Hamster im hinteren Stromgebiet

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Zeit ist Hirn.
Was passiert, wenn man durch einen gesundheitlichen Einbruch auf einen Schlag aus dem prallen Leben gerissen wird? Kann das Erzählen von Geschichten zur Rettung beitragen? Und kann Komik heilen? Nachdem der Erzähler Joachim Meyerhoff aus so unterschiedlichen Lebenswelten berichtet hat wie einem Schüleraustausch in Laramie, Amerika, dem Aufwachsen auf einem Psychiatriegelände, der Schauspielschule und den liebesverwirrten Jahren in der Provinz, gerät der inzwischen Fünfzigjährige in ein Drama unerwarteter Art. Er wird als Notfall auf eine Intensivstation eingeliefert. Er, der sich immer durch körperliche Verausgabung zum Glühen brachte, die »blonde Bombe«, für die Selbstdetonationen ein Lebenselixier waren, liegt jählings an Apparaturen angeschlossen in einem Krankenhausbett in der Wiener Peripherie. Doch so existenziell die Situation auch sein mag, sie ist zugleich auch voller absurder Begebenheiten und Begegnungen. Der Krankenhausaufenthalt wird zu einer Zeit voller Geschichten und zu einer Zeit mit den Menschen, die dem Erzähler am nächsten stehen. Er begegnet außerdem so bedauernswerten wie gewöhnungsbedürftigen Mitpatienten, einer beeindruckenden Neurologin und sogar wilden Hamstern. Als er das Krankenhaus wieder verlassen kann, ist nichts mehr, wie es einmal war. Joachim Meyerhoff zieht alle literarischen Register und erzählt mit unvergleichlicher Tragikomik gegen die Unwägbarkeiten der Existenz an.

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FALTER-Rezension

Hirnschlag und Filmriss

Den fünften Teil seines autobiografischen Schreibprojekts „Alle Toten fliegen hoch“, das er seit einem Jahrzehnt verfolgt, hat sich Joachim Meyerhoff gewiss anders vorgestellt. Doch 2017 trifft es den damals 51-Jährigen wie der sprichwörtliche Blitz aus heiterem Himmel. Als er gerade mit seiner ältesten Tochter über einer Hausübung zum Thema „Bipolarität“ sitzt, wird ihm plötzlich schlecht und seine Wahrnehmung verändert sich auf besorgniserregende Weise: „Die Zimmerdecke erschlaffte, hing durch und blähte sich mir entgegen. […] Mein linkes Bein fing sanft zu kribbeln an, auf dem Schienbein eine Ameisenstraße, dann stärker und verlor seine für mich eindeutige Position im Raum. Mit einer prickelnden Entladung wich schlagartig alle Kraft aus dem linken Arm.“

Schlagartig wird Meyerhoff klar, was es geschlagen hat: Schlaganfall. Er verlangt sofort nach einem Krankenwagen, und die sich schier endlos hinziehende Fahrt, die erst durch das beherzt forsche Auftreten der Tochter – „Sie machte richtig Rabatz in der Karre“ – überhaupt aufgenommen wird, gewinnt bei aller Dramatik in der literarisch aufbereiteten Rückschau auch komische Aspekte: Die entsprechende Passage mit einem Zivi und einem sehr bladen Rettungsfahrer könnte auch aus Wolf Haas’ Brenner-Krimi „Komm süßer Tod“ stammen.

Slapstick scheint überhaupt eine Inspirationsquelle für den Autor zu sein: Soeben nach neun Tagen aus dem Krankenhaus entlassen, amüsiert er sich herzlich über die unfreiwillige „Buster-Keaton-Nummer“ eines jungen Mannes mit einem Fahrrad und einem Tisch. Dann packt er seinen Laptop aus und hackt mit noch nicht ganz zielsicheren Fingern schon einmal den Titel und die ersten 1260 Anschläge seines neuen Romans in die Tastatur: „Hamster im hinteren Stromgebiet“.

Mit den genannten Nagern sind die Feldhamster gemeint, die sich auf dem Spitalsgelände tummeln, mit dem hinteren Stromgebiet jenes Gehirnareal, in dem es laut Diagnose der das MRT begutachtenden Neurologin „sehr gut“ aussieht. Der zerebrale Insult betrifft „nur“ das Kleinhirn. Motorik und Koordinationsvermögen sind zwar eingeschränkt und die „Finger-mit-geschlossenen-Augen-an-die-eigene-Nasenspitze-führen“-Übung läuft praktisch in Endlosschleife. Die Befürchtungen um Artikulation und Merkfähigkeit erweisen sich aber als unbegründet.

Der Titel steht auch für die Schreibstrategie des Autors, die das, was sich in der Außenwelt, und das, was sich im eigenen Kopf abspielt, als assoziatives Ping-Pong-Spiel entfaltet. Kaum je folgt dieser „Roman“ chronologisch dem Handlungsverlauf. Schon während der Fahrt zur Stroke-Unit löst die physische Selbstwahrnehmung – Stichwort: Zunge – Kindheitserinnerungen an ein gierig nuckelndes Kälbchen aus; später dienen ausführliche Reminiszenzen an eine Norwegenreise mit dem Bruder und eine durch den Senegal mit der Mutter des jüngsten Kindes dem Patienten zum Gedächtnistraining. So vermag der Autor den Erzählfluss zu entschleunigen und den Strom der Erinnerungen zu verbreitern.

Dass ausgerechnet einem wie ihm, der auf der Bühne als Vorausgabungsvirtuose brilliert und von seinen Brüdern als „blonde Bombe“ bezeichnet wurde, ein solches Schicksal ereilt, erscheint so unwahrscheinlich wie ungerecht. Der Erzähler aber hadert nicht, sondern nutzt die nicht abreißende Abfolge von peinsamen Situationen als Parcours seiner Beschreibungs- und Beobachtungskunst.

Nicht unfreundlich, aber ung’schamig und umbekümmert um politisch korrektes Wording registriert er den verzweifelt stockenden Wortfluss, das Todesröcheln, das indolente Geschimpfe und die lasziven Gesten seiner Leidensgenossen ebenso wie die eigene Hinfälligkeit: „Mein Gott, wie saß ich denn da! Ich schämte mich. Das war ja fast schon Stephen-Hawking-mäßig.“

Wie hier das komische Potenzial der Peinlichkeit nicht zuletzt auf dem Sektor des Fäkalen und Genitalen freudig ausgeschöpft wird – eine ausgesprochen gründlichen Ganzkörperreinigung am eigenen Leib bietet hierfür ebenso willkommenen Anlass wie die hundertjährigen Hoden von Ernst Jünger –, erinnert an den US-amerikanischen Humoristen David Sedaris. Mitunter ist die Prosa etwas gar kregel, und immer wieder beschleicht einen auch das beklommene Gefühl, heimlich fremde Briefe oder Tagebücher zu lesen: Schön, dass sich Kinder, Frau, Bruder und Mutter, die sich stets mit „liebste“ und „liebster“ anreden, so toll mögen, aber ist das wirklich für mich bestimmt?

Der Schlaganfall gibt schließlich auch den Ausschlag, sich für Bewegung und gegen den letalen Stillstand zu entscheiden: für Berlin und gegen Wien, wo Meyerhoff zwölf Jahre lang mit der Straßenbahn ins Burgtheater gefahren war, ohne dass sich auf der Strecke auch je nur das Geringste verändert hätte. Die quasi-ethnologischen Beobachtungen, die er seinem Gastland widmet, sind liebevoll-bissig, manchmal nahe am Klischee, dann aber auch wieder überraschend – etwa wenn von der österreichischen „Ursehnsucht“ nach dem alkoholinduzierten „Filmriss“ oder davon die Rede ist, dass die Desinfektionssalbe Betai­sodona hierzulande „abgöttisch geliebt“ werde. Und manchmal wird eine harte Wahrheit auch ganz unverblümt ausgesprochen: „Früchtetee ist ein trauriges Getränk. Und wer traurige Getränke trinkt, wird selbst traurig.“

Klaus Nüchtern in Falter 37/2020 vom 11.09.2020 (S. 29)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ReiheAlle Toten fliegen hoch
ISBN 9783462000245
Ausgabe 3. Auflage
Erscheinungsdatum 10.09.2020
Umfang 320 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Kiepenheuer & Witsch
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