Bequeme neue Welt

Was wir gewinnen, wenn wir uns etwas zumuten | »Ein Befreiungsschlag ins gute Leben: klug, mutig, anstößig!« Wolfram Eilenberger
192 Seiten, Hardcover
€ 22,70
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Themen Gesellschaft und Sozialwissenschaften Gesellschaft und Kultur, allgemein
ISBN 9783492074834
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 04.09.2026
Größe 19.2 x 11.8 cm
Verlag Piper
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HerstellerangabenAnzeigen
Piper Verlag GmbH
Georgenstraße 4 | DE-80799 München
info@piper.de
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Kurzbeschreibung des Verlags

Die moderne Welt macht uns vieles einfach: Maschinen verrichten körperliche Arbeiten, das Navi lotst uns durch unbekannte Gegenden, und nun übernimmt die KI sogar geistige Tätigkeiten für uns. Sollen wir uns voll und ganz darauf einlassen? Sibylle Anderl meint: nein. Denn wir verlieren dabei, was uns als Menschen ausmacht. Psychologie, Philosophie und Naturwissenschaften auf unterhaltsame Weise verbindend, plädiert sie dafür, sich Anstrengungen zuzumuten. Anhand vieler Beispiele zeigt sie, warum es sich lohnt, Widerspruch zu suchen, Neues zu wagen oder Belohnungen zu widerstehen. Nur so können wir Resilienz und ein Gefühl der Selbstwirksamkeit entwickeln und Zukunft erfolgreich gestalten.

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ISBN 9783492074834
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FALTER-Rezension

Die Zumutung ist dem Menschen zumutbar

Andreas Kremla in FALTER 41/2026 vom 07.10.2026 (S. 30)

Unser Leben wird immer anstrengender, davon können wir ein Lied mit vielen Strophen singen: Job, Kindererziehung, Sport und nun auch gesunde Lebensführung, überall sollen wir perfekt sein. Doch halt! Haben wir’s nicht so angenehm wie noch nie? Der Geschirrspüler spült das Geschirr, die Waschmaschine wäscht die Wäsche, und das neueste Large Language Model bereitet geschliffene Antworten auf Kundenanfragen vor. „Wir leben in einer Zeit, die durch das Ineinandergreifen von Anstrengung und Bequemlichkeit geprägt ist“, verknüpft Sibylle Anderl die beiden Stimmen. Beide bedingen einander, meint sie: „Anstrengung ruft als Ausgleich Bequemlichkeit hervor. Wie würde man das auch sonst alles aushalten?“

Die mehrfach ausgezeichnete Wissenschaftsjournalistin hat selbst schon einige Anstrengungen bewältigt. Sie studierte sowohl Physik als auch Philosophie und forschte danach als Astrophysikerin. Bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung leitete sie das Wissenschaftsressort, heute tut sie das bei der Zeit. Zudem verfasst sie als Co-Herausgeberin der Kulturzeitschrift Kursbuch regelmäßig fundierte Gesellschaftskritik. Kritisch ertappt fühlt man sich auch in ihrem Buch manchmal – so einfühlsam Anderl sich uns Anstrengungsvermeidern auch annähert.

Bequem war der Mensch immer schon. In unseren ersten drei Millionen Jahren entwickelten wir Technik, um körperliche Anstrengung zu vermeiden. Jetzt bringen wir der Technik bei, uns das Denken abzunehmen. Und immer mehr Menschen nutzen künstliche Intelligenz auch für ihr Gefühlsleben. OpenAI ermittelte, dass die Hälfte der Anfragen an ihren ChatGPT nicht nach Fakten sucht, sondern nach Trost und Rat. Und Menschen, die über Freundschaften oder romantische Beziehungen mit KI-Bots erzählen, sind keine Seltenheit mehr.

Anderl leiht sich dazu einen Vergleich bei Edward Harcourt vom Oxforder Institut für KI-Ethik: „Es ist, wie wenn wir sexuelle Bedürfnisse durch Pornos befriedigen.“ Allerdings sei uns bei Pornos klar, dass sie etwas völlig anderes seien als eine reale Beziehung mit einem Menschen. Dass auch die größten Sprachmodelle zu keiner Liebe fähig sind, ist jedem klar. Was uns aber so lieblich in den Ohren klingt, das ist die Bestätigung, die wir durch das künstliche Vis-à-vis bekommen. In welche Fallgrube falscher Schlüsse uns dieser „confirmation bias“ lockt, erklärt Anderl ebenso präzise wie die „user fatigue“ genannte Ermüdung durch Überbespaßung in sozialen Medien.

Uns selbst zu verstehen hilft. Dann kann man auch den Schlüssen der Autorin leicht folgen: Dass Bequemlichkeit die Welt schaler macht. Dass wir uns einander zumuten müssen; denn erst die Offenheit dafür, dass unser Gegenüber mit seinem unliebsamen Standpunkt recht haben könnte, befähigt uns, echte Gespräche zu führen. Dass das satte Gefühl, wirklich etwas geschafft – oder geschaffen – zu haben, auch aus dem Prozess entsteht, der dorthin geführt hat, aus der Anstrengung: „Sie gibt uns Sinn und Orientierung. Das Bequeme dagegen hat weder Höhe noch Tiefe.“

Letztendlich ist das Buch eine Einladung zu einer Gegenkultur der Anstrengung. Die Zukunft sei nach wie vor gestaltbar. Nicht nur durch die wirtschaftlich und politisch Mächtigen, sondern durch Impulse von unten: „Indem wir sinnlose Aufgaben an Maschinen delegieren und uns selbst auf das konzentrieren, was uns wichtig ist. Die Voraussetzung für all das ist so schwierig wie simpel: Es ist unsere Bereitschaft, uns auch weiterhin etwas zuzumuten.“

Mit leichter Hand auf Basis aktueller Forschung geschrieben, zeigt Anderl die Risiken eines Lebens, in dem immer mehr auf Knopfdruck verfügbar ist – und Alternativen dazu. Ihre Untersuchung liefert leicht fassbar den Status quo einer Welt, von der wir wieder einmal nicht wissen, wie sie sich weiterentwickeln wird – mit guten Ideen dazu, was wir dabei selbst steuern könnten.

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