Allegro Pastell
Roman

von Leif Randt

€ 22,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 288 Seiten
Erscheinungsdatum: 05.03.2020


Rezension aus FALTER 11/2020

Wattierte Kicks und vorauseilende Wehmut

Leif Randt porträtiert die Millennials zwischen Sex-positive-Partys und Weihnachtsessen in der Kernfamilie



Tanja Arnheim und Jerome Daimler haben nicht alles, aber viel. Sie ist eine angesagte Schriftstellerin in Berlin, deren Miniroman „PanoptikumNeu“ um die Effekte einer neuen Achtsamkeits-Virtual-Reality kreist, die die Sucht nach sexueller Bestätigung eindämmen soll. Er lebt als gefragter Webdesigner in einem von den Eltern übernommenen Bungalow in Maintal bei Frankfurt am Main. Die beiden beginnen eine von Anfang an erstaunlich (selbst-)reflexive Fernbeziehung, die unterkühlt und empathisch, abgeklärt und sensibel zugleich erscheint.



Diese plötzlich sich auftuende Verbindung versteht exklusive Nähe nicht als Muss, sondern als eine temporär attraktive Handlungsoption unter mehreren. Das Paar scheut, bestätigt durch an der eigenen Wellness orientierte Freundinnen und Familienmitgliedern, Routinen und Verpflichtungen, so soll das hoffentlich doch Unverbrüchliche der auffällig romantikfreien Beziehung auf Dauer gestellt werden.



„Allegro Pastell“ ist ein sprechender Titel für das wattierte und zugleich desillusionierte Lebensgefühl des Paars, das die serielle Monogamie auch nicht für das Gelbe vom Ei hält und versucht, sich in der umsichtigen Sorge um sich selbst alles allzu Grelle und Aufwühlende vom Leib zu halten.



Exemplarisch für das selbstverordnete Nudging der Beziehungs- und Lebensformen sind die Einbettung gut geplanter und sanft abflauender Drogenräusche in den neoliberalen, aus Projektabfolgen bestehenden Arbeitsalltag und eine Form von okayem bis guten Sex, vom dem nichts Wichtiges oder auch nur Weiteres abhängt.



Ein früherer Science-Fiction-Roman von Leif Randt hat das Leben der besserverdienenden urbanen Digital Natives auch unter Bedingungen der planetarischen Diktatur einer fürsorglich-unbestechlichen künstlichen Intelligenz durchgespielt. Eine der Erkenntnisse dieser Versuchsanordnung bestand darin, dass Kontrolle und Selbstkontrolle in postautoritären Verhältnissen zwar existenzielle Sorgen und psychische Traumata verhindern mögen, dass aber dennoch ein diffuses Unwohlsein bleibt beziehungsweise seinen nüchtern wirkenden Ausdruck findet.



In „Allegro Pastell“ verzichtet Randt allerdings auf jede technologische und soziale Zukunftsvision. Er spitzt keine Entwicklungen zu, sondern bemüht sich um präzise Beschreibungen kleiner und kleinster Regungen und um eine möglichst glaubwürdige Verortung in der Gegenwart um 2018 – was sich im Verweis auf real existierende Orte, Clubs und Namen manifestiert. Was Randt freilich wohltuend von früheren Popliteratur-Kohorten unterscheidet, ist, dass dies ohne das gern als kritisch goutierte Abfeiern von Markennamen und generellem Konsumnihilismus geschieht.



Eine Zeitlang scheint alles gut zu gehen in diesem Millennials-Liebesroman, der sich weder auf die Seite der Wehleidigkeit der Generation Schneeflocke schlägt noch für das Engagement der Fridays-for-Future-Jugend begeistern kann. Die Krisen der Welt sind kein Thema, stattdessen geht es um die Anhäufung machbarer und mit Kreditkarte wiederholbarer Intensitäten, sprich: Auch die Kulinarik bietet so etwas wie Erlebnisse. Die beiden füttern und nähren einander aber auch mit durchaus feinfühligen oder scharfsichtigen Textnachrichten, die möglicher Langeweile zu zweit auf der Couch vorbeugen.



Die gelockerten Sitten zwischen sexpositiven Technopartys am Sonntagnachmittag, Hochzeiten mit vietnamesisch-thailändischer Konsensküche, gecatertem Weihnachtsessen mit der Kernfamilie in angestrengt ungezwungenere Atmosphäre und die best-buddy-artigen Beziehungen zu Eltern, die die Lieblings-DJs und Outfits ihrer Kinder bewundern, tragen das Ihre zu einer Art von wunschlosem Instant-Glück bei. Das Unglück, wenn es überhaupt eines ist, kommt auf leisen Pfoten und entsteht nicht aus Zwängen, sondern aus der Fülle an Möglichkeiten.



Es beginnt damit, dass Jerome Tanja mit der Gestaltung ihrer Homepage als Geschenk an ihrem 30. Geburtstag überrascht. Tanja interpretiert seinen Vorschlag aber als Übergriff. Der kommt ihr allerdings, wie sie sich später im Zwiegespräch mit einer befreundeten Therapeutin eingestehen muss, die zufällig auch noch ihre Mutter ist, nicht wirklich ungelegen. Schließlich lauert schon länger das süße Versprechen einer Affäre mit Janis. Die offenbar immer schon im Modus ihrer ständigen Aufkündbarkeit konzipierte Beziehung wird ohne große Dramatik auf Eis gelegt, und auch Jerome wendet sich bald einem alten Jugendschwarm zu. Beide wissen nicht, ­worauf sie warum zusteuern in ihren neuen Leben, und scheinen doch nicht anders zu können.



Randt hat ein Ohr für die Ambivalenz von Zeitgeistphänomenen. Er beschreibt die sukzessive Entfremdung der beiden Hauptfiguren voneinander wie auch die bald auftretenden Unstimmigkeiten mit den neuen Partnern und Partnerinnen mit sanft ironischem Unterton und stimmiger Lakonie.



In dem Roman durchkreuzt die algorithmisch aufmunitionierte Mustererkennung von eigenem und fremdem Verhalten das Begehren nach romantischer Selbstaufgabe und Sich-Verlieren im anderen. Die Soziologin Eva Illouz hat diesen Widerspruch in vielen Büchern reflektiert; Leif Randt ist es in „Allegro Pastell“ gelungen, auch dafür eine Sprache zu finden. Sie trägt sowohl dem scheinbar unhintergehbaren Hang zum Zaudern wie auch einem im Buch vorgestellten Bewusstsein Rechnung, das „vorauseilende Wehmut“ für den besten Zustand bzw. für politisch links und Nostalgie für rechts hält.

Thomas Edlinger in FALTER 11/2020 vom 13.03.2020 (S. 20)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen