
Fin-de-Siècle-Krimi: Wenn die Gondeln Grappa saufen
Klaus Nüchtern in FALTER 4/2026 vom 21.01.2026 (S. 29)
Anfang Dezember beging John Banville seinen 80. Geburtstag, aber im Unterschied zu seinem um wenige Wochen jüngeren englischen Kollegen Julian Barnes zeigt der Ire keinerlei Neigung, den Schreibberuf an den Nagel zu hängen. Seinen jüngsten Roman hätte er allerdings auch als Benjamin Black herausbringen können, dem Pseudonym, unter dem er seine Krimis zu veröffentlichen pflegt (auch diese Gewohnheit teilt er mit Barnes). "Schatten der Gondeln" spielt die meiste Zeit über in Venedig und affirmiert mit großem Gusto so ziemlich alle Negativ-Klischees, die der "pestverseuchten Stadt im fauligen Schoß der Adria" vom Protagonisten zugeschrieben werden. Dieser Evelyn Dolman, ein mäßig gewinnender Emporkömmling, verbringt dort knapp nach der vorletzten Jahrhundertwende seine Flitterwochen mit Gattin Laura, der Leider-nein-Erbin ihres schwerreichen, tödlich verunfallten Vaters. Dass der Hochzeits- zum Horrortrip ausarten würde, ist von Anfang an klar, denn Dolman erzählt rückblickend, wobei er trotz der permanenten Andeutungen des schlimmen Endes auch noch ständig die unheilvollen Vorahnungen und Visionen bemüht, die ihn schon seinerzeit geplagt hatten.
"Venetian Vespers", so der Originaltitel, suhlt sich geradezu im Zwielicht. Zwielichtig, schmierig, abgefeimt oder intrigant sind so gut wie sämtliche Romanfiguren, allen voran Dolmans angeblich alter Schulkollege Freddie und dessen attraktive Schwester Francesca, deren kokett ausgestellten Reizen der frischvermählte Protagonist nach einer durchzechten Nacht, in der er auch noch seine Frau vergewaltigt, ansatz-und hilflos erliegt. Für das Porträt eines verklemmten viktorianischen Möchtegernweiberers ist der zwischen Selbstverachtung und toxischem Aufbegehren zerrissene Anti-Held freilich zu inkonsistent und uninteressant; für einen Thriller gebricht es dem langatmigen Buch schlicht an Spannung und Tempo. Wir warten auf John Banvilles Roman Nr. 30.


