen typischem und atypischem Ertrinken. Was ist das "atypische Ertrinken"?

Reiter: Das ist das, wovon die Bevölkerung oft nichts weiß: wie schnell man "absaufen" kann, obwohl man eigentlich gut schwimmen kann. Ich erinnere mich an eine Frau, die erzählte, sie sei Schulter an Schulter mit ihrem Mann im Meer geschwommen. Sie plauderten, und plötzlich war er weg - ohne einen Laut, ohne Kampf. Er sackte einfach ab.

Wie kann das passieren?

Reiter: Da gibt es verschiedene Mechanismen. Einer ist das sogenannte Römheld-Phänomen. Wenn man schwimmt, muss man die Bauchmuskulatur anspannen. Das erhöht den Druck im Bauchraum und drückt den vollen Magen gegen das Zwerchfell und somit auch gegen die Hinterwand des Herzens.

Die Oma hatte recht, wenn sie sagte: "Geh nicht mit vollem Bauch schwimmen."

Reiter: Dieser Rat ist absolut gerichtsmedizinisch fundiert. Man sollte ihn unbedingt befolgen. Bei Menschen, die vielleicht schon leichte Verkalkungen der Herzkranzgefäße haben, kann dieser Druck eine tödliche Herzrhythmusstörung auslösen. Ein anderer Faktor ist der Kälteschockreflex.

Der Reflex, wenn man ins kalte Wasser springt?

Reiter: Genau. Wenn Kälte oder ein Luftzug die Gesichtshaut trifft, löst das einen unwillkürlichen Einatemreflex aus, den man nicht kontrollieren kann. Man kann das bei Säuglingen beobachten, wenn man ihnen ins Gesicht bläst -sie atmen sofort tief ein. Wenn Sie nun im Wasser schwimmen, eine Welle ins Gesicht bekommen und diesen Reflex auslösen, atmen Sie unter Wasser tief ein. Damit beginnt das Unglück. Deshalb ist es auch eine extrem schlechte Idee, jemanden unvorbereitet ins kalte Wasser zu schubsen. Das kann durch Reizung des vegetativen Nervensystems sogar zum plötzlichen Herzstillstand führen.

Wie steht es um die soziale Komponente: Nichtschwimmer in der Migrationsgesellschaft?

Reiter: Das ist ein ernstes Thema. Viele Menschen, die zu uns kommen, hatten nie die Möglichkeit, schwimmen zu lernen. Wenn sie dann an heißen Tagen unbedacht, vielleicht mit vollem Magen und ohne sich abzukühlen, ins Wasser springen, sind sie besonders gefährdet. Die Verteilung der Ertrinkungsfälle ist sehr kopflastig in Richtung von Menschen mit Migrationshintergrund. Mein dringender Appell lautet: Schickt eure Kinder in Schwimmkurse! Es ist eine lebensnotwendige Bedingung.

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Über den Autor

Florian Klenk, geb. 1973, ist Jurist und Journalist. Der mehrfach ausgezeichnete Enthüllungsjournalist studierte in Wien und den Niederlanden, arbeitete bei der deutschen Wochenzeitung DIE ZEIT und ist seit 2012 Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung FALTER.

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