
Die Liebe jenseits der 60 in Zeiten von Whatsapp
Klaus Nüchtern in FALTER 16/2026 vom 15.04.2026 (S. 31)
Als Max und Anna einander im Sommer 2013 begegnen, springt der Funke sofort über, wenngleich es streng genommen keine Liebe auf den ersten Blick ist, denn in der Dunkelheit am Bootssteg sehen die beiden einander nicht wirklich. Erst bei ihrem ersten Tageslichttreffen erkennt Max, dass Anna blaue Augen hat - was ihn schon von Berufs wegen interessiert, denn er ist Ocularist, also jemand, der Glasaugen herstellt, wohingegen Anna als Sachbearbeiterin beim Trilateralen Wattenmeersekretariat arbeitet.
Man sieht: Um originelle Einfälle und bedeutungsreiche Anspielungen ist Thomas Hettche, heute mit 61 in etwa so alt wie seine Protagonisten zu Beginn des Romans mit dem schlichten Hammertitel "Liebe", nicht verlegen. Erzählt wird er aus der Perspektive von Max, der im Jahr 2023 noch einmal die Nachrichten auf seinem Smartphone aufruft, die er und Anna einander vor zehn Jahren zu schreiben begonnen hatten - zugleich Archiv einer Passion als auch dessen Medium, das die Scheiteln des Begehrens so richtig zum Lodern bringt. Damals war Max bereits seit Jahren Single, hält aber amikalen Kontakt zu zwei Exen, mit denen er insgesamt drei Kinder hat; und Anna behauptete zu wissen, wo sie "hingehört", nämlich in ihre kinderlose, aber "zufriedene" Ehe. Am 18.11.2013,18.15 Uhr, reagiert sie halbherzig-defensiv: "Ich hoffe einfach darauf, dass sich unsere Gefühle irgendwann beruhigen." Es wird rund um die Uhr getextet, bis sich die beiden dann auf dem geschlossenen Weihnachtsmarkt von Stralsund buchstäblich an die Wäsche gehen.
"Nie ist man unbedingter in der Liebe als im Alter", heißt es einmal, oder auch: "Liebe kennt keine Zeit." Am gelungensten ist der Roman dort, wo er auf dergleichen plakative Sentenzen verzichtet, etwa scheinbar nebensächliche Details ausbreitet und so zeigt -show, don't tell! -, wie amouröse Leidenschaft die Wahrnehmungsfähigkeit erhöhen kann. Auf die ungelenk einmontierte Exegese der Hegel'schen Liebesauffassung und den Kommentar zum Ukraine-Krieg, zu dem sich der Autor offenbar auch verpflichtet fühlte, hätte man freilich gerne verzichtet.




















