Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Roman. Alle Toten fliegen hoch, Teil 3
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Von einem, der auszog, Schauspieler zu werden – und bei den Großeltern einzieht
Die Kindheit auf dem Gelände einer riesigen Psychiatrie und das Austauschjahr in Amerika liegen hinter ihm, die Schulzeit hat er überstanden, als vor dem Antritt des Zivildienstes das Unerwartete geschieht: Joachim wird auf der Schauspielschule in München angenommen und zieht zu seinen Großeltern in die großbürgerliche Villa in Nymphenburg. Er wird zum Wanderer zwischen den Welten. Seine Großmutter war selbst Schauspielerin und ist eine schillernde Diva, sein Großvater ist emeritierter Philosophieprofessor, eine strenge und ehrwürdige Erscheinung. Ihre Tage sind durch abenteuerliche Rituale strukturiert, bei denen Alkohol eine wesentliche Rolle spielt. Tagsüber wird Joachim an der Schauspielschule systematisch in seine Einzelteile zerlegt, abends ertränkt er seine Verwirrung auf dem opulenten Sofa in Rotwein und anderen Getränken. Aus dem Kontrast zwischen großelterlichem Irrsinn und ausbildungsbedingtem Ich-Zerfall entstehen die den Erzähler völlig überfordernden Ereignisse – und gleichzeitig entgeht ihm nicht, dass auch die Großeltern gegen eine große Leere ankämpfen, während er auf der Bühne sein Innerstes nach außen kehren soll und dabei oft grandios versagt. Joachim Meyerhoff hat seine Kunst, Komik und Tragik miteinander zu verbinden, noch verfeinert. Sein Held nimmt sich und seine Umwelt immer genauer wahr und erkennt überall Risse, Sprünge, Lücken. Ein fulminantes Lesevergnügen!

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FALTER-Rezension

„In Wien wird man leicht nebelig“

Burgschauspieler Joachim Meyerhoff über seine Wahlheimat, sein Coming-out als Transe, die Trunkenheit seiner Großeltern und Politik auf der Bühne

Als Joachim Meyerhoff 2013 nach Hamburg ging, war die Betrübnis groß: Der deutsche Schauspieler war seit 2005 im Ensemble des Burgtheaters gewesen und hatte sich schnell in die Herzen des Wiener Publikums gespielt – nicht zuletzt mit seiner zunächst auf der Bühne vorgetragenen und dann auch in Buchform erschienenen Autobiografie. Der jüngste Roman des Zyklus „Alle Toten fliegen hoch“ erscheint dieser Tage: „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ – ein Zitat aus Goethes „Werther“ – erzählt davon, wie der 20-jährige Joachim nach dem Unfalltod seines Bruders, von dem er während eines Austauschjahres in „Amerika“ (so der Titel des ersten Romans) erfährt, nach München geht, um seinen Zivildienst abzuleisten. Als er sich stattdessen halbherzig für die Prüfung an der Otto-Falckenberg-Schule vorbereitet und dort tatsächlich aufgenommen wird, zieht er bei seinen Großeltern in deren Nymphenburger Villa ein.
Zum Abschiedsgespräch mit dem Falter im Juni 2013 war Joachim Meyerhoff in Cargo-Pants und einem ziemlich körperbetonten T-Shirt erschienen. Der mittlerweile 48-Jährige, zu dessen Bühnenspezialitäten das Ausziehen von engen Pullovern zählt, kann sich sowas leisten. Fast scheint ein tieferer Sinn darin zu liegen, dass das Rechtschreibprogramm den Namen „Meyerhoff” ständig auf „Meterhohe“ ausbessert: Noch immer sieht man ihm an, dass er in seiner Jugend Basketballer war. Für kurze Hosen ist es diesmal, Ende Oktober, schon zu kalt, der Ort aber, an dem das Gespräch stattfindet, bleibt auf Meyerhoffs Vorschlag der gleiche. Eineinhalb Stunden im Café Heumarkt – mit dem verlässlichen Hintergrundgeräusch klackernder Billardkugeln und einer brummenden Vitrine, deren archaischer Kühlmechanismus regelmäßig die Flaschen klirren lässt.

Falter: Nachdem Sie nach nur einem Jahr wieder zurückgekehrt sind, drängt sich
die Frage auf, wie viel das alles mit Matthias Hartmann zu tun hatte?
Joachim Meyerhoff: Gar nicht so viel, sondern mehr damit, dass ich mit meiner Freundin in Wien ein Kind bekommen habe und meine anderen beiden Kinder ohnedies schon hier waren. Dass Hartmann nun fort ist, war allerdings auch kein Hinderungsgrund zurückzukehren.

Sie waren zehn Jahre am Burgtheater …
Meyerhoff: Wenn mir das jemand sagt, kriege ich gleich eine Depression: Das sollen zehn Jahre gewesen sein? Das war aber auch der Grund, warum ich dachte: Oh Gott, ich muss jetzt auch mal wieder woanders was machen. Ich habe dann aber gemerkt, dass ich hier mittlerweile sehr verwurzelt bin.
Hamburg und Wien sind doch ziemlich unterschiedliche Städte, oder?
Meyerhoff: Extrem unterschiedlich! Wenn ich vom dritten Bezirk mit der 71 ins Burgtheater zuckle und dann wieder ins Botschaftsviertel zurückfahre, ist das schon sehr gediegen. Natürlich ist auch Blankenese immer noch ein Dorado der Reichen, aber innerhalb des Stadtgebietes ist es sehr viel durchmischter als in Wien, eine Enklave wie die Innenstadt gibt’s dort nicht. Der Hauptunterschied ist aber tatsächlich das Licht: Ich kann in Hamburg besser kucken. Wenn in Wien diese Wintermonate kommen, verliert alles an Schärfe, und man selbst wird auch leicht nebelig und diffus. Ich war im Sommer auf Mallorca und danach an der Ostsee, wo ich herkomme. Da merkt man schon, dass einen diese Weichheit, die sich im Süden über alles schiebt, auch ein bisschen mürbe macht.

Als wir uns das letzte Mal getroffen haben, waren Sie gerade auf dem Sprung zum Bachmann-Wettbewerb und haben sich sehr sportlich gegeben: Dabei sein ist alles!
Meyerhoff: Aber dabei bin ich doch auch geblieben. In meiner Erinnerung war das eine sportliche Veranstaltung.

Wie haben Sie sich als Zelebrität mit der Kollegenschaft getan?
Meyerhoff: Als Schauspieler ist man natürlich mit der Öffentlichkeit ein Stück weit vertrauter, wohingegen sich die Schriftsteller eine gewisse Scheu zugute halten. Insofern war ich vielleicht ein bisschen der Elefant im Porzellanladen der schriftstellerischen Sensibilität.

Wenn jemand zu souverän performt, macht ihn das gleich ein bisschen verdächtig?
Meyerhoff: Genau. Wer es zu leicht nimmt, gibt dadurch einen Hinweis auf die eigene Leichtgewichtigkeit, und die Lust am Witz geht schnell nach hinten los, weil man dann nicht mehr für ganz voll genommen wird.

In Ihrem jüngsten Buch erzählen Sie von Ihrer Zeit an der Schauspielschule. Da ist es auch sehr ernst zugegangen, denn Sie sollten Ihr Innerstes erkunden. Das muss doch der totale Terror gewesen sein?
Meyerhoff: Ja, und zwar wegen der Angst, dass da nichts ist. Ich glaube, dass sich die Schauspielschulen mittlerweile geändert haben, aber zu meiner Zeit ging es ausschließlich um Psychologie, Innerlichkeit und Subtext: Was denkt meine Figur? Diese Frage ist mir bis heute ein Rätsel. Und weil du nicht zugeben darfst, dass diese Innerlichkeit überhaupt nicht existiert, wirst du in der Schauspielschule zum Lügner gemacht. Du simulierst die ganze Zeit ein Geheimnis, das es nicht gibt.

Ist das nicht genau so, wie jeder Dreizehnjährige denkt: Ich bin
der einzige Wichser auf der Welt?
Meyerhoff: Nicht ganz, weil da noch eine ganze Ideologie dazukommt. Alle wollten zum Film und so spielen wie Marlon Brando oder Robert De Niro. Aber der Ursprung und die Qualität des Theaters, das Spielerische nämlich, das den Betrug beinhaltet, wurde einem nicht nahegelegt. Genau das versuche ich im Buch zu beschreiben: Wie der Geist vom Körper getrennt wird. Daher kommt ja auch der Titel „Ach
diese Lücke“.

Und ausgerechnet ein glamouröses Pailettenkleid, mit dem sie quasi Ihr Coming-out als Transe hatten, half
über die Lücke hinweg.
Meyerhoff: Meine Haupterinnerung daran ist, dass plötzlich diese Männerlinie weg war. Als Mann hat man da ja immer diesen Hosenbund, und plötzlich floss da was rüber und die Beine gehörten irgendwie zum Rest. Das war so toll in diesem Kleid.

Tragen Sie manchmal noch Frauenkleider?
Meyerhoff: Leider nicht. Aber Schauspieler – ausnahmslos alle! – lieben es, Frauenkleider anzuziehen.

Sie sind sehr groß. Ist das auf der Bühne von Vorteil?
Meyerhoff: Nein. Wenn man groß ist, verwabert alles, und es ist schwer, zum Epizen­trum der Geschehnisse zu werden. Ich habe Udo Samel immer beneidet: Bei dem ist alles gleich da, die Hände sind direkt am Körper, die Füße direkt unterm Bauch.

Ein bisschen wie Bernd das Brot. Eine weitere traumatische Entfremdungserfahrung war der Film, in dem sie mit Ihrer Großmutter auftraten und nachträglich synchronisiert wurden.
Meyerhoff: Diesen Film gibt es, den kann man sich anschauen. Ich sehe aus wie aus Beton gegossen. Seitdem habe ich nie wieder gedreht, weil ich Angst davor habe. Man denkt die ganze Zeit: Das ist mein Gesicht, was mache ich jetzt damit? Bis heute arbeite ich auch nicht für den Hörfunk, weil ich es hasse, mich selber zu hören.

Wie ist es mit dem Schreiben? Welches Buch war für Sie bislang das schwerste?
Meyerhoff: Wahrscheinlich das zweite, weil ich Sorge hatte, dass ich beim Thema „Psychiatrie“ den Insassen zu nahe treten oder nicht den richtigen Ton finden würde.
Darüber hinaus kommen aber auch ständig Verwandte, Bekannte und Freunde vor. Wie geht man damit um, und welche Rolle spielt so etwas wie Rücksichtnahme?
Meyerhoff: Es ist ja keine Generalabrechnung, aber man muss den Leuten schon ein Stück zu nahe treten, damit man überhaupt was erfährt. Das gilt im Übrigen auch für den Erzähler selbst. Es soll ja keine Schauspielerbiografie sein, in der sich jemand dafür bedankt, dass er immer „er selber sein durfte“. Also ich finde, dass im neuen Buch die Großeltern total hofiert und bewundert werden, ohne dass ein Hehl aus der Trostlosigkeit in diesem Haus gemacht würde.

Als so trostlos habe ich das während der Lektüre gar nicht empfunden.
Meyerhoff: Es herrschte jedenfalls eine gewisse Aussichtslosigkeit, denn die Gegenstände im Haus meiner Großeltern haben wirklich 40 Jahre lang ihren Platz nicht gewechselt. Für einen jungen Menschen war das eine Art Geborgenheitshölle.

Als Angehörige einer mittlerweile fast ausgestorbenen Spezies sind Ihre Großeltern aber auch sehr attraktiv:
Sie waren echte Exzentriker.
Meyerhoff: Und wie alle echten Exzentriker war es nicht einfach nur eine Pose, sondern diese Extravaganz war tief in deren Biografie verwurzelt.

Ein Teil der Extravaganz bestand darin, dass sie den ganzen Tag hackedicht waren.
Meyerhoff: Nein, die haben sich gesteigert. Aber selbst zu fortgeschrittener Stunde waren sie nicht „hackedicht“, denn ihre Trunkenheit hatte einen Zauber und war nie prollig. Sie haben sich Räusche gegönnt.

Haben Ihnen die Großeltern den Hedonismus beigebracht?
Meyerhoff: Das haben sie wohl ein Stück weit getan, nicht zuletzt durch ihre Freude an der Sprache, mit der sie ganz anders umgegangen sind, als ich es aus Norddeutschland gewohnt war: Dort dient Sprache ausschließlich dem Informationsaustausch. In meinem Leben herrscht ein großer Mangel an guten Unterhaltungen. Mit den Kollegen kann man sich erstaunlicherweise umso besser unterhalten, je älter die sind. Es macht Spaß, wenn ich ins Theater komme und da sitzt Ignaz Kirchner und fragt: „Liest du grad auch diesen Knausgård?“

Das wäre ohnedies auch eine unserer Fragen gewesen.
Meyerhoff: Ich habe jetzt vier Bände hinter mir, und es nervt mich oft furchtbar, aber zwischendurch finde ich es grandios. Es ist wie eine Castorf-Inszenierung: Da werden schon mal hundert Seiten an die Wand geklatscht, damit es dann auch wieder groß werden kann, und das braucht es auch. Dafür hätte ich nie die nötige Ausdauer und Akribie. Es ist ganz klar, dass der was ganz anderes vermag als ich.

Jetzt seien Sie doch nicht so bescheiden. Er macht es vielleicht nur auf eine andere Art?
Meyerhoff: Das wäre schon ein tolles Kompliment. Wobei Knausgård ja ganz dezidiert gegen die Fiktion ist. Das ist bei mir ganz anders, denn ohne Fiktion kann ich in so einem Roman gar nicht agieren, weil ich sonst das Gefühl hätte, mein eigener Eckermann zu sein.

Welche Dosis davon gestatten Sie sich?
Meyerhoff: Da stehen natürlich schon Dinge drin, die so nie passiert sind. Andererseits ist die Fiktion zugleich ein archäologisches Instrument des Erinnerns, mithilfe dessen ich auf ganz viel Autobiografisches stoße: Ich schreibe mich in eine großelterliche Atmosphäre rein und auf einmal tauchen die beiden auf.

War Ihre Großmutter als Schauspielerin eigentlich ein Vorbild für Sie?
Meyerhoff: Sie war, wie ich schnell begriffen habe, ein Relikt aus einer anderen Theaterzeit. Wenn die ein Paul-Celan-Gedicht vorgetragen hat, dachte man zunächst: „Das hält man ja nicht aus!“ Im zweiten Moment musste man sich allerdings eingestehen, dass man jedes Wort verstand. Das war zugleich anziehend und abstoßend. Auf der Schauspielschule ging’s immer um diesen „direkten Ton“, um Unmittelbarkeit. Das schließt einen aber auch von ganz vielen Möglichkeiten aus, weil es schon Texte gibt, an die man ohne ein gewisses Pathos gar nicht rankommt. In der Hinsicht war sie dann schon ein Vorbild: gnadenlos, groß und schön.

Und der Großvater?
Meyerhoff: Bei dem dachte man immer: Der Typ explodiert gleich vor Weltwissen. Wenn er sprach, war es immer total durchdacht und gefasst. Es gab überhaupt keine Plaudereien. Für uns Kinder war das schrecklich!

Hat sich Ihr Blick auf die Großeltern geändert, als Sie später bei ihnen
gewohnt haben?
Meyerhoff: Ja, denn an der Schauspielschule gab’s ja unendlich viel von diesem Gewäsch. Was mein Großvater in dem Roman über „Teilhabe“ sagt, ist – soweit ich mich daran erinnern kann – wirklich Wort für Wort wiedergegeben. Er sagte zu mir: „Was tust du da eigentlich? Du beobachtest nur. Für dich ist offenbar alles nur Phänomen.“ Er selbst war hingegen der Auffassung, dass dieses ganze Geschimpfe auf die Kirche, die Politik oder die Ehe Quatsch ist, und dass man die kulturellen Leistungen der Institutionen anerkennen, mit ihnen hadern und kämpfen muss. Das war natürlich ein Stück weit sehr konservativ, aber es hatte was! Mich hat das unglaublich verunsichert. Der andere Satz, der mich komplett verstört hat, lautete: „Dein einziges Talent ist dein Enthusiasmus.“ Das ist für mich bis heute eine echt harte Geschichte.

Enthusiasmus kann doch wirklich eine Gabe sein!
Meyerhoff: Ja, aber mein Problem bestand darin, dass ich es mir auf dem Theater nie zugestanden habe, auch mal kompliziert zu werden. Und bei manchen Produktionen denkt man sich schon: Warum müssen eigentlich alle immer so drauf sein: „Ey, super! Toll!!“

Was macht man bei Produktionen, bei denen man von Anfang an das Gefühl hat, dass das komplett in die Hose geht?
Meyerhoff: Es ist leider so, dass das Gros der Regisseure vom Goodwill der Schauspieler lebt. Wenn da einer kommt und sagt: „Was soll das?“, fallen die in sich zusammen. Das genaue Gegenteil davon war Jürgen Gosch. Der sagte einem schon: „Joachim, was Sie da machen, hält doch kein Mensch aus. Da weiß ich ja gar nicht, wo ich hinkucken soll. Haben Sie sich denn überhaupt keine Gedanken gemacht?“ Da konnte man dann aber auch sagen: „Das nervt mich tierisch, dass die das immer so und so machen!!“ Worauf er meinte: „Ja, stimmt. Das nervt total.“

Bei manchen Aufführungen hat man echt Mitleid mit den Schauspielern, weil man denkt: Das gibt’s gar nicht, dass die dieses saudumme Gehampel freiwillig veranstalten.
Meyerhoff: Das ist auch hart! Auf der anderen Seiten müssen Schauspieler schon offen bleiben für das Unerwartbare. Es ist schlecht, wenn man zu genau weiß, was für einen gut ist.

Aber irgendwann weiß man doch, dass etwas aus dem Ruder läuft?
Meyerhoff: Das kann wirklich total knapp werden. Der „Borkmann“ hier (Ibsens „John Gabriel Borkmann“ mit Martin Wuttke in der Hauptrolle, in der Regie von Simon Stone, Red.) ist sooo toll geworden. Er hat mich echt umgehauen. Das war aber bis kurz vor Probenende das reinste Chaos! Dass Aufführungen unfertig zur Premiere gelangen, kommt heute viel öfter vor als früher. Bei Aufführungen von Andrea Breth ist das natürlich anders: Die bringt das schon bei der Premiere auf den Punkt.

Und wie ist es bei Herbert Fritsch, mit dem Sie nun zum zweiten Mal zusammenarbeiten?
Meyerhoff: Fritsch kommt ja eher von der Artistik und überhaupt nicht von der Psychologie. Da geht es darum, dass man etwas beherrscht. Der hat nicht einmal ein Textbuch, kommt mit seiner Dramaturgin auf die Probe und sagt: „Was machen wir denn heute?“ Er hat keine Ahnung davon, wer wann auftritt, und fragt immer bloß: „Wie lange ist es denn noch bis zum Schluss?“ – „25 Seiten.“ – „Oh, Gott. Sooo lang?!!“ Wenn es aber gut läuft, führt das zu einer totalen Befreiung. Die Schauspieler grimassieren da so rum – auf unverklemmte Weise – und die Zuschauer sind davon entlastet, ständig Aufmerksamkeit für diesen pathetischen ­Theaterechoraum spenden zu müssen.

In Wien spielen Sie unter Fritsch Molières „Eingebildeten Kranken“. Ist Ihnen der Hypochonder auf den Leib geschrieben?
Meyerhoff: Ich bin jedenfalls kein Horrorhypochonder. Mittlerweile ist das doch ein Massenphänomen: Jeder isst seine Globuli, geht zum Akupunkteur und zum Rolfing … Was mir immer irre gut gefällt, sind die wechselnden Konjunkturen. Früher mussten alle Schulkinder Fluortabletten nehmen, damit sie keine Karies kriegen, heute gilt es als ausgemacht, dass Fluoride die Zirbeldrüse schrumpfen lassen, die der Sitz der Empathie ist, weswegen es bald nur noch Psychopathen mit guten Zähnen geben wird.

Sind Sie denn anfällig für Verschwörungstheorien?
Meyerhoff: Überhaupt nicht. Null. Ich finde nur diese Sehnsucht dahinter so interessant: dass es nicht so sein darf, wie es offensichtlich ist.

Sie werden eher ungeduldig, wenn eine Impfskeptikerin auf Sie einredet?
Meyerhoff: Oh Gott, die! Ich finde es natürlich schrecklich, wenn mein kleiner Sohn diese Spritzen kriegt, bin aber Schulmedizinersohn genug: Da wird geimpft, was das Zeug hält!

Neigen die Österreicher zu Verschwörungstheorien?
Meyerhoff: Die sind da schon recht weit vorne, und das Theater ist ein guter Nährboden dafür. Die Kollegen sehen einen dann mit großen Augen an und sagen: „Wie, das weißt du nicht?!“ – „Was denn?“ – „Du weißt echt nicht, dass hier in der Stadt alles die Freimaurer bestimmen?!“ – „Was meinst du?“ – „Ja, die Theaterintendanten für die nächsten 20 Jahre sind alle schon bestimmt.“ – „Echt?“ Ich verfolge das mit großem Interesse.

Die österreichische Politik auch?
Meyerhoff: Das hat gedauert. Für mich ist Eloquenz wichtig, damit ich überhaupt einsteigen kann. In Österreich muss man aber schon viel Knäckebrot knabbern, bevor man was versteht. Da wurde ich in Deutschland doch mit anderen Kalibern sozialisiert: Jemand wie Joschka Fischer hat große Auseinandersetzungen mit großer Eloquenz bestritten.

Wie sehen Sie die Wiener Wahlen?
Meyerhoff: Das Erstaunliche ist, dass es in Deutschland derzeit keine eindeutig rechte Partei gibt, die etabliert ist und so wie die FPÖ ein Drittel der Bevölkerung hinter sich hat, dass die tatsächlichen Übergriffe aber viel häufiger und brutaler sind als in Österreich, wo man sich möglicherweise denkt: „Wir haben ohnedies die FPÖ, die wird das schon richten.“

Und das Theater? Muss das unmittelbar auf Politik reagieren?
Meyerhoff: Diesen Druck von außen gibt es eigentlich immer: Das Theater muss gesellschaftspolitisch relevanter werden! Das bedeutet aber noch lange nicht, dass es besser wird, wenn es auf solche Zurufe reagiert. Ich glaube schon, dass die unmittelbare Hilfe mehr zählt als die Frage, wie man seine zwanzig Flüchtlinge auf die Bühne kriegt. Dann ruft noch jemand fünfmal „Lampedusa!“ und fertig ist der Theaterabend.

Was wäre denn ein Beispiel für einen gehaltvollen Umgang mit Politik?
Meyerhoff: Es kann jedenfalls nicht da­rum gehen, eine gesellschaftliche Problematik eins zu eins auf die Bühne zu übertragen, weil wir ja ohnedies ein ganz gutes Bild davon haben, was passiert. Ich glaube, dass das Theater aus dieser wattierten Undeutlichkeit raus muss und sich stattdessen mit seinen Schauspielern und dem physischen Erleben total selbstbewusst als Ort der Unmittelbarkeit vertreten soll. Da bemerke ich auch, dass ich Menschen wie Christoph Schlingensief total vermisse: Der wüsste genau, welches Projekt jetzt Brisanz erzeugen würde.

Klaus Nüchtern in Falter 45/2015 vom 06.11.2015 (S. 27)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ReiheAlle Toten fliegen hoch
ISBN 9783462048285
Ausgabe 12. Auflage
Erscheinungsdatum 12.11.2015
Umfang 352 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Kiepenheuer & Witsch
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