
It’s the Knowledge, Stupid!
Julia Kospach in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 36)
Wir leben und lieben in einer penetrationsfixierten Welt. Das gilt speziell für heterosexuelle Menschen. Was auf Englisch unter „going all the way“ läuft – gemeint ist damit: Penis dringt in Vagina ein –, ist sogar in einer radikal aufgeklärten und Sexualität äußerst variantenreich darstellenden Netflix-Serie wie „Sex Education“ oft das höhere Ziel und die Klimax von sexuellen Begegnungen.
Klimax ist hier ein entscheidendes Stichwort: Für Frauen bedeutet das klassische Drehbuch „Erektion-Penetration-Ejakulation-Ende“, welches unübersehbar aus männlicher Perspektive gedacht ist, keine gute Nachricht. Wie die Berliner Gynäkologin Mandy Mangler in ihrem erstklassigen neuen Buch „Don’t Miss the Clitoris“ anhand von Studienmaterial überzeugend darlegt, ist dieses dominante Skript für Sex-Abläufe einer der Gründe für den „Gender-Orgasmus-Gap“. Dieser gesellt sich, so Mangler, „zu den vielen weiteren unrühmlichen Gaps wie dem Gender-Data-Gap, dem Gender-Health-Gap, dem Gender-Care-Gap oder dem Gender-Pay-Gap“ hinzu.
Mit dem wesentlichen Unterschied allerdings, dass der Gender-Orgasmus-Gap öffentlich so gut wie nie zur Sprache kommt, obwohl Statistik und Forschung dazu eindeutige Erkenntnisse anzubieten haben, die Mangler ausgiebig referiert: Während nämlich die Orgasmusrate von Männern in heterosexuellen Paarbeziehungen bei 80 bis 95 Prozent liegt, liegt die von Frauen mit 35 bis 65 Prozent deutlich darunter. Frauen, die mit Frauen schlafen, erleben hingegen zu 85 Prozent einen Orgasmus, und auch beim Masturbieren kommen Frauen wie Männer gleichermaßen „mit zuverlässigen 80 bis 90 Prozent“ zum Höhepunkt.
Das Fazit von Mangler, Chefärztin zweier Kliniken für Gynäkologie und Geburtshilfe, Krebsspezialistin und bekannt aus dem Tagesspiegel-Podcast „Gyncast“: „Es geht also schon. Es gibt kein grundsätzliches ‚Nicht-kommen-Können‘. Man muss eben nur wissen, wie es geht.“ Anders ausgedrückt: It’s the knowledge, stupid! Und zwar über das zentrale weibliche Lust- und Orgasmusorgan, die Klitoris. Denn ohne Klitorisbeteiligung kein weiblicher Orgasmus, und vaginale Penetration allein führt für Frauen nun einmal nur äußerst selten zum Orgasmus (und selbst dann ist die Klitoris, quasi von der Maschekseite mitmischend, daran beteiligt).
Hier tun Aufklärung, Information und Richtigstellung dringend not, und genau diesem Anspruch ist Mandy Manglers Buch leidenschaftlich, unverblümt, klischeefrei und kenntnisbasiert verpflichtet. Denn der „Klitoris-Analphabetismus“ ist in einer Welt, in der oft noch nicht einmal richtig zwischen Vulva und Vagina unterschieden wird, erst recht erstaunlich weit verbreitet. Sogar in Anatomielehrbüchern, in Aufklärungsmaterialien oder auf medizinischen Lernplattformen ist die Klitoris als organisches Zentrum der weiblichen Lust „auch heute noch notorisch unterrepräsentiert“, wie Mangler recherchiert hat.
Die Probe aufs Exempel ist rasch gemacht. Man braucht nur in freundschaftlicher Runde die Anwesenden aufzufordern, eine rasche anatomische Skizze der Klitoris anzufertigen. Es gibt nicht viele, gleich welchen Geschlechts und Genders, die dazu imstande wären. Und selbst wenn man die Anatomie der Klitoris kennt, heißt das noch lange nicht, dass man mit deren Funktionsweise und Bedeutung vertraut ist. Man könne, schreibt Mangler, auch gegenwärtig „problemlos Arzt oder Ärztin werden und rein gar nichts von der Klitoris verstehen“. Sogar in der Gynäkologie.
Die vorherrschende kollektive Ignoranz gegenüber der Klitoris hat negative Folgen für Frauen. Umso wesentlicher ist, dass Mangler mit handlungspraktischem, feministisch unterfüttertem Impetus antritt, um weit verbreitete Mythen und Fehlannahmen rund um weibliche Sexualität gleich dutzendweise auszuräumen und zu erläutern, wie es im Dienste aller Beteiligten besser laufen könnte. Sozusagen weg vom kulturell gelernten „Dogma des Rein-Raus“, das „der Befriedigung weiblicher Lust weitestgehend entgegensteht“, und hin zu einer informierteren Sexualität, die die Welt gerechter, genussvoller und gesünder macht, indem sie den Gender-Orgasmus-Gap qua Klitoris-Kompetenz zu schließen trachtet.
Folgt man Mangler durch ihre fundierten Ausführungen, wird man sich etwa rasch von der wirkmächtigen Erzählung verabschieden, dass Penis und Vagina korrespondierende Organe seien. Die tatsächlichen anatomischen Entsprechungen finden sich bei Klitoris und Penis, die einander in Aufbau und Größe sehr ähnlich sind und auch aus ein- und denselben embryonalen Anlagen entstehen. Die Klitoris ist mitnichten „nur“ jener kindisch „Kitzler“ genannte, äußerlich sichtbare „Knopf“. In ihrem Fall ist der Großteil der Wahrheit für die Augen unsichtbar: Äußerlich verfügt die Klitoris über Eichel, Schaft und Vorhaut, im Inneren des Körpers über vier mit Schwellkörpern gefüllte, große Schenkel. Im Erregungszustand schwillt sie nicht nur um das Zwei- bis Dreifache an, sondern ist auch durch ein weitverzweigtes, dichtes Nervennetz mit anderen Organen des Beckens eng verbunden.
Damit die Sache sich nicht in – allerdings äußerst interessanten – gesellschaftspolitischen, geschichtlichen und organischen Ausführungen erschöpft, gibt Mangler in Kapiteln mit ausdrucksstarken Überschriften wie „Das ist ja reizend – Klitorisstimulation von allen Seiten“ oder „Spiel, Satz und Sieg. Solosex mit und ohne Sextoy“ auch gleich handfeste Tipps zum Erwerb von höherer Klitoris-Kompetenz und räumt auch auf diesen Gebieten souverän mit allerlei Halbwissen und Gerüchten auf. Nachgerade erfrischend klingt ihre kitschromantikbefreite Ermunterung, die Klitoris – ganz praktisch und mechanistisch – beim Sex deutlich mehr zu berücksichtigen, denn „nur Bindung, Nähe und Penetration reichen eben auch nicht“. Erstaunlich, das einmal so formuliert zu lesen.
Durch ihren selbstverständlichen, informierten Erzählton befreit Mandy Mangler gleichsam im Vorübergehen auch von Angst und Scham gegenüber dem Thema. Keine Frau, so ihr Credo, brauche sich im Umgang mit der eigenen Lust als gelernt pflegeleicht zu geben. Brennend plädiert sie dafür, den weiblichen Orgasmus nicht als „nice to have“ zu klassifizieren, sondern als „selbstverständlich, notwendig und gesund“ und hält dabei folgendes Vorgehen für durchaus adäquat: „Man könnte nach der 1:1-Regel handeln und aktiv darauf hinwirken, dass man selbst ebenso häufig an der Reihe ist wie der Partner.“ Klitoriskompetenz vorausgesetzt natürlich. Weibliche Lust sei nämlich, wenn man sich kundig mache, ebenso leicht zu verstehen wie männliche.
Eine weitere hervorragende evidenzbasierte Nachricht hat Mangler auch zu bieten: Wo Orgasmen sind, fliegen weitere Orgasmen zu. Sprich: Je mehr man übt, allein oder gemeinsam, desto besser wird’s – vom Ertasten der Klitoris-Schwellkörper bis zu frauenlustgeeigneten Sextoys (Dildos laufen hier übrigens eher unter „Missverständnis aus männlicher Perspektive“).
Auch zu Fragen wie gefakten Orgasmen (keine gute Idee!), der fachmännischen bzw. -fraulichen Stimulation der Klitoris (sie ist kein Rubbellos!), der Verbindung zwischen Orgasmus und Beckenboden (äußerst freundschaftlich!) oder der Vagina als nervenarmem Hautschlauch (wenig orgasmusgeeignet!) hat Mandy Mangler Erhellendes zu sagen. Daneben finden sogar tierische Angelegenheiten wie der „Kloakenkuss“ bei Schnabeltier und Ameisenbär oder das friedensstiftende „Genito-Genital-Rubbing“ von Bonobos (zwei Weibchen reiben ihre Genitalien durch Hüftbewegungen aneinander) Erwähnung. Last but not least enthält Manglers Buch einen Klitoriskompetenz-Selbsttest sowie eine Anleitung zum „Klitoris-Zeichnen für Beginners“, auf dass die Scherzkekse unter uns in Zukunft nicht mehr nur Penisse auf Klowänden oder beschlagenen Scheiben hinterlassen müssen.
Bei Mandy Manglers Buch handelt es sich zweifellos um Volksbildung und -aufklärung im allerbesten Sinne: Es lebe die Cliteracy!


