
Diese Tote auf dem Bett, das bin doch nicht ich
Gerlinde Pölsler in FALTER 8/2026 vom 18.02.2026 (S. 18)
An ihrem ersten Tag vor Gericht wird Gisèle Pelicot alle überraschen. Ein Tross von Kameraleuten und Fotografen begleitet sie zum Gerichtsgebäude; alle gehen davon aus, dass an der Tür des Verhandlungssaales Schluss sein wird. Dass "die 200-fach vergewaltigte Frau", wie es in Medien oft hieß, den Ausschluss der Öffentlichkeit beantragen werde, wie das fast immer der Fall ist: weil die Opfer sich so schämen. Als der Anwalt erklärt, Madame Pelicot wünsche einen öffentlichen Prozess, erstarren die 51 Angeklagten. Schreien. Es hilft ihnen nicht. Nun sehen alle, was sie mit der bewusstlosen Frau gemacht haben. Zehn Jahre lang hat ihr Mann die heute 73-jährige Französin immer wieder betäubt, vergewaltigt und fremden Männern angeboten. Und alles auf Videos festgehalten.
Am Dienstag erscheinen weltweit Gisèle Pelicots Memoiren. Die Leser begegnen darin einer Frau von ungeheurer Resilienz. Den Ursprung dafür sieht sie in ihrer Kindheit: Als Gisèle neun war, starb die Mutter; fortan lebte sie mit dem Gefühl, Schlimmeres könne nicht mehr passieren. Zugleich prägte sie die tiefe Liebe der Eltern füreinander und zu ihr. Ganz anders ihr Mann Dominique: Aufgewachsen mit einem gewalttätigen Vater, wurde der Bub einmal Zeuge, wie sein Vater seine gefesselte Mutter zur Fellatio zwang. Gisèle wollte mit dem versehrten jungen Mann die heile Familie neu erschaffen, die sie verloren hatte. Das ist brutal schiefgegangen. Und trotzdem ist Pelicots Geschichte voller Hoffnung.
2020. Das Paar ist seit einem halben Jahrhundert zusammen. Für die drei erwachsenen Kinder und die Enkel ist Dominique Pelicot liebender Familienvater und geliebter Opa. Plötzlich möchte die Polizei mit Gisèle sprechen.
Als ein Kommissar ihr Fotos zeigt, auf denen sie nackt mit fremden Männern zu sehen ist, versteht sie nicht. "Ich erkannte diese Männer nicht. Und auch nicht die Frau. Ihr Gesicht war so schlaff. Ihr Mund ebenfalls. Eine Stoffpuppe." Später spricht sie von "der Toten", weigert sich aber, sich mit dieser zu identifizieren: "Man hatte mir das angetan, aber das war nicht ich."
Ihr Mann hatte ihr starke Muskelentspannungsmittel verabreicht, deshalb spürte sie nach all den auch analen Vergewaltigungen nichts. Sehr wohl hatte sie all die Jahre Gedächtnislücken, Aussetzer, verlor die Kontrolle über ihr Auto. Doch die Ärzte hätten sie nicht ernst genommen.
Auch für Gisèle kommt lange kein öffentlicher Prozess infrage. Doch dann stellt sie sich die Angeklagten vor, wie sie bei Gericht "einen Block" bilden würden. "Würde die verschlossene Saaltür nicht vielmehr ihrem Schutz dienen als meinem? Niemand würde erfahren, was sie mir angetan hatten."
Vor Gericht bestreiten 37 Angeklagte die Vergewaltigung, wollen nicht bemerkt haben, dass Gisèle bewusstlos war. Dabei hat ihr Mann online inseriert: "Suche perversen Komplizen, um meine Frau, die von mir betäubt wurde, zu missbrauchen." Und auf den Videos ist zu hören, wie Gisèle schnarcht, und zu sehen, wie ihr Mann ihren Kopf stützt, damit er nicht zur Seite rollt. "Sie erstickt doch mit Ihrem Glied im Mund, sehen Sie das nicht?", fragt der Richter einen Angeklagten. Laut Gutachtern hätte sie an all der Gewalt sterben können.
Die 51 Angeklagten sitzen heute im Gefängnis. Gisèle Pelicot ist umgezogen, hat wieder Lebensfreude, einen neuen Partner. Dass sie das Verfahren öffentlich und damit zu einem historischen Prozess machte, hat sie nie bereut. Was sie quält, ist das Warum. Am letzten Gerichtstag sagte ihr Mann, er habe "eine unbeugsame Frau unterwerfen" wollen. Er ist gescheitert.


