Notizbuch
31. August 1978 - 18. Oktober 1978

von Peter Handke

€ 14,40
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Verlag: Insel Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 63 Seiten
Erscheinungsdatum: 06.09.2015


Rezension aus FALTER 27/2016

Querfeldein zum letzten Epos

Kaum einer nutzt das Genre des Journals so konsequent, abwechslungsreich und intelligent wie Peter Handke

Gäbe es von Peter Handke nur die Tagebuchaufzeichnungen („Journale“), es reichte hin, ihn für einen Autor von Rang zu halten. Seit dem „Gewicht der Welt“ (1977) bis „Gestern unterwegs“ (2005) hat er sich dieses Genre mit der ihm eigenen Unbeirrbarkeit und energischen Leichtigkeit angeeignet und mit neuen Akzenten fortgeschrieben. Entgegen seiner damaligen Ankündigung, diese Gattungsreihe damit abgeschlossen zu haben, ist nun die nächste Folge zu studieren und zu genießen: „Vor der Baumschattenwand nachts“.
Wer sich näher für sein Werk interessierte, wusste seit der ersten Ausgabe von „literatur/a“, dem Jahrbuch des Klagenfurter Musil-Instituts, dass es „Folgen“ geben würde. Es fällt auf, dass die Notizen von 2006 in der Buchausgabe zur Gänze fehlen. Das macht auch darauf aufmerksam, dass die publizierten Journale jeweils Extrakte aus den weitaus umfangreicheren Notizbüchern waren. Davon vermag der jetzt publizierte und transkribierte Faksimile-Auszug des „Notizbuchs 31. August 1978 – 18. Oktober 1978“ eine Vorstellung zu geben. Handke hatte es seinem Verleger geschenkt, sein Lektor, Raimund Fellinger, hat es nun auszugsweise ediert, leider nur 23 von insgesamt 128 Seiten.
Wenn ich nichts übersehen habe, findet sich lediglich ein Satz dieses Notizheft-Auszugs in dem zeitlich zugehörigen Journal „Die Geschichte des Bleistifts“. Das stilistisch leicht veränderte Notat betrifft den Protagonisten der „Langsamen Heimkehr“ und lautet im Journal: „,Schau, wo du gehst!‘ Durch diesen Spruch wurde Sorger zum Erdforscher“. Das Wort Erdforscher (statt: „Geologe“, wie es im Notizbuch heißt) verstärkt die Anspielung auf den „Fall“ des Philosophen Thales von Milet, der, über den Himmel nachdenkend, nicht auf die Erde achtete und in eine Zisterne stürzte – keine unpassende Warnung für einen Autor, der das Idealisieren und Fantasieren zu seiner Sache erklärt hat.
Man kann das alles als Angelegenheit für Spezialisten abtun. Die Aura der Handschrift, von der noch das Faksimile lebt, ist aber auch für den „common reader“ attraktiv, und kein Literaturmuseum lässt sich diese entgehen. Die Notizbücher und Journale Handkes haben noch einen anderen „Sitz im Leben“, wie man von literarischen Gattungen zu sagen pflegte. Sie müssen nur allererst als Gattungen wahrgenommen werden; es ist nicht das geringste Verdienst Handkes, das buchstäblich ins Werk gesetzt zu haben. Durch den Abbau von Gattungen neue zu stiften oder alte neu wahrnehmbar zu machen: der kürzeste Beweis von Handkes literarischer Intelligenz.

Liest man aber die Journale als Werke, eröffnen sich neue Abenteuer der Lektüre. Sie sind untereinander auch vielfältig verflochten, durch (Selbst-)Zitate, Anspielungen und Umwandlungen; sie unterscheiden sich aber durch einen je anders markierten Wahrnehmungsmodus oder schlicht durch das Ausmaß an Lektürenotizen, das der Autor jeweils zugelassen hat.
In „Vor der Baumschattenwand nachts“ ist der auch sonst stets präsente Goethe beinah allgegenwärtig. Handke hat geradezu systematisch die Briefe Goethes gelesen und studiert. Kein anderer Autor nimmt, für alle Journale Handkes gesprochen, so viel Platz ein. Es gibt mitunter kommentierte Wiederaufnahmen früherer Zitate; vor allem aber gibt es eine Verlagerung der Aufmerksamkeit auf die Briefe, wenn man so will, an die Peripherie des Gattungssystems, wo Handke schon immer in seinem Element war.
Mitunter wird Goethe auch spielerisch in andere Gattungen überspielt – „Goethe als Bluesman: „Ich war in Jena und fand es einsam, ich kam zurück [nach Weimar] und fand es leer“. Goethes „Formautorität“ erleidet keine Einbuße, wenn der Tagebuchschreiber John Cheever ins Unvergleichliche – eine Kategorie, die Handke immer wieder umkreist (ähnlich wie „unversehens“ oder „plötzlich“) – gerückt wird: „Niemand hat je so geschrieben wie John Cheever in seinem Journal.“
Die Transformation oder das je andere Beleuchten des Wiederaufgenommenen betont die Werkreihe als Prozess. Der Rückgriff auf früher Gelesenes und Zitiertes erzeugt den Schwung für die Fortsetzung und soll die Überraschung beim Schreiben ermöglichen.

Die immer schon zitierten Autoren werden wieder und auch anders zitiert, einige erhalten Miniaturhommagen, von Nicolas Born bis Baruch Spinoza, von R. D. Brinkmann bis Ludwig Hohl. Und Ilse Aichingers mehrfach zitiertes „Die Stille zur Angst mißbrauchen“ kulminiert in dieser Zueignung: „Immer wieder Ilse Aichingers ,Die Stille zur Angst missbrauchen‘, ja – und, umgekehrt, das Gewahrwerden der Schönheit zum Stoßgebet gebrauchen.“
Das Lesen und das Gelesene (zu dem auch das eigene Werk gehört) lässt dem Zufall sein Recht, es kristallisiert sich aber „unversehens“ zu Opus-Fantasien, die Jahre zurückreichen und über das Journal hinausweisen, wie das „Letzte Epos“, das im ­vorliegenden Fall auch als „Einfache Fahrt ins Landesinnere“ oder „Die Obstdiebin“ aufscheint und ausstrahlt. Nebenher, nicht beiläufig, verdichten sich die dringlicher werdenden Notate zum „Heutigen Erzählen“.
Im Unterschied etwa zu „Am Felsfenster morgens“ sind jetzt die Notizen zu den in der Aufzeichnungszeit erschienenen Werken viel spärlicher geworden. Eines davon, eben auch erst heuer erschienen, ist die Sammlung von Handkes literaturkritischen Schriften („Begleitschreiben“), die von der Mitte der 60er-Jahre bis in die Gegenwart reichen. Es trägt den Titel „Tage und Werke“, der im Journal durch die Lektüre von Hesiods epischem Lehrgedicht „Werke und Tage“ vorbereitet wird, für das Handke schon länger eine Vorliebe hegt.
Der Band bietet mit seinen Vorreden, Nachwörtern, Polemiken und Widerreden, Essays und frühen Radiorezensionen, Nachrufen und Lobreden (vor allem im Zusammenhang mit dem Petrarca- bzw. Hermann-Lenz-Preis) ein schönes Durcheinander. Glanzstücke sind die ganz frühen und bislang – von der schönen Ausnahme der Konrad-Bayer-Besprechung abgesehen – unpublizierten Rezensionen, die der junge Handke für die Sendung „Bücherecke“ von Radio Steiermark geschrieben hat.

Die luzideste Selbstkritik darüber hat niemand anderer als Handke selbst verfasst, als er 1973 mit einem langen Aufsatz den Schriftsteller Hermann Lenz der Vergessenheit entrissen hat.
Er beginnt mit einer Erinnerung an die damalige Kritik von „Die Augen eines Dieners“ und die geht so: „Nichts vergessen … 1965 las ich im Auftrag des österreichischen Rundfunks ,Die Augen eines Dieners‘ von Hermann Lenz. Ohne geübt zu sein, schrieb ich eine halbwegs geübte Kritik, in der, als ich sie vor kurzem wiederlas, nichts von dem vorkam, was ich damals mit dem Buch erlebt hatte; stattdessen ein Vergleich mit Knut Hamsun, der Zuschlag zu einer vertrauten Literaturart und damit der Zuschlag zur Literatur als etwas Vertrautem. Und trotzdem vergaß ich Hermann Lenz nicht […].“
Und jetzt die Enttäuschung: Was Handke 1965 über Lenz geschrieben und 1973 wiedergelesen hat, fehlt in „Tage und Werke“. Die eine Seite ist nach eben diesem Wiederlesen verlorengegangen, was nicht gegen den Autor spricht! Nur ein Absatz ist im Sendemanuskript noch erhalten und kann im vorliegenden Band nachgelesen werden.
Immerhin gibt es erstmals die Möglichkeit, alle diese frühen Besprechungen Handkes nachzulesen. Sie verraten eine funkelnde literarische Intelligenz und ein Markenzeichen: Dieser Autor denkt über die Gattung nach, in der er sich jeweils bewegt. Und so fallen gleich in der ersten Sendung Sätze zur Literaturkritik, die an Dringlichkeit nichts verloren haben: „Die Literaturkritik wertet, für die Bewertung aber besteht in der Sprache nur ein begrenzter Vorrat von Worten; dieser Vorrat schießt automatisch in die Gedanken, wenn die Sprache des zu beurteilenden Textes beurteilt werden soll: das ist es, was die Literaturkritik oft zu einem leeren Geschäft macht.“
Die Geburt eines Autors aus analytischer Schärfe und erwärmender Fantasie erfolgt vor den Augen des staunenden Lesers.

Karl Wagner in FALTER 27/2016 vom 08.07.2016 (S. 27)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Tage und Werke (Peter Handke)
Vor der Baumschattenwand nachts (Peter Handke)

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