Die rote Pyramide

Erzählungen
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Kurzbeschreibung des Verlags:



Neue Erzählungen von Russlands Meister der Groteske.

In »Die rote Pyramide« versammelt Vladimir Sorokin, einer der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller Russlands, neun Erzählungen aus den letzten Jahren, die alle auf ganz unnachahmliche Weise das Leben im postkommunistischen Russland aufs Korn nehmen.
In den neun Erzählungen, die Vladimir Sorokin für diesen Band zusammengestellt hat, geht es immer um eine durch den Verfall der Sowjetunion deformierte Gesellschaft. Das zeigt sich beim Einzelnen, wie in der Titelgeschichte, in der der junge Jura eine Vision erfährt, die ihn bis zum Ende seines Lebens nicht mehr loslässt. Es zeigt sich aber auch im Politischen, wie in der Geschichte »Lila Schwäne«, in der die russischen Atomsprengköpfe plötzlich in Zuckerhüte verwandelt wurden und man sich nicht anders zu helfen weiß, als einen wundertätigen Religionsgelehrten um Hilfe zu bitten. Und es zeigt sich im Zusammenspiel der Menschen, ihrer gesellschaftlichen Interaktion, wie in der Geschichte »Der Fingernagel«, in der vier befreundete Ehepaare zu einem Abendessen zusammenkommen, das auf Grund von Toilettenpapiermangel vollkommen außer Kontrolle gerät.
Vladimir Sorokin gelingt in diesem Erzählungsband das Kunststück, aus scheinbar unabhängigen Einzelgeschichten ein Ganzes zu schaffen. Die Komposition ist strukturiert und ausbalanciert. Sorokin zeigt einmal mehr, wie meisterhaft er auch die kleine Form und verschiedenste stilistische Mittel beherrscht und eröffnet seinen Leser*innen einen Blick auf Russlands Gegenwart und Vergangenheit, die so vergangen eben  doch nicht ist.

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FALTER-Rezension

„Wir sind alle Geiseln von Putins Kränkung“

Wnukowo, 30 Kilometer außerhalb von Moskau. Anfang Februar 2022. Auf dem Wegweiser steht tatsächlich „Datschensiedlung der Schriftsteller“. Tiefverschneiter Wald, schmucke Holzhäuser. Vladimir Sorokin (Jg. 1955), der einstige Bad Boy der russischen Literatur, lebt heute bürgerlich. „Ich bin in einem Moskauer Vorort aufgewachsen und halte diese Monsterstadt einfach nicht mehr aus.“

Sorokins Aufstieg zum Star der russischen Gegenwartsliteratur war nicht vorgezeichnet. Nach dem Studium der Chemie am Gubkin-Öl-Institut begann er Ende der 70er-Jahre als Buchdesigner zu arbeiten. Bald folgten eigene Texte, die direkt in den literarischen Underground führten. Anstatt sich offiziös den Problemen des spätsowjetischen Alltags zu widmen, wurde bei Sorokin gefurzt, gevögelt und vor allem geflucht. Sein erster Roman „Die Schlange“ (1983, dt. 1990) über die Absurdität, stundenlang vor einem Geschäft anzustehen, kam der Realität ohnedies näher als jede politische Kritik. Autorenkollegen warfen Sorokin „Stillosigkeit“, „Konzeptualismus“ oder „Postmodernismus“ vor – in Zeiten von Perestrojka und Glasnost eine Auszeichnung. Sorokins Bücher wurden zu Beginn des neuen Jahrtausends von der Putin-Jugend öffentlich angeprangert, wenig später stand eine Oper nach seinem Libretto auf dem Spielplan des Bolschoi-Theaters. Nach einem Dutzend Romanen, ebenso vielen Theaterstücken, Drehbüchern und Verfilmungen gilt das einstige Enfant terrible heute als lebender Klassiker. Der soeben erschienene Band „Die rote Pyramide“ enthält eine vom Autor selbst getroffene Auswahl von Erzählungen aus den letzten 20 Jahren.

Die Fragen zum Krieg in der Ukraine wurden letzte Woche per Mail nachgereicht und beantwortet.

Falter: Sie haben einen Aufruf zur Beendigung des Krieges unterzeichnet, in dem alle des Russischen mächtige Menschen aufgefordert werden, die Wahrheit über diesen kundzutun. Was erhoffen Sie sich?

Vladimir Sorokin: Dass es jene, die von Putins Propaganda zu Zombies gemacht wurden, zum Denken bringt. Worte haben im Moment eine besonders große Bedeutung, sie können die Kanonen stoppen.

Angeblich gibt es eine breite Unterstützung des Krieges durch die Bevölkerung.

Sorokin: Das glaube ich nicht. Die Leute wurden durch die massive Unterdrückung aller Proteste in Angst und Schrecken versetzt.

Was halten Sie von den ukrainischen Aufforderungen, russische Künstler und Schriftsteller zu boykottieren?

Sorokin: Ich halte das für einen Fehler, eine Folge des Krieges. Wenn ich nicht irre, hat während des Zweiten Weltkriegs niemand dazu aufgerufen, Thomas Mann zu boykottieren, nur weil er auf Deutsch schrieb.

Sie sind jetzt in Deutschland. Können Sie später wieder nach Russland zurückkehren? Haben Sie Angst vor Verhaftung und Repression?

Sorokin: Ich denke heute nur an eines: wann wird dieser sinnlose und verbrecherische Krieg endlich beendet!

Warum tut Russland alles, um dem Bild des verrückt gewordenen Ostens zu entsprechen?

Sorokin: Das ist die Folge eines mittlerweile schon 20 Jahre andauernden Kurses, mit dem Westen zu brechen und in die sowjetische Vergangenheit zurückzukehren. Als die Sowjetunion zerfallen ist, hätte man den Leichnam des Imperiums verscharren müssen, wie das Deutschland seinerzeit getan hat. Jelzin und seine Demokraten meinten aber, dass das gar nicht nötig sei, weil er von selbst verrotten würde. Allerdings ist diese Leiche mittlerweile als Zombie auferstanden, hat eigentlich keine Kraft mehr, aber noch immer die alte Impertinenz und den Wunsch, der Welt Schrecken einzujagen.

Aber wozu? Moskau ist heute eine moderne Stadt, die Leute sind freundlicher als früher.

Sorokin: Die letzten 30 Jahre mit freiem Markt und offenen Grenzen, das erzieht. Viele meinen sogar, dass das Service in russischen Restaurants, Hotels und Geschäften oft besser ist als in Europa. Aber leider gibt es in Russland ein ernsthaftes Problem.

Nämlich welches?

Sorokin: Davon handelt mein neues Buch „Die Rote Pyramide“. Gemeint ist die Pyramide der Macht, die seit dem 16. Jahrhundert nicht mehr modernisiert wurde, als Iwan der Schreckliche seine „Opritschniki“ [Angehörige der Leibgarde, Red.] schuf. Diese Konstruktion hat sich bis heute nicht geändert: An der Spitze der Pyramide steht eine Person, und von der hängt alles ab. Das war zu Zeiten von Iwan dem Schrecklichen so, von Nikolai I., Nikolai II., Stalin, Breschnew und Andropow bis zu Putin. Eine Person, die alle Rechte hat, entscheidet alles.

Von der Pyramide gehen mysteriöse Strahlen aus …

Sorokin: Es ist wie im „Herr der Ringe“: Einer steckt sich den magischen Ring an und mutiert in die übelste Richtung. Genau das ist mit Putin passiert. Schauen Sie sich sein Gesicht an, wie es vor 20 Jahren ausgesehen hat und wie es heute aussieht. Das ist ein völlig anderer Mensch – die Folge der Strahlung dieser Pyramide.

Worin besteht eigentlich Russlands Problem mit der Ukraine?

Sorokin: Putin sieht es als persönliche Beleidigung durch die Ukraine an, dass sie einen anderen Weg eingeschlagen hat. Das kam für ihn unerwartet. Was noch unangenehmer war: es geschah während der Olympiade 2014 in Sotschi. Und das kann er der Ukraine nicht verzeihen. Wir alle sind Geiseln seiner Kränkung.

Der Protagonist der Titelerzählung steht für die Abrechnung mit den russischen „Sechzigern“, die einst für Reformen standen. Jetzt hat er massive Herzprobleme.

Sorokin: Es ist ein gewöhnlicher Sowjetmensch aus den Jahren 1961/1962. Er war zuerst Student einer angesehenen Hochschule, dann Journalist und schließlich Chefredakteur einer bekannten Zeitung. Knapp vor seinem Tod sieht er diese rote Pyramide, die den Sowjetmenschen bis auf die biologische Ebene deformiert hat.

Sie nehmen sich selbst davon aus?

Sorokin: Mir hat geholfen, dass ich im Alter von 20 Jahren in den Kreis des Moskauer Undergrounds geraten bin. Diese Szene war ein Schutzschild gegen diese Vibrationen, durch die meine ehemaligen Studienkollegen deformiert wurden. Sie hatten diesen Schutzschild nicht. Darum geht es in dieser Erzählung.

Die Modernisierung, auf die Moskau so stolz ist, hat offenbar wenig gebracht.

Sorokin: Im Grunde genommen leben wir immer noch in einer Monarchie: Es gibt einen Zaren mit seiner Garde, und der Rest sind Untergebene. Und jeder dieser Untergebenen kann verhaftet, ins Gefängnis geworfen, erniedrigt und vernichtet werden. Wenn im Westen ein Polizist Helfer oder Beschützer sein kann, ist er in Russland im besten Fall ein Aufseher und im schlimmsten Fall ein Bandit, der dich bestiehlt und auch noch ins Gefängnis bringen kann.

In Ihren Erzählungen geht es oft um Sex und Gewalt, was in der russischen Literatur offenbar noch immer irritiert.

Sorokin: Mich irritiert es nicht, aber ich bin natürlich ein verdorbener Leser. (Lacht.) Wenn wir über zeitgenössische Literatur in Russland sprechen, so ist ein Faktor besonders wichtig: Das Fernsehen ist ziemlich heruntergekommen und dient nur noch der Propaganda. Viele haben überhaupt aufgehört fernzusehen, vor allem die jungen Leute, die ihre Informationen aus dem Internet beziehen. Sie schauen Serien und lesen viel. Meine alten Romane wurden jetzt wieder aufgelegt und die Auflagen steigen. In diesen wirren Zeiten steigt der Bedarf an ernsthafter Literatur. Das freut mich natürlich.

Haben Sie für Serien geschrieben?

Sorokin: Es wurde mir mehrfach angeboten, und ich habe abgelehnt.

Ihre bisherige Karriere war ziemlich ungewöhnlich. Wundert Sie all das manchmal?

Sorokin: Als mein noch im Underground geschriebener Roman „Die Schlange“ 1985 in Paris erschien, wurde er gleich in mehrere Sprachen übersetzt. Dann kam die Perestroika und plötzlich gab es keinen Untergrund mehr. Der Topf, in dem wir uns befanden, explodierte und alles flog durch die Gegend. Nach 1991 habe ich acht Jahre lang keinen einzigen Roman geschrieben. Ich konnte mich nicht konzentrieren. Es war damals die Zeit des Fernsehens. Das Fernsehen war hervorragend. In unserem neuen Jahrhundert, in dem sich die Pyramide wieder gefestigt hat, ist es wieder einfacher zu schreiben.

Gedichte haben Sie nie geschrieben?

Sorokin: Klar, wie üblich – so mit achtzehn.

Für die Mädchen?

Sorokin: Ja, die Mädchen haben sie gelesen, aber es war wohl nicht für sie geschrieben, sondern für die Ewigkeit. Ich habe diese Gedichte dann in „Norma“ verwendet. Ich mache das gelegentlich im Rahmen eines Romans: Wenn mein Protagonist Lyrik schreibt, dann verfasse ich die selbst, ganz ehrlich mit der Hand und auf Papier. Aber Poesie und Prosa sind natürlich ganz verschiedene Tiere. Die Poeten sind arabische Hengste, wir hingegen sind Kaltblutpferde, die langsam schwere Metaphysik hinter sich herziehen.

Wie wichtig ist Ihnen die Tradition der russischen Literatur?

Sorokin: Wir haben diese große Tradition, die eigentlich auch das ist, womit Russland Eingang in die Weltliteratur gefunden hat: die Literatur, die russische Avantgarde in der bildenden Kunst und die Musik. Ich stand in Asien einmal auf einem kleinen Flughafen vor einem Zeitungskiosk, und was sehe ich zwischen den verschiedenen Zeitungen und einem Regal mit Krimis? Tolstojs „Anna Karenina“ und Dostojewskijs „Die Brüder Karamasow“! Eine russische Marke wie Wodka. Wer Prosa auf Russisch schreibt, verfügt über den Bonus unserer bärtigen Klassiker. In meinem Arbeitszimmer stehen sie hinter dem Schreibtisch und manchmal lehne ich mich zu ihnen zurück und spüre ihre Kraft. Russland ist nach wie vor ein Land der Leser. Es wird noch immer viel gelesen.

Sie leben teilweise in Deutschland, teilweise in Russland. Finden Sie auch, dass der Westen für einen Schriftsteller zu langweilig ist?

Sorokin: Wenn du über das Leben in Russland schreibst, ist es wichtig, eine gewisse Distanz zu haben. Ich lebe seit 1988 abwechselnd in Europa und in Russland, das hilft. Es sind zwei verschiedene Welten, eine Welt der Vorhersagbarkeit und Ordnung und eine Welt der Unordnung. Einmal ermüdet einen die Ordnung, dann wiederum die Abwesenheit aller Ordnung. Ich weiß nicht mehr, wer das gesagt hat: Die Welt wird von zwei Gefahren bedroht: von der Ordnung und der Unordnung.

Erich Klein in Falter 11/2022 vom 18.03.2022 (S. 20)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783462053708
Ausgabe 3. Auflage
Erscheinungsdatum 10.02.2022
Umfang 192 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Hardcover
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Übersetzung Andreas Tretner, Dorothea Trottenberg
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