
Siri Hustvedt über Paul Auster: Die Liebe zu einem Geist
Sebastian Fasthuber in FALTER 11/2026 vom 11.03.2026 (S. 33)
Ich lebe. Mein Mann, Paul Auster, ist tot." So lautet der kurze, fesselnde Einstieg ins Buch von Siri Hustvedt, in dem sie über eine große Liebe zwischen zwei Autoren schreibt. "Ghost Stories" ist kein Abschiednehmen vom Gefährten, der im April 2024 an Lungenkrebs starb, und auch nicht die Geschichte einer trauernden Witwe. "Ein Buch der Erinnerung" nennt sie es stattdessen.
43 Jahre haben die beiden miteinander verbracht. Eine derart lange Bindung löst sich nicht so schnell auf. "Obwohl Pauls bescheidene Kleidung ausgeräumt ist, bleibt es >unser< Schrank", notiert Hustvedt kurze Zeit nach seinem Tod. ">Unser< Schlafzimmer. Ich glaube, solange ich hier lebe, wird es unseres sein."
In der ersten Zeit allein kommen ihr in dem nun viel zu großen Haus in Brooklyn die vertrauten Abläufe abhanden. Minuten ziehen sich endlos, während Stunden einfach so verfliegen. Sie legt überall Listen und Terminkalender ab, um nicht die Orientierung zu verlieren.
Anfangs spürt Hustvedt die Präsenz des Verstorbenen noch. Sie hört ihn durchs Haus gehen und riecht den Rauch seiner Zigarrillos, obwohl er diese Jahre vor seinem Tod aufgegeben hatte. "Ghost Stories" erzählt eine Liebesgeschichte als Geistergeschichte.
Hustvedt findet alte Briefe und taucht in die Zeit ein, als sie Auster kennenlernte. Sie war noch keine Autorin, schloss gerade ihr Literaturstudium ab. Und er? War noch kein berühmter Autor. Alle wichtigen Verlage lehnten seinen Roman "Stadt aus Glas", den Auftakt der "New-York-Trilogie", zunächst ab. So werden sie zu Verbündeten.
Hustvedt spart private Tragödien um Pauls drogensüchtigen Sohn Daniel aus erster Ehe mit der Autorin Lydia Davis nicht aus. Trotz düsterer Momente ist ihr Buch jedoch eine Feier des Lebens. Und Auster ihr Co-Autor: In seinen letzten Lebensmonaten schrieb er im Angesicht des Todes rührende Briefe an seinen gerade geborenen Enkel.


