Der kleine Prinz

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Ein Flieger muss in der Wüste notlanden und trifft dort den kleinen Prinzen, den es von einem winzigen Planeten auf die Erde verschlagen hat. Der erzählt ihm von seinem Reisen, sie werden Freunde, und eines Tages ist der kleine Prinz wieder verschwunden. Der Erzähler startet sein repariertes Flugzeug und bittet die Leser: »Schreibt mir schnell, wenn er wieder da ist…« Der kleine Prinz, Kultbuch und Weltbestseller, kann nun auch in der Insel-Bücherei gelesen werden, übersetzt von Peter Sloterdijk, dem »philosophierenden Schriftsteller« mit großer Affinität zu Frankreich. Nicolas Mahlers neue Illustrationen sind so hinreißend wie »unverwechselbar in der grafischen Reduktion« (Andreas Platthaus, FAZ).

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FALTER-Rezension

Wie man mit einem Fuchs philosophiert

Neu übersetzt und ziemlich überschätzt: Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“

Wenn die Menschen tief in jahresendzeitlichen Gefühlslagen waten, steigt auch die Nachfrage nach Sinnstiftung. Da trifft es sich gut, dass Antoine de Saint-Exupérys Klassiker „Der kleine Prinz“ seit Beginn des Jahres gemeinfrei ist und nun rechtzeitig zu Weihnachten neu übersetzt, illustriert und animiert in den Buchhandel und in die Kinos kommt. Auch im Buch selbst wird Weihnachten prominent erwähnt. Der Erzähler, der – wie auch sein Erfinder – Pilot ist, wird wegen einer Panne gezwungen, in der Sahara notzulanden, wo er die anstehende Reparatur an seinem Flugzeug ganz alleine vornehmen muss: „Für mich war das eine Frage auf Leben und Tod. Trinkwasser hatte ich höchstens für acht Tage.“
Die acht Tage sind nach 23 Kapiteln vergangen, das Wasser ist alle, das Flugzeug noch immer kaputt. Offenbar war der Pilot hauptsächlich damit befasst, der Erzählung des kleinen Prinzen zu lauschen, der seinen kleinen Planeten verlassen hatte und nach diversen interplanetarischen Zwischenstationen auf der Erde gelandet war. Jetzt sind beide am Verdursten, finden in letzter Not aber tatsächlich einen Ziehbrunnen in der Wüste und laben sich am lebensrettenden Nass:
„Dieses Wasser war kein Getränk, wie jedes andere. Es war entsprungen aus unserer Wanderung unter den Sternen, aus dem Singsang der Seilrolle und aus der Anstrengung meiner Arme. Wie ein Geschenk tat es dem Herzen wohl. So hatten, als ich ein kleiner Junge war, die Lichter des Weihnachtsbaums, die Musik der Mitternachtsmesse und das sanfte Lächeln der Menschen den Glanz des Weihnachtsgeschenks ausgemacht, das ich erhielt.“
Der Philosoph Peter Slotderdijk, von dem die Neuübersetzung stammt, hat in seinem Nachwort darauf hingewiesen, dass die „christkindliche Hintergrunderzählung“ in Saint-Exupérys Variation des Mythos vom heilbringenden Kind „in unmerklichen Obertonreihen“ mitklinge. Dergleichen akustische Subtilität zählt ansonsten nicht zu den herausragenden Eigenschaften des Werks. Dass „Der kleine Prinz“ in so ziemlich alle lebenden und toten Sprachen übersetzt wurde und momentan bei irgendeiner neunstelligen Auflagenzahl hält, verdankt sich der Tiefsinnigkeit, die dem Buch seit jeher zugeschrieben wurde. Und die wird nicht mit dem Kaffeelöffel, sondern mit der Schöpfkelle verabreicht.

Das sinnige Sprüchlein, demzufolge Kindermund Wahrheit kundtäte, hat schon einiges angerichtet. Unter anderem verdanken wir ihm zahllose Bücher, die so tun, als wären sie für Kinder geschrieben, weil in ihnen Kinder vorkommen, die ständig altklug daherreden. Der kleine Prinz ist ihr Klassensprecher. Wenn Sankt Antoine „mit seiner Erzählung von dem weltallverlorenen Kind keine Kindergeschichte geschrieben“ hat, wie Sloterdijk behauptet, warum entschuldigt er sich dann schon im Vorwort dafür, „dass ich dieses Buch einem Erwachsenen gewidmet habe“? Sind Kinder wirklich so doof, dass man sich mit dem permanenten Hinweis darauf, dass die Erwachsenen nichts raffen außer Geld, bei ihnen einschleimen kann?
„Was uns in Form dieses seltsamen Reiseberichts vorliegt, ist die Abbreviatur eines Bildungsromans“, befindet Sloterdijk. So kann man’s natürlich auch sagen. Tatsächlich ist vor lauter Abkürzung nicht mehr viel übrig geblieben, was sich als „Story“ bezeichnen ließe.
Die „Geschichte“ mit dem Fuchs zum Beispiel, der noch die greifbarste Nebenfigur ist, geht so: Der kleine Prinz ist traurig und will mit dem Fuchs spielen. Der Fuchs sagt: Geht nicht, du musst mich vorher zähmen. Es folgt ein langer Dialog. Der Fuchs ist voll der Philosoph. Er sagt Sachen wie: „Die Sprache ist die Quelle aller Missverständnisse.“ Das ist zwar Quatsch, stimmt hier aber fast, denn wovon der Fuchs spricht, versteht tatsächlich keine Sau. Der Prinz also zähmt den Fuchs, aber bereits im nächsten Satz müssen sich die beiden trennen und sind so depressiv wie schon zuvor. Bevor er sich endgültig trollt, gibt der Fuchs dem Prinzen noch einen Satz zum Auf-den-Kopfpolster-Sticken mit: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Hammer!

Ein erstaunliches Faktum besteht darin, dass „Der kleine Prinz“ total unlustig ist. Sprießt auch nur irgendwo ein humoristisches Hälmchen, wird es vom Autor ansatzlos in den Boden gestampft. Den mit Abstand besten Text hat die Blume. Sie ist kapriziös, auf anrührend arglose Weise eitel, und wenn sie gegossen werden will, sagt sie: „Ich denke dies ist für das Frühstück der richtige Moment“. Das hätte Potenzial, aus dem indes gar nix gemacht wird. Dem Prinzen gehen die Allüren der Blume auf den Wecker, er verlässt sie, anschließend kriegt er einen Moralischen: „Ich hätte sie nach ihren Handlungen beurteilen sollen, nicht nach ihren Worten.“ Jessasmarandana!
Die neue Ausgabe hat aber auf alle Fälle ihre Meriten. Nicolas Mahler hat die dilettantischen Zeichnungen Saint-Exupérys durch kräftige, halbabstrakt-miróide Illustrationen und den penetrant putzigen blonden Wuschelkopf durch eine alterslose Gurkennase ersetzt, von der nicht ganz klar ist, ob sie Haare oder eine Krone auf dem Kopf hat. Und die Übersetzung von Peter Sloterdijk klingt im Vergleich mit der alten von Grete und Josef Leitgeb nachgerade schnoddrig. „Zieh es nicht so in die Länge, das ist ärgerlich“, verabschiedet dort die Blume den Prinzen. Jetzt sagt sie: „Häng nicht so herum, das geht einem doch auf die Nerven.“ Ein Schmäh, mit dem die Witzdichte des Buches um 100 Prozent optimiert wurde.

Klaus Nüchtern in Falter 52/2015 vom 25.12.2015 (S. 39)


Zwischen Ofenrohr und Schwedenbombe

Der Comiczeichner Nicolas Mahler ist ein internationaler Star. Zu Hause in Österreich hat man ihn lange Zeit kaum wahrgenommen

Karl Marx sitzt an der Kassa im Supermarkt und erklärt dem Kunden, der gerade Küchenrolle und Würstchen gekauft hat, den Unterschied zwischen Tier und Mensch: „Das Thier ist unmittelbar eins mit seiner Lebensthätigkeit. Es unterscheidet sich nicht von ihr. Es ist sie.“
Doktor Kierkegaard empfängt in seiner Praxis einen Patienten und stellt diesem nicht nur ein Rezept aus, sondern gibt ihm auch noch einen Rat mit auf den Weg gibt: „Häng dich auf, du wirst es bereuen. Häng dich nicht auf, du wirst es ebenfalls bereuen!!!“
Friedrich Nietzsche führt eine Pfadfindergruppe durch die Natur und versucht, ihnen (über-)lebenspraktische Tipps zu geben: „Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.“ Und Simone de Beauvoir liest als Pastorin, die selbst am Altar raucht, dem Hochzeitspaar zur Vorbereitung auf die Ehe ein paar Weisheiten vor, die sichtlich nicht aus der Bibel stammen: „Selbstverständlich ist der Spruch ,Loch ist Loch‘ ein grober Witz.“

Der Witz dieser „Philosofunnies“, die der Wiener Comiczeichner Nicolas Mahler unter dem Titel „Partyspaß mit Kant“ da vorlegt, besteht unter anderem darin, dass die Worte, die er seinen Protagonisten in den Mund legt, tatsächlich authentisch sind. Alles, was die 22 historischen Persönlichkeiten zwischen Plato und Michel Foucault sagen, ist deren jeweils eigenen Werken entnommen: etwa, wenn Schopenhauer in seiner Fahrschule Verkehrsunterricht erteilt und dabei aus „Parerga und Paralipomena II“ oder „Die Welt als Wille und Vorstellung“ doziert.
Sämtliche Zitate sind im Anhang penibel ausgewiesen: Arthur Schopenhauer, Sämtliche Werke. Textkritisch bearbeitet und herausgegeben von Wolfgang Frhr. Von Löhneysen. 5 Bände. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1986. Freiheiten hat sich der Zeichner nur ganz selten und lediglich in jenen Fällen herausgenommen, in denen ausnahmsweise nicht die Philosophie am Wort ist: Dann ruft der vom Kassierer Marx sichtlich genervte Kunde „Zweite Kassa, bitte!!!“ oder es fällt eine Freundin aus der Kaffeekränzchenrunde, in der Hildegard von Bingen gerade über Ejakulationsprobleme von Männern doziert, dieser mit einem „Ach hör doch auf, Hilde!“ ins Wort.
Auf diese Weise hat der Mahler nicht nur einen höchst vergnüglichen und sehr gut verschenkbaren Comic-Band in die Welt gesetzt, sondern sich mithilfe des von seinem Verlag zur Verfügung gestellten Materials auch gleich noch eine philosophische Basisbibliothek aufgebaut. Erst unlängst, so erzählt der in Wien Mariahilf ansässige Zeichner, habe ihn ein Paket mit den Werken des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz erreicht; zu spät freilich, um noch am „Partyspaß“ partizipieren zu können.
Ebenfalls nicht geschafft haben es zwei Personen, die die Frauenquote noch etwas aufgebessert hätten. „Bei Hannah Arendt konnte ich absolut nichts Spaßiges finden“, begründet Mahler seine finale Auswahl, und auch Gender-Theoretikerin Judith Butler hat es dann knapp nicht geschafft: „Wahrscheinlich ist es aber so besser, denn ich wäre womöglich zu sehr darum bemüht gewesen, korrekt zu sein.“ Letztlich waren dann auch haptische Gründe mit im Spiel: „Im Unterschied zu Roland
Barthes kann man die nicht an sich drücken, sie ist zu knorrig.“
In die Wiege gelegt ist ihm das Thema nicht worden, wie Mahler freimütig bekennt: „Ich habe mich nie für Philosophie interessiert, weil ich’s nicht verstanden habe, aber
Cioran hat schon ein paar sehr gute Sprüche drauf, und Lichtenberg, Kant oder Kierkegaard sind super Typen. Manche der Philosophen verstehe ich besser, manche weniger, manche überhaupt nicht – Aristoteles zum Beispiel. Auch Wittgenstein ist total kryptisch, da habe ich dann einfach den ersten Satz genommen, den ich kapiert habe. Und Hildegard von Bingen ist genau so, wie man sie sich vorstellt: komplett durchgeknallt. Wer mich enttäuscht hat, war Montaigne: Der ist, was man gar nicht glauben möchte, ziemlich eingebildet.“
Über die Jahre und Jahrzehnte hat sich der Selfmade-Zeichner sein eigenes Terrain und Publikum ergriffelt: „Meine Bücher laufen unter ,mildly amusing für das Bildungsbürgermilieu‘“, lautet Mahlers Selbsteinschätzung. Das Sprungbrett, das ihn in diese Ecke katapultiert hat, war seine vor vier Jahren bei Suhrkamp erschienene Coverversion von Thomas Bernhards spätem Roman „Alte Meister“: „Der Verlag hat angeboten, dass ich mir was aussuchen kann. Und die ,Alten Meister‘ hatte ich vor Jahren gelesen und in guter Erinnerung. Ich wollte ja keine Parodie machen, und wenn man Weltliteratur mit Witz sucht, fällt schon relativ viel weg. Die Schwierigkeit bestand darin, dass es eigentlich keine Handlung gibt. Also bin ich ins Kunsthistorische Museum gegangen und habe die ganzen Schinken nachgezeichnet, was ein echter Spaß war.“
Mahlers Graphic Novel hält sich an den Text Bernhards und macht sich das Vergnügen, diesen wortwörtlich zu illustrieren: Räsoniert der Protagonist, der betagte Kunstkritiker Reger, über die Lust am Fragment und das Elend der Vollendung, werden die berühmten Gemälde vom Zeichner auch nur fragmenthaft dargestellt. Ätzt Reger über Heidegger, diesen „Pantoffel- und Schlafhaubenphilosophen der Deutschen“, dann zeigt eine Abfolge von 18 nicht übertrieben actionreichen Bildchen Heidegger beim Aufstehen, Anziehen, Suppelöffeln und Häkelhäubchenaufsetzen.
Wer „Alte Meister“ nicht gelesen hat, wird durch die naturgemäß extrem textreduzierte Fassung Mahlers doch einen ganz guten Eindruck davon bekommen, worum es in Bernhards Roman geht. Das lässt sich vom „Mann ohne Eigenschaften“ nicht behaupten. In seiner Comic-Adaption hat Mahler Musils monströses Fragment auf ein paar Dutzend Sätze eingedampft, als einzig namentlich genannte und zweifelsfrei identifizierbare Figur tritt der Triebtäter Moosbrugger auf.

Werden Mahlers Reduktionismus und dessen lakonischer Strich in „Alte Meister“ durch barocke Bildsujets und die Neorenaissance-Architektur des Kunsthistorischen Museums konterkariert, so bleibt die Herrschaft des rechten Winkels in den wesentlich strenger kadrierten Tableaus und Bildstrecken der Musil-Bearbeitung weitgehend intakt. Ein paar Dekor-Geweihe, Damenhüte und -frisuren oder eine liegengelassene Springschnur zählen zu den wenigen Elementen, die nicht auf die Grundformen Rechteck, Dreieck, Kreis und Gurkennase zurückzuführen sind.
Noch stärker freilich ist der Unterschied im konzeptuellen Zugang, wie der Zeichner erläutert: „Thomas Bernhard beschreibt ja nichts, daher gibt’s auch keine Verdoppelungen auf der visuellen Ebene. Musil hingegen schreibt viel bildhafter. Ich habe dann oft das Bild gezeichnet, das er beschreibt, dafür aber den Text weggelassen. Die Stellen schwimmen in einer Buchstabensuppe, aus der ich mir heraushole, was ich brauche, sodass auf ein Zitat von Seite 784 etwas von Seite 17 folgt. Auch habe ich Figuren zusammengezogen, weil ich drei Typen aus dem gleichen Milieu nicht brauchen kann. Das ist auch das Problem mit den Romanen von Jane Austen: An sich würde ich gerne was von der machen, aber dazu müsste ich den ganzen Schwestern Fußballdressen mit Nummern und ihren Namen anziehen, damit man die überhaupt unterscheiden kann.“
Im Wesentlichen treten die Figuren Mahlers – vor allem die männlichen – in zweierlei prototypischer Gestalt auf: Schwedenbombe oder Ofenrohr. Der Künstler selbst in seiner realphysischen Erscheinung fällt eindeutig in die zweite Kategorie. Ihm auf Augenhöhe zu begegnen ist in unseren Breiten nicht sehr vielen Menschen gegeben. Die ersten erfolgreichen Charaktere hingegen, die Mahler in Umlauf brachte, gingen eher in Richtung Schwedenbombe. Sie waren eiförmig, um genau zu sein, und präziser lässt sich ihre Gestalt auch gar nicht beschreiben, denn der Strip, den er Ende der 1980er-Jahre für die kurz darauf eingestellte Arbeiterzeitung zeichnete, handelte tatsächlich von Frühstückseiern.
Die Idee dazu hatte er ursprünglich mit einem Schulfreund ausgeheckt, ehe die Kooperation aus nicht ganz unverständlichen Gründen zu Ende ging: „Er hat mir die Witze vorgetragen, und ich habe gesagt: ,Na, na, na, okay.‘ Nach einiger Zeit hat er mir gesagt: ,Weißt was? Mach den Scheiß doch alleine.‘ Ich habe dann jeden Witz gezeichnet, der mir eingefallen ist, und die letzten waren wirklich schlecht.“
Rund 200 Folgen von „Eier“ sind damals erschienen, und Mahler hielt sich nicht wenig darauf zugute, dass er mit Anfang 20 als freier Illustrator bereits eigenes Geld verdient hatte.
Andere fanden das leider weniger beeindruckend: „Sie haben mich so was von nicht gewollt: an der Graphischen nicht, der Angewandten nicht, der Bildenden nicht, der Filmakademie nicht. Ich habe allen die gleiche Mappe vorgelegt, aber die hat eben Strips und keine Landschaften, keine Aktzeichnungen und keine Stillleben mit Äpfeln und Birnen enthalten. Ich war an Techniken interessiert, wollte zum Beispiel wissen, wie Siebdruck funktioniert. Aber wenn man was lernen wollte, haben die einen nur verdutzt angeschaut und gemeint: ,Wir unterrichten hier das Künstlersein.‘ Der Attersee hat gefunden, dass mein Kunstwollen zu gering sei. Ich solle doch mit Zahnbürstln malen und mehr die Sau rauslassen. Ich habe mich gefragt: Will ich das? Eigentlich ned, also lass ma das lieber. Damit war meine Kunstausbildung abgeschlossen.“

Mit Institutionen hat Mahler ohnedies seine liebe Not. Der Übertritt von der Volksschule ins Gymnasium, der auch noch mit der Übersiedlung vom zwölften in den dreizehnten Bezirk einherging, war ein doppelter Kulturschock. Auf einmal gab es keine ins Hausübungsheft gestempelten Smileys mehr, sondern ein „Genügend“ aufs Referat, und der Schüler Mahler wurde dazu aufgefordert, a) schöner zu schreiben und b) sein Meidlinger „L“ loszuwerden. „Deswegen habe ich mir wahrscheinlich dieses gespreizte Sprechen angewöhnt.“
Vom Stoff bekam der kleine Nicolas nicht allzu viel mit: „Ich musste zu Hause immer nachlernen, weil ich im Unterricht nie was kapiert habe. Wenn ich jemanden ansehe, kann ich nämlich nicht mehr zuhören und denke mir stattdessen: Der ist so komisch, ob der eine Frau hat? Und was macht er mit der?“
Auch das Zeichnen war für Mahler, dessen Vater eine Repro-Firma betrieb, zunächst weniger Talentbeweis denn eine Möglichkeit, den Widrigkeiten des Daseins zu entkommen: „Ich war nie so der tolle Zeichner. Das war eher eine Fluchtbewegung: Ich habe mich weggezeichnet.“
Wobei Zeichnen vielfach einfach Abzeichnen bedeutete. Größte Herausforderung: der Schnabel von Donald Duck. „Für einen Zwölfjährigen ist das schon in Ordnung: Superhelden und Donald Duck. Wenn man mit 25 nur Superheldencomics liest, hat man allerdings ein Problem.“

Entgegen der etwas koketten Behauptung, dass sich seit seinem elften Lebensjahr eigentlich nichts mehr verändert habe, begann Mahler nach und nach Fuß zu fassen und machte sich einen Namen – vor allem im Ausland. Sein erster Film, „Flaschko – der Mann in der Heizdecke“ (2002) wurde beim Festival d’Animation Annecy, dem bedeutendsten und größten Festival seiner Art, und danach noch auf über 70 weiteren Festivals gezeigt.
Filmförderung und Vertrieb waren dennoch alles andere als begeistert, weil es „bloß ein blöder Witzfilm“ war und nicht den engen Vorstellungen entsprach, die man sich in Österreich vom „Experimentalfilm“ macht: „Der muss vor allem ,das eigene Medium reflektieren’“, weiß Mahler und: „Was immer gut kommt, ist ,unbequem‘, ,verstörend‘ oder der Umstand, dass der Soundtrack absolut nicht zum Aushalten ist.“
Ulrich Troyers Soundtrack zu Mahlers fünfminütigem Animationsfilm „Mystery Music“ (2009), den man sich auf der Videoplattform Vimeo ansehen kann, entspricht vor allem dem Titel und ist noch abstrakter als die Grafik. Aus Instrumenten, die als Saxofon, Panflöte, Posaune oder Irgend-so-eine-Tröte zu identifizieren sind, und der Kehle einer Sängerin (Typus Schwedenbombe mit Dutt) plumpst, quillt und kullert schwarze Materie, die höchst eigenwillige Töne von sich gibt.
Materie und Antimaterie spielen auch in Mahlers kürzlich erschienenem Cartoon-Band „Der Urknall“ eine große Rolle. Er enthält Witze aus der Welt der Wissenschaft, die man im Unterschied zu jenen von Science Buster Werner Gruber auch versteht, ohne ein Physikstudium abgeschlossen zu haben. Ein Schulbub erklärt „Wenn ich groß bin, werde ich Nanoforscher“, und unter dem riesigen roten Knopf, der neben der Tür eines Ladens für Selbstvernichtungsknöpfe angebracht ist, steht: „Bitte NICHT läuten“.
Bilderwitze nachzuerzählen gehört gewiss nicht zu den lohnendsten Aufgabeneines Feuilletonisten. Noch weniger Sinn macht freilich die Beteuerung, dass sie „wirklich witzig“ seien. Auf die Frage nach der Relevanz medialer Berichterstattung antwortet Nicolas Mahler ungewohnt detailgenau: „Am besten ist das „Arte-Journal“. Frauenzeitschriften sind ganz gut, die Zeit bringt was, aber nur in Print, Spiegel Online bringt was, Spiegel Print ein bisschen was und österreichische Medien bringen nix – nämlich wirklich nix.“

Klaus Nüchtern in Falter 50/2015 vom 11.12.2015 (S. 29)

In dieser Rezension ebenfalls besprochen:

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Produktdetails
Mehr Informationen
ReiheInsel-Bücherei
ISBN 9783458200178
Erscheinungsdatum 07.11.2015
Umfang 105 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Insel Verlag
Übersetzung Peter Sloterdijk
Illustrationen Nicolas Mahler
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