
Dem großen Oliver Sacks nahekommen
Sebastian Kiefer in FALTER 37/2021 vom 15.09.2021 (S. 32)
Die Hollywood-Verfilmung seines Buchs „Awakenings“ machte den New Yorker Neurologen Oliver Sacks 1990 zu einer globalen Figur. Legendär seine Schüchternheit, die bärenhafte Gestalt, die Wissbegier in entlegenen Feldern der Medizin und Biologie. Selbst geschlagen mit einer Reihe neurologischer und psychologischer Defekte – von Migräne bis Gesichtsblindheit – erwies er sich als umso fähiger, sich in zerebral geschädigte Menschen einzufühlen und ihre innere Welt erzählend vorstellbar zu machen. Erst 2015, kurz vor seinem Krebstod mit 82 Jahren, ließ Sacks in einer zweiten Autobiografie, geschrieben mit der Souveränität eines lebenden Klassikers, sein Publikum an den Abgründen seines Lebens teilhaben.
Bis ins vierte Lebensjahrzehnt war er ein Gefangener gleich mehrerer Süchte: nach Amphetaminen, Bodybuilding und selbstgefährdenden Motorradtouren. Zugrunde lagen dramatische Identitätskonflikte als Homosexueller. Nur sein langsam wachsender Ruhm als Schriftsteller unter den Ärzten hat ihn wohl gerettet. 35 Jahre lebte er, den Patienten und dem oft manischen Schreiben, dem Lesen und der Natur hingegeben, im „Zölibat“, bis er im Alter eine Liebe fand.
Aufgrund dieser Abgründe untersagte Sacks das Erscheinen einer ersten, zu Beginn der 1980er begonnenen Biografie. Mit ihrem Autor allerdings entspann sich eine lebenslange Freundschaft, und der todkranke Sacks bat schließlich den mittlerweile selbst arrivierten Essayisten Lawrence Weschler, das Buch nun doch zu schreiben.
Weschler arrangiert Gesprächsprotokolle mit Zeitgenossen, Erinnerungsnotizen und Briefe zu einem großen Bilderbogen, anrührender, farbiger und zugleich dezenter, als es jede durcherzählte Biografie sein könnte. Er liefert der Leserin und dem Leser Material, das erklären hilft, wie die rätselhafte Verwandlung von Abgründen in Produktivität und Empathie möglich war: wie Gefährdung, Konflikt und Exzentrik Sacks zum Schöpfer eines neuen Bildes des Menschen im Umgang mit den biologischen Begrenzungen seines Seins machten. Ein Glücksfall.


