Der vergessliche Riese

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Bayerischer Buchpreis 2019 für "Der vergessliche Riese".
Eine Familie erlebt einen Rollentausch: Der Vater, zweifach verwitwet, ist wieder Kind geworden. Er braucht Betreuung und wird sein Haus verlassen müssen, denn er vergisst, was gerade eben noch gewesen ist. Immer wieder erzählt er seine Liebesgeschichten, und manchmal phantasiert er. Nach dem Bestseller "Leben", ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse, schafft David Wagner etwas, das sehr kostbar ist: Er zeigt einen Menschen, der – obwohl er nur noch in der Gegenwart lebt und allmählich verschwindet – unverwechselbar bleibt mit all seinen liebenswerten Eigenheiten und den Erinnerungen, die er noch hat. Die Zärtlichkeit, die der Erzähler ihm bei seinen Besuchen und auf zahlreichen Autofahrten zu Orten der Vergangenheit entgegenbringt – "hier haben wir gewohnt, Papa, hier hast du gearbeitet, hier bist du aufgewachsen" –, berührt tief, auch die Geduld, der Humor, das Ausbleiben von Hadern und Wut. Ganz leise, fast unmerklich, schreitet die Demenz voran, doch sie verläuft hier ohne Schrecken. Der alte Galan, den seine Brüder wie früher Valentino nennen, ist glücklich, obwohl er weiß, was mit ihm ist. Ein großes Thema unserer Zeit, das immer mehr Menschen betrifft. Und eine unvergessliche Erzählung.

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FALTER-Rezension

Im Märchenland des frotteeweichen Vergessens

In „Der vergessliche Riese“ erzählt der deutsche Schriftsteller David Wagner von der Demenzerkrankung seines Vaters

Was machst du denn hier, Freund?“ An einem Obststand am Hamburger Hauptbahnhof trifft der Autor wie vereinbart seinen Vater, dieser zeigt sich überrascht. Gemeinsam fahren die beiden mit dem Zug nach Bonn, der Vater wohnt dort in der Nähe, in Meckenheim. Auf der Fahrt fragt der Vater seinen Sohn recht viel, er weiß nicht mehr, wo er die letzten Tage war (zu Besuch bei seiner Stieftochter) und wo er jetzt hinfährt.

David Wagners jüngstes Buch unternimmt eine Reise in die Welt des Vergessens. Sein Vater, zu Beginn des Buches 71 Jahre alt, ist an Demenz erkrankt. Sein Kurzzeitgedächtnis ist stark beeinträchtigt: Er vergisst, was er vor einer Minute gefragt hat, und fragt daher immer wieder dasselbe. „Für mich ist jeder Tag und jede Stunde neu“, sagt er, als er wieder zuhause ist. „Du kannst mir viel erzählen“, erklärt er seinem Sohn. „Ich weiß nichts mehr. Und ich sage dir, so schlecht ist das gar nicht.“

Hat die Zahl der Demenzerkrankungen in den letzten Jahren stark zugenommen, oder hat sich lediglich die mediale Aufmerksamkeit dafür intensiviert? Auch auf künstlerischem Gebiet hat man sich des Themas angenommen – wie etwa Arno Geiger in den Aufzeichnungen über die Alzheimer-Krankheit seines Vaters, „Der alte König in seinem Exil“, oder Til Schweiger im Kinoerfolg „Honig im Kopf“.

Der Autor, Jahrgang 1971, schildert in „Der vergessliche Riese“ neun Besuche bei seinem Vater. Nach dem Tod von dessen zweiter Frau Claire wohnt dieser, von wechselnden polnischen Pflegekräften betreut, erst noch in seinem geräumigen Haus, dem „Glaspalast“. Dann zieht er vom Bonner Speckgürtel in die Zweizimmerwohnung einer „Pflegeheimvilla“ am Rhein mit Blick auf den Drachenfels.

Das Buch erzählt überwiegend in dialogischer Form und in einem märchensanften, frotteeweichen Ton, den sich Wagner seit seinem Romandebüt, „Meine nachtblaue Hose“ (2000), bewahrt hat. Auf Vaters sich ständig wiederholende Fragen reagiert er mit Geduld, Gelassenheit und leisem Humor. Er fährt mit ihm zum Baden an den Laacher See oder auf Beerdigungen der zahlreichen Onkel und Tanten. „Die Dublany sind sehr intelligent, aber im Alter werden sie alle blöd“, wird der Vater eine Tante im Verlauf des Buches an die hundert Mal zitieren.

Die meisten demenzbedingten Veränderungen ereignen sich fast völlig friktionsfrei, die Geschwister des Autors managen den Umzug des Vaters und alles andere mit Effizienz und vorbildlicher Rücksichtnahme. Es ist auch genug Geld für Hilfsmaßnahmen aller Art da: Wohlstandsdemenz in der „Republik der Rentner“. So selten wie aggressive Anwandlungen des Vaters blitzen beim Sohn Gewissenbisse auf: „Wir haben ihn ausquartiert, eingeliefert, abgeschoben“, heißt es, nachdem der Vater in die luxuriöse Seniorenresidenz in Godesberg gezogen ist.

Neben Erinnerungen an versunkene Bessergestelltenwelten der Bonner Republik birgt das Buch auch zahlreiche Einblicke in die Familiengeschichte des Autors. Da wird etwa vom Großvater berichtet mit seinen neun Kindern, einem begeisterten Nazi, der nach dem Krieg für 1000 Tage ins Gefängnis musste, ausgerechnet. Worauf der Vater, der mit seiner Agentur bald gutes Geld verdiente, seinen Kindern die Namen Hanna, Miriam und David gibt: „eine Geste“. Nach dem frühen Krebstod seiner ersten Frau, der Mutter des Autors, heiratete er bald ein zweites Mal. Claire, die zwei Kinder in die Ehe mitbrachte, wurde mit ihren Stiefkindern nie warm und hielt die Kontakte knapp.

Der in Bayreuth aufgewachsene Vater sollte zeit seines Lebens mit der Musik Richard Wagners verbunden bleiben. In seiner Jugend arbeitete er bei den Festspielen als Casserolier und schrubbte Töpfe, schon mit acht Jahren trat er – wenn man seinem Gedächtnis Glauben schenken möchte – als Zwerg im „Rheingold“ auf. „Aus dem Zwerg wurde ein Riese, ein vergesslicher Riese“, heißt es am Schluss. Sein Sohn hat dafür gesorgt, dass man sich an den vergesslichen Riesen noch lange erinnern wird.

Stefan Ender in Falter 41/2019 vom 11.10.2019 (S. 16)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783498073855
Ausgabe 4. Auflage
Erscheinungsdatum 20.08.2019
Umfang 272 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Rowohlt
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