
Viel Herzeleid für Herzchen
Daniela Strigl in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 17)
Unlängst hat die Rezensentin einen Liebesroman des Jahres 1933 gelesen, „Kati auf der Brücke“ von Hilde Spiel, und fühlt sich nun durch „Toxibaby“ lebhaft daran erinnert. Toxi ist schön, klug, eitel und unzuverlässig wie Katis Freund Piet, wie dieser knapp bei Kasse und doch versnobt; trägt Piet einen „wundervollen Sportanzug“, muss es bei Toxi Gucci sein.
Beide Liebesgeschichten sind für den weiblichen Part das, was man heute toxisch nennt, ungesund bis zum Lebensüberdruss; nur ist der Fotoreporter Piet ein leichtlebiger Schwerenöter, während der geistige Gelegenheitsarbeiter Toxi zwar damit angibt, „mit Frauen aus 18 Ländern geschlafen zu haben“, darob aber gar nicht glücklich wird: „alles, was dieser Mann tut, ist aus Schmerzen geboren, er liebt mich, weil er leidet, er hasst mich, weil er leidet“.
Kati und Herzchen schlagen sich nicht nur mit ihren egozentrischen Liebhabern und deren anfallsartigem Hang zu brutaler Ehrlichkeit herum, sie haben (oder hatten) auch schwache, leidende Väter, die früh sterben, unmütterliche Mütter und tröstende Hunde. Es geht ums Erwachsenwerden und um die wahre, ernsthafte Liebe als ein Zeichen dafür. Allerdings ist Kati – fast – 17 und Herzchen 37, ihr On-off-Lover gar über 40. Für die eine bedeutet der Eintritt ins wirkliche Leben Gefahr und Verlockung, für die andere Anpassung und Abstumpfung: „Man war erwachsen, wenn man sich nicht mehr dagegen wehrte, morgens viel zu früh aufzustehen, um sich an den Computer zu setzen und Tabellen auszufüllen.“
Ihrer Erzählerin hat Dana von Suffrin denn denn auch einen Beruf zugeteilt, der sie diesbezüglich entlastet – sie ist Schriftstellerin. Auch sonst gibt es einiges, was sie mit der Autorin gemein hat, etwa den frühen Bucherfolg und die jüdische Herkunftsfamilie. Das Roman-Ich muss mit den Anfeindungen umgehen, denen eine deutsche Jüdin heute in der propalästinensischen Kulturarbeiterschicht ausgesetzt ist, wogegen es den Erfolg seines Debütromans „Omama’s Madhouse“ dem schlechten Gewissen des deutschen Publikums zuschreibt.
Darin wird in Auschwitz „der größte Teil meiner Familie zu Asche“, „deren Partikelchen vielleicht noch tagelang über die polnische Provinz wehten, sich in den Haaren spielender Kinder verfingen, polnische Apfel- und Birnenbäume nährten und sich für die Ewigkeit auf den glänzenden Schalen, aus denen mein Gehirn zu bestehen schien, absetzten“. Derlei lustig zu finden fällt schwer, so witzig die Ansichten des Münchner Bobo-Milieus und die selbstironische Beleuchtung des Autorinnendaseins „als lebendiges Mahnmal“ sonst auch geraten sind.
Das Kernthema des Romans verlangt der Leserin indes ein gewisses Durchhaltevermögen ab: Dieser arrogante, rabiat-depressive, vielerlei toxischen Substanzen zugeneigte Toxi ist tatsächlich enervierend, und 13 Trennungen in drei Jahren auf 237 Buchseiten sind, selbst in komprimierter Form, ein bisschen viel.
„Wie sollte ein halbautobiografischer Roman, in dem nichts passiert und der nur von Psychopathen handelt, kein Schrott sein?“, fragt Herzchen kokett. Immerhin trägt einen Suffrins parataktisches Parlando im Sound der Neuen Sachlichkeit über manche Untiefe des Beziehungsgetümpels hinweg.
Sehr bald erkennt man wie die Erzählerin, dass dieser Mann, der seinen Marxismus nicht als Antrieb zum Handeln, sondern als Ausrede für Totalverweigerung benutzt, kein Versprechen für die Zukunft bedeutet.
Dass sie und Toxi an sonst nichts, aber dafür „an Freud“ glauben, nützt ihnen wenig. Doch an Selbstmord denkt diese Liebesversehrte nicht. Letztlich, und das spricht gewiss für das Buch, ist keineswegs ausgemacht, wer von den beiden das „Toxibaby“ ist: Herzchen zeigt sich ähnlich überspannt, impulsiv, tyrannisch, bindungsphobisch – der letzte entscheidende Stolperstein auf dem Weg in die nachhaltige Zweisamkeit geht auf ihr Konto.


