Die Mauersegler

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Kurzbeschreibung des Verlags:


Der spanische Bestsellerautor Fernando Aramburu legt einen großen humanistischen Roman über einen Mann namens Toni vor. Toni ist ein Antiheld, der das Leben nicht liebt. Nur seinen Hund. Er fasst einen Entschluss: Er will allem ein Ende setzen. In genau 365 Tagen. Am 31. Juli beginnt das letzte Jahr, und dieser Roman hat 365 Kapitel, eins für jeden Tag. Die ersten Monate sind für Toni geprägt von Erinnerungen an seine Familie in der wechselhaften spanischen Geschichte, Beobachtungen seiner Landsleute und Erlebnissen, die ihn in seiner Weltsicht bestärken. Doch dann kommt es zu einer unerwarteten Begegnung mit einer Frau, deren Hund auch Toni heißt. Ein Zeichen! Und mit einem Mal gerät Tonis Plan ins Wanken.
Voller Herzenswärme, traurig, lustig, zutiefst berührend: ein meisterhaftes Werk. Die Chronik eines Countdowns, die auf fantastische Weise von der Hoffnung auf ein glückliches Leben erzählt. Für die spanische Kritik ist es schon jetzt ein Klassiker des 21. Jahrhunderts.

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FALTER-Rezension

Ein Leben in der Luft

Ein guter Roman sollte bereits auf den ersten paar Seiten einen Satz aufbieten, der seinem Leser oder seiner Leserin kurz die Gesichtszüge entgleisen lässt. Hier ist es auf Seite zwölf so weit. „Tatsächlich wünschte ich mir schon als Kind, später einmal Vater zu sein, um meine Kinder schlagen zu können.“

Und es kommt noch dicker, es wird unsäglich traurig und tragisch, brutal komisch und abgründig, kurz, es werden alle Register gezogen. Fernando Aramburu hat nicht nur eine gute Story, er hat unzählige Geschichten parat. Und er will sie uns alle erzählen. Sein desillusionierter Held Toni bekommt über 800 Seiten Platz, um ein Jahr seines Lebens in Tagebuchform abzuhandeln. Und zwar jenes, das sein letztes auf Erden sein soll.

Toni, der als Gymnasialprofessor lustlos Philosophie unterrichtet, ist nach 16 Jahren unglücklicher Ehe endlich geschieden, ­resignierter Vater eines leicht minderbemittelten Sohnes, den er, anders als er es sich vorgenommen hatte, nie geschlagen hat, und lebt mit seiner Hündin Pepa nun wieder allein.

Gesellschaft leistet ihm eine Sexpuppe, die er seinem einzigen Freund, einem aus tragischen Gründen gehbehinderten Immobilienmakler, den er insgeheim Humpel nennt, abgekauft hat.

Zuvor war er jahrelang zu Prostituierten gegangen, nachdem seine Frau nach der Geburt ihres einzigen Kindes kein Interesse mehr am Geschlechtsverkehr zeigte. Blieb ihm ja nichts anderes übrig. „Da Amalia mir verwehrt war, hatte ich keine weibliche Körperöffnung zur Verfügung, in die ich mich gratis und ehelich ergießen könnte.“

Toni kommt, man merkt es bald, nicht sonderlich sympathisch rüber. In seiner schonungslosen Offenheit legt er es aber auch überhaupt nicht darauf an, denn: „Nichts von dem, was um mich herum geschieht, interessiert mich. Nicht einmal ich selbst interessiere mich.“

54 Jahre auf diesem Planeten sind genug, findet er: „Was einem das Leben bis dahin noch nicht gegeben hat, wird es wohl auch jenseits der fünfzig nicht mehr heraus­rücken.“ Man kann diesbezüglich allerdings auch Überraschungen erleben.

Aramburu gibt sich in seinem neuen Roman, im spanischen Original fünf Jahre nach seinem noch etwas umfänglicheren Welterfolg „Patria“ (2016) erschienen, erneut ungezügelter Erzähllust hin. Er tut dies mit erheblichem handwerklichen Geschick und dem Willen zum großen Bogen. Der Trick mit der Tagebuchform ist clever, nahezu jedes der 365 Kapitel wartet mit einem starken Schlusssatz auf, der entweder amüsiert oder schockiert, jedenfalls verlässlich zum Weiterlesen animiert.

Hohe schreiberische Kunstfertigkeit ist auch vonnöten, wenn man seine Leser und insbesondere seine Leserinnen nach 300 Seiten noch für weitere 500 begeistern möchte, in denen der trübsinnige Toni sich mit Sätzen wie diesem offenbart: „Das intime Leben mit einer intelligenten Frau habe ich als unablässige Strapaze empfunden.“

Aramburu lässt sich Zeit. Die titelgebenden Mauersegler tauchen erst nach hundert Seiten das erste Mal auf. Man erfährt, dass Toni gern so wie sie wäre, er sucht sie mit seinen Blicken am Himmel, er träumt von ihnen. In Rückblenden erzählt er seine Familiengeschichte, dunkle Geheimnisse werden angedeutet, Rätsel nicht gelöst, Abgründe erkennbar.

Die Gegenwart schildert er meist emotionslos, den selbst auferlegten Schlussstrich stets im Blick. Die Spannung resultiert daraus, dass man den Suizid abwechselnd für durchaus möglich, sogar wahrscheinlich, nachgerade unausweichlich hält – und dann wieder nicht. Irgendwann mittendrin hat man aber von dem ganzen Nihilismus und Zynismus langsam genug und würde dem Protagonisten gerne nahelegen, es doch mal mit Antidepressiva oder einer Therapie zu versuchen.

Die ganze Zeit über kreist das Denken dieses Mannes nur um seine eigene Befindlichkeit. Die Lebensrealität der Frauen in seiner Umgebung, über die Generationen hinweg, bleibt ihm, so ausführlich er auch davon berichtet, in Wahrheit verborgen, oder besser gesagt: Auch sie interessiert ihn nicht.

Dabei kommen in Tonis Aufzeichnungen viele Frauen vor, sogar mehr, als in dem Personendiagramm am Anfang verzeichnet sind – und bis auf ganz wenige Ausnahmen leiden sie alle, was dem Erzähler in den seltensten Fällen zu denken gibt. Seine Ich-Bezogenheit ist grenzenlos, die Selbstverständlichkeit, mit der er nimmt und nichts gibt, erschütternd.

Aramburus Meisterleistung besteht darin, vor dem Hintergrund der egozentrischen, biografischen Erzählung seines Antihelden die Geschichten all dieser Frauen dennoch plastisch hervortreten zu lassen. Zwar ist immer nur der lebensmüde Macho am Wort, doch während dieser durchaus gebildete, umfassend belesene Mann sich in niemanden hineinversetzen kann – weder in seine Mutter, deren spätes Lebensglück er zerstört hat, noch in die Frauen, die ihn lieben oder einmal geliebt haben –, beschreibt er, beständig mit sich selbst beschäftigt, die Tragik all dieser Frauen, ohne es selbst zu bemerken.

Eine geradezu unheimlich treue Seele, die Jugendfreundin Águeda, taucht nach 27 Jahren plötzlich wieder auf, und es dauert eine Weile, bis Toni klar wird, dass er in ihrem Leben eine größere Rolle gespielt hatte, als er dachte, worauf nicht nur hindeutet, dass sie in der langen Zeit der Trennung drei Hunde hintereinander nach ihm benannt hat.

Gegen Ende hin kommt es zu erwartbaren Zweifeln und unerwarteten Wendungen, bitteren Erkenntnissen und zaghaften Zugeständnissen. Ein Vorhaben wird wie geplant in die Tat umgesetzt, ein anderes vereitelt. Es bleibt spannend bis zu Schluss.

Christina Dany in Falter 42/2022 vom 21.10.2022 (S. 11)

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Produktdetails
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ISBN 9783498003036
Ausgabe 1. Auflage
Erscheinungsdatum 13.09.2022
Umfang 832 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Rowohlt
Übersetzung Willi Zurbrüggen