Menschheitsdämmerung

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Kurzbeschreibung des Verlags:

"Menschheitsdämmerung" ist eine der erfolgreichsten Lyrikanthologien der deutschsprachigen Literaturgeschichte, vielleicht die folgenreichste überhaupt. Sie war ein Fanal dichterischer Jugend und ist es geblieben, einhundert Jahre lang. Denn die Apokalypse, die das Buch beschwört, hat immer Konjunktur. Und unsere unruhige Gegenwart empfindet eine ganz besondere Nähe zu den Jahren rund um den Ersten Weltkrieg. Gedichte von Gottfried Benn, Georg Trakl, Else Lasker-Schüler, Georg Heym und anderen Dichtern: viele jung gestorben, im Krieg gefallen, andere aus der Heimat vertrieben, am Leben verzweifelt, von den Nazis ermordet; einer immerhin wurde Kulturminister in der DDR. Sehr verschiedene Stimmen hat dieses Konzert, und doch bilden sie ein Ganzes.Zur hundertsten Wiederkehr der Erstveröffentlichung bei Rowohlt erscheint nun eine Neuausgabe der legendären Gedichtsammlung, mit den klassischen Illustrationen von Egon Schiele, Oskar Kokoschka und anderen, in zeitgemäßer Gestaltung und mit einem Nachwort von Florian Illies.

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FALTER-Rezension

Renaissance der Dämmerung

Der legendäre, soeben neu aufgelegte Band „Menschheitsdämmerung“ mit expressionistischer Lyrik passt gut in unsere Gegenwart

Florian Illies ist einer der erfolgreichsten deutschen Journalisten und Sachbuchautoren Er war Redakteur bei der FAZ und Herausgeber der Zeit, danach Kunsthändler. Seit Anfang des Jahres leitet er den Rowohlt Verlag. Über das Buchgeschäft, von dem er als Autor einiger Bestseller (u.a. „1913: Der Sommer des Jahrhunderts“) offenkundig etwas versteht, sagt er, er sehe das Buch als Gegengift zum Blick aufs Handy. Damit kann man sympathisieren.

Wenn dieser Mann einen legendä­ren Gedichtband wieder auflegt und dazu selbst ein Nachwort verfasst, darf man das auch programmatisch deuten. „Menschheitsdämmerung“, eine Sammlung expressionistischer Dichtung, zusammengestellt von Kurt Pinthus, war auch 1919, zur Zeit ihres Erscheinens, Programm und Brennpunkt für Debatten. Pinthus war einflussreicher Lektor beim nicht nur für den literarischen Expressionismus bedeutenden Kurt Wolff Verlag, Dramaturg bei Max Reinhardt und Journalist. Von den Nazis zur Flucht gezwungen, lehrte er in New York an der New School und später an der Columbia University. Als er in den späten 1950er-Jahren zurückkehrte, wurde er im Marbacher Literaturarchiv Nachlassverwalter des Expressionismus.

So schloss sich ein Kreis. Denn die Sammlung „Menschheitsdämmerung“ zog die Bilanz einer Epoche, versammelte lyrische Äußerungen wütender, vor Ausdruck platzender, greller und verzweifelter junger Männer (als einzige Frau wurde Else Lasker-Schüler aufgenommen). Alkohol, Drogen, Todeswunsch und Lebenssucht prägen die Stimmung. Wer möchte es einer Sammlung ankreiden, bei der einige der wichtigsten Beiträger ihr Leben im Ersten Weltkrieg ließen: Georg Trakl und August Stramm zum Beispiel.

Das Buch wurde zum Bestseller; 1922 waren bereits mehr als 20.000 Exemplare verkauft. 1959 besorgte Pinthus eine Neuauflage als Rowohlt Taschenbuch. Der im Generationendenken geschulte Illies (er schrieb das erfolgreiche Buch „Generation Golf“) weist darauf hin, dass Pinthus das Buch beide Male als Generationenprojekt darstellte. Pinthus’ Anhang mit Informationen über Dichter und deren Werke findet sich auch in der jüngsten Ausgabe; gerade dieser Anhang hätte allerdings da oder dort einiger Objektivierung bedurft.

Wenn Ludwig Rubiner zum Beispiel auf eine biografische Notiz verzichtet und stattdessen hochtrabend anmerken lässt, der Überzeugung zu sein, dass die Aufzählung von Taten, Werken und Daten „aus einem hochmütigen Vergangenheits-Irrtum des individualistischen Schlafrock-Künstlertums stammt“ – dann würde man als schlafröckiger Nachfahre trotzdem gern Näheres über den jung verstorbenen Kriegsdienstverweigerer, Tolstoi- und Bolschewikenverehrer erfahren. Auch zu Gottfried Benn, im Unterschied zu Rubiner ein großer Dichter, könnte man mehr Information vertragen als die lapidare Notiz „belangloses Dasein als Arzt in Berlin“. Auch im Nachwort wird Benn nur kurz als Mann mit „problematischer Vergangenheit“ beschrieben. Dabei ließe sich gerade an seinem Fall eine Sache darstellen, die für das Buch Menschheitsdämmerung zentral wäre.

Das Buch war nämlich wild umstritten. Die Nazis versuchten zuerst, den Expressionismus zu usurpieren, ehe Hitler ein Machtwort sprach und diesen zur entarteten Kunst erklärte. Auf kommunistischer Seite war es der Philosoph und Literaturkritiker Georg Lukács, der 1934 im Namen eines klassizistischen sozialistischen Realismus dem Expressionismus und explizit dem Vorwort von Kurt Pinthus vorwarf, „die Frage des Kampfs gegen den Krieg vom Schlachtfeld des Klassenkampfs auf das private Feld der Moral“ zu schieben.

Auf Lukács berühmten Aufsatz „,Größe und Verfall‘ des Expressionismus“ antwortete der Expressionismus-affine Philosoph Ernst Bloch in seinem Buch „Erbschaft dieser Zeit“. In „seinem Ausdruckswillen und seiner Zwischenzeit-Existenz“ könne der Expressionismus, so schrieb Bloch dort, „jungen Künstlern dennoch näherstehen als ein dreifach epigonaler Klassizismus, der sich auch noch ,sozialistischer Realismus‘ nennt (…). Das Erbe des Expressionismus ist noch nicht zu Ende, denn es wurde noch gar nicht damit angefangen.“

Dass Illies in seinem klugen Nachwort diese Auseinandersetzung nicht mit einem Wort erwähnt, ist erstaunlich. Zumal er ganz richtig darauf hinweist, dass die Dämmerung nicht nur dem Abend, sondern auch dem Morgen angehört. Die Autoren der Gedichte verstanden sich mit wenigen Ausnahmen (wie Benn) als Linke, Anarchisten, als Boten einer neuen Welt. „Das Wort von der ,Menschheitsdämmerung‘ also darf keineswegs nur als Apokalypse gesehen werden, sondern eben auch als ein Heraufdämmern der Humanität in dem Moment, in dem die alten Götter und die alten Gewissheiten versunken sind. ,Liebe den Menschen‘, so ist nicht ohne Grund der letzte Abschnitt der Gedichtsammlung utopisch und feierlich überschrieben“, hält Illies fest.

Das Buch ist also nicht nur ein lyrischer Blick in die Geschichte der Apokalypse, sondern einer in die Geschichte der Zukunft. So passt es in eine Zeit, da Jugendliche beginnen, das Pathos des Kampfes für ein anderes Leben wieder zu entdecken. Möge ihnen und uns erspart bleiben, was das Pathos dieser Gedichte auch und vor allem befeuert: die Katastrophe. Und mögen sie in diesem Buch neben manchem Schwulst und Verblasenem noch ein paar der schönsten Gedichte deutscher Sprache entdecken.

Armin Thurnher in Falter 41/2019 vom 11.10.2019 (S. 18)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783498001384
Ausgabe 1. Auflage, Neuausgabe
Erscheinungsdatum 15.10.2019
Umfang 448 Seiten
Genre Belletristik/Lyrik
Format Hardcover
Verlag Rowohlt
Nachwort von Florian Illies
Herausgegeben von Kurt Pinthus
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