Schwarze Samstage

Roman eines Jahres
304 Seiten, Hardcover
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Themen Belletristik Biografischer Roman / Autobiografischer Roman
ISBN 9783462012118
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 03.09.2026
Größe 21.5 x 14 cm
Verlag Kiepenheuer & Witsch
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Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG
Bahnhofsvorplatz 1 | DE-50667 Köln
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Kurzbeschreibung des Verlags

Eigentlich dachte Ari, der Ich-Erzähler von Maxim Billers neuem Roman, Ende der siebziger Jahre sei das Schlimmste vorbei gewesen: Nach ihrer Flucht aus der kommunistischen Tschechoslowakei, wo sein Vater als Jude und Zionist vom Geheimdienst überwacht wurde, landeten er und seine Familie in einer Hamburger Altbauwohnung im legendären Grindelviertel. Wo früher ein blühendes jüdisches Leben war, saßen bei Aris Ankunft linke Gymnasiasten und Studenten der Nach-68er-Generation in Cafés und Seminarräumen und träumten vom Ende Israels. Als er dann aber 1982, zu Beginn des goldenen Pop-Jahrzehnts, zum Studieren nach München weiterzog, schienen sich die Wolken des neualten Judenhasses verzogen zu haben. Dass der wiederkommen würde, offener, radikaler, hätte Ari nie gedacht – bis zu dem Tag im Oktober 2023, an dem Hamas-Terroristen, erfüllt von tiefreligiöser, exterminatorischer Wut, den Süden Israels überfielen. Woher, fragte sich Ari seitdem, kommt der ewige Wunsch der anderen nach der völligen Vernichtung der Juden? Dieser nachdenkliche, mitreißende, hochpoetische Roman, den man auch als Prequel zu Maxim Billers gefeiertem Memoir »Der gebrauchte Jude« lesen kann, gibt auf diese Frage eine überraschende und zugleich sehr reflektierte Antwort.

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ISBN 9783462012118
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FALTER-Rezension

Keinen Kaffee kriegen, an Auschwitz denken

Tobias Heyl in FALTER 41/2026 vom 07.10.2026 (S. 18)

Der 7. Oktober 2023 in Berlin: Ein Samstag, es ist nicht warm und nicht kalt, der Himmel bedeckt. Ari ist spät aufgewacht, sieht durchs Fenster auf der Straße einen dicken Nazi seinen Hund ausführen. Im Bad schaltet er das Radio ein, hört von Raketen an der Grenze zu Gaza, will davon jetzt nichts wissen.

Unkonzentriert setzt er sich an den Schreibtisch, aber die Arbeit geht nicht voran. Immer wieder muss er zu seinem Smartphone greifen, um nur keine Nachricht zu verpassen. Später geht er in sein Stammcafé. Doch der Barmann, ein junger Syrer, will ihm keinen Espresso servieren: „Gehen Sie woanders hin. Sie sind falsch hier.“

So beginnen Maxim Billers „Schwarze Samstage“, im Untertitel als „Roman eines Jahres“ annonciert. Sie handeln von Aris Alltag in den ersten zwölf Monaten nach dem Überfall der Hamas auf Israel, von Begegnungen, Gesprächen und Lektüren. Nur kurz stellt sich die Öffentlichkeit nach dem Massaker auf die Seite der Opfer, doch schnell werden die Vorwürfe gegen Israel immer lauter.

Diese Chronik wird von Erinnerungen an die Stationen eines Lebens durchbrochen, die Biller ähnlich schon in früheren Romanen erzählt hat. Sie decken sich mit seiner eigenen Biografie: die Schulzeit in Hamburg, wohin seine Eltern mit dem Zehnjährigen vor den kommunistischen Machthabern aus Prag geflohen sind, die Jahre als studierender Bohémien und angehender Autor im popkulturell damals sehr lebendigen München, dann weiter nach Berlin, wo er sich als Intellektueller etabliert.

Doch ob in der Schule, beim Studium oder als Autor: Dem Antisemitismus entgeht er nicht, ob er nun ganz offen daherkommt, verdruckst oder ungewollt ehrlich. Dem Hass und der Verfolgung sind die Juden seit biblischen Zeiten ausgesetzt, davon handelt der dritte Erzählstrang, der die Erfahrung der unmittelbaren Gegenwart mit der langen Dauer der Weltgeschichte in Beziehung setzt.

All diese Geschichten laufen aus drei Richtungen auf die bestürzend einfache Frage zu: Woher dieser Hass auf Juden? Mit seinem Schwager Elimelech glaubt Ari, einer Antwort zumindest nahe zu kommen: Die Gojim ertragen es nicht, dass die Juden aus ihrem monotheistischen Glauben eine Lebensform der Vernunft und der Menschenfreundlichkeit entwickelt haben, die zunächst einmal die polytheistische Barbarei blamiert hat.

Später schufen jene, die sich nicht zum auserwählten Volk Gottes zählen durften, mit dem Christentum und dem Islam schlechte Kopien des jüdischen Originals. Die Antisemiten ahnen jedoch, dass sie Barbaren sind, und ihr daraus gespeister Selbsthass geht so weit, dass er sich in Pogromen und Massakern entlädt.

Ist das noch ein Roman? Oder abgefahrene religionsphilosophische Spekulation? Wäre ein Roman im traditionellen Verständnis überhaupt der Erfahrung des 7. Oktobers gewachsen? Biller stellt in kurzen Kapiteln Anekdoten neben autobiografische Episoden, Essays neben Klagen und Zornesreden. Scheinbar unvermittelt stehen diese 50 Stücke nebeneinander.

Imponierten seine Romane bisher durch ihre kompositorische Perfektion, in der auch kleine Details zwingend ihren Platz im Gefüge der Handlung fanden, glaubt man sich nun auf einem Ruinenfeld zwischen den Trümmern von Geschichten wiederzufinden, die sich als eine eigene Geschichte lesen lassen. Sie handelt von der ewigen Wiederkehr des Antisemitismus, von dem man im Lauf der Geschichte immer wieder glaubte, er habe sich erledigt, bis er mit Wucht in die Gegenwart zurückkehrte.

Am 1. September 2024 fanden israelische Soldaten in den Katakomben von Gaza die Leichen von sechs Geiseln, abgemagert bis auf die Knochen. Biller dazu: „Welcher Mensch mit Herz konnte da nicht an Auschwitz denken?“

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