
Zwischen Kybernetik und Konformität
Christoph Bartmann in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 17)
Unklar, was die junge Krakauer Soziologin Wanda nach Venedig geführt hat. Wir schreiben das Jahr 1983, in Polen herrscht Kriegsrecht und eine Reise in den Westen ist keine Selbstverständlichkeit. In Venedig wartet am Flughafen ein alter Mann mit dunkler Brille. Seinen Namen hat er zur Sicherheit auf ein Schild geschrieben: Mrugalski.
Was will Wanda von dem Landsmann, der sich als Kybernetiker einen Namen gemacht hat, nun aber zurückgezogen in Italien lebt und von der Welt nichts mehr hören möchte? Krystyna, Mrugalskis Frau, behandelt den polnischen Gast, als wäre es die eigene Tochter. Mrugalski selbst aber erweist sich als störrischer Gesprächspartner. Über Wissenschaft mag er nicht reden und über sein Privatleben noch viel weniger. Nur zögerlich taut Mrugalski auf, dann aber treten unterm Eis Geheimnisse zutage, die in das Krakau der frühen Nachkriegszeit zurückreichen.
Matthias Nawrats Roman „Das glückliche Schicksal“ wirkt konstruiert, aber manche Romane verdienen das Prädikat „gut konstruiert“. Die Handlung springt zwischen Venedig und Krakau in den frühen 1980ern hin und her; sie taucht zwischendurch in eine tiefere Vergangenheit ein, die Welt sowjetischer Straflager und des von der Roten Armee besetzten Krakau. Und sie wirft ungelöste Fragen auf, die in der Gegenwart verhandelt werden müssten, aber nicht verhandelt werden können, weil es politische Unfreiheit und persönliche Traumata nicht zulassen.
Zunächst geht es in Nawrats Roman um ein Gespräch unter Wissenschaftlern. Wanda interessiert sich vor allem für sozialpsychologische Versuche, namentlich das von Solomon Asch (im Roman: „Ash“) durchgeführte „Konformitätsexperiment“, in dem nachgewiesen wird, dass Menschen unter Gruppendruck ihre Ansichten anpassen.
Mrugalski hat in seinen englischen und amerikanischen Jahren die neue Disziplin der Kybernetik maßgeblich beeinflusst und in seinem Buch „Aztec Pyramid“ gar eine Gesellschaftstheorie entworfen. Aber eigentlich will Mrugalski über all das nicht mehr reden, lieber gibt er apodiktische Urteile zum Besten: „Marxismus, sagte er. Hegelianismus, Kantianismus. Was sind das alles für leere Begriffe. Nur die Statistik zählt.“
Es sind nicht die ergiebigsten Stellen des Romans, wenn auf diese Weise Wissenschaftskommunikation fingiert wird. Unweigerlich fragt man sich, wie Mrugalskis Plattitüden und dessen wissenschaftlicher Ruhm zusammengehen.
Vielleicht ist es also gut, dass der Roman nicht zu lange im Feld der Wissenschaft verweilt und sich lieber an der landläufigen Wirklichkeit orientiert. Aber auch die historischen Tatsachen der Krakauer Jahre nach 1945 beziehungsweise von 1982/83 oder die in den sowjetischen Lagern sind schwer zu greifen. Nawrat wählt nicht den Weg des Dokumentarismus und auch nicht den der entfesselten Einbildungskraft, sondern den des quellennahen Re-Enactments.
Das gelingt in den polnischen Kapiteln besser als in jenem im sowjetischen Lager. Dank der Bücher von Warlam Schalamow und Alexander Solschenizyn, die Nawrat als Quellen anführt, sind unsere Vorstellungen vom Gulag literarisch derart präfiguriert, dass uns jeder Beschreibungsrealismus nur wie das nächste Stück Lagerliteratur vorkommt. Der Autor ist sich dieses Problems bewusst und er findet Lösungen, die nicht unanfechtbar, aber immerhin transparent sind.
Die Theorie der sozialen Konformität, die den alten Mrugalski und die junge Wanda Karłowska beschäftigt, wirft ein Licht, mit dem die Krakauer Nachkriegssituation nach und nach ausgeleuchtet wird.
Sind sich der junge Mrugalski und Wandas Vater Tadeusz seinerzeit womöglich begegnet – der eine als Täter, der andere als Opfer, der eine ein (kurzfristig) idealistischer Kommunist, der andere ein polnisch-katholischer Patriot? Und ist diese Frage das wahre Motiv für Wandas Venedig-Reise? Ein Motiv freilich, das sie allenfalls erahnen kann?
Am Ende des Romans, im Krakau des Jahres 1984, sehen wir Wanda bei der illegalen Arbeit im „Sekretariat der Regionalverwaltung der Solidarność“. Das Kriegsrecht ist suspendiert, aber die Unterdrückung dauert an. Ist die Ausreise, jetzt für immer, eine Option? Und wenn ja, dann mit Marian, dem Freund, der schon länger zum Aufbruch drängt? „Also gut, dann fahren wir, sagt sie“, und man wüsste wirklich gerne, wohin Wanda Karłowskas Reise im Leben und in der Wissenschaft noch geführt hat.


