
"Patriotismus ist nicht vulgär"
Tessa Szyszkowitz in FALTER 6/2026 vom 04.02.2026 (S. 18)
Rutger Bregman kommt zu früh zum Interview. Der 37-jährige Holländer schlendert durch die Türe des Fischer' s, das sich als Wiener Kaffeehaus im Londoner Marylebone ausgibt. Er beäugt die Käsekrainer mit Sauerkraut am Nebentisch. Das ist nichts für ihn. Er will die Massentierhaltung abschaffen und ist Vegetarier.
Sieben Jahre ist es her, dass ein junger Historiker auf einem Podium beim World Economic Forum in Davos Platz nahm und das Publikum beschimpfte: "Was diskutiert ihr hier über die Klimakrise, wenn ihr in Privatjets anreist?" Von da an war Rutger Bregman ein gern gesehener Gast bei Debatten, in denen er für scharfe Worte gegenüber Superreichen sorgte.
Der BBC ging er zu weit. Sie schnitt ihm den Satz "Donald Trump ist der offen korrupteste US-Präsident aller Zeiten" im November 2025 aus einer Vorlesung, die er für die BBC gehalten hatte. Bregman machte den Skandal sofort öffentlich -die BBC war aus Angst vor Milliardenklagen Trumps eingeknickt. Bis heute hat sich niemand bei ihm entschuldigt.
Während er an der Universität Harvard ein Fellowship-Programm für seine Schule für moralische Ambition aufbaute, lebte er in New York. Jetzt ist er mit seiner Familie wieder in den Niederlanden und reist durch die Lande, um für seine Schule zu werben. Den Falter trifft Bregman gemeinsam mit vier europäischen Medien zum Interview.
Falter: Herr Bregman, müssen wir uns um die Demokratie Sorgen machen?
Rutger Bregman: Wir haben bisher angenommen, dass Menschenrechte und die regelbasierte internationale Ordnung selbstverständlich sind. Jetzt merken wir anhand der politischen Ereignisse in den USA: Das stimmt so nicht. Trumps Vize-Kabinettschef Stephen Miller reißt die regelbasierte internationale Ordnung einfach ein, er sagt: Die Menschen sind grundsätzlich egoistisch, allein die Macht zählt. US-Vizepräsident JD Vance sieht "America first" als seine moralische Verpflichtung an, weil er Moral tribalistisch definiert - es geht nur um den eigenen Stamm. Wir müssen uns dem entgegenstellen, es handelt sich um eine Schlacht der Ideologien. Die Menschenrechte sind radikale, utopische Ideen. Wir müssen sie wieder einfordern.
Fürchten Sie, dass die westliche Weltordnung Trump II nicht überlebt?
Bregman: Wir müssen aufhören, bei jeder neuen Aktion der regierenden Autokraten ständig überrascht zu sein. Es gibt inzwischen ein Muster des faschistischen Autoritarismus. Zukunftsforscher und Historiker des Faschismus warnen uns, dass zwei Entwicklungen ganz schnell ineinandergreifen: der Aufstieg der KI und der Aufstieg des Autoritarismus. Die KI macht riesengroße Schritte in den nächsten Jahren. Wer immer diese Technologie beherrschen wird, hält die Zukunft der Welt in Händen. Gleichzeitig schließt sich der Schutzschirm, den die USA über Europa gespannt hatten. Wir landen in einer sehr einsamen und gefährlichen geopolitischen Lage. Wir müssen darauf antworten.
Aber wie? Jenen Parteien, die die regelbasierte Welt erhalten wollen, laufen die Wähler davon.
Bregman: Nach der ersten Wahl von Donald Trump 2016 gingen die Eliten in sich und fragten: Haben wir nicht genug zugehört? Nahmen wir unsere Privilegien für zu selbstverständlich? Darum ging es aber nicht. Das Problem war, dass wir unsere Privilegien nicht dazu benutzt haben, die Welt besser zu machen. Die Linke hat Konzepte wie Patriotismus, Innovation und Fortschritt aufgegeben. Patriotismus ist aber nicht vulgär, es ist ein wichtiger Bestandteil von politischen Programmen, um eine Gemeinschaft zu bilden. Oft haben sich progressive Bewegungen leider verzettelt. Als zum Beispiel George Floyd in Minneapolis 2020 getötet wurde, gab es den Slogan der Protestbewegung: "Defund the police". Man wollte der Polizei das Budget kürzen. Das war total kontraproduktiv. Die große Mehrheit der Bevölkerung in den USA oder hier will eine starke Polizei.
Halten Sie Europa für innovationsfeindlich?
Bregman: Es schmerzt mich, aber Europa ist Weltklasse, wenn es darum geht, "die Situation sorgfältig zu beobachten". Wir verkünden stolz unser EU-Gesetz zur künstlichen Intelligenz. Aber die EU reguliert eine Industrie, die sie selbst gar nicht besitzt. Wir starren wie ein Kaninchen in die Scheinwerfer eines heranrasenden Autos.
Die KI birgt aber auch Gefahren. Wo soll sich die EU positionieren?
Bregman: Die EU hat recht: Wir müssen die großen Techfirmen regulieren. Ich bin sogar ein Anhänger des "Temperance Movement" des späten 19. Jahrhunderts in den USA, als man Alkohol verbieten wollte, weil die Bevölkerung nicht damit umgehen konnte. Es geht alles viel zu schnell. Wir beobachten eine Art "AI-Game of Thrones" zwischen den zwei großen KI-Entwicklern Open AI und Anthropic - das ist das mächtigste technologische Rennen in der Menschheitsgeschichte. Ich bin hinsichtlich der KI deshalb fast ein "Luddite".(Ludditen waren britische Arbeiter, die Anfang des 19. Jahrhunderts Maschinen zerstörten, weil sie um ihre Arbeitsplätze fürchteten, Anm.). Ich glaube, wir sollten eine Pause einlegen und abwarten, bis sich die Gesellschaften an die neue Technologie angepasst haben.
Widersprechen Sie sich da nicht? Wie sollen wir in Europa KI-Firmen bauen, wenn wir sie gleichzeitig regulieren?
Bregman: Wir haben keine Wahl, wir müssen beides machen. Deshalb habe ich die Schule für moralische Ambition gegründet: Wir brauchen alle Talente, die wir kriegen können, damit wir die beiden Herausforderungen der nächsten Jahre annehmen können: die Entwicklung von KI und die Bedrohung der Demokratie. Wir müssen darüber nachdenken, wie Steuern fair verteilt werden können, und nicht, wie man Steuerzahlen vermeiden kann. Wie soll Umverteilung funktionieren, wenn Arbeit ein immer kleinerer Teil der Wirtschaften wird -dank KI? Deshalb will ich ein Ökosystem von Experten bauen, die ihre Karrieren der Beantwortung dieser Fragen widmen. Wir werden sie brauchen, um schnell auf die nächsten Krisen reagieren zu können.
An wen wendet sich Ihr Aufruf nach mehr moralischem Ehrgeiz konkret?
Bregman: Kennen Sie den Begriff "Bermuda-Dreieck der Talente"? Den hat mein Freund Simon van Teutem geprägt. Er bezeichnet Beratungsfirmen, Finanzinstitute und Kanzleien für Unternehmensrecht. Banker und Berater brauchen meiner Meinung nach einen Tritt in den Hintern. Was machen die mit ihrer Eliteerziehung? Sie arbeiten in der Londoner City oder bei McKinsey und schreiben dort Powerpoint-Präsentationen? In unserem Fellowship-Programm der Schule für moralische Ambition in Harvard halten wir Fokusgruppen ab und stellen zum Beispiel diese Frage: Hast du dich bis nach Harvard durchgeschlagen, um am Ende einen Bullshit-Job zu machen? Der größte Verlust für mich ist nicht, was diese Leute mit ihrer Arbeit machen -viel Geld verdienen -, sondern was sie mit ihrer Arbeit nicht machen: die Welt verbessern.
Ohne die Londoner City wäre Großbritannien bankrott.
Bregman: Ich bin nicht generell gegen die Finanzwirtschaft. Ich bin aber ein altmodischer niederländischer Sozialdemokrat. Ich glaube, dass der Kapitalismus ein wildes Tier ist, das gezähmt werden sollte. Dann kann es riesige Vermögen produzieren. Das ist übrigens kein moralisches Argument, es geht mir nicht wie manchen in der Linken darum zu sagen: Es ist unmoralisch, viel Geld zu verdienen. Wenn ich so etwas den Studenten erzählen würde, dann ginge der Schuss nach hinten los. Ich gehe die Gespräche lieber so an, ich sage dann: Wow, du bist so talentiert, und dann arbeitest du bei JP Morgan? Warum nicht was Interessanteres? Wieso forschst du nicht, wie wir KI sicher machen können, oder über Pandemie-Prävention? Das klappt besser, um an Leute heranzukommen, die sich fragen, ob es moralisch vertretbar ist, was sie machen. Es geht mir darum, dass wir unser Potenzial besser nutzen.
Klingt sehr elitär, nicht alle haben die Wahl, nach Harvard und dann zu JP Morgan zu gehen.
Bregman: Es ist ja nur, dass ich gerade auf diese Elite wütend bin, weil sie ihr Potenzial nicht nutzt. Aber natürlich richtet sich mein Appell an alle. Wir wissen aus der Geschichte, wie wichtig einzelne Aktivisten wie die Menschenrechtsaktivistin Rosa Parks, Lech Walesa oder Nelson Mandela waren. Mich hat ein Busfahrer aus einer kleinen holländischen Stadt angerufen, der mein Buch gelesen hat. Er sagte: Ich möchte auch etwas tun. Inzwischen hat er eine Initiative gegründet, um sein Städtchen LGBTQ+-freundlich zu machen. Solche Initiativen sind großartig.
Ist das auch eine Antwort auf den Erfolg der neuen Rechten? Entsteht auf den Straßen Amerikas angesichts der Gewalt gerade eine neue Bürgerrechtsbewegung?
Bregman: Historisch gesehen entstehen wichtige innovative Bewegungen oft durch den Einsatz von kleinen Gruppen, die sich gegen die herrschende Gesellschaftsordnung auflehnen. Ich habe das anhand von zwei erfolgreichen Gruppen beschrieben: den britischen Abolitionisten, die für die Abschaffung des Sklavenhandels eingetreten sind; und den Suffragetten, die das Wahlrecht für Frauen gefordert haben. Was ich beim Studium dieser politischen Gruppen gelernt habe: Wer sich für eine soziale Sache einsetzt, der tut das dann oft auch bei der nächsten dringlichen Frage. Ich nenne das die Ausweitung des "moral circle", der Moralzone. Das brauchen wir jetzt auch.
Investor Peter Thiel nennt solche Gruppen, die von etwas zu 100 Prozent überzeugt sind, "Sekten". Sie erwähnen in Ihrem Buch fast lobend, wie Thiel sich im Silicon Valley der Sekte der Start-up-Gründer angeschlossen hat.
Bregman: Ich teile mit Thiel das Interesse an Sozialphysik. Thiel beschreibt den Unterschied zwischen einem Menschen, der in einer Beratungsfirma arbeitet und von einem Projekt zum nächsten springt, ohne sich richtig für etwas zu begeistern, und dem Mitglied einer Sekte. Jemand, der sich einer Idee verschrieben hat, kann viel bewegen. Das hat mich interessiert. Wir müssen diese Energie für die Ideen nutzen, die uns weiterbringen.
Gehört Thiel zu den Sponsoren der Schule für moralische Ambition?
Bregman: Aber nein. Thiel steht auf der anderen Seite des politischen Spektrums. Ich trete dafür ein, dass wir die Kraft der heroischen Aktivisten der Menschenrechtsbewegung nutzen. Dass wir aber auch die Eliten dazu bringen, ihr Potenzial einzubringen. Aufgeklärte Angehörige der Elite wie Louis Brandeis, der radikal für soziale Gerechtigkeit eintrat und 1916 in den Supreme Court der USA berufen wurde. Seine Rechtsprechung ist bis heute einflussreich. Solche Persönlichkeiten können die Welt verändern. Ich glaube, wir brauchen diesen doppelten Crunch von unten und von oben - wenn Grassroots-Bewegungen und Eliten zusammenarbeiten. So war es auch bei der Abschaffung der Sklaverei - es gab Sklavenrevolten in Jamaika. Und die kleine Gruppe von Abolitionisten in England. So entzündet sich eine moralische Revolution.
Sehen Sie den Kampf gegen unregulierte KI und gegen die Bedrohung der Demokratie jetzt als wichtiger an als den gegen die Klimakrise?
Bregman: Ich habe für die Klimakrise einfach nicht mehr den Kopf frei. Sie?
Wir sind mitten in einem "Greenlash" unter Trumps Administration, sollten wir nicht einen Teil unserer Energie darauf verwenden, zu überlegen, was wir gegen die Erderwärmung unternehmen könnten?
Bregman: Über den steigenden Meeresspiegel 2100 nachzudenken, wenn uns gerade die internationale Ordnung wegbricht, kommt mir vor wie Luxus.
Sie zeichnen ein düsteres Bild, wirken aber ganz dynamisch und optimistisch. Wo nehmen Sie die Hoffnung her, dass die demokratische Welt doch nicht untergeht?
Bregman: Ich glaube an die menschliche Handlungsfähigkeit. Es gibt keinen großen historischen Bogen und es gibt keinen Gott. Es gibt nur uns. Die Geschichte lehrt uns, dass kleine Gruppen wie die Abolitionisten enorm große strukturelle Veränderungen bewirken können, auch wenn sie zu Beginn gegen die wirtschaftlichen Interessen zu stehen scheinen. Das Eisen der Geschichte ist jetzt heiß. Unsere Zukunft ist extrem unvorhersagbar. Wer jetzt aktiv wird, kann mitbestimmen, wie die Geschichte weitergeht.
In dieser Rezension ebenfalls besprochen:
"So wie Sie sind, sind Sie nicht gut"
Klaus Nüchtern in FALTER 10/2025 vom 05.03.2025 (S. 31)
Im Grunde ist Rutger Bregman ein Menschenfreund; einer von der Sorte, die hinsichtlich der Gattungsgenossen freundliche Ansichten hegt. In seinem Bestseller "Im Grunde gut" (2020) führt der niederländische Historiker und Aktivist zahlreiche Belege dafür an, dass Menschen auch in Ausnahmesituationen selbstloser handeln, als dystopische Fiktionen oder psychologische Experimente suggerieren.
Weil man darob aber nicht selbstgefällig zu werden braucht, richtet Bregman seinen Lesern gleich im ersten Kapitel seines jüngsten Buches aus: "Nein, so wie Sie sind, sind Sie nicht gut" - und schildert ihnen den Weg der "moralischen Ambition", den zu wandeln er uns anweist, mit Diagrammen, Tabellen und Statistiken, mit Warntafeln und lehrreichen Exempeln aus, die vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart reichen.
Wir begegnen der "moralischen Dampfmaschine" Thomas Clarkson (1760-1846), der entscheidenden Anteil an der Abschaffung der Sklaverei hatte; dem Dickkopf Arnold Douwes (1906-1999), der seine niederländischen Landsleute dazu anhielt, jüdische Mitbürger vor den deutschen Besatzern zu verstecken; der US-Bürgerrechtsikone Rosa Parks (1913-2005), die durch ihre standhafte Weigerung, ihren Sitzplatz einem Weißen zu überlassen, den legendären Busboykott von Montgomery auslöste; oder Rob Mather, der 2005 die Against Malaria Foundation gründete und durch die Bereitstellung von Millionen Moskitonetzen in Afrika hunderttausende Menschen vor einer womöglich tödlichen Infektion gerettet hat.
Die Botschaft, die durch dergleichen exemplarische Lebensläufe verkündet werden soll: Einzelne Menschen sind sehr wohl in der Lage, schier Unglaubliches zu leisten, vorausgesetzt, sie kriegen a) erst einmal den Arsch hoch und legen es b) schlau, sprich: ergebnisorientiert, an.
Für die Apologeten woker Awareness, die sich auf der richtigen Seite der Geschichte wissen, ohne echte Veränderungen anzustoßen, hat Bregman wenig mehr als Verachtung übrig: Sie zählen für ihn zum Typus der "noblen Verlierer".
Genuine moralische Ambition setze nämlich den Willen voraus, auch Menschen ins Boot zu holen, die einer anderen Weltansicht anhängen. "Moral Reframing" nennt sich die Strategie, mit der man sie dazu bringen kann, das Richtige aus den "falschen" Gründen tun. So erwies sich etwa der Hinweis des gewieften Thomas Clarkson, dass jeder fünfte der gegen Tropenkrankheiten besonders anfälligen britischen Matrosen die Fahrt auf den Sklavenschiffen nicht überlebte, als besonders wirksames Argument für die Abschaffung der Sklaverei. Eitelkeit und Egozentrik sind für moralisch Ambitionierte ein absolutes No-Go. Statt einem selbstergriffenen "Follow your passion"-Ethos zu folgen, möge man sich als "effektiver Altruist" kundig machen, was die Welt wirklich braucht und wofür es sich zu spenden lohnt. Non-Profit-Organisationen wie GiveWell helfen bei der Entscheidung.
Was einem auf die Nerven gehen kann an dieser Erbauungsliteratur 2.0, ist die lässig-launige Life-Coach-Prosa, mit der Bregman seine Leserschaft moralisch fit machen möchte. "Gefühle sind overrated" ruft er dieser zu oder verordnet ihr "ein infektiöses Mindset". Er schwärmt von den "Teslas der Wohltätigkeitsbranche" und lässt allen Ernstes Sätze vom Stapel wie: "Das Leben im Widerstand war Spitzensport."
Schon rein stilistisch lässt sich kaum ein größerer Gegensatz vorstellen als jener zur jüngsten Publikation des US-Philosophen Thomas Nagel. Der schmale, zwei Aufsätze enthaltende Band "Moralische Gefühle, moralische Wirklichkeit, moralischer Fortschritt" will keine Handlungsanleitung sein, sondern geht auf anspruchsvolle und akademisch-abstrakte Weise der Frage nach, welche Legitimität moralische Urteile beanspruchen können.
Die Philosophie des Utilitarismus betrachtet selbst "private Laster" als moralisch gerechtfertigte Handlungen, solange diese zum Wohle der Allgemeinheit beitragen. Nagel hingegen hält dafür, dass auch eine Form von Moral existiert, die unabhängig von ihren Konsequenzen in sich richtig ist. Das Verbot der Folter gelte eben absolut, auch wenn durch ihren Einsatz Menschenleben gerettet werden könnten. Der Respekt, der uneingeschränkt jedem Individuum zukomme, stelle ein "moralisches Minimum" dar: "Es gibt bestimmte Dinge, die keiner von uns dem anderen antun darf."
Was Nagel bei allem Unterschied zu Bregman mit diesem teilt, ist die Skepsis gegenüber all jenen, die sich der Vergangenheit gegenüber moralisch überlegen dünken. Gerade der Glaube an die ethische Erziehbarkeit des Menschengeschlechts lässt es als zwingend erscheinen, dass zukünftige Generationen über unsere moralischen Vorstellungen genauso empört die Nase rümpfen werden, wie wir Heutigen über die Standards von Sklavenhaltergesellschaften.
Für Nagel existieren moralische Prinzipien, die gleichsam immer schon wahr gewesen, und solche, die erst ab einem bestimmten Entwicklungsstand gesellschaftlichen Bewusstseins einsehbar geworden sind. So seien etwa die allgemeinen Menschenrechte, wie wir sie kennen, selbst historisch, weil sie auf einer Vorstellung von individuellen Rechten beruhten, die sich erst im Lauf der Moderne herausgebildet habe und in der Frühen Neuzeit, geschweige denn in der Antike buchstäblich nicht denkbar gewesen sei.
In ihrer Auffassung von moralischem Fortschritt berufen sich sowohl Nagel als auch Bregman auf den australischen Philosophen und Tierethiker Peter Singer und dessen Konzept der Expanding Circles. Dieses besagt, dass sich moralische Geltungssphären ausbreiten; sie beschränken sich zunächst nur auf einen kleinen Kreis Privilegierter und erfassen nach und nach Menschen anderen Geschlechts, anderer Klasse und Ethnie, schließlich auch nichthumane Geschöpfe.
Einen eklatanten und sehr rasch sich durchsetzenden moralischen Fortschritt macht Nagel in Hinblick auf die Diskriminierung von Homosexualität aus. Eine "Globalisierung der Gerechtigkeit", die in der Lage wäre, weltweite, durch den Klimawandel noch verstärkte Wohlstandsasymmetrien auszugleichen, hält er aufgrund unserer noch stark nationalstaatlich determinierten Vorstellungen vorerst für rein utopisch. Was zukünftige "moralische Revolutionen" anbelangt, gibt sich der Philosoph vorsichtig zuversichtlich: "Ich vermute, sie werden durchaus stattfinden."
In dieser Rezension ebenfalls besprochen:


