Untenrum frei

von Margarete Stokowski

€ 20,60
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Verlag: Rowohlt
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Umfang: 256 Seiten
Erscheinungsdatum: 08.09.2016


Rezension aus FALTER 10/2017

Bewusstsein für Unrecht lernen

Margarete Stokowski, Starkolumnistin bei Spiegel online, legt mit „Untenrum frei“ ihr erstes Buch vor, in dem sie die ersten 30 Jahre ihres Lebens aus feministischer Perspektive analysiert. Ein Motiv, das sich durch ihre Jugend zieht, sind Gedanken und Gefühle, die sie nicht benennen kann: etwa, als sie sich als Vierjährige bei einem Sturz den Lenker ihres Fahrrads zwischen die Beine rammt. „Wie soll ich sagen, dass ich mir an meiner … Dings wehgetan habe?“
Den Erkenntnisprozess der Autorin mitzuverfolgen ist faszinierend und zeigt, dass Bewusstsein für Unrecht erarbeitet werden muss: Als sie während ihres Philosophiestudiums in Berlin mit Gender Studies in Berührung kommt, findet sie diese zunächst völlig daneben. Doch je mehr Erfahrungen sie macht, desto bewusster erlebt sie Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht, Sexualität und Körper.
„Untenrum frei“ gewinnt nach dem kurzen, unerwartet ernsten Vorwort schnell an Schwung. Nebenbei fließt Stokowskis Wissen über Philosophie und die Geschichte der Frauenbewegung ein. Unaufgeregt und humorvolle entkräftet sie nebenbei die gängigsten Mythen über Feminismus. So ätzt sie etwa, wer gegen geschlechtersensible Sprache argumentiere, weil diese unästhetisch sei, solle sich auch weigern, Menschen mit dem Namen Horst anzusprechen.

Andrea Grill in FALTER 10/2017 vom 10.03.2017 (S. 58)



Rezension aus FALTER 41/2016

Ein Zimmer pro Penis und der Name Horst

Feminismus: Margarete Stokowski hat ein fesselndes Buch über ihre Erfahrungen als Frau geschrieben

In der Berliner Wohnung ihrer Eltern teilte sich Margarete Stokowski ein Zimmer mit ihrer Schwester; der Bruder hatte ein eigenes. Der Vater verfügte über ein Arbeitszimmer, die Mutter nicht. Machte irgendwie Sinn, der Bruder war schließlich der Älteste, der Vater brauchte Platz für seinen Computer, und größer war die Wohnung nun mal nicht.
Natürlich gab es keine offizielle Regel in der Familie, dass man pro Penis ein Zimmer bekomme, Stokowski will aber trotzdem wissen, warum sie nie auf die Idee gekommen ist zu rebellieren. Und versucht sich in der Antwort, dass Wut eine Eigenschaft sei, die bei Mädchen nicht unbedingt geschätzt werde – aber essenziell, um aktiv über das eigene Leben zu bestimmen.

Stokowski, Star-Kolumnistin bei Spiegel online, legt ihr erstes Buch vor, in dem sie unter dem Titel „Untenrum frei“ die ersten 30 Jahre ihres Lebens aus feministischer Perspektive analysiert. Sie setzt persönliche Erlebnisse in einen politischen Kontext, ohne polemisch zu werden. Oft, wie etwa bei der Sache mit dem eigenen Zimmer, gibt es keine eindeutigen Antworten. Stattdessen zeigt sie die Komplexität unseres Umgangs mit Körperbild, Gleichberechtigung und Sex auf.
Ein Motiv, das sich durch ihre Kindheit und Jugend zieht, sind Gedanken und Gefühle, die sie nicht benennen kann: etwa, als sie sich als Vierjährige bei einem Sturz den Lenker ihres Fahrrads zwischen die Beine rammt. „Wie soll ich sagen, dass ich mir an meiner … Dings weh getan habe?“ Warum warnt sie der Firmhelfer vor „Mischehen“ zwischen Katholiken und Protestanten, und was genau ist sein Problem damit?
Als sie mit 16 Jahren Opfer von sexualisierter Gewalt wird, kann sie jahrelang nicht darüber sprechen. Vergewaltigung und Missbrauch seien brutaleren Fällen vorbehalten, denkt sie, und fragt sich stattdessen, ob sie etwas falsch gemacht habe. Erst während ihres Philosophiestudiums in Berlin kommt sie mit Gender Studies in Berührung und findet diese zunächst völlig daneben.

Doch je mehr Erfahrungen sie macht, desto bewusster erlebt sie Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht, Sexualität und Körper. Stokowski definiert Feminismus als Freiheit davon, also das Recht, gleich behandelt zu werden, egal, ob man Stilettos oder Kopftuch trägt. Den Erkenntnisprozess der Autorin mitzuverfolgen ist faszinierend und zeigt, dass Bewusstsein für Unrecht – sei, dass einem selbst oder anderen widerfährt – erarbeitet werden muss.
Stokowski entkräftet die gängigsten Mythen über Feminismus auf unaufgeregte und humorvolle Art. Wer gegen geschlechtersensible Sprache argumentiere, weil diese unästhetisch sei, solle sich konsequenterweise auch weigern, Menschen mit dem Namen Horst anzusprechen, ätzt sie.
Zu Frauen in der Werbung merkt sie an: „Aber wenn ,sex sells‘ wirklich Sex meinen würde und nicht ,nackte Frauen‘, müsste etwa die Hälfte der in der Werbung abgebildeten Leute Männer sein.“ Wer meine, gewisse Eigenschaften und Tätigkeiten seien einfach natürlich für ein Geschlecht, dem hält sie entgegen, das gesamte Menschsein sei unnatürlich, „sogar über den Tod hinaus, denn wir bestatten unsere Verstorbenen, statt sie aufessen zu lassen“.

„Untenrum frei“ gewinnt nach dem kurzen, unerwartet ernsten Vorwort schnell an Schwung. Schon Stokowskis taz-Kolumne „Luft und Liebe“ (2012 bis 2015) war für ihre Kraftausdrücke und Fäkalsprache bekannt. Ihr Buch enttäuscht dahingehend nicht, wird aber auch prüderen Gemütern beim Lesen nicht unangenehm. Seit 2015 schreibt sie für Spiegel online die wöchentliche Kolumne „Oben und unten“.
Auch in puncto Offenheit über ihr Sexleben findet Stokowski die richtige Balance. Fußnoten benutzt sie für flapsige Bemerkungen. Nebenbei fließt ihr Wissen über Philosophie und die Geschichte der Frauenbewegung ein, ohne belehrend daherzukommen. Denn eines ist für Stokowski sicher: dass sich ihr Denken und das, woran sie glaubt, noch ändern können.

Anna Goldenberg in FALTER 41/2016 vom 14.10.2016 (S. 52)


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