Der Mann im roten Rock

von Julian Barnes

€ 24,70
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Übersetzung: Gertraude Krueger
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Natur, Technik/Biographien, Autobiographien
Umfang: 304 Seiten
Erscheinungsdatum: 14.01.2021


Rezension aus FALTER 3/2021

Tanz auf dem Vulkan im Paris der Belle Époque

Heuer feiern wir 150 Jahre Marcel Proust. Natürlich kommt auch der Verfasser von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ vor, wenn der frankophile englische Schriftsteller Julian Barnes („Flauberts Papagei“) über das Paris der vorletzten Jahrhundertwende schreibt. Aber er steht nicht im Mittelpunkt. Dort hat sich selbstbewusst ein Mann in Stellung gebracht, der ebenfalls ein Star war: der Arzt Samuel Pozzi (1846–1918).

Der italienischstämmige Gynäkologe schaffte es aus dem Bürgertum der Provinz in die Pariser Salons. Als Modearzt seiner Zeit, der zahlreiche Affären hatte, könnte er eine halbseidene Figur abgeben. Tatsächlich war er in erster Linie ein Neuerer, Rationalist und Humanist, baute eine Klinik auf, in der nicht nur Reiche behandelt wurden, und führte die Medizin in Frankreich zu neuen Standards.

Als kunstsinniger Mensch sammelte Pozzi Gemälde und ­unterhielt Freundschaften mit Künstlern, Schauspielerinnen und ­Schriftstellern. ­Barnes dient diese schillernde Gestalt als Zentrum eines breit angelegten Epochenbildes. An seiner Hand unternimmt man einen Spaziergang durch die Belle Époque, die von den 1880ern bis zum Ersten Weltkrieg dauerte und geprägt war von einer Hochblüte der Kunst, vom Dandytum sowie von extremen politischen Spannungen. Der berühmte Tanz auf dem Vulkan.

Spannend ist, dass Barnes die Figuren nicht in Bezug auf ihren Nachruhm sortiert hat. So wird dem streitlustigen Skandalreporter Jean Lorrain mindestens ebenso viel Platz eingeräumt wie Proust oder Oscar Wilde. Der Autor urteilt auch nicht aus heutiger Perspektive darüber, was jemand vor über 100 Jahren angestellt hat. Er zeigt, was war. So ist der mit vielen Fotos und Gemälden bebilderte Band auch eine Schule des Schauens.

Einen Hintergedanken hatte ­Julian Barnes beim Schreiben von „Der Mann im roten Rock“ freilich: Angesichts des Brexit fürchtet er, dass die einst regen kulturellen Beziehungen zwischen Großbritannien und Frankreich einschlafen könnten. Dazu passt ein Zitat von Pozzi: „Chauvinismus ist eine Erscheinungsform der Ignoranz.“

Sebastian Fasthuber in FALTER 3/2021 vom 22.01.2021 (S. 30)


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