Elsterjahre

€ 22.7
Lieferung in 2-5 Werktagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:


An einem Frühlingstag fällt ein Elsterjunges aus seinem Nest und in Charlie Gilmours Leben – es ist der Beginn einer bewegenden Liebesgeschichte zwischen Mensch und Tier. Charlie und seine Freundin Yana päppeln das Küken auf, das anfangs nicht weniger anspruchsvoll ist als ein eigenes Baby: Es wacht bei Sonnenaufgang schreiend auf, muss alle zwanzig Minuten gefüttert werden, trägt aber leider keine Windel. Während Charlie sich liebevoll kümmert, gerät er mehr und mehr über sich selbst ins Grübeln, und schließlich stellt er sich lange verdrängten Fragen: Wer hat mich mehr geprägt: mein biologischer Vater oder der, der mich großgezogen hat? Kann ich Verantwortung für ein Baby übernehmen, obwohl ich kaum in der Lage bin, mich um mich selbst zu kümmern? Charlie nimmt wieder Kontakt zu seinem leiblichen Vater auf, der früher selbst einmal eine Dohle großgezogen hat. Haben die beiden doch mehr gemein als lange angenommen? Was, wenn er dazu bestimmt ist, die Fehler seiner Vaters zu wiederholen?Über all dem wird seine Beziehung zu dem Vogelwaisen immer enger. Irgendwann wird er sich jedoch von ihm trennen müssen. Doch die Elster denkt gar nicht daran, ihn zu verlassen ...

weiterlesen
FALTER-Rezension

Kacke am Kopf und Fleisch im Klavier

Auf mehr und prominentere Referenzen darf ein Debüt nicht hoffen. Auf dem Cover der englischen Originalausgabe wird „Featherhood“ von Fantasy- und SF-Autor Neil Gaiman und Nature-Writer Helen Macdonald wärmstens empfohlen, und Elton John bekennt gar, es sei „eines der besten Bücher, die ich jemals gelesen habe“. Über mangelnde Aufmerksamkeit kann sich Charlie Gilmour, Jahrgang 1989 und davor journalistisch unter anderen für den ­Guardian und die Vogue tätig, wahrlich nicht beklagen. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, könnte man sagen, denn Gilmour ist selbst Sohn prominenter Väter.

Der Plural ist hier tatsächlich angebracht und das daraus resultierende Dilemma Ursprung einer destruktiven Dynamik, die den Protagonisten gehörig durchrüttelt und umtreibt. Der leibliche Vater, der außerhalb Großbritanniens wohl nicht allzu bekannte Dichter und Schauspieler Heathcote Williams, macht sich früh schon aus dem Staub, so wie er das schon mit der Familie davor gehalten hat. Für Charlie, der seine beiden Halbschwestern erst als Erwachsene kennenlernen wird, bleibt der abwesende Vater, zu dem er Kontakt zu halten versucht (was dieser aber immer wieder unterbindet), ständiger Quell eines peinigenden Verlustgefühls, das ihn in Paranoia und Drogensucht treibt. Nachdem er während eines manischen Schubs ein Kriegerdenkmal bestiegen und gröberen Unfug mit dem Union Jack getrieben hat, beschert ihm das nicht nur einen Auftritt auf den Titelseiten der Zeitungen, sondern auch einen mehrmonatigen Aufenthalt in der Zelle eines Hochsicherheitsgefängnisses.

Anarchist, Bohemien, Charismatiker auf der einen, egozentrisches Arschloch auf der anderen Seite, ist Heathcote das genaue Gegenteil zu Charlies fürsorglichem und liebevollem Adoptivvater Dave, den er „Dad“ nennt. Dass es sich bei diesem um den tatsächlich weltberühmten Pink-Floyd-Gitarristen David Gilmour handelt, findet im Buch keine Erwähnung und spielt auch keine Rolle.

Das Drama der Sohnesweglegung bildet den Kern der Autofiction, die freilich – und das macht den entschiedenen Reiz des Buches aus – mit einem Stück Nature-Writing gekoppelt wird. Der entsprechend doppelsinnige Wortwitz des Originaltitels „Featherhood“ geht im Deutschen verloren. Das hätte sich (diesen Hinweis verdankt der Rezensent einer Leserin) vermeiden lassen, hätte man ihn nicht mit „Elsterjahre“, sondern mit „Elsternschaft“ übersetzt. Denn der kurz vor seiner Eheschließung stehende, auf den Kinderwunsch seiner Frau aber subenthusiastisch reagierende Charlie trainiert seine parentale Eignung und Neigung zunächst an einer aus dem Nest gefallenen Elster, die, erst einmal aufgepäppelt, Leben und Haushalt des jungen Paares gehörig durcheinanderbringt.

Vor dem Schnabel, den Krallen und dem Kot von Benzene – wie sie ihres ölfilmartig schimmernden Gefieders wegen genannt wird – ist so gut wie nichts und niemand sicher. Menschenfrauen müssen vor den Attacken von Lady Magpie auf der Hut sein, Orchideen sind präferierte Objekte eines wahren Ausrupffurors, und Brocken rohen Fleisches werden im Klavier versteckt.

Die thematische Fusion von Vogelaufzucht und Vaterverlust ist bekannt aus „H wie Habicht“, dem Bestseller von Helen Macdonald, auf den der Autor auch anspielt (dabei freilich den Habicht mit einem Wanderfalken verwechselt). Der Vogelplot wird bei Gilmour weniger wissenschaftlich und kulturhistorisch aufbereitet als bei dessen Landsfrau. Auch werden die Analogien von Eltern- und Elsternschaft mitunter etwas dick aufgetragen, und der Autor hat den ein oder anderen kitschigen Kissenstickspruch über das Leben, die Liebe und das Loslassen parat.

Wettgemacht wird das freilich durch eine poetische, hochmusikalische und alliterationsfreudige Sprache (die in der Übersetzung selbstverständlich verlorengeht) und durch die beträchtliche Komik. „Elsterjahre“ liest sich stellenweise wie eine Koproduktion von Helen Macdonald und dem US-Humoristen David Sedaris. Charlie Gilmour hätte es also gewiss schlimmer treffen können.

Klaus Nüchtern in Falter 50/2021 vom 17.12.2021 (S. 31)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783498091545
Ausgabe 1. Auflage
Erscheinungsdatum 17.08.2021
Umfang 320 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Biographien, Autobiographien
Format Hardcover
Verlag Rowohlt
Übersetzung Christel Dormagen
Diese Produkte könnten Sie auch interessieren:
Mya-Rose Craig, Andrea Fischer
€ 23,70
Florence Brokowski-Shekete
€ 22,70
André Hoogeboom, Simone Schroth
€ 24,70
Bernhard Marckhgott, Matthias Strolz, Wolfgang Schüssel
€ 16,00
Martin Luther King, Amanda Gorman, Cornelia Holfelder-von der Tann, Dani...
€ 18,50
Margrit Schriber
€ 24,70
Wassili Golowanow, Valerie Engler
€ 35,00
Klaus Kitzmüller
€ 13,40